Liebe Medien, wir müssen reden

Sachsen ist komplett braun, richtig?

Und überall sonst scheint den Leuten die Sonne aus dem Hintern, richtig?

Nope.

Facebook ist schuld. Es entstand eine Diskussion darüber, ob Sachsen jetzt flächendeckend Braun ist oder nicht.

Und ich muss zugeben, mir fällt die Differenzierung immer schwerer. Das, liebe Medien, ist auch eure Schuld – eure schwarz/weiß-Zeichnung ist auch an mir nicht rückstandsfrei vorbeigelaufen.

Was immer ganz gut hilft bei sowas, um die Dinge ein wenig gerader zu rücken, ist eine kleine Zahlenspielerei.

An der Stelle dickes Danke an Dr. Kall und Aussichtmiteinsicht, die die Tabelle für mich Mathenichtprofi ergänzt haben. Lesenswerte Blogs im übrigen – so nebenbei erwähnt.

Bevor wir die Zahlen aber mal ein bisschen abhandeln, möchte ich doch eine dringende Bitte an etwaige mitlesende Medienvertreter richten:

Hört auf, ständig auch dem kleinsten Braunen Hänfling eine exorbitante Plattform für seine 15 min. jämmerlichen Ruhm zu bieten.

In ganz Deutschland schuften sich ehrenamtliche Helfer die Schwarte vom Rücken, um die Leute zu integrieren – und NICHTS davon wird gezeigt. Statt dessen malt ihr ein Bild, das ich nicht wiedererkenne.

Werne an der Lippe gründet gerade einen Verein zur Flüchtlingshilfe, mit verschiedenen Arbeitsgruppen wie Deutschkurse, Begleit- und Übersetzungsdienste, Hilfen bei Formularausfüllen, Pressearbeit und Social Media covering.

Die Zusammenarbeit mit der Stadt ist manchmal holprig aber sie funktioniert im großen und ganzen. Es wird mit der ARGE zusammengearbeitet – alles, damit die Flüchtlinge so schnell wie möglich integriert werden. Die Stadt plant, dem Verein Räumlichkeiten zur Verfügung zu stellen, es werden Leute eingestellt, die die Arbeit mit der Stadt besser koordinieren sollen – yay. Der erste Sprecher des Vereins (die Bezeichnung „Vorsitzender“ mag er nicht) ist in der wohlverdienten Rente und doch arbeitet er intensiv daran, den Leuten zu helfen.

Berlin-Moabit, die dortigen Helfer stehen ebenfalls mit dem Rücken zur Wand. Sippenhaft, weil ein (!) Helfer, dem sie geglaubt haben, völlig von der Rolle war.

Berlin-Schöneberg. Unzählige ehrenamtliche Helfer, die Deutsch- und Integrationskurse geben. Eifrig lernende Flüchtlinge, untergebracht in einer ehemaligen Schule. „Arm aber sexy“. Ja genau, Herr Wowereit. Die Schule fiel auseinander.

Dennoch haben die Leute Hoffnung ausgestrahlt. Hoffnung, dass alles besser wird. Dass man was verändern kann.

Ich kenne jemanden, der heftig mit Depressionen zu kämpfen hat, der jeden Tag einen unfassbaren Kampf mit sich selbst austrägt – und er findet noch die Kraft, Samstags mit Flüchtlingen zu arbeiten. Kaffee austeilen, bisschen reden. Mehr geht nicht, aber er MACHT. Es sind Menschen wie diese, die ich zutiefst bewundere. Die bewundernswert sind. Die das, was sie tun, nicht für doll halten, weil es nur einmal die Woche ist.

Ein Ehepaar aus der Nachbarschaft, einfach mal paar Sachen gepackt, bei der Kaserne vorbeigefahren, Sachen abgegeben. Einfach so. Man hilft halt. Beide sind nicht auf Rosen gebettet – aber dafür reichts schon noch.

Seh ich das irgendwo in den Nachrichten?

Oder *irgendeins* der unzähligen Bürgerprojekte, die fast überall dort aus dem Boden sprießen wie die Gänseblümchen? Von Leuten, die nicht lang fragen, was der Staat tun kann – die TUN. Sie packen an. Sie verwalten Sach- und Geldspenden, helfen, wo es nur geht und tun das, indem sie ihre Freizeit dafür opfern.

Der Lohn? Die gesamte Palette an Gefühlen von negativ bis positiv. Von strahlenden Kinderaugen, die zum ersten mal seit langer Zeit so etwas wie Sicherheit erfahren und langsam wieder vertrauen fassen – ein unfassbar geiles Gefühl, das zu sehen.

Und von Frustration, Wut, Verletztheit, weil die Arbeit so wenig gewürdigt wird. Weil es eben auch Flüchtlinge gibt, die nicht aus ihrer Haut können oder wollen und dann gegen die Helfer ausschlagen. Verbal und manchmal wohl auch physisch (das ist aber etwas, was ich selbst nicht kenne).

Hinzu kommt oftmals Unverständnis in der Umgebung. „Wie, du hilfst den #rapefugees?“ Ja, man kann Hashtags tatsächlich sprachlich mitklingen lassen, ich hätts nicht gedacht.

Ich würde mir wirklich wünschen, wenn ihr ein bisschen mehr positiv berichtet anstatt ständig nur nach dem nächsten kreischenden Pack Ausschau zu halten, damit man wieder „tolle“ Bilder zum Aufregen bekommt.

Kommen wir jetzt zu den Zahlen, liebe Medien. Und wenn *ich* die (zugegebenermaßen mit Hilfe) rausextrahieren kann, sollte euch das auch gelingen – mit höherer Zuverlässigkeit.

Es ist schwierig, verläßliche Statistiken zu Straftaten gegen Asylbewerber zu bekommen. Es ist noch schwieriger, hier verläßliche Zahlen zu bekommen, gegen WAS die Straftaten erfolgen. Es ist immer noch ein Unterschied ob man ein Haus anzündet, das unbewohnt ist oder einen Baseballschläger gegen einen Kopf schlägt.

Demzufolge bleibt mir leider nur, die vorhandenen Zahlen, die ich bekommen konnte, auszuwerten. Quellenangabe habe ich druntergeklebt – wer will, kann kommentieren 😉

Wir hören alle immer, dass Sachsen die Hochburg der Rechten sei. Das mag auch bis zu einem gewissen Punkt richtig sein, Pegida ist sächsich. Aber das Bundesland, dass die meisten (!) Straftaten pro 100 Flüchtlinge raushaut, ist Thüringen.

Thüringen erscheint aber nirgends in den Nachrichten, es sei denn im Lokalblatt und dann ist es nicht „Thüringen“ sondern eine Ortschaft, wo etwas stattfand.

Nordrhein-Westfalen ist leider auch nicht alles Gold, was glänzt. Ja, wir nehmen die meisten Flüchtlinge auf (230.000 in 2015), aber wir haben auch mit Abstand die höchste Absolutzahl an Straftaten gegen Asylbewerber. 219 waren es 2015. Heruntergebrochen auf 100 Flüchtlinge sind wir bei 0,9 Straftaten pro 100 Flüchtlinge. Was definitiv zuviel ist.

Schuld sind u.a. die Nazi-Hochburgen in der Eifel und in Dortmund. Dortmund ist eine Großstadt, die seit Jahren am Rande der Pleite entlangläuft. Da hat sich im Schulbereich ein ziemlicher Sanierungsstau gebildet, das merkt man deutlich an der Bildung. Dortmunder Schulen sind jetzt nicht grad dafür bekannt, super Bildung zu servieren.

Fehlende Bildung, fehlende Perspektive ist das, was die Leute dazu reitet, rechts zu werden. Auch wenn das in Deutschland nach wie vor jammern auf hohem Niveau ist, ist eine Perspektive, die lautet „Hartz IV“ alles andere als ermutigend.

Bist du auf der Hauptschule, dann weißt du spätestens ab Klasse 7 ganz genau, wo der Zug hinfährt. Eine Ausbildungsstelle kannst du dir in vielen Fällen schlicht klemmen, keiner stellt gerne Hauptschüler ein weil viele Schulen es nicht mal fertigbringen, den Schülern einwandfreie Rechtschreibung beizubringen.

Das sind Dinge, die „Rechts“ unterfüttern. Man nennt „rechts“ nicht umsonst „Konservative“. Sie wollen konservieren, bewahren, den Status Quo halten. Und alles, was Veränderung bedeutet, bedeutet Bedrohung. Und auf Bedrohungen reagiert man wie – na guck mal nach Clausnitz.

Auch Sachsen ist bei WEITEM nicht flächendeckend Braun. Es gibt auch hier Hilfsprojekte, Hilfen – und die Helfer stehen oft genug mit dem Rücken zur Wand. Eine Facebook-Bekannte ist Notärztin und ausgebildete Chirurgin. Sie arbeitet in einem Erstaufnahmelager.

Freiwillig. Und ohne die Leute mit luftgefüllten Spritzen zu „bereinigen“. Weil sie das Elend sieht. Und helfen will.

Sie ist nicht alleine, aber oft genug habe ich den Eindruck, dass sie glaubt, sie wäre es. Und das ist fatal. Denn wenn man Helfer zu lange alleine läßt, dann hören sie auf. Sie geben auf. Weil sie auch sich selbst schützen müssen.

Liebe Medien, ich würde es lieber sehen, wenn man die vielen Geschichten erzählt, die die Helfer umtreibt. Warum sie helfen. Wie sie es tun, was ihre Erfahrungen sind.

Ihr werdet finden: Bodenständige und anständige Menschen, egal ob in Sachsen, Thüringen oder sonstwo. Ihr werdet Menschen finden, die bereits zu lange allein gelassen worden sind

Ihr werdet Menschen finden, die die 15 min. Ruhm verdient haben. Und nicht erbrüllt.

 

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8 thoughts on “Liebe Medien, wir müssen reden

  1. Jaja, alles was Veränderung bedeutet, bedeutet Bedrohung. Zum Beispiel Pegida. Gab’s ja vor zwei Jahren auch noch nicht.

    Warum schenken wir dieses Sachsen nicht einfach den Polen? Paßt vielleicht ganz gut.

    Sonnige Grüße vom König von Mallorca.

    • Und Dortmund den Schweizern. Die linke Gewaltbereite Hochburg Berlin schenken wir denn Franzosen. Und schon sind wir alle Idioten los.

      • seufz. Wie hab ich heute noch gelesen?

        Ja, es sind Arschlöcher. Aber es sind, leider, unsere Arschlöcher. Ich fürchte, wir müssen uns mit ihnen auseinandersetzen.

      • Geschenke, die man verschenkt, weil man sie loswerden will, bekommt man in der Regel zu völlig unpassender Gelegenheit zurück.

        Besser irgendwas passendes raus zu machen.

  2. Ähm – als Wahlsachse muss ich gegen die Idee, Sachsen den Polen zu schenken, doch entschieden protestieren.
    Ja, es gibt hier eine erstaunliche Anzahl von Leuten, zu denen mir keine freundlichen Bezeichnungen einfallen wollen. Leider sitzen einige davon auch in politischen Ämtern oder im Landtag und gehören nicht der NPD oder AfD an. Da kommt dann auch so ein grober Unfug wie die Extremismusklausel bei heraus, und Äußerungen, die keinen Zweifel daran lassen, dass die Sachsen-CDU sehr weit rechts steht. Was Tillich in den letzten Tagen von sich gegeben hat, war mal wieder unterirdisch. Einerseits dem Mob von Clausnitz das Menschsein absprechen, andererseits die rechten Proteste mit den Protesten gegen S21 vergleichen. Rechtsextremes Gedankengut ist in Sachsen schon lange hoffähig, und die CDU hat zu wenig getan, um das zu ändern (um das mal freundlich auszudrücken).

    Apropos Clausnitz: Die Polizei sagt, sie war überfordert. Aha. In Chemnitz und in Dresden gibt es BePos. Das ist jeweils eine Stunde mit dem Auto entfernt. Soweit ich weiß, hat die Situation vor Ort mehrere Stunden gedauert. BePo ist meines Wissens dazu da, schnell reagieren zu können und bei solchen „Lagen“ einzugreifen. Wenn die Polizei auf einen Platzverweis nur höhnisches Gelächter erntet (und damit dem Mob signalisiert, ihr könnt machen, was ihr wollt), dann sollte sie vielleicht mal überlegen, ernsthaft Verstärkung anzufordern, und wenn es am Ende „nur“ dazu dient, dem Rechtsstaat zur Geltung kommen zu lassen.

  3. Pingback: Kurz und dreckig 18 | die Schrottpresse

    • Pro und Contra, wie so oft bei Danisch. Hier hat er Recht:
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      Das ist recht typisch, dass man Wahlkampf nicht darüber führt, indem man den eigenen Standpunkt herausstellt und dessen Qualität begründet, sondern andere sabotiert. War ja auch gegen die Piraten schon so.
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      Wahlkampf wird nicht mehr positiv geführt, indem man die eigenen Verdienste hervorhebt und die eigenen Positionen zementiert, sondern indem man den politischen Gegner wahlweise nieder- oder lächerlich macht.

      Im Extremen kann man das gerade perfekt in den USA sehen, und das ist nur Vorwahlkampf.

      Hab ich allerdings schon ein paarmal hier thematisiert?

      Hier allerdings fällt er mal wieder auf das übliche Lügenpresse-Gedöns rein:
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      Die Des- und Falschinformation wird immer schlimmer in diesem Land. Man kann nichts mehr glauben. Wäre mal interessant zu untersuchen, wieviel die da noch fälschen.
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      Solange du etwas mit menschlicher Unzulänglichkeit erklären kannst, lass mal den Vorsatz weg.

      Ist ne eiserne Regel und gilt auch hier.

      Grundsätzlich ist es doch immer schon so gewesen: Entweder du glaubst einer Nachricht oder du recherchierst ihr nach.

      Die Recherche ist inzwischen gleichzeitig leicher und schwieriger geworden. Leichter, weil das Internet in Sekundenbruchteilen Zugriff auf alle relevanten Nachrichten ermöglicht, schwieriger, weil es für viele nicht mehr möglich ist, gute und schlechte Quellen auseinanderzuhalten.

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