Die gefährdete vierte Gewalt

Journalismus ist einer der Eckpfeiler unserer Gesellschaft. Der Journalismus soll das hervorzerren, was manche lieber untern Teppich gekehrt hätten.

Journalisten stehen nicht über dem Gesetz – aber als Wächter kommen ihnen dennoch Sonderfunktionen zu, die wir auch in Zeiten von Vorratsdatenspeicherung und überhandnehmender Überwachung dringend benötigen.

Nicht jeder Journalist ist gleichermaßen beliebt. Die Journalisten von Al-Jazeera sind einerseits zwar ziemlich überschätzt – aber auch verhasst, vor allem in Ländern, wo „Rechtsstaat“ jetzt nicht zwingend der erste Begriff ist, der einem einfällt, wenn man über das Land spricht.

Ägypten zum Beispiel. Man kann die Muslimbruderschaft mögen oder hassen – sie war demokratisch gewählt. Wenn wir Demokratie ernst nehmen, dann hätte Mursi im Amt und das Militär in den Kasernen bleiben müssen.

Alas – es wurde geputscht. Mursi ist im Gefängnis, wird möglicherweise hingerichtet, mit ihm zusammen weitere 500 Muslimbrüder, mindestens.

Das Militär tut, was Talleyrand oder auch Macchiavelli empfohlen hätten: Entledige dich jeglicher Gefahr für deine Machtbasis.

Dschinghis Khan hat das bereits durchexerziert – man hatte nur die Wahl mit Dschinghis zu reiten oder gar nicht.

Über die Jahrhunderte war die Hinrichtung all derjenigen, die einen direkt oder indirekt bedrohten, immer wieder ein probates Mittel, die eigene Macht zu sichern. Wer das nicht tat, aus welchem Grund auch immer, fand sich dann oft auch selbst an der falschen Seite eines Schwertes wieder.

Doch diese Zeiten sollten vorbei sein. Es bedurfte der Aufklärung und zweier furchtbarer Weltkriege, um zu der Erkenntnis zu gelangen, dass der Zweck nicht jedes Mittel heiligt. Und dass der Zweck „ich find den Job als König toll“ nicht rechtfertigt, jeden Widerspruch am Galgen zu ersticken.

Maßgeblich mit beteiligt an der Verbreitung dieser Erkenntnisse war auch immer der Journalismus. Journalisten waren die Boten der Aufklärung und haben oft teuer dafür bezahlt.

Das sollte heute nicht mehr so sein – und nirgends zeigt sich unsere Hybris stärker als im Umgang mit Journalisten. „Embedded Journalism“ um in Kriegszeiten wunschgemäße Berichterstattung sicherzustellen, zum Beispiel.

Ab und zu können wir jedoch einen Blick darauf erhaschen, wie es ist, wenn der Journalismus eben NICHT mehr respektiert wird. Wenn Journalisten wieder Freiwild sind und ihre Berichte nur noch unter Gefahr für Leib und Leben veröffentlichen können und wenn sie jederzeit damit rechnen müssen, verhaftet zu werden.

Ahmed Mansour ist einer dieser Journalisten, die Freiwild sind. Weil er für Al-Jazeera berichtet. Weil er die ägyptische Putschregierung als Putschregierung bezeichnet.

Die Freilassung Ahmed Mansours war die *einzig* korrekte Entscheidung.

Er hätte nie festgesetzt werden dürfen.

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Soziales

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8 thoughts on “Die gefährdete vierte Gewalt

  1. Nein, nichts da mit „zerren“, „hervor“ schon eher.
    Der Journalist ist kein „Zerrer“, wenn du dein Bild von Journalist mal auffrischen möchtest, bietet sich das „Vermächtnis“ von „Hajo“ Friedrichs an, zu finden mit googeln.

    Gesetz
    Ja, nirgendwo stehen sie „über dem Gesetz“ , aber in D oft auf diesem, mal mit dem rechten, mal mit dem linken und mal mit beiden Füßen – je nachdem, wessen Brot sie essen.
    Die wenigen „echt unabhängigen“, die weder von der Atlantikbrücke noch von deren Geschwistern „inspiriert“ werden (oder sich lassen), werden als punktuelle Alibis für diese Welt gern auch mal gezeigt ohne sie hoch zu halten.
    Jedem Journalisten steht es völlig frei, etwas zu mögen oder abzulehnen, seiner Schreiberei als Journalist jedoch mitnichten, es sei denn, er sieht sich als Auftragspropagandist.
    Das gilt besonder, wenn er „berichten“ möchte.
    Anders ist das beim Kommentar, da kann er loslegen, vom Leder, was das Zeug hält – sofern er das als seine rein persönliche Sicht auch kennzeichnet.
    Noch anderes ist das bei Meinungen (von Dritten) – sollen die „wiedergegeben“ werden, ist bereits in Auswahl und Umfang Ausgewogenheit geboten, samt Enthaltung jedes (!) Kommentars und mit der Kennzeichnung, daß es sich weder um Bericht noch um Kommentar handelt.
    Unsere Journalisten kennen das kaum noch so, jedenfalls sieht man das in ihrer Praxis nur noch gelegentlich, allen voran eine Golineh Atai, auch noch versehentlich mit dem Hajo-Friedrichs-Preis ausgezeichnet.
    Bei ihr erleben wir entgegen den Empfehlungen des Preisnamensgebers grundsätzlich nur noch den vor eigener Lamorjanz, Betroffenheit und Theatralik bereits in der Stimme garnierten Mix all dessen, was echter Journalismus sauber getrennt vermittelt. Und das in der Manie des professionellen propagierenden Auftragsjournalismus und als Versuch eines solchen „Gesamtkunstwerkes“ mit dazu geprägter Dramaturgie – von ihr zwar meisterlich in diesem Geist geboten, aber für unseren Journalismus eben nur der Plage unserer Zeit.
    Laut Sicht des verstorbenen Schirrmacher ein Relikt des (alten) Kalten Krieges und „effektives“ Instrument zur Sicherstellung des (neuen) Kalten Krieges, dessen hauptsächlichste Spielwiese dieser Propagandajournalismus besonders in Leidmedien ist.
    Damit:
    Journalismus sehr wohl in „fünfter“ Funktion (Macht), als willfähriges (freiwillig folgendes oder bereits selbst manipuliertes) Hilfsmittel politischer zentral in Think-thanks aufgestellter Massenbeeinflussung, und das ist bekanntlich letztlich nur noch der Wert von Propaganda – im Gegensatz zum ehrenwerten Ziel der „4. Gewalt“.
    „Gute“ Leute machen das so, das der Konsument schließlich das eine für das andere hält, was hervorragend erkennbar ist an den Schmähungen „der Griechen“, die sich erlauben, mal daran vorbei und dagegen sich durchsetzend selbst etwas Demokratie zu üben …
    Da ist wohl nichts mehr „gefährdet“, das war gestern.

    Wer Ahmed Mansour nun ist, weiß ich nicht so, ich kann seinen Sender nicht empfangen, seine Sprache nicht verstehen, bin also angewiesen, auf das, was unsere Leidmedien dazu anbieten,
    und da sind mir dazu im Moment zu viele von genau den Journalisten zugange, die ich aus vorstehenden Gründen mal schlicht als äußerst „involviert“, um nicht zu sagen „instrumentalisiert“ kennen lernen durfte – ob das dem Problem dieses Mannes in geeigneter Weise gerecht wird, möchte ich mal deutlich in frage stellen, in weiser Annahme, daß von diesem Freiheitskämpfer wohl noch die Rede sein wird.

    • Darf ich das Fazit ziehen?

      „Ich hab keine Ahnung, wovon du geschrieben hast, weil ich nichts davon kenne. Aber du hast trotzdem Unrecht“?

      • Von mir aus, es spricht von dir, wenn du das so möchtest
        Radiere mal zuvor noch deine eigenen Erzählungen weg, könnten sonst doch zu hohe Ähnlichkeit scheinen lassen.

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