Social Justice Warriors

/update: Wisst ihr, wer das Handwerk des Online-Prangers auch perfekt beherrscht? Impfgegner. Die haben sich in den USA nicht entblödet, den 12jährigen zu doxxen, weil er es gewagt hat, deren Doktrin zu kritisieren.

Mit diesem Begriff umschreibt man die selbsternannten Internet-Kämpfer für Gerechtigkeit, Geschlechtergerechtigkeit und allgemein alles, was gerecht ist.

Was für ein widerlich, unsympathisches Volk.

SJWs wissen genau wie jeder zu leben hat. Sie schreiben dir vor, wie du zu denken hast. Folgst du dem nicht, dann bist du als Mann entweder Misogynist, potenzieller Vergewaltiger oder Frauenschläger. Du brauchst dann dringend einen Knastaufenthalt, damit du lernst. Aber zumindst musst du gedoxxt werden damit die Welt sieht, was für ein Schwein du bist.

Als Frau bist du blöd, männerhörig und unselbständig. Du brauchst dringend feministische Grundschulung, damit du endlich lernst, selbst im Sinne des Feminismus zu denken. Aber auf jeden Fall musst du gedoxxt werden, damit die Leute dich für die Schulungen auch erreichen können.

Ich wollte ursprünglich etwas zu Jake Applebaum und Brock Turner schreiben, die beiden Fälle vergleichen und zeigen, dass man nicht einfach „male privilege“ rufen kann und damit alles rechtfertigt.

Als mir aufging, dass mich was ganz anderes an beiden Fällen stört.

Der gewaltige Pranger, an dem die Männer stehen. Und was ich, unabhängig der Schuldfrage, davon halte.

 

Fange wir mit Jake Applebaum an.

Die ersten Vorwürfe der sexuellen Belästigung waren noch recht frisch, da krochen schon ganz viele anonym aus ihren Löchern heraus und erklärten, wie sehr sie von Jake entweder gemobbt oder vergewaltigt/belästigt wurden.

Auf einmal poppten überall Stories auf, kaum einer mit einem Namen dran, die behaupteten, Jake hätte sie vergewaltigt oder belästigt, seinen Status ausgenutzt, um sie anzufassen, sich selbst Befriedigung zu verschaffen.

Für einen Moment sah es aus, als hätte man eine Eiterblase in der Hackerszene aufgestochen, als das ursprüngliche „Opfer“, das auf dem CCC „gerettet“ werden „musste“ zu Wort meldete und verkündete, dass Jake sie mitnichten „belästigt“ hätte und dass überhaupt nichts schlimmes vorgefallen war.

Und eins nach dem anderen fielen die Vorwürfe in sich zusammen. Es stellte sich heraus, dass eine der Haupttriebfedern eine langjährige Feindin Applebaums war, mit der er wohl auch schon länger wegen Copyrightverletzung prozessierte.

Das Internet ficht sowas nicht an. Applebaums Ruf ist ruiniert. Und für Applebaums Kontrahentin war das jetzt ein win-lose. Sie wird wohl den Prozess gegen Applebaum verlieren, aber sie hat ihn fertiggemacht. Das wird auf lange Sicht wohl dabei herumkommen.

Ganz anders gelagert ist der Fall Brock Turner. Der 20jährige hat eine bewußtlose Frau hinter einem Mülleimer sexuell belästigt. Vergewaltigt hat er sie wohl nicht, dafür war er selbst zu strull, aber es kamen Finger zum Einsatz. Und sie war definitiv nicht in der Lage, ihre Einwilligung zu geben.

Ein Gericht hat den Jungen zu 6 Monaten Haft verurteilt. 3 davon wird er absitzen müssen.In einem vergleichbaren Fall würde hier nicht einmal soviel Haft ausgekehrt werden. Jugendstrafrecht, das ganze dürfte wohl mit Wochenendarrest oder ähnlichem enden. Außerdem muss sich Turner als „Sex-Offender“ registrieren lassen.

Das ist eine öffentliche Datenbank aller wegen Sex-Delikten verurteilten. Wenn du irgendwo hinziehen möchtest, wird die Liste angeguckt. Bist du drin, kriegst du keine Wohnung.

Willst du einen Job und bist auf der Liste: Vergiss es.

Mit einem Eintrag auf der Liste bist du Obdachlos. Lebenslang. Diese Einträge werden nicht wieder gelöscht. Das kann so weit gehen, dass die Polizei vor dem Haus eines dieser Menschen ein Schild hinnagelt: „Achtung! Sex-Verbrecher“. So geschehen in Florida.

Wo sonst?

Was Brock Turner gemacht hat, ist unentschuldbar. Und er versteht auch sehr offensichtlich überhaupt nicht, wo das Problem ist – er schiebt alles auf den Alkohol. Nicht darauf, dass er seine Griffel nicht bei sich belassen konnte.

Wenn eine Frau „Nein“ sagt, sagt sie „Nein“ (zu Gina-Lisa Lohfink muss ich erstmal abkühlen – wenn ich jetzt was schreibe wirds strafrechtlich relevant). Das ist es, was Brock Turner nicht verstanden hat.

Was er aber auch nicht verstehen musste. Der Richter, der den Jungen nur zu 6 Monaten verurteilt hat, hatte bereits wohl das komplette Stanford-Basketball-Team freigesprochen, nachdem die eine bewusstlose Kommilitonin reihum vergewaltigt haben. Sein Vater sprach über die Attacke seines Sohnes von „20 min. of action“ – grob übersetzt heißt das: „Er hatte grad mal 20 min. Sex“. Hinter einer Mülltonne. Der Vater ist der Meinung, dass diese 20 Minuten nicht das Leben eines 20jährigen gravierend beeinflussen sollten.

An der Stelle kommt so viel zusammen, dass es schwer fällt, es auseinanderzuhalten. Ich glaub, ich mach ne Liste.

  1. Wäre ein Schwarzer in derselben Situation aufgefunden worden, wäre er, ungeachtet seines Alters, für die vollen 14 Jahre in den Knast gegangen. Stanford hin oder her. Vorausgesetzt, er hätte die Verhaftung überlebt.
  2. Brock Turner hatte so gehandelt, wie es in Stanford offenbar üblich ist, wenn es um Feten geht. Stanford ist das alte Männer-Netzwerk. Der Richter ist auch Stanford-Absolvent. Der hat den massiven Alumni-Rabatt gegeben. Offenbar ist es da wohl so, dass Frauen „fair game“ sind, wenn sie auf eine Fete kommen. Ich bin recht sicher, nach allem, was ich gelesen habe, dass Brock glaubt, dass keiner eine Vergewaltigung angezeigt hätte, wäre das nicht hinter einer Mülltonne passiert, sondern ganz normal im Bett.
  3. Die Sex-Offender-List ist eine Abscheulichkeit. Sie befördert Selbstjustiz und verhindert effektiv, dass sich die Leute wieder in die Gesellschaft eingliedern können. Diese Liste ist ein öffentlicher Pranger und befördert zudem Sippenhaft.
  4. Seit Turner verurteilt ist, wird alles aus der Familie ans Tageslicht gezogen. Die US-Öffentlichkeit glaubt, dass sie die Familie genauso fertigmachen kann, wie sie Turner selbst fertigmachen kann. Der Richter und das System haben versagt. Also übernimmt das Internet.

Tja. Vier Punkte. Die aber alles in allem hammerhart sind.

Nochmal: Der Junge hat die Vergewaltigung nicht vollzogen. Er hats versucht. Schlimm genug, aber es hätte auch schlimmer kommen können. Ja, da gibt es tatsächlich Abstufungen. Eine lebenslange Strafe via Sexoffender-List ist absolut abstoßend.

In beiden Fällen sieht es jetzt so aus, dass das Internet die Regie übernommen hat. In Brock Turners Fall wird die Familie seziert, der Richter wird fertiggemacht und alles in allem übernimmt der anonyme rächende Mob aus den (un-)sozialen Medien das Heft und sorgt dafür, dass das Opfer angemessen gerächt wird. Anonyme Drohungen bis hin zu Morddrohungen hab ich inzwischen gelesen.

Ich sehe viele Frauen gerade in Facebook, die sagen, sie wurden vergewaltigt und Brock Turner verdient die höchstmögliche Strafe. Und wenn der Richter nix macht, macht man eben selbst. Das ist pure Selbstjustiz. Nicht mehr und nicht weniger.

In Jake Applebaums Fall hingegen hat eine Frau das Internet womöglich gezielt genutzt, um einen persönlichen Rachefeldzug zu betreiben und einen Menschen so fertigzumachen, dass er nicht mehr hochkommt.

Während in Brock Turners Fall „Vergewaltigung“ bzw. „sexuelle Belästigung“ in ihren Auswirkungen auf das Opfer unterschätzt wird und man den Jungen gerade als Opfer stilisiert, wird dieser Vorwurf in Jake Applebaums Fall wieder einmal als Waffe benutzt.

Unschöne Erinnerungen an Kachelmann kommen dabei hoch.

Diese Art „Kampf“ – der virale Kampf via Social Medias, das vollständige Zerstören eines Menschen, vorsätzlich und absichtlich, um einen kleinen Sieg für sich selbst einzufahren:

Das ist die große Pest in dieser Zeit. Justiz ist Justiz. Wenn du mit einem Gesetz nicht einverstanden bist, dann mach Lobbyarbeit, ändere es. Oder akzeptiere, dass die Welt sich nicht um dich dreht.

Aber nicht mit SJWs und Kampffeministinnen. „VERGEWALTIGUNG“ wird gerufen und gekämpft bis aufs Messer. Egal was die Fakten sagen, egal gegen wen. Hauptsache, man hat den Täter fertiggemacht. Wenn die Justiz nicht kommt: WIR sind da und sorgen dafür, dass weder er noch seine Familie je wieder eine ruhige Minute haben. So wird der Täter zu einem Opfer und der Mob bemerkt es nicht einmal.

Am Ende verlieren alle. Manche ihr Gesicht, andere ihre Hemmungen und damit auch jegliche moralische Überlegenheit und die eigentlichen Opfer?

Die verlieren nur allzuoft sehr real ihr Leben. Das, was sie gelebt haben. Und das, was sie hätten leben können. Sie müssen aus den Trümmern dessen, was der Mob niedergerissen hat, versuchen, wieder ein Leben aufzubauen. Das gelingt nicht immer.

Diese Leute findet man dann auf dem Friedhof.

Dieser SJW-Mob tötet. Wenn man jemanden zu sehr in die Ecke treibt, ihn zu sehr bedrängt, attackiert er entweder zurück oder geht weg.

Und ich höre sie schon: „Wurde auch Zeit. So ein Mensch hat nicht verdient zu leben“.

Falsch. Jeder Mensch verdient zu leben. Und jeder Mensch verdient eine zweite Chance.

Das gilt für Jake Applebaum genauso wie für die junge Frau, die angegriffen wurde. Und das gilt für Brock Turner ganz genauso wie für die junge Frau, die diese Kampagne orchestriert hat.

Hoffen wir, dass sie lernen.

 

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4 thoughts on “Social Justice Warriors

  1. Danke für Deine differenzierte Betrachtung der jeweiligen „Geschichten“. Leider werden nicht Fakten geprüft, sondern der „Narrativ“ so gewählt, dass die Erzähler ihr Ziel erreichen. Und am nächsten Tag stellen die Leute sich dann hin und rufen „Lügenpresse“.

    Ich bin heilfroh, dass ich nicht irgendwo in den Fokus solcher Dreckschleudern geraten bin. Wie der Fall Appelbaum (und auch Kachelmann) zeigt, hilft Unschuld ja gar nix, wenn einen jemand unbedingt fertigmachen will, da wird dann auch was erfunden.

    Da könnte ich jetzt einen längeren Rant anfangen über die Zerstörung jeglicher Solidarität in unserer Gesellschaft und die von mir vermuteten Ursachen, aber dafür habe ich gerade keine Zeit.

  2. Danke, danke, danke. Das hat mir heute den Tag gerettet, nachdem ich mich vorhin sehr über die Stokowski Kolumne auf SPON aufgeregt habe. Nicht zu pauschalisieren und vorzuverurteilen ist heute wohl völlig out. Und aus der Anonymität heraus jemanden an den Internetpranger zu stellen scheint vielen Leuten völlig legitim, nachgedacht wird nicht.

    • Oh, die Stokowski hat wieder was rausgekotzt? Gehen wir doch mal gucken.

      Aua, Frau Stokowski, das war wohl nix.

      Das gibt einen Antwortrant, der sich gewaschen hat.

      • Ich habe diese ganze Pauschalisierungskette so satt. Komischerweise bemerkt niemand, wie einfach und gesellschaftlich akzeptiert es ist, auf Männern herumzuhacken. Schuld an allem Übel und stets in der Pflicht ist nur der weiße heterosexuelle Mann. Andererseits stehen wir Schwulen ja auch schon auf der Abschußliste der SJW. Zu privilegiert und so.

        Bin ich mal gespannt auf den Rant 😉

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