Die Angst des Torwarts vorm Elfmeter

Ach wird der Brexit-Vote gerade eine göttliche Fundgrube für Häme und Spott. Mit einem Bürgerentscheid macht sich eine ganze Insel so zum Affen, dass die Welt nur noch ungläubig hinguckt und sich fragt, ob 1000 Jahre Inzucht wirklich so gravierend sind.

Im Falle von Boris Johnson und Nigel Farage: Jawoll.

Bereits kurz nach der Abstimmung sah mal Boris Johnson gar nicht so glücklich. Es ist offensichtlich, dass er nie damit gerechnet hat, den Brexit-Vote für sich zu gewinnen. Der Mann ist ja nicht dämlich – lasst euch nicht täuschen. Der hat gepokert und wollte mit einem möglichst knappen Ausgang etwas mehr Druck in Richtung Brüssel für weitere Privilegien machen. Vielleicht 40% Rabatt statt der mageren 30% und ein bisschen Migrantensieben um die Kipper und Britain First-Idioten ruhigzustellen.

Das Entsetzen, dass er tatsächlich den Vote *gewonnen* hat, ist vor dem Hintergrund sehr leicht vorstellbar. Die Reaktion aus Brüssel, vielleicht nicht professionell politisch aber nichtsdestotrotz herzig:

„Yay, wir sind die Nervensägen los“.

Denn Nervensägen waren die Briten schon spätestens seit Margaret Thatcher. Die britische Wirtschaft, die am Boden lag, wurde massiv von der EU gestützt, Gebiete wie Cornwall  haben gleich mal lieb bei der EU angefragt, obs die Milliönchen für notleidende Gebiete denn immer noch gibt, woraufhin die EU dann geschlossen auf Griechenland, Spanien und Portugal gezeigt hat. Nö. Gibts nicht. Fragt mal in London nach.

Die Regierung hat dann gleich mal massive Steuererleichterungen für die Firmen angekündigt, damit die bloß bleiben – nur: Das ist nicht wirklich ein Argument, in einem Land zu bleiben. Steuern zahlt eh kaum noch eine Firma. Steuern zahlen nur wir Deppen.

Folgerichtig der Abgang von Boris Johnson unter dem tosenden Applaus der Menge. Er hat erkannt, wofür Farage offenbar etwas länger gebraucht hat:

Dass er überreizt hat und dass er jetzt schlichtweg die Arschkarte hat. Er war politisch fertig. Ignoriert er das Votum, hat er die eine Hälfte gegen sich, folgt er dem Votum, hat er die andere Hälfte gegen sich. Schon scheiße mit dem Populismus, wenn man so gar keine Mehrheiten ausmachen kann.

Und dann Mr. Nigel Farage. Versteht ihn bitte nicht falsch: Die Rede im EU-Parlament hat er nur aus einem einzigen Grund gehalten: Er wollte Brüssel so sehr gegen die Briten aufbringen, dass sie bei Verhandlungen aus Wut keinerlei Zugeständnisse machen. Er wollte den Brexit so sicherstellen.

Ich weiß nicht, ob er zu dem Zeitpunkt schon geschnallt hatte, dass seine Politikerkarriere am Arsch war. Dass er den Brexit nie hätte gewinnen dürfen, weil der Verlierer Nigel Farage halt seine Gewinne nur aus der unterlegenen Position heraus machen kann.

Sowohl Johnson als auch Farage haben gelogen, dass sich die Balken biegen. Nicht EINE ihrer Versprechungen, was Brüssel alles machen würde, wenn denn der Brexit kommt, hat sich bewahrheitet. Und sie wußten das vorher. Beide.

Das gilt übrigens auch für Michael Gove, der sich so hübsch im Hintergrund hält gerade und leise pfeifend ein „war was?“ von sich gibt. Der ist völlig von der Bildfläche verschwunden und hofft wohl, seine Karriere retten zu können, wenn er jetzt erstmal wartet, bis sich der Staub gelegt hat und dann wie Phönix aus der Asche, mit dem Stinkefinger in Richtung Johnson und vor allem Farage zeigend, die Konservativen zum Sieg zurückzuführen glaubt.

Und Farage? Der ist heute zurückgetreten, um „sein Leben wiederzuhaben“. Oder anders: Er hat realisiert, dass er vollständig ruiniert ist, dass es Grenzen gibt beim Anlügen von Menschen und der Verabreichung von Wahlversprechen. Und dass er überzogen hat. Vollständig. Ukip ist diskreditiert.

Früher hatten die Briten wenigstens noch Shakespeare für die richtigen Dramen.

Heute haben sie Nigel Farage. Das ist der Preis der „jahrhundertelangen Isolation“.

Wer den Preis dafür zahlt, ist aber auch jetzt schon klar: Die Leute, die diesen Windbeuteln in Politikergestalt geglaubt haben, dass sie wirklich was ändern wollen.

Und die Migranten, die inzwischen offen auf der Straße angepöbelt werden, nur weil sie anders aussieht. Blanker Rassismus und blanker Fremdenhass, offen und stolz zur Schau getragen.

Nigel Farage, Boris Johnson und Michael Gove verdienen jede Häme, die über sie ausgegossen wird.

Und für das salonfähigmachen von Rassimus? Mir fallen dafür nur grundrechtswidrige Strafen ein. *guckt zur Webseite mit mittelalterlichen Strafmethoden*

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Soziales

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14 thoughts on “Die Angst des Torwarts vorm Elfmeter

  1. Vielleicht könnte man bestimmte Teile des Tower of London (zwei der Ehefrauen von Heinrich VIII reagierten da etwas kopflos) für das Trio Infernale reaktivieren… Und/oder ein neues Habitat für gewaltbereite Rassisten daraus machen.

  2. Also Johnson wollte den Brexit nicht, Farage aber schon, und Gove wußte vorher nicht so recht und wartet jetzt ab? Ist das so richtig?

    • Johnson wollte knapp verlieren – als Druckmittel gegenüber Brüssel. Nein, der wollte auf gar keinen Fall den Brexit. Darum auch sein Rückzieher.

      Farage ist der typische Populist, der sich in der Verliererrolle angenehm arrangiert hat und plötzlich vor dem Problem steht, den Scheiß, den er so schön versprochen hat, auch halten zu müssen-

      Michael Gove ist der einzige, den ich übersehen hab. Der hat sein Abwarten tatsächlich schon beendet und hat mal gepflegt nen Brutus in Richtung Johnson gepullt und seine eigene Kandidatur angekündigt.

      Der ist der nächste, der aus der politischen Bühne abtritt.

  3. Aha, also steckt Farage nun in der Situation, in welcher sich Gregor Gysi seinerzeit als Kurzzeit-Senator von Berlin befunden hat. Obwohl Farage natürlich kein vergleichbarer Posten angeboten wurde.

              • Ich „geh da nicht hin“! Ich weiß noch nicht mal, welchen Kanal du meinst. Ich habe dir das Video zum Anschauen verlinkt, aber das scheinst du ja nicht getan zu haben. Ich könnte dir das Video noch in 10 anderen Versionen verlinken, eben was Google da sonst noch so ausspuckt, aber inhaltlich ändert sich da nix.

                😛

        • Führer anderer Planeten? Was hat dieser Juncker da konsumiert, in welcher Form und vor allem in welcher Dosis? Man sollte in der Politik wirklich regelmäßige psychologische Tests verpflichtend machen, um solche Wirrköpfe auszusieben, bevor sie Schaden anrichten können…

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