Gemischte Gefühle

Ich gucke dieses Wochenende auf mein Deutschland und habe wirklich sehr gemischte Gefühle und beginne auch, mich zunehmend unwohl zu fühlen.

Aus Gründen

Die Bilder von den Bahnhöfen, wo Flüchtlinge willkommen geheißen werden: Sie sind toll und sie sind absolut herzerwärmend.

Aber ich frage mich, wo diese Leute in 3 Wochen sind? In 3 Monaten? In 3 Jahren? Flüchtlingshilfe, vor allem, wenn es um diese massiven Verschiebungen geht, die die ISIS ausgelöst hat, ist kein Sprint. Es ist ein Marathon, der über viele Jahre geht.

Es ist nicht damit getan, die Leute am Bahnhof zu begrüßen – wir müssen sie aktiv integrieren. Und das wird schwierig. Denn wenn die Dankbarkeit abklingt werden sie durchaus berechtigte und auch unberechtigte Forderungen stellen – denen man begegnen muss. Doch in Deutschland wird jeder, der Forderungen stellt, erstmal scheel angeguckt, vor allem, wenn derjenige doch „dankbar“ sein sollte. Hier wächst ein gigantisches Konfliktpotenzial und das macht mich wiederum sehr unruhig.

Ich sehe nicht, wie dieses Problem derzeit auch nur erkannt, geschweige denn angegangen wird.

Stichwort Social Medias.

Und hier bin ich gerade auf eine sehr andere Art beunruhigt. Ich gebe es zu, am Anfang fand ich „Perlen aus Freital“ noch in Ordnung. Der tumblr-Blog zog die Menschen, die sonst im Schatten stänkern, ans Licht der Öffentlichkeit. Und das war auch in Ordnung. Wer Kopfgeld auf Flüchtlinge aussetzt, wer in den „social Medias“ hetzt und stänkert, soll sich nicht in der Anonymität verstecken können. Wer strafrechtlich relevante Äußerungen postet soll auch hier strafrechtliche Konsequenzen übergebraten bekommen.

Das Internet ist KEIN rechtsfreier Raum. War es nie, wird es nie sein.

Doch Perlen aus Freital und auch der ein oder andere Blogger, agieren jetzt auf andere Art und Weise, die imho zu Recht „Denunziation“ genannt wird.

Wenn eine Äußerung ekelhaft aber nicht justiziabel ist, dann muss man sie aushalten. Im direkten Gespräch kann man demjenigen ja noch eins auf die Mütze geben, aber im Internet sind solche Äußerungen einfach dann innerhalb des Rahmens der Meinungsfreiheit zu werten. Ich will das auch nicht eingeschränkt sehen, sowas funktioniert nämlich sehr schnell auch in die Gegenrichtung. Meinungsfreiheit ist Meinungsfreiheit. Wenn sie nicht strafbar ist, muss man sie aushalten und gegebenenfalls ignorieren.

Tja, aber es gibt andere Arten der Bestrafung. Wenn du halt von der Justiz keins übergebraten bekommst, weil eine Äußerung nicht strafbar ist, dann hau ich dir halt privat eins über und verpetz dich beim Arbeitgeber.

Ich habe sehr lange drüber nachgedacht. Wie gesagt, am Anfang wars noch so der „hähähä, hat er nun davon“-Effekt, aber wie so oft verselbständigt sich das ganze jetzt und gerät völlig außer Kontrolle. Perlen aus Freital „ermittelt“ zu jeder Äußerung, die sie als rechtsradikal einstufen, auch gleich den Arbeitgeber und andere ´persönliche Daten mit.

Der größte Schlag ins Kontor war ein Blogger, den ich persönlich eigentlich sehr schätze, der aber allein aufgrund eines T-Shirts, dass ein Busfahrer bei der Ausweisung von Flüchtlingen getragen hat, dafür sorgte, dass dieser den Job verliert. Das ist Denunziatentum. Thor-Steinar-Shirt hin oder her. Sorry, Jörg. Aber hier bist du Meilen übers Ziel hinausgeschossen.

Das Blog ist Polizist, Publizist, Richter und Henker in einem und rechtfertigt das damit, dass sie moralisch höher stehen.

Sorry Jungs, das tut ihr nicht.

Ihr maßt euch Autoritäten an und zerstört Leben ohne zweimal hinzuschauen. Ihr entscheidet, wer rechtsradikal ist und „verdient“ den Job verliert. Wenn ein Arbeitgeber nicht „gehorcht“ entfacht ihr einen Shirtstorm.

Ich kann zwischen den „Perlen aus Freital“ und dem Rechten Mob derzeit keinen Unterschied mehr erkennen, was den Level aus Selbstgerechtigkeit angeht.

Den Vogel abgeschossen haben die Betreiber gestern, als sie sich weigerten nach einer Suiziddrohung den Notruf der Polizei anzurufen, weil das deren Anonymität gefährden würde. Sie hätten eine Mailbestätigung der Internetpolizei im Kasten, das müsse reichen.

Das ist unterlassene Hilfeleistung und spätestens hier hört die Sache auf, lustig zu sein.

Und ich korrigiere mich hier: Perlen aus Freital sind nicht auf dem Niveau derer angekommen, die sie angetreten waren zu bekämpfen – sie haben viele Kellergeschosse nach unten ausgebaut.

Das Hobby, bei Facebook jetzt „rechtsradikale Äußerungen“ von Leuten zu suchen und den Leuten dann konsequent das Leben zu zerstören, ist für unsere Gesellschaft, aber auch für die Täter (ja, ihr seid hier Täter) genauso zerstörerisch wie für deren Opfer.

Ihr schafft Märtyrer, ihr schafft ein Heer von Arbeitslosen. Und ihr tut das im Bewußtsein, dass dann jemand den Job bekommt, der es mehr „wert“ ist.

Und habt dabei den alten Spruch von August Heinrich Hoffmann von Fallersleben vergessen:

Der größte Lump im ganzen Land,
das ist und bleibt der Denunziant.

 

 

Send to Kindle
Soziales

Flattr this!

16 thoughts on “Gemischte Gefühle

  1. Denunziation ist nun tatsächlich das falsche Wort. Über den Charakter der Marke Thor Steinar herrscht weitgehend, zumindest in antifaschistischen Kreisen Einigkeit. Und wäre der Busfahrer auf einer Ausflugsfahrt gewesen, hätte es keinen interessiert – mich auch nicht. Aber dass ein vermutlich Rechtsextremer – und sein Rauswurf lässt ja auf darauf schließen, dass das Gespräch mit dem Arbeitgeber entsprechend gelaufen ist – sich daran ergötzt, Leute zum Abschiebeflughafen zu fahren – das geht nicht. Nicht in öffentlichem Auftrag. Darüber hat sich zurecht das Freiburger Forum aufgeregt – und ich mich auch.
    Und deshalb bin ich kein Denunziant im negativen Sinne – sondern ein Hinweisgeber. Und dazu stehe ich in diesem Falle voll und ganz.

    • Der Busfahrer hat was genau den Abzuschiebenden angetan? Hat er sie beleidigt? Womöglich tätlich angegriffen?

      Er hat seinen Job gemacht. Das er mit seiner T-Shirt-Marke vielleicht eine politische Aussage machen will ist eine Sache. Dazu hat er das im Grundgesetz verankerte Recht, das gilt nunmal auch für Meinungen die anderen nicht passen. Aber für diese absolut zurückhaltende Meinungsäusserung, so er sie denn in der vermuteten Form getätigt hat, gleich zur Tastatur greifen? Sein Arbeitgeber hat ihn womöglich nur deshalb entlassen weil er fürchtete öffentliche Aufträge zu verlieren. Oder um einer Welle der Entrüstung zu entgehen die dem Ruf der Firma schaden könnte und damit viele weitere Arbeitsplätze gefährden würde. Man weiss es nicht.

      Wir rutschen gerade ganz gefährlich nahe an einen Abgrund. Es ist vollkommen egal ob man links oder rechts steht, freie Meinung darf hier jeder haben, auch rechte. Solange sie nicht Gewalt benutzen um ihre Meinung zu vertreten. Gewalt, das kann aber auch finanziell sein. Wer weiss welche Familie da gerade um ein Einkommen gebracht wurde. Und das nur weil er rechts steht. Ist rechts sein jetzt in Deutschland verboten?

      Da äussert jemand (vermeintlich, er hat sich ja offensichtlich bisher nicht selbst geäussert) eine politsche Ansicht. Auf absolut friedliche Art und Weise. Und er bekommt dafür von einem Politiker einen Tritt in den Arsch. Na, dann kann er das ja in Zukunft auch per Gewalt machen, das Endergebnis ist ja dasselbe.

      Jörg, Du hast nicht nachgedacht. Das passiert dir zugegeben nicht zum ersten Mal, aber hier hast Du das Ziel so dermaßen verfehlt das es mich mehr als irritiert.

      • Nein, sein Arbeitgeber hat verlautbart, dass er gegen die Bekleidungsvorschriften verstoßen habe und uneinsichtig war. Und sorry, Engagement für Thor-Steinar-Träger ist absolut unangebracht.

        • Es geht nicht nur um Thor-Steinar-Träger. Wir haben richtige Probleme im Land. Darunter fällt auch die zunehmend nationalistische Ausrichtung unserer Mitbürger.
          Aber ein dämliches T-Shirt zählt nicht dazu. Und es gibt bessere Wege radikale einzudämmen, als Sie bei Ihresgleichen zu Märtyrern zu machen.

          Je unverhältnismäßiger die Reaktionen, desto stärker die Ablehnung. Und mit solchen Aktionen ist niemandem geholfen. Das bestärkt die Ausrichtung dieser Leute nur und zementiert die Abschottung von der normalen Gesellschaft.

          Bei Verstößen gegen die Kleiderordnung gibt’s normalerweise erst mal nur ne Abmahnung.

        • Jemand, der diese Aktion und den Hang der Netzgemeinde zu unreflektierten Überreaktionen infrage stellt, engagiert sich also automatisch für Thor Steinar Träger?

          Da ist schon ein wenig die Logik anhanden gekommen.

          Wir brauchen keine Pragner sondern überlegtes Handeln. Unüberlegt aus dem Bauch schießen können die anderen schon.

          Und letztlich kommt mir das eher ein wenig wie intellektuelle(?) Selbstbefriedigung vor. Vom heimischen Schreibtisch oder dem Laptop unterwegs lässt es sich gut empören und so nebenbei mal jemandem eins überbraten, der das ja vermeintlich „verdient“ hat.

          Wenn einzelne Leute auf entsprechende Posts in sozialen Medien stoßen und nach reiflicher Abwägung zum Schluss kommen, dass das angezeigt werden müsse, weil es offensichtlich strafrechtlich relevant ist, und das dann tun, ist das etwas anderes, als die öffentliche Zurschaustellung und und die quasi-Erzwingung einer Kündigung beim Arbeitgeber. Denn die war ja letztlich nicht abzuwenden.

          Was um alles in der Welt hätte denn der Arbeitgeber anderes tun können, wenn er einen Imageverlust vermeiden wollte? Er war ÖFFENTLICH gemacht worden. Hätte er nicht so reagiert, wäre vermutlich ein Shitsstorm über ihn hereingebrochen.

    • Jörg, der Denunziant ist ein spezifischer Unterbegriff von Hinweisgeber.

      Auch bei solchen Klamotten – ich hätte mich entspannt zurück gelehnt und abgewartet. Evtl. hätte ich mich mit anderen drüber unterhalten. Aber nichts weiter.

  2. Ohne das nun konkret auf den Busfahrer-Fall zu beziehen, bei dem ausser der Klamottenmarke wohl nichts bekannt wurde:

    Ich mag den Spruch vom Fallersleben nicht besonders. Es lässt sich nämlich recht leicht so deuten, dass Leute aus der eigenen Gruppe unbedingt gedeckt werden müssen, unabhängig davon wieviel Schaden sie anrichten.

    Weshalb das oft eine Abwägung ist und simple Sprüche nicht weiterhelfen.

    • Der Spruch passt voll und ganz. Ein Denunziant ist ein hinterhältiger Zeitgenosse, der einen anderen in die Pfanne haut, um einen Vorteil zu erhalten.

      Leute aus der eigenen Gruppe müssen nicht gedeckt werden, hier kann man direkt mit Ihnen, oder ihrem Umfeld kommunizieren. Wenn das nicht geht, weil dann die Gruppe gegen einen steht, ist man vielleicht in der falschen Gruppierung.

  3. Hm. Einerseits hat der Sächsische Landtag sogar einer Kleiderordnung erlassen, die das Tragen von Thor-Steinar-Klamotten untersagt, und seinerzeit sogar einmal die NPD-Abgeordneten von der Polizei rauswerfen lassen, weil sie – sicher als bewußte Provokation gegen diese Kleiderordnung – allesamt Thor-Steinar-Klamotten bei einer Sitzung trugen. Inwieweit eine solche Kleiderordnung in einem Parlament legal ist, darüber ließe sich schon streiten. Die Marke ist nicht verboten, was wohl juristisch auch kaum möglich sein dürfte. „Hart an der Grenze zur Strafbarkeit“ – ja, aber eben nicht drüber. Letztlich bin ich kein Jurist und kann das nicht bewerten. Mir kommen da allerdings Zweifel, ob das noch im Rahmen der geltenden Rechtsordnung liegt.

    Ob nun ein Busfahrer wegen des Tragens eines T-Shirts fristlos entlassen werden kann, finde ich noch grenzwertiger. Ja, mir ist klar, dass diejenigen, die diese Klamotten tragen, im allgemeinen in die rechte Szene eingeordnet werden. Es wird sich auch niemand „zufällig“ so ein Shirt kaufen, bei C&A gibt’s die nicht. Wenn der Busfahrer nun behauptet, dass er diesen Kontext nicht kennt, erscheint das zunächst mal wohl wenig glaubhaft. Aber dennoch wäre das ja möglich, und eine Vorverurteilung finde ich problematisch. Zumal eine solche Vorverurteilung und darauf basierend eine Entlassung, also eine Strafe, mit Rechtsstaat nicht mehr viel zu tun hat. Stichwort Unschuldsvermutung. Aber wir sind hier ja sowieso außerhalb jeder Rechtsstaatlichkeit, wenn man jemanden aufgrund seiner (legalen) Kleidung rauswirft.

    Wenn das Unternehmen eine Kleiderordnung hat, die das Tragen dieser Kleidung untersagt, ist das sicher was anderes, als wenn das ein Landtag macht – Kleiderordnungen haben viele Unternehmen. Was heißt denn in dem Zusammenhang, dass der Busfahrer sich „uneinsichtig“ gezeigt habe? Hat er drauf bestanden, weiterhin diese Kleidung zu tragen?
    Dann kann das durchaus ein Grund für eine Kündigung sein – wer bewußt und mit Ankündigung gegen Vorgaben der Firmenleitungen verstößt, muss damit rechnen, dass er fliegt. Oder hat er sich rechtswidrig verhalten? Das wäre dann noch was anderes. Aber „nur“, weil er (einmal?) ein T-Shirt einer verfemten Marke trägt, fristlos kündigen? Nee, das finde ich nicht in Ordnung. Die Rechten sind teilweise Meister darin, an der Linie zwischen legal und illegal zu tanzen, das ist mir auch klar. Aber wir sollten uns hüten, zum virtuellen Mob zu werden, der Leute schon aufgrund ihres Aussehens verurteilt und abstraft. Das ist genau das, was wir den Rechten vorwerfen. Mit so einer Aktion bestätigt man die Rechten vermutlich eher noch in ihrer ablehnenden Haltung und bestärken ihre ursprünglich nicht gerechtfertigte Opferpose.

  4. gerade bei Fefe einige Gedanken dazu gelesen. Ich teile sein ungutes Gefühl bei der Sache. Wenn wir die rechten massiv ausgrenzen und mit einem faktischen Berufsverbot belegen und sie aus der Gesellschaft rausschmeißen, alles mit Mob-Taktiken und Denunziantentum, werden wir die nie wieder einfangen.
    https://blog.fefe.de/?ts=ab0e1dd8

    • @Stefan
      Was mich an der Ausgrenzung stört ist halt wenn sie in beide Seiten läuft. Es gibt keine gute oder schlechte Ausgrenzung. Ausgrenzung ist Ausgrenzung Punkt. Wer Toleranz nur runterbetet wenn es zu seiner Weltanschauung passt ist für mich ein armes Würstchen.
      Ansonsten wenn man sich mit den anders denkenden, egal welcher Couleur, nicht austauscht und sie immer nur als dumm und verbohrt bezeichnet, braucht sich nicht zu wundern wenn kein Dialog stattfindet und somit auch manche Leute „verloren gehen“.

  5. Pingback: Die Links des Tages – 2015-09-11 | König von Haunstetten

bestellt folgenden Kaffee