Journalismus im Rechtfertigungszwang

Und so sieht das dann aus. Das gesamte Elend des Journalismus in einer so verzweifelten wie irregeleiteten Verteidigungsrede.

/update: Selbst das ehemalige Nachrichtenmagazin…ach naja. Seit Blome ja eher Springer 2.0.
/wichtigeres update: Eine Stimme aus dem Gymnasium.
/update: Wolfgang Michal über den gefühlten Journalismus – dringende Leseempfehlung

Im Eingangsabsatz behauptet der Schreiber der WN, dass die Journalisten, die über das Ereignis schreiben, emotional ebenso betroffen sind. „Wir Medien“ – mit der Überschrift stellt sich die WN in eine Reihe mit Focus und Springer. Und muss sich dann auch an diesen Maßstäben messen lassen.

Nein, sind sie nicht.

Man lernt als Angehöriger gewisser Berufsstände, sich persönlich von Dingen zu distanzieren. Ärzte könnten sonst keine Ärzte sein, Psychologen keine Psychologen und Journalisten keine Journalisten. Das weiß auch der Autor. Ein Journalist, der seine persönliche Betroffenheit in einem Artikel äußert, ist kein guter Journalist.

Ich sage nicht, dass sie gefühllos sind. Aber sie haben gelernt, sich auf eine Beobachterposition zurückzuziehen, die sie persönlich nicht involviert.

Was sie dagegen tun, ist, mit Emotionen spielen. Die Wortwahl, die Bildkompositionen: All das soll beim Leser die maximal mögliche Emotionshöhe erreichen, sowohl was Hass als auch Mitleid angeht. Und wenn man sich die Berichterstattung, auch der WN, anguckt: Mission accomplished. Die meisten Artikel zielen genau hierauf ab.

Warum?

Weil Emotionen sich verkaufen. Wenn man maximalst abgestoßen ist und sich aufregen kann, ist das gut, weil es Geld bringt. Wenn das Herz beim Lesen eines Artikels bricht, dann ist das gut, weil es Geld bringt. Das ist dann auch durchaus eisenharte Kalkulation.

Im nächsten Absatz erzählt der Schreiber, dass man unter „Wahrung von Distanz und Diskretion“ berichten muss, und das obwohl man doch selbst so betroffen ist. Kurzer Blick in die Berichterstattung im Allgemeinen und die Berichterstattung der WN im Besonderen entlarvt das bereits als Strohmann.

Bullshit, liebe WN. Die Fotostrecken entlarven euch hier.

Weinende Menschen – das ist das Spiel mit dem Emotionen, das ihr so gut beherrscht. Und was informativ keinen Nährwert hat. Es geht hier darum, dass ihr Menschen, die trauern, vorführt. Wenigstens habt ihr die Kids verpixelt, etwas, was andere „Nachrichtenseiten“ unterlassen haben.

Es ist keine „Wanderung auf einem schmalen Grat“ – ihr seid Profis und wisst ganz genau, wie ihr welche Wirkung erzielen könnt. Ihr mögt diesbezüglich nicht die Möglichkeiten der großen Verlage wie Springer oder Focus haben, aber grundsätzlich habt ihr sie. Und ihr setzt sie ein. Ihr nehmt jedes Fitzelchen, was in irgendeinem Verhältnis zu dem Unglück stehen könntet und setzt das ein, bauscht es auf – und rechtfertigt das damit, dass das doch alle machen. „Wir Medien“ halt. Wir müssen das tun. Das ist unser Job.

Nein, ist es nicht.

Euer Job ist es, zu erklären. Warum etwas passiert ist. Aber der Satz: „Wir wissen nicht, warum es passiert ist. Dafür ist es noch zu früh“ ist scheinbar aus den Redaktionsstuben verschwunden. Der Satz: „Die Information ist für die Einordnung des Ereignisses irrelevant und belastet zudem völlig unschuldige“ scheint ebenfalls keinen Wert mehr zu besitzen.

Ihr behauptet, die Tat wäre „schier unbegreiflich“ – und ihr bauscht damit bereits wieder auf, gebt dem ganzen einen geradezu mythischen Anstrich, und rechtfertigt so die ausufernde und grenzenlose, rücksichtslose Berichterstattung.

Das ist kein informierender Journalismus. Das ist Sensationsgeilheit, auf Papier und ins Netz gewichst.

Um es auf das Flugzeugunglück herunterzubrechen: Keiner weiß, was im Cockpit vor sich ging. Ihr spekuliert wild in der Gegend rum und rechtfertigt das mit einer „unbegreiflichen Tat“ – bevor überhaupt klar ist, ob es eine Tat ist. Dass man möglicherweise überhaupt nicht mit letzter Sicherheit wird sagen können, was in dem Flieger letztlich passiert ist, das ist nicht in eurer Agenda niedergeschrieben. Es MUSS eine Erklärung geben. Etwas anderes läßt euer Selbstverständnis nicht zu und auch eure Hybris nicht.

Und so werden, ganz nebenbei, Menschen mit einer *möglicherweise* identischen Problematik, in Sippenhaft genommen. Es wird allenthalben suggeriert, dass Depressive grundsätzlich suizidgefährdet sind und durchaus keine Probleme haben, Leute mitzunehmen. Ja, wir sind manchmal Suizidgefährdet. Ich war es zu Zeiten. Ich bin es nicht mehr. Aber depressive Schübe habe ich durchaus. Bin ich ein potenzieller Massenmörder?

Ihr vereinfacht und generalisiert zu sehr, wo dringend differenziert werden müsste. Und wo vor allem mal der Schreiberling einen Psychologen gefragt hätte, der ihm dann erklärt, dass es eben NICHT so einfach ist, wie man es gerne hätte.

Aber das gibt ja keine emotionalen Texte, gelle? Und pure Informationen verkaufen sich nicht so gut.

Euer flammender Verteidigungstext ist in Wahrheit eine lahme Ente. Ihr verteidigt mit vielen Strohmännern etwas, was nicht zu verteidigen ist: Die Exposition völlig unschuldiger Menschen (u.a. die Familie des Co-Piloten, die inzwischen offenbar Morddrohungen kassiert) und die zusätzliche Belastung der Angehörigen, die jetzt schon viel zuviel zu tragen haben, mit unzulässigen und wilden Spekulationen, die jeglicher faktischen Grundlage entbehren.

Und das ist durch nichts zu rechtfertigen.

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Soziales

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2 thoughts on “Journalismus im Rechtfertigungszwang

  1. Das problem ist, die Lügen ja nicht. Wenn man Halbwahreheiten nicht als Lügen sieht, zumindest. Aber sie tragen etwas, was ins private gehört an die öffentlichkeit, damit Otto Normal beruhigt ins Bett gehen kann und sich sagen kann: Mensch denen gehts ja noch besch… als mir.

    Menschlich, aber moralisch nicht tragbar.

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