Quo Vadis Social Media

Eins, was mir echt zunehmend auf den Nerv geht: Wenn du ein interessantes Thema siehst, ein bisschen hinterhergoogelst, Dinge findest, die mit den Behauptungen nicht zwingend einher gehen und dann anfängst zu hinterfragen:

„DU NAAAAZI“ ist dann meist die Antwort.

So geschehen heute bei Twitter. Mal eine kleine Reflektion, was da passiert ist. Hint: Zum jetzigen Zeitpunkt weiß ich nicht mal, ob ich Recht habe. Vielleicht hat „Nicht mein Augenschmaus“ ja durchaus Recht und ich bin ein Nazi. Schauma mal.

Alles fing an mit dem armen Raul Krauthausen, der was über Cochlea Implantate gepostet hat. In Braunschweig hat eine Richterin am Familiengericht wohl entschieden, dass ein Kind Gehörloser Eltern diese Implantate gegen den Willen der Eltern erhalten soll. Ich habe Bekannte mit den Dingern und mir waren die angesprochenen Probleme neu. Also kurz geguckt. Gesehen, dass Sprache für die Sprachentwicklung von Kindern *wichtig* ist. Das mit dem Artikel gepostet.

Grundsätzlich hab ich mit dieser Quelle ein Problem: Sie enthält zuviele Relativierungen. „Sollte“, „müsste“, „möglicherweise“, „eventuell“ – ein Sturm im Wasserglas. Es ist noch nicht raus, ob die Richterin im Sinne des Arztes entscheidet oder im Sinne der Eltern. Erstmal gibts ne Anhörung. Nur: Da beide Eltern gehörlos sind und das Kind dann hörend in einem gehörlosen Haushalt aufwachsen müsste, würde ich mal spontan tippen: Der Arzt fällt auf die Nase. Das Jugendamt hat übrigens richtig gehandelt, dass an das Familiengericht abzugeben. Wäre ich da Sachbearbeiter, würd ich mir daran auch nicht die Pfoten verbrennen.

Die Ablehnung wird übrigens wahrscheinlich aus dem gleichen Grund erfolgen, der gerade wie ein Mantra mir vorgeworfen wird: Eben WEIL die Nazis Behinderte…ihr wisst schon.

So. Aber soweit hab ich noch nicht reflektiert gehabt. Ich war in erster Linie erstmal neugierig und hab gefragt. Und mal, wie üblich bei mir, etwas krasser formuliert. Das wird sich auch nicht mehr ändern 😉

Und dann flogen die Antworten rein. Juchu.

Innerhalb von 2 oder 3 Tweets wurde sofort auf die Aktion „T9“ (sic!, ja ich hab gelacht, der Vertipper war Kino-Gold wert^^) der Nazis hingewiesen. Ich meine, die Posterin hat noch erzählt, dass ihre Großmutter alle Hände voll zu tun hatte, ihre Kinder vor dieser Aktion zu schützen. Mein Hinweis, dass die Aktion „T4“ hieß, ging dann aber ins Leere, weil ich geblockt wurde. Soweit, so üblich in Social Medias, wenn etwas droht, deine Filterbubble zu zerstören.

Aber dann gings los. Auftritt „Ein Augenschmaus“. Und sie hat von Post an nicht versucht, auch nur einmal ihre Behauptungen mit einer Quelle zu untermauern, es erfolgte, wie üblich, der Hinweis auf Google und das eigene Blog, sondern von Anfang an war für sie klar: Ich bin eine privilegierte Nichtbehinderte, die alle gehörlosen (!) für Versager hält, wenn sie sich gegen CI entscheiden.

Oh, und ich bin ein Nazi. Natürlich. Drunter gehts nicht.

Ich habe davon abgesehen, mich persönlich zu verteidigen. Warum auch? Ich persönlich bin doch für die SACHdiskussion völlig unerheblich.

Ich hab versucht, mehrfach, über Tage (ist halt Social Media, da kloppt man sich die Köppe halt im Zeitlupentempo blutig), das Thema wieder auf die Sachebene zu bringen, indem ich um Quellen gebeten habe. Die Antwort war so vorhersehbar wie ermüdend:

Ich bin ein Nazi, weil ich Julia Probsts Expertise nicht blind folge und weil ich das nicht tue und auch nicht gewillt bin, mich durch ihr Blog zu wühlen, um die entsprechenden Einträge zu finden oder stundenlang Google hinterherzuhecheln um das zu finden, was SIE als Expertin doch parat haben müsste (und nochmal: MEINE Suchergebnisse haben ja das Gegenteil ihrer Behauptungen gezeigt). Sie ist schließlich gehörlos und das macht sie automatisch zur einzigen und unantastbaren Quelle für Cochlea-Implantate.

Oh und als das alles nicht half, kamen die Einschüchterungsversuche: Ich würde ja ihren 34000 Followern gerade zeigen, wie sehr ich Nazi bin. Und wie braun. Und das ich am liebsten alle Gehörlosen vergasen würde.

Ich habe mich gewaltig zurückgehalten und bin NICHT auf das Niveau persönlicher Angriff runtergegangen. Ich bin bei der Review des Threads echt stolz auf mich selbst. Ein paarmal lagen mir recht unschmeichelhafte Begriffe auf den Tasten – aber die hätten sie ja nur bestätigt.

Fazit:

Die Quellenlage zu den CI, soweit ich sie sehen kann, ist eher mau und unterstützt auch eher nicht Julia Probsts Auffassung, dass die Dinger „der Euthanasie der Gehörlosen dienen“.

Ihr Blog ist dabei eher wertlos. Es ist recht offensichtlich, dass Frau Probst ein persönliches Problem mit den Implantaten hat und nicht mehr trennen kann – eine Verteidigung der Implantate ist automatisch ein Angriff auf sie selbst, der mit den massivsten Gegenmitteln der Social Medias sofort abzustrafen ist.

Dem Nazi-Vergleich.

Dumm nur, dass der bei mir nicht funktioniert. Ich werde mit diesen Vergleichen seit Jahren konfrontiert, seit ich mit orthodoxen Juden über Beschneidung von Neugeborenen diskutiere. Ich kenne alle Mechanismen in- und auswendig und sie haben bei mir den Schrecken verloren.

Mir ist es auch egal, wie viele Follower jemand hat. Man kann mich weder einschüchtern noch mit irgendwelchen Vergleichen zu einer wie auch immer gearteten Räson rufen.

Das Ganze hätte sehr viel kürzer werden können: Hätte Frau Probst die gewünschten Quellen geliefert, hätte ich die durchgucken können und dann hätte man eine Sachebene gehabt, auf der man hätte diskutieren können. Und gegebenenfalls hätte ich meine Meinung hier durchaus angepasst, weil Argumente eben unschlagbar sind, wenn sie gescheit untermauert werden.

Aber ein „Du Nazi“, dass ausschließlich darauf ausgelegt ist, den Diskussionsgegner (nicht -partner) persönlich zu diskreditieren und zu vernichten sowie die größtmögliche „cheeer“-Welle der besagten 34000 Follower zu generieren, weil man offenbar fürchten muss, bei einer Sachdiskussion den Kürzeren zu ziehen (was sagt das eigentlich über die CI generell aus? Wohl, dass sie funktionieren, oder?):

Das funktioniert bei mir definitiv nicht. Ich bin NICHT erpressbar und man kann mich nicht einschüchtern. Wer das versucht, steht automatisch auf der falschen Seite der Diskussion, er hat schlichtweg verloren.

So. Schluß hier. Sonst fange ich wirklich noch an, mich persönlich zu verteidigen und das möchte ich unter allen Umständen vermeiden ^^

Ich bin übrigens noch nicht mal wütend oder so. Die ganze Diskussion hat mich ein bisschen amüsiert, ein bisschen ratlos und vor allem in der Überzeugung zurückgelassen, dass die Cochlea-Implantate doch nicht so verkehrt sind.

Fazit:
Frau Augeschmaus hatte nicht Recht.

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7 thoughts on “Quo Vadis Social Media

  1. Nazi? Du? Was hat die denn eingeworfen? Seit wann sind Nachfragen zu Behinderungen oder das Gutfinden von Technik, die einigen Behinderten hilft, schon „Nazi-Denken“?

    Was mir zum besseren Verständnis Gehörloser geholfen hat, ist dieses Blog:
    https://notquitelikebeethoven.wordpress.com/

    Der Blogger trägt inzwischen ein Cochlea-Implantat. Ich hab mich von hinten nach vorn durchgearbeitet, das mache ich bei den meisten Blogs, die ich neu finde.

    Den Durchblick habe ich beim Thema gehörlos nicht, schließlich kann ich hören und würde das daher nie behaupten. Aber es hat mir geholfen, auf manche Probleme aufmerksam zu werden und mein Verhalten im Alltag entsprechend anzupassen.

    Schade finde ich, dass die Zeichensprache nicht in den Regelschulen gelehrt wird. Das wäre doch ein großer Schritt in Sachen Integration.

    • Ich überlege gerade noch rum, was ich von Operationen an Kindern halten soll… das hat gewaltige Pros aber auch genauso gewaltige Cons… *seufz*

    • Und ja, Zeichensprache in Regelschulen wäre sehr geil. Wir lehren Englisch damit die Kinder sich später im Großteil der Welt verständigen können. Aber zumindest deutsche Gebärdensprache ist absolut nicht Teil der Bildung.

      Das ist eins der Probleme. Statt Religion Gebärdensprache. Win-win 🙂

  2. Leider teilt Raul Krauthausen häufiger recht undifferenzierte Texte.

    Ich bin grade irgendwie froh, dass ich da nicht die einzige bin, die bei dem Thema ins Kreuzfeuer geriet. Wer das nachlesen will: https://twitter.com/robin_urban/status/930309548157689856

    Mir war schon vorher bekannt, dass es ein CI sowohl Vor- als auch Nachteile hat und die OP Risiken birgt. Man kann da durchaus die eine oder andere Ansicht vertreten – ohne ein Nazi oder auch nur unreflektiert zu sein. Mir ging es lediglich darum, dass eines der im Text vorgestellte Argumente (gepackt in eine rhetorische Frage: „Eltern, ob gehörlos oder hörend, dürfen nicht allein über die Lebensführung und den Lebensweg ihrer Kinder entscheiden?“) einfach idiotisch ist. Und nur DAGEGEN habe ich etwas gesagt.

    Vielleicht bilde ich mir das auch ein, aber ich habe neben den Tendenzen, die du analysierst, außerdem das Gefühl, dass die normale Argumentation immer schlechter wird. Aber sorry… wenn ich sehe, dass für eine gute Sache bescheuerte Argumente vorgebracht werden, kritisiere ich das. Vor allem, wenn die Sachlage wie in diesem Fall eben nicht schwarzweiß ist und das Argument einige extrem unangenehme Implikationen aufweist. So hat dann auch einer meiner Follower das Naziding umgedreht und darauf hingewiesen, dass die Überhöhung von Elternrechten zu Lasten der Kinderrechte eine typische AfD-Haltung ist. Das war dann im Zusammenhang einfach sehr lustig.

  3. Unabhängig davon, wer recht hat – so würde man auch mich nicht überzeugen. Nicht, indem man mir gegenüber aggressiv und beleidigend wird.

    Wenn ich will, dass man mir zuhört und sich überzeugen lässt, dann sollte ich auch so kommen, dass man das auch noch wollen kann.

    Sofern Überzeugungsarbeit ihre Absicht sein sollte, muss Frau P wohl das noch üben…

  4. Naja, „ich bin NICHT erpressbar…“

    Das dachte ich von mir auch mal. Wie man sich doch irren kann. Jeder, der liebt, ist es.

    Zum Thema Gehörlosentherapie und Nazivorwürfen könnte ich Dir viel mitteilen. Zum Einen haben Taube und Blinde bekanntlich besondere Fähigkeiten, die man auch in Reich Nummer Drei zu nutzen versuchte. Vielleicht hängen die Attacken gegen Dich aber auch mit dem Film „Lautlose Flucht“ zusammen, der seit einigen Jahren durch die Kinos tingelt.

    • Dass man diese Fähigkeiten, sich ohne Gehör oder Sehkraft orientieren zu können, versuchte zu nutzen, steht ja außer Frage. Und? Deswegen darf man die Ablehnung von Cochlea-Implantaten nicht hinterfragen?

      Darum muss man bedingungslos allem folgen, was ein bestimmter Gehörloser sagt, weil man sonst den Nazis folgt?

      Merkste selber, ne?

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