Die Schwerter Flüchtlinge

Das Thema kommt eigentlich nicht zur Ruhe. Immer und immer wieder gibts irgendwo den nächsten Aufreger, dass die Stadt Schwerte Flüchtlinge im KZ Buchenwald unterbringt.

Schwerte ist nicht weit weg – und ich wollte mir selbst ein Bild darüber machen, was hier geschehen ist. Die Pressestelle hat mich mit der Adresse versorgt und ich bin hingefahren. Ich wollte ein paar Bilder schreiben und einen Text dazu, wie wenig das doch miteinander zu tun hatte.

Es ist viel mehr geworden.

Es war ein schöner Tag, genau richtig für ein derartiges Unterfangen, das für mich auch neu war. Ich bin für meine Artikel selten „draußen“. Das meiste mache ich vom heimischen Rechner aus, was einerseits eine Stärke ist aber auch eine eklatante Schwäche. Manches muss man einfach selber sehen.

Schwerte war also so mein Erstlingsmoment. Ich habe Fotos gesehen, aber ich wollte einen Eindruck von der Umgebung haben.

Als ich losfuhr war ich guter Dinge. Doch die Begriffe „Konzentrationslager“ und „Nazizeit“ sind nach wie vor stark und rufen Erinnerungen hervor. An meine Großmutter väterlicherseits, die zeitlebens von ihrem Leben im BdM (Bund deutscher Mädel) schwärmte – es war die erste und einzige Zeit, wo sie sich einer Gruppe zugehörig gefühlt hat.

An meinen Großvater, ihren Ehemann, der, wie ich heute weiß, an einer Posttraumatischen Belastungsstörung litt. Er war verschüttet, wußte nicht, ob er überlebt. Zeit seines Lebens hat er nie direkte Erlebnisse erzählt – nur sichergestellt, dass ich eins eingeimpft bekomme: Kriege sind böse. Kriege sind keine Lösung für irgendein Problem. Jeder Mensch hat das Recht zu leben.

Mein Großvater hat das immer wieder betont. Und er hat weitgehend gute Arbeit damit geleistet (ich kämpfe mit genau dem, wenn es um Rechte geht und um Extremisten allgemein)

Die Autobahn war frei, also konnten die Gedanken frei schweifen. Wie würde ich mich fühlen, wenn ich als Flüchtling in einer derart „belasteten“ Umgebung, wenn sie denn belastet ist, untergebracht würde. Meine Vorstellungskraft endete bei „Flüchtling“. Ich konnte mir nicht vorstellen, wie man sich als Flüchtling fühlt.

Schwerte selbst ist, außerhalb der Innenstadt, relativ neu. Nur wenige Gebäude hätte ich von der Architektur her als „Vorkriegsware“ angesehen. Die meisten Gebäude, Wohn- wie auch Geschäftshäuser, habe ich in die Zeit ab 1950 platziert, zur Zeit der großen Flüchtlingswelle und als schnell Wohnraum geschaffen werden musste. Gerade im Ruhrgebiet ist diese Architektur typisch: Ein Haus, 4 – 8 Parteien, je nach Stockwerk und ausgebautem Dachgeschoß, schnell hochgezogen und hellhörig wie nix.

Wer hier im Ruhrgebiet wohnt, weiß was ich meine, es gibt ganze Siedlungen, die so aufgebaut sind.

Ich bog in die Straße ein, in der sich die Unterkunft befindet. Es ist ein Industriegebiet, Schwerindustrie ist hier vorherrschend. Als ich parke, meine Kamera in der Hand, sehe ich mich um und versuche, mir vorzustellen, wie die Zwangsarbeiter bei der Reichsbahn hier täglich unter unmenschlichen Bedingungen schuften mussten. Statt dessen höre ich das ständige „Klong Klong“ wenn Stahl auf Stahl trifft. Es ist laut hier im Industriegebiet.

Ich blickte auf den Boden – wenn hier je Blut gewesen war, ist es lange weggewaschen vom Regen und dem Wetter. Keines der Gebäude, die ich sehe, ist älter als 40 Jahre. Der kleine Flachdachbungalow, der die Flüchtlinge beherbergen konnte, kann nicht viel früher erbaut worden sein als 1975. Was immer hier als Gebäude gestanden hat: Es existiert nicht mehr.

Ich mache meine Fotos und habe auf einmal das Bedürfnis, die KZ-Gedenkstätte zu suchen, die nicht weit weg sein kann. Ein kleiner Ausflug nach Dortmund-Wambel, weil mein Navi spinnt und 30 min. später bin ich wieder da. Immer noch alleine mit meinen Gedanken und Gefühlen, die ich nicht richtig einsortieren kann.

Als ich die Straße weiter entlangfahre, sehe ich es: Diese Gebäude sind älter. Es sind rote Ziegelbauten, die man auch aus Auschwitz kennt. Fenster sind nach wie vor vergittert, viele enthalten neue Firmen, das konstante Geräusch von Stahl auf Stahl und das Wummern der LKWs hört nicht auf. Ich bin etwa 1 km von der Flüchtlingsunterkunft entfernt.

Doch hier sehe ich sie zum ersten mal vor meinem inneren Auge – die Menschen in den gestreiften Anzügen der KZ-Häftlinge. Frierend im Winter, schwitzend im Sommer in einer Anlage, wo Arbeit zur Vernichtung menschlichen Lebens benutzt wurde. Zerstörte Hoffnung, weil Menschen andere Menschen für weniger wert hielten und weil sie glaubten, der Krieg, den sie selbst begonnen hatten, rechtfertige alles.

Und dann verschwinden diese Bilder. Sie werden überdeckt von den vielen Bildern toter Menschen, die am Strand angespült wurden. Weil ihre Boote sanken. Viele andere werden niemals angespült, die See hat sie behalten.

Sie sind auf die See gegangen, weil sie die Hoffnung auf ein besseres Leben hatten. Weil sie die Hoffnung hatten, dass sie Krieg und Elend entfliehen, dass sie überleben konnten.

Zerstörte Hoffnungen, weil Menschen andere Menschen für weniger wert hielten und weil sie glaubten, der Krieg, den sie zumindest in Syrien selbst begonnen hatten, rechtfertige alles.

Plötzlich war es ganz unwichtig, ob die Flüchtlinge in Schwerte jetzt auf dem Gelände eines ehemaligen Konzentrationslagers untergebracht waren oder nicht.

Viel wichtiger war: Sie hatten es geschafft. IHRE Hoffnungen waren nicht zerstört. Nicht vollständig. Sie lebten.

Und können mit unserer Hilfe vielleicht neu anfangen.

 

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