Zerschlagene Hoffnungen

Seit April läuft das Verfahren, dass mich hoffentlich wieder zurück an die Arbeit geschickt hätte. Vorzugsweise Vollzeit.

Tja. Das ist jetzt abgeschlossen.

Körperlich bin ich durchaus in der Lage, wieder an die Schippe zu gehen. Aber laut Amtsärztin mental nicht. Weil ich „Teile einer emotional-instabilen Persönlichkeitsstörung“ habe, weil ich leichte Dyskalkulie habe (ist nicht wegzudiskutieren), weil ich ADS (ohne „H“) habe – ist auch nicht wegzudiskutieren.

Mein Arbeitgeber hat durchaus großartig reagiert. Man hatte eine Stelle mehr oder weniger zusammengeklöppelt, die auch wirklich Sinn gemacht hätte. Bürgerbüro. Schneller Wechsel von Aufgaben – das kommt mir entgegen, mein Hirn läuft eh meist im Overdrive.

Problem: Großraumbüro. Und da ich nie wieder an die Arbeit zurückgehen werde (der Zug ist endgültig abgefahren): Die Kollegen selber, die alle nicht wirklich teamfähig sind und ich hätte mit meiner Historie dort einen schweren Stand gehabt und wäre die billige Ausrede für alles das, was schiefgeht, gewesen.

Hatte ich davor Angst? Nein. Ich kenne die Kollegen seit 20 Jahren. Ich weiß, wozu die fähig sind – und ich weiß ganz genau, dass sie mir nichts hätten anhaben können. Ich weiß auch, dass ich Unterstützung bekommen hätte, wenn ich Situationen nicht hätte alleine lösen können. Und ich hätte mir diese Unterstützung auch geholt. Ich bin kein Mensch, den man mobbt und der das stillschweigend erduldet.

Aber: Ich konnte davon weder meinen Psychiater überzeugen noch den sozialpsychiatrischen Dienst. Hinzu kommt, dass die aktuelle (Re-)Organisation so aussieht, dass *jeder* seine *eigene* Barkasse bekommt. Ich und Bargeld? Jau. Das geht nicht gut.

Selbst darum hätte man *irgendwie* arbeiten können, wenn nicht…ja. Wenn nicht die Einschränkungen gewesen wären: Kein Großraumbüro (also Einzelbüro, im Bürgerbüro nicht machbar) und „keine Barkasse“ und die größte Einschränkung von allen: Nur noch 50%.

Mein Arbeitgeber ist im kleinen Dorf am Rande der Großstadt. 31 km von hier entfernt. D.h. ich hätte das fahren müssen. In Vollzeit wäre das kein Problem gewesen, das wären netto 1000 Euro mehr gewesen, davon hätte ich problemlos die Benzinkosten tragen können sowie die erhöhten Krankenversicherungskosten.

Ich bin Beihilfeberechtigt. Als pensionierte Beamtin steht mir ein Beihilfesatz von 70% zu. Sobald ich zurück in den Dienst gehe, sinkt dieser Satz auf 50%.

In 50% Teilzeit hätte ich, da immer noch teilpensioniert, netto 70 Euro mehr als jetzt bekommen. Davon hätte ich eine tägliche Fahrt von 60 km stemmen müssen UND den erhöhten Krankenkassensatz von 50% des Maximalsatzes der GKV.

Unterm Strich wäre ich wohl so bei gut 200 Euro minus jeden Monat rausgekommen.

Ich hätte das brücken können, wenn die Option dagewesen wäre, dass ich in absehbarer Zeit per erneutem Gutachten wieder in Vollzeit gehe.

Und genau diese Option ist nicht gegeben. Das Gutachten ist so formuliert, dass KEIN Folgegutachter mich JE wieder auf 100% gesetzt hätte.

Der Zug ist abgefahren. Zumal im Beamtenrecht eine Reaktivierung nur eine gewisse Zeit lang möglich ist. Ist diese Zeit (imho 5 Jahre) abgelaufen, ist eine Reaktivierung nicht mehr möglich. Endstation Frühpension.

An diesem Punkt bin ich jetzt.

Wie SEHR ich mich darauf verlassen habe, die ganzen vergangenen Jahre über, dass ich schon wieder an die Arbeit zurückgehe, ich muss nur heilen, merke ich jetzt erst. Mir ist buchstäblich der Boden unter den Füßen weggezogen und diese verschissene Borderliner-Störung, die da diagnostiziert ist und die ich ums Verrecken nicht aus den verdammten Gutachten bekomme, hilft hier nicht weiter.

ICH BIN VERDAMMT NOCH EINS KEIN BORDERLINER!

*schnauf*

Mein Arbeitgeber hat nach dem Gutachten natürlich entschieden, dass eine Reaktivierung abgelehnt wird, weil sie keine Stelle für mich haben. Das geschieht *auch* in meinem ureigensten Interesse, um mich nicht einem unkalkulierbaren Kostenrisiko auszusetzen.

Also wär das Gutachten selbst eine Option? Ein Angriff darauf?

Tja. Lange überlegt und mit „nein“ beantwortet. Das Ursprungsgutachten, dass die Borderlinerstörung festgestellt hat und mich mehr oder weniger aus der Südkurve kickte, hätte angegriffen werden müssen. Nur: Zu dem Zeitpunkt war ich platt. Keine Energie mehr, ich hatte keinerlei Reserven, keinerlei Möglichkeiten, dass auch nur anzudenken, geschweige denn in Angriff zu nehmen. Ich kanns heute sagen: Damals war ich suizidal. Die Herausnahme aus dem Dienst war mein Lebensretter.

Wie schnell sich aber dieser Lebensretter in einen -gefährder umwandelt, konnte ich sehen, als ich das Gutachten bekommen habe. Für zwei Tage überlegte ich, ob ichs nicht einfach sein lassen sollte. Welchen Nutzen hatte ich denn jetzt noch? Welchen Sinn mein Leben? Wozu soll ich denn weiterkämpfen? Für was? Für wen?

Fragen, die ich mir immer noch nicht beantworten kann. Schreiben ist sicher eine Möglichkeit – und wird es auch sein. Mein Garten lenkt auch ab.

Aber letztlich schwimme ich jetzt staatlich alimentiert im luftleeren Raum und habe ein Leben, von dem ich nicht weiß, was ich damit anfangen soll.

Als Beamter ist man in einem starren Rahmen gepresst. Der limitiert – aber er befreit auch davon, eigene Wege zu gehen.

Und genau das ist es, was ich jetzt lernen muss.

*seufz*

Leicht wird das nicht.

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Soziales

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3 thoughts on “Zerschlagene Hoffnungen

  1. Was ist das denn für eine Fehldiagnose? Wenn du Borderline wärst hätte ich das gemerkt. Ich lebe seit Jahren mit Bordies zusammen und hab mir auch einiges zu dem thema erlesen, du hast kein einziges Anzeichen gezeigt.

    Andererseits, es ist äußerst selten aber eine borderline-störung kann auch verschwinden. Normalerweise passiert das bei Jugendlichen wenn sich die Gehirnchemie mit der Reifung einpegelt. Vielleicht wäre es daher möglich das du eine neue Diagnose bekommst die besagt das du eben nicht (mehr) Borderline hast.

    Ich finde jedenfalls das du Talent zum Schreiben hast. Als Autorin/Journalistin kann ich dich gut sehen, für alles andere gibts Ratio … Volkshochschule/(Fern)Studium. Ich hab dich als äußerst intelligente Person kennengelernt und denke das ein (fern)studium ohne weiteres schaffen kannst.

  2. Ach Tantchen,
    ich kann deinen Frust nachvollziehen. Sieh es doch aber auch mal so: du hast dich jetzt entschieden, da keine Kraft ins Gegenangehen zu stecken. Heißt auch, das erstmal zu akzeptieren und nach deinen Chancen zu suchen.

    Und derer gibt es sicher einige. Also mach das Beste draus, nutze es als Chance zu was Neuem. Immerhin hast du ein regelmäßiges Einkommen.

    Such dir Futter für dein Hirn und los geht’s …

    • Ich arbeite dran. Futter fürs Hirn gibt ja auch die Flüchtlingshilfe derzeit her. Das mache ich nach wie vor. Und werde das wohl auch die nächsten Jahre weitermachen.

      Aber 4 Stunden die Woche reichen definitiv nicht.

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