Transblack?

Der eine oder andere wird wohl inzwischen den Fall von Rachel Dolezal mitbekommen haben, der NAACP-Aktivistin, die sich mehrere Jahre als schwarz ausgegeben hat, obwohl sie „lilienweiß“ ist (ist sie tatsächlich: Blond, blauäugig und sehr helle Haut, das waren alles Sitzungen auf der Sonnenbank).

Der Fall wirft eine interessante Frage auf:

Wenn wir Gender wirklich als soziales Konstrukt anerkennen wollen, müssen wir dann nicht auch Rassenidentifikationen als soziales Konstrukt anerkennen? Und wenn es ein soziales Konstrukt ist – warum darf man dann nicht die „Selbst-Identifikation“ beliebig wechseln?

Ich habe schon des Öfteren argumentiert, das Unterschiede bei Männern und Frauen durchaus biologisch sind und eben NICHT anerzogen, also Sozialisiert. Eine Überlebensregel, die das Überleben der Spezies für viele Tausend Jahre sichergestellt hat, läßt sich von einer Alice Schwarzer nicht wirklich beeindrucken, die sagt: „Alles angelernt“.

Die Arbeitsteilung Frau – Haushalt, Mann – Unterhalt hat sich biologisch bewährt.

Was wir aber jetzt zum ersten mal eigentlich in unserer (westlichen) Geschichte haben: Wir können mit denen umgehen, die durchs Raster fallen. Die eben NICHT so funktionieren, wie der Großteil der Menschen.

Wir können mt Frauen umgehen, die lieber mit Bauklötzen spielen als mit Puppen. Und mit Männern, die umgekehrt funktionieren. Wir können mit Homosexualität genauso umgehen wie mit Transidentity und Intersex.

Zumindest an der Oberfläche. Im Alltag zeigt sich ja, dass viele das eben NICHT können.

Der Fall Rachel Dolezal hat aber noch die Frage aufgeworfen, ob „Rasse“ ebenfalls ein soziales Konstrukt ist. Ob die Zugehörigkeit zu einer Rasse eine freie Wahl ist oder ob sie durch Geburt unwiderruflich zugewiesen wurde.

Die Frage ist nicht so einfach zu beantworten. Denn andersrum: Sehr hellhäutige Schwarze, die sich als Weiße „identifizieren“ gab es schon sehr lange und ist auch recht normal. Damit einher geht häufig auch der komplette Verlust des familiären Umfeldes – man kann nicht wirklich „weiß“ wirken, wenn die Eltern oder ein Elternteil schwarz ist.

„Weiße“ Schwarze ist normal – sie entgehen auf diese Art dem leider immer noch typischen Alltagsrassismus. Schwarze Schauspielerinnen bleichen oft die Haut heller, damit sie mehr „creamy“ wirken – und mehr „weiß“ als „schwarz“, das steigert den Erfolg. Schwarze Schauspieler wie Denzel Washington haben das eher nicht nötig. Hier kommt dann zum Rassismus auch noch Misogynie hinzu.

Aber was ist, wenn sich wirklich jemand der „weißen“ Rasse zugehörig fühlt. Wenn „Rasse“ wirklich ein soziales Konstrukt sein soll muss es dann nicht auch Durchlässigkeiten in alle Richtungen geben? Muss es dann nicht möglich sein, weiß geboren zu werden und sich als „Asian“ zu „identifizieren“?

Hätte Rassismus in dieser Konstellation nicht jeglichen Nährboden verloren? Wenn jeder als das identifizieren kann, als das er gerne möchte – wo hat Rassismus dann noch Platz?

Die Welt ist ja nicht nur weiß und schwarz.

Die Diskussion dieser Frage stelle ich mir hochspannend vor. Und das Ergebnis lasse ich an der Stelle mal einfach offen.

 

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Soziales

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6 thoughts on “Transblack?

  1. ..ich denke, das funktioniert erst, wenn ein von-unten-nach-oben möglich ist.
    Solange eine weiße Person sich als benachteiligte Gruppe identifiziert, hat sie das Hochgefühl des Märtyrers, wird von der Gruppe evtl. positiv aufgenommen, und die anderen Weißen denken „lasst ihn/sie, wenn er/sie will.“
    Aber was ist, wenn eine schwarze Person ohne Veerleugnung des Backgroundes sagt, dass er/sie sich als weiß empfindet?
    Solange dann nicht von alles Seiten die gleiche Langmut einsetzt, ist das alles nur hohles Kasperletheater.

  2. Der Begriff Rasse ist ein ideologisches Konstrukt, entwickelt aus ökonomischen Gründen (Baumwoll-Industrie in Südstaaten der USA, 18.-19. Jahrhundert); als Farce wiederholt bei den Nazis. – Irgendwo habe ich gelesen, dass der genetische Unterschied zwischen Weißen und Schwarzen geringer ist als die allgemeine genetische Streubreite.

    So viel dazu. Nun zu meiner zentralen Frage:

    Wodurch ist Rachel Dolezal aufgeflogen?

    • Schmutzige Wäsche in der Familie. Da gehts um sexuellen Missbrauch – und Dolezal hat ihren Adoptivbruder bei sich aufgenommen und ihn als ihre Sohn ausgegeben.

      Die Eltern, die auch des Missbrauchs beschuldigt wurden, haben dann wohl die Tochter der Presse zum Fraß vorgeworfen.

      Da wird jetzt auch noch ein Spin gedreht, dass Dolezal ihren leiblichen Bruder angestiftet haben soll, die Adoptiv-Geschwister zu missbrauchen.

      Die Eltern machen gerade einen richtig guten Job, die Glaubwürdigkeit der Tochter zu terminieren – und angesichts der Missbrauchsvorwürfe klingt das grad sehr nach einem gestellten Szenario um selbst vom Haken zu kommen.

  3. Beim Fall Dolezal öffnen sich vor meinem inneren Auge wahre Abgründe. Die Frau tut mir ehrlich gesagt richtig leid, wenn man sich mal anschaut, welche schmutzige Wäsche da gewaschen wurde. Welche Komplexe und unverarbeiteten Traumata sie mit dieser „Identitätsannahme“ wohl zu kaschieren versucht.

    Zur Frage, ob die ethnische Identität infrage gestellt werden kann. Der Unterschied zwischen Ethnie und Geschlecht ist, dass die ethnische Herkunft nur eine kosmetisches Feature ist, während sich das (biologische) Geschlecht in einem charakteristischen Körperbau ausdrückt. Natürlich haben gewisse „Rassen“ (wirklich ein fürchterliches Wort) bestimmte Merkmale, so die Augenfalte bei „Asiaten“ oder die dicken Lippen bei „Afrikanern“. Aber diese Dinge sind rein kosmetischer Natur und beeinflussen nicht die körperliche Leistungsfähigkeit. Insofern könnte man sogar sagen, dass die ethnische Identität fragwürdiger ist als die geschlechtliche.

    Mal abgesehen davon: Außer dass die Frau falsche Angaben zu ihrer Herkunft gemacht hat, ist doch kein wirklicher Schaden entstanden. Sie hat sich ehrlich für diese Arbeit eingesetzt und mit all ihrer Kraft versucht, sie zu fördern. Es wäre schlimmer, wenn sie ein „weißer Maulwurf“ gewesen wäre, der die Arbeit der NAACP sabotiert. So gesehen sollte man mit ihr in dieser Hinsicht nicht so hart ins Gericht gehen.

  4. Ich nehme Menschen als Menschen wahr, mir ist die „Farbe“ nicht so wichtig. So musste ich in einer Unterhaltung schon mal etwas längere Zeit überlegen, ob der Schauspieler, den ich erwähnte, schwarz ist – mir ist das einfach nicht wichtig und ich achte da nicht drauf, das sind lediglich Äußerlichkeiten. (Meinem Gesprächspartner ging es darum, ihn von einem anderen mit ähnlichem Namen zu unterscheiden bzw. sicherzustellen, dass wir über die gleiche Person reden.)
    Den Begriff „Rasse“ verstehe ich eher anthropologisch, das kann man tatsächlich nicht ändern.

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