Falsch geleitet

Im Umgang mit Flüchtlingen sehe ich derzeit viel schwarz weiß – und kaum grau. Flüchtlinge sind entweder der Untergang des Abendlandes oder verkappte Heilige.

Gehts bissi weniger extrem?

Wenn wir von Flüchtlingen reden, dann reden wir von Menschen, die aus einem anderen Kulturkreis kommen, der andere Traditionen hat und der andere Weltanschauungen hat.

Flüchtlinge kommen hier nicht her und sind weiße Leinwände, ohne Geschichte. Sie haben alle, jeder einzelne, eine Geschichte. Diese Geschichte beeinflußt auch immer ihr auftreten.

Die Leute, die hierherkommen, umfassen das gesamte Spektrum menschlicher Emotionen. Von „nett“ bis zu „was für ein Arsch“ und von „absoluter Gesetzestreue“ bis hin zu „hochkriminell“.

Die Quoten sind dabei gar nicht so anders als bei uns Deutschen. Flüchtlinge werden, soweit die Polizeistatistiken aussagekräftig sein können, nicht öfter straffällig als Deutsche. Das übrigens im Angesichts mehrerer Probleme in der Kriminalstatistik: Erfasst werden *angezeigte* Delikte, nicht die tatsächlichen Verurteilungen. Ausländer, insbesondere Flüchtlinge, haben ein signifikant höheres Anzeigerisiko als Deutsche. Die Statistik unterscheidet zudem nicht zwischen „Flüchtling“, „ausländische Touristen“ und anderen Gruppen, sondern packt pauschal alles, was keinen deutschen Personalausweis hat, in die Gruppe „Ausländer“.

Es ist allgemein bekannt, dass junge Männer häufiger straffällig werden als andere Gruppen. Diese Bevölkerungsgruppe ist bei den Flüchtlingen überrepräsentiert. Hinzu kommt, dass bestimmte Delikte von Deutschen nicht begangen werden können, wie z.B. Passvergehen. Die gehen aber in die Statistik ein und werden nicht herausgerechnet.

Außerdem gibt es für 2015 einen stark verkürzten Statistikzeitraum, da die eigentliche Welle erst in der zweiten Jahreshälfte richtig einsetzte.

Alles in allem gibt die Statistik aber dennoch keine Hinweise darauf, dass Flüchtlinge häufiger auffällig werden als Deutsche. Wir haben also hier kein groß angelegtes Kriminalitätsproblem und die Forderung vieler Politiker, dass „die Flüchtlinge“ doch „unsere Werteordnung“ respektieren sollen, ist ziemlich heiße Luft, denn:

Mord, Diebstahl, Einbruch, Gewaltdelikte: Ich wüßte jetzt ad hoc kein Land, dass so etwas erlauben würde, so dass jemand sagen kann: „Oh, ich wußte nicht, dass das verboten ist“.

„Aber es werden so viele Frauen vergewaltigt, die respektieren unsere Frauen nicht und außerdem: KÖLN“

Eins vorweg: Was in Köln passiert, geht überhaupt nicht. Und ich würde die Täter auch gerne ausfindig gemacht sehen und dann hinter Schloß und Riegel bitte. Von mir aus auch gerne ausweisen. Aber die kolportierten Zahlen sind bitte mit *äußerster* Vorsicht zu genießen, sowohl auf Täter als auf Opferseite. Gleich nach der Silvesternacht hieß es noch einigermaßen plausibel: 40 Männer haben diese Übergriffe aus dem Schutz einer größeren Menschenmenge heraus getätigt. Und dann *römms*:

„1000 Männer haben Frauen angegriffen“

Und das stimmt so nicht. Auf der Kölner Domplatte wurde gefeiert. Einige besoffene Vollhorste haben dann lustig mit Feuerwerkskörpern rumgeballert, ohne drauf zu achten wo evtl. Leute stehen. Und dann waren dort Gruppen, die aus dem Schutz dieser Feiernden heraus gezielt Frauen „angetanzt“ haben (schöner Euphemismus übrigens *kotz*), um sie auszurauben. Der sexuelle Übergriff war hier nicht Ziel sondern in vielen Fällen eher Bonus. Ziel waren Handies, Geldbörsen und andere Sachwerte.

Auch auf Opferseite sind Trittbrettfahrerinnen nicht auszuschließen – daher muss jede Anzeige gründlich ausermittelt werden.

Der ganze Driss von Köln hat aber ein geradezu schmerzhaftes Schlaglicht auf den Umgang mit sexueller Belästigung und Vergewaltigung hier bei uns geworfen.

Vergewaltigung ist kein Kavaliersdelikt. Es ist ein Verbrechen und darauf stehen zu Recht Gefängnisstrafen. Für betroffene Opfer ist eine Vergewaltigung hochpeinlich, es gehört viel Überwindung dazu, einen Übergriff anzuzeigen.

Geradezu schmerzhaft offensichtlich geworden sind zudem die Schutzlücken. Eine sexuelle Belästigung ist z.b. wenn ein Täter eine Frau einen Finger in die Vagina schiebt. Das ist nicht strafbar. Und ich musste tatsächlich selber erstmal genauer hingucken, bevor ich das geglaubt habe. Es stimmt: Wenn man „fingert“ ist das kein Verbrechen. Es rangiert maximal unter derselben Schwere wie „Beleidigung“.

Wenn eine Vergewaltigung stattfindet und das Opfer nicht mit aller Kraft wehrt, wird eine Vergewaltigung möglicherweise nicht einmal anerkannt, sondern es wird offenbar eine stillschweigende Zustimmung vorausgesetzt.

Ein „nein“ reicht nicht aus, man MUSS sich wehren – mit dem Risiko, schwer verletzt bzw. getötet zu werden und entgegen jeden Ratschlags seitens der Polizeibehörden. Sich aus Angst nicht zu wehren, wird nicht als Grund anerkannt. Opfer ohne Abwehrspuren haben tatsächlich Probleme, eine Vergewaltigung nachzuweisen.

Das geht einfach nicht. Ein einfaches „Nein, ich will das nicht“ und der Täter macht weiter MUSS reichen. Alles andere ist indiskutabel. Tja, und wenn wir gerade von Strafverschärfungen reden MUSS auch die Art Übergriffe wie oben endlich strafbar werden.

„Lustiger“weise reden wir aber ausschließlich von Strafverschärfungen im bereits strafbaren Bereich. DAS soll verschärft werden, Dinge wie sexuelle Übergriffe bleiben jedoch weiterhin weitgehend straffrei.

Es drängt sich auch angesichts der #Aufschrei-Diskussion der Verdacht auf, dass da tatsächlich Freiräume erhalten bleiben sollen anstatt Schutzlücken endlich zu schließen. Asap, auch, damit Opfer sich endlich ernst genommen fühlen.

Gleichzeitig müssen aber die Strafen für Falschbeschuldigungen nach oben angepasst werden. Und auch das ist nach Köln wichtig.Den Frauen muss klar sein: Wenn ich jemanden zu Unrecht beschuldige, ist das kein Kavaliersdelikt, sondern eine Straftat. Hier muss die Hürde höher gehängt werden.

Und jetzt kommt die ganz finstere Seite von Köln.

Auf Facebook würde – natürlich – diese Nacht ausgiebig und mit geradezu ekstatischer Freude von den rechten Großmäulern ausgenutzt, um jedem endlich klarzumachen, wie doof doch diese dämliche Willkommenskultur ist und wie schlimm Flüchtlinge wirklich sind.

Gerade die Jugendorganisation der AfD (die hat tatsächlich eine) hat sich da  wirklich hervorgetan, um klarzumachen, wie sehr ihnen der Schutz von Frauen vor Objektifizierung  am Herzen liegt.

Gerade denjenigen, die jetzt den Schutz „unserer“ Frauen (das Personalpronomen ist hier NICHT zufällig) vor „denen“ (ebenfalls NICHT zufällig gewähltes Personalpronomen) auf wehende Fahnen schreiben, geht es doch nicht um irgendwelche Gleichberechtigung. Oder Schutz.

Denn genau dieselben, die jetzt „unsere“ Frauen schützen wollen, tun das aus genau dem Grund: „UNSERE“ Frauen. Nicht EURE.

Es geht um Besitz, Machtanspruch und Hoheitsdenken der Rechten. Frauen sind Besitz und keine selbständigen Wesen.

Und ganz ehrlich:

In dieser Denkweise unterscheiden sie sich kein Stück von den Verbrechern von Köln. Es ist dasselbe Denkmuster. Dasselbe Verhalten. Nur die Namen für das Verhalten, die sind unterschiedlich.

Oh.

Und natürlich die Strafbarkeit.

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30 thoughts on “Falsch geleitet

  1. Facebook wird nicht nur von der AFD zur Propaganda und Falschinfo genutzt. Denk an den „toten“ Flüchtling und den darauf folgenden shitstorm . Das jede Interessengruppe, egal auf welcher Seite sie stehen, dieses Medium nutzen um Agitation zu betreiben dürfte mittlerweile jeden klar sein.

  2. Danisch hat einen schönen Artikel geschrieben und Links und Rechts verglichen. hier mal die kurze Zusammenfassung:

    ◾Die einen haben was gegen Muslime, die andere gegen Schwaben und Bayern.
    ◾Die einen zünden Häuser an, die anderen Autos.
    ◾Die einen fürchten Arbeitsplatzverlust durch preisgünstigere Konkurrenz, die anderen fürchen Wohnungsverlust durch besserzahlende Konkurrenz.
    ◾Beide glauben, es müsste alles nach ihnen gehen und sie könnten das mit Gewalt durchsetzen.
    ◾Beide müssen von der »normalen« Bevölkerung durchgefüttert werden.
    ◾Beide ertragen keine andere Lebensweise als ihre eigene. Beide extrem intolerant.
    ◾Beide gewalttätig, ungebildet, brandstiftend.

    • Ich glaub, den Artikel kenn ich – stimme ihm inhaltlich aber nicht vollständig zu. Ne, eigentlich ist der ganze Artikel Quark.

      „Die einen zünden Häuser an, die anderen Autos“.
      Nein:
      http://www.zeit.de/politik/deutschland/2015-08/gewalt-gegen-fluechtlinge-rassismus-deutschland-anschlaege-koerperverletzung

      Rechte gehen zunehmend zu körperlicher Gewalt über. Die Angriffe auf Häuser finden jetzt auch statt, wenn Leute drin sind.

      Rechte Gewalt ist die Gewalt gegen Menschen. Linke Gewalt die Gewalt gegen Sachen, das triffts eher, ist aber auch eine Verallgemeinerung.

      „Die einen haben was gegen Muslime, die anderen gegen SChwaben und Bayern“

      Aha? Also gibts jetzt Linke nur in Berlin, wo schon seit geraumer Zeit gegen Süddeutsche agitiert wird?

      „Die einen fürchten Arbeitsplatzverlust durch preisgünstigere Konkurrenz, die anderen fürchen Wohnungsverlust durch besserzahlende Konkurrenz“

      Gentrifizierung ist ein echtes Problem und zerstört gewachsene Wohnumfelder und schafft eine völlig neue Problematik in den betroffenen Vierteln. Was Danisch hier macht ist eine unzulässige zusammenlegung.

      Arbeitsplatzverlust durch preisgünstigere Konkurrenz stimmt – aber dem kann man locker entgegnen:

      „Wenn ein Flüchting ohne Netzwerke und ohne jemanden zu kennen und meist noch ohne entsprechende Vorbildung (keine Ausbildung nach deutschem Standard) dir den Job wegnehmen kann, bist du vielleicht einfach nicht gut?

      „Beide glauben, es müsste alles nach ihnen gehen und sie könnten das mit Gewalt durchsetzen.
      ◾Beide müssen von der »normalen« Bevölkerung durchgefüttert werden.
      ◾Beide ertragen keine andere Lebensweise als ihre eigene. Beide extrem intolerant.
      ◾Beide gewalttätig, ungebildet, brandstiftend.“

      Extremisten in a nutshell. Darum nennt man sie ja auch „Extremisten“. Weil sie extreme Denkweisen haben, vernagelt sind und abseits ihres Weltbildes nichts mehr wahrnehmen können.

      So?

      • Hallo Tantchen,

        Due machst einen Fehler wenn Du sagst, daß das ja nur Gewalt gegen Sachen ist:

        Wenn Steine auf Polizeitautos gworfen werden poder Polizisten direkt angegriffen so ist das sehr Wohl Gewalt gegen Personen, es sei denn, man spricht diesen nru den Status einer Sache zu, was ich Dir aber nicht unterstelle, aber sehr wohl manchem Chaoten.

        Un wenn Autos angezündet werden, nimmt man damit in Kauf daß Personen zu schaden kommen, denn Brände können sehr schnell außer Kontrolle geraten.

        So wiw ich das sehe, hat Hadmut da schon recht, beide Seiten rechtfertigen Gewalt, um Ihre Interessen durchzusetzen.

        • Es gibt dennoch Qualitätsunterschiede, wenn du den Euphemismus verzeihst.

          Gewalt ist in keinem Fall eine Lösung und die Idee, dass man Gewalt nutzen kann um seine Vorstellungen durchzubringen, halte ich im besten Fall für bescheuert.

          Btw. die Rechten rechtfertigen ja gar nix. Die machen einfach.

          • Es gibt Qualitätsunterschiede? Wohl eher quantitative Unterschiede. Die Linken kündigen 1 Mio Sachschaden an , Personenschaden wird als Beiwerk hingenommen, wenn ihnen etwas nicht in den Kram passt. Sie feiern sich auch noch für ihre Heldentaten. Bullen sind scheinbar in den Augen der Linken keine Menschen. Die dürfen ruhig mit Pflastersteinen u. ä. beworfen werden. Von Hausdächern zum Beispiel. Und dann sich darüber aufregen das ihnen die Wurfgeschosse konfisziert werden. Siehe Link.

            https://linksunten.indymedia.org/de/node/166090

            • Ganz ehrlich – 500 Beamte im Einsatz, wo man WUSSTE, dass die Täter nicht mehr da waren? Inklusive Hubschrauber?

              • Wer Wind sät muss damit rechnen Sturm zu ernten. Die Aktion wurde provoziert indem man einen Streifenwagen und dann auch die Insassen vom Hausdach beworfen hat. Dann erfolgte die Reaktion der Polizei. Sollen die das hinnehmen? Bin mal gespannt was du sagen würdest wenn du als Unbeteiligte in so einen Geschoßhagel kommen würdest und die Polizei zieht sich zurück und würde dann nur mit den Schultern zucken und sagen : Tja Tantchen Pech gehabt. War doch alles nicht so schlimm.

                • Zwischen „sich zurückziehen“ und „hauen wir mal alles raus, was wir haben, auch wenn wir genau wissen, dass die Täter nicht mal mehr in der Nähe sind“ ist ein großer Unterschied. Auch und vor allem in einem Rechtsstaat.

                  Die Zahl der Beamten war da überhaupt nicht nötig. Und der Hubschrauber reine Geldverschwendung.

                  Und die Durchsuchungen schlichtweg rechtswidrig. Selbst für besetzte Häuser brauchst du einen Durchschungsbeschluß.

                  Einschüchterungsversuche sind von der Polizei zu unterlassen.

                  DAS würde ich übrigens bei Rechten ganz genauso sehen. Du gehst einfach nicht in ein Haus mit 500 Leuten rein.

                  • Müsste es nicht heißen: du gehst mit 500 Leuten nicht einfach so in ein Haus rein? 🙂

    • „gähn“????
      Musste oft hinnehmen das ich nicht alles richtig geschrieben habe. Außerdem gehe ich einem Job nach und muß um 03.45 aufstehen. Also bin ich um sieben schon lange im Tagesstress. Wer um sieben noch gähnt verschwendet den Tag.

      • *hüstel* das erzählst du mir? Ich dachte bislang wirklich, dass ich relativ offen wäre, was mein Leben betrifft, ich halt nur recht viel zurück, weil ich keinem mit Gejaule auf den Sack gehen will.

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