Der Skandal, der keiner sein sollte

Ich hab lange überlegt, ob ich was zu Bruce Jenner schreiben soll. Wirklich lange. Ich war zu abgestoßen an der Menge Gülle, die über die arme Frau ausgegossen wird.

Aber dank dem Blog „Dear Swiss People“ hab ich einen Aufhänger und der ist durchaus positiv.

Bruce Jenner ist transgender. Und sie hat zwar noch nicht den Namen gewechselt, lebt inzwischen aber offiziell als Frau.

Was die Medien geradezu in einen Rausch getrieben hat. Und man als Zuschauer nur noch davor stand und sich fragte, ob sich wohl so die Geier fühlen, wenn sie frisches Aas sehen. Es war unfassbar.

Die Fragen, die gestellt wurden waren eine Zementierung des geballten Unwissens. Selbstverständliche Unterstellungen, dass sich Jenner bei der „transgemeinde“ einschleimen möchte, um die Fanbase zu erweitern – ohne zu reflektieren, ob das nicht vielleicht doch ein wenig übers Ziel hinausgeschossen wäre?

Da wurde geschrieben, dass Jenner zu Frau „wird“ – nope. Sie war es immer und ist nunmal so geboren. Trotzdem hat sich Jenner über all die Jahre *irgendwie* damit arrangiert um jetzt mit 65 den Schritt zu wagen und tabula rasa zu machen.

Ich kann nicht mal annähernd nachfühlen, was die Gründe gewesen sein mochten, Jenner zu dem Schritt zu bewegen, Leidensdruck, das Gefühl, im eigenen Körper endlich zu Hause sein zu wollen – ich weiß es nicht. Ich weiß nur: Es kostet unfassbar viel Mut, das in jungen Jahren zu machen. Als American Idol? Als Olympiasieger im Zehnkampf und Teil der Popkultur (es gab in den 80ern z.b. das Spiel „Hyper Olympics“ wo der Spieler gegen Bruce Jenner antreten musste)? In einem Land, wo transgender durchaus mit dem Risiko leben, ermordet zu werden?

Glaubt mir „bei den transgendern einschleimen“ dürfte das *letzte* ihrer Motivationen gewesen sein.

Als ich ihr Interview gesehen hab, hab ich ihr salutiert.

Und was MIR bleibt, ist die Bewunderung für den Mut eines Menschen, in fortgeschrittenem Alter endlich zu sich selbst zu stehen und buchstäblich einen feuchten Kehricht darum zu geben, was andere denken.

Und an der Stelle großer Applaus auch für die „Dumpfbacken“ Kanye West und die Kardashians: Die stehen nämlich hinter Jenner. Ohne Ausnahme. Selbst die Ex-Frau.

Und das ist doch alles, was zählt. Nichts sonst.

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Soziales

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4 thoughts on “Der Skandal, der keiner sein sollte

  1. Am liebsten würde ich Dich jetzt schelten. Drei mal habe ich das nun versucht und aus gewichtigen Grund nicht absenden können.

    Es fällt mir schwer, doch: „Du hast Recht“. Aber mir persönlich ist vollkommen egal, ob da eine sie, die eine sie oder ein er oder ein er der ein er oder eine sie ist, die da an meinem Küchentisch sitzt.

    Es ist ein Skandal und es sollte einer sein. Nur geht der nicht von Bruce Jenner aus…

    (ha, doch geschafft, Dir zu „widersprechen“ 😉

  2. Ich weiß schon, warum ich mich für Nachrichten in TV und Presse nicht mehr interessiere – das Unnütze und Üble ist mir da einfach zu präsent. Wenn ich mitbekomme, worüber die Medien sich grad aufregen, kommen mir Zweifel, ob es intelligente Zweibeiner in größerer Anzahl gibt.

    Zum Thema: Der Auslöser für diese OP ist bestimmt keine Beliebtheitsquote. Darüber zerbreche ich mir auch nicht den Kopf, denn auch Promis haben das Recht auf Privatsphäre und das ganze keinen Einfluss auf mein Leben. Wenn jemand nur dann glücklich sein kann, wenn am Körper was geändert wird, dann ist es eben so.

    • Womit Du schön gezeigt hast, wieso ich die Tante „schelten“ wollte (nicht!). Es gibt viele Dinge zum Thema, über das „man“ (am Besten miteinander) reden könnte.

      @Nanny Ogg: wenn ich Dich recht verstehe deutest Du das im letzten Satz an…

      Das Selbstbestimmungsrecht der Menschen gehört jedoch nicht dazu (weil es a priori gilt). Und Klatsch auch nicht.

      Weil Pappnasen das vergessen müssen wir uns hier über Tratsch aufregen? Tante, das war bisher der unnötigste Artikel, im Grunde auf Boulevard-Niveau (aber IMHO wenigstens nicht falsch oder verzerrend).

      Dummerweise war der wohl nötig. Respekt.

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