Volkskrankheit Depression

Na gut, ich dann auch noch.

Viel wird ja grad über den Piloten geschrieben. Dass er Depressionen hatte und deswegen Suizid begangen hat. Liebe Presseleute, überlasst die Psychologie doch bitte den Psychologen, bevor ihr so einen unfassbaren Scheiß schreibt.

Es gibt viele Vorurteile über Depressionen und der Umgang mit Depressiven ist alles andere als gut.

Ich höre immer wieder, dass doch nach x Jahren Therapie mal endlich ein Erfolg zu sehen sein muss, wenn man Depressionen hat. Sonst hat man doch nicht den richtigen Therapeuten.

Oder ob man jedes bisschen Traurigkeit gleich als Depression einstufen muss – wir alle sind doch mal scheiße drauf.

Fickt euch alle ins Knie. Sorry, der musste jetzt mal sein.

Depression bedeutet NICHT automatische Suizidgefährdung. Im ernst. Ich bin seit Jahren depressiv.

„Wie jetzt? Immer noch? Aber du klingst doch so positiv?“

Habt ihr euch mal meine Postingfrequenz hier angeguckt? Es ist nicht so, als hätte ich nichts zu senfen, wenn ich nichts schreibe. Ich packs nicht.

Ich hatte seit etwa Mitte Januar einen der schlimmsten Depri-Schübe seit Jahren, zum Teil ausgelöst durch private Nachrichten, mit denen ich nicht fertigwerde. Durch Situationen, die ich gerne regeln würde, aber nicht kann.

Im Blog sieht man davon wenig, weil ich dann poste, wenn ich halbwegs beieinander bin.

Doch egal wie beschissen es mir geht: Der Gedanke an Suizid kommt mir nicht. Ich hab überlegt, wie es wohl ist, jetzt loszufahren und sterben zu wollen – die Antwort lautete: „Näh. Ist doch doof. Geht dir doch irgendwann wieder besser“.

Ich habe noch eine der leichteren Formen der Depressionen, aber wenn ich meine Schilddrüsenmedis vergesse UND dann noch ein Deprischub dazukommt, bin ich ausgeknockt, fast bis zur Handlungsunfähigkeit.

„Warum sagste denn nix?“

Weil ichs nicht kann. Geht nicht. Aber es hat verdammt noch mal einen Grund, warum ich einen Hund haben will. Weil der mich im Zweifel eben auch rausholen kann – und ich für ihn Dinge tun MUSS, die ich für mich selbst nicht tun würde. Rausgehen zum Beispiel.

Und wenn man jetzt durch die Medienlandschaft hirscht, könnte man meinen, dass Depressive tickende Zeitbomben sind, die nur darauf warten, dass sie möglichst viele Menschen mit in den Untergang reißen können.

Das sind wir nicht. Und die Berichterstattung darüber macht mich unfassbar wütend. Weil sie so viele Dinge vermischt, die nicht zusammengehören. Weil sie alle Depressive unter einen Generalverdacht stellt. Weil sie schlicht falsch ist.

Wir sind nicht gefährlich. Höchstens für uns selbst.

Depression ist nun mal ein Problem in unserer Zeit. Und ein ziemlich weit verbreitetes. Niemand ist gefeit. Das liegt an vielen Faktoren, die in vielen Fällen auch hochindividuell sind. Manche, so wie ich, schleppen Depressionen unerkannt seit der Kindheit mit. Andere erwerben sie im Laufe ihres Lebens. Warum? Gute Frage, ich würd wahrscheinlich nen Nobelpreis kriegen, wenn ich das rausfinde. Aber wir sind keine Killer. Wir töten nicht. Höchstens uns selbst.

Mich kotzen diese widerlichen Schreiberaushilfen und Journailleschmierlappen inzwischen richtig übel an. Ja, Focus, du bist gemeint. Und die Bildzeitung. Und die Westfälischen Nachrichten ebenso, mit denen ich mich grad auf Facebook etwas rumprügel.

Ihr alle habt alles Schamgefühl und jede Anständigkeit verloren. Und ja, das macht euch zu schlechten Menschen.

Zumindest in meinen Augen.

Send to Kindle
Soziales

Flattr this!

7 thoughts on “Volkskrankheit Depression

  1. Hm – Ich _liebe_ dieses Angebot: „Wenn es dir nicht gut geht, melde dich“… Ich habe meine Freunde verdonnert das nächste Mal zu fragen, wenn Sie vermuten, daß was im Busch ist.

    „Wir haben nicht gefragt, weil eine Frage ja eine Depression auslösen kann“ – wenn ich nach deinem Artikel darüber nachdenke, wie dämlich sind die Leute eigentlich. Wenn eine Frage die Depression auslöst, dann habe ich wenigstens noch die Chance, Gegenmaßnahmen einzuleiten. (Eben etwas unternehmen, mal ’ne runde durch die geliebten Schweizer Berge drehen) Bin ich aber drin, bin ich ähnlich Paralysiert wie Tantchen hier beschrieben hat.

    Zumindest bei mir kommen die Suizidgedanken nur bei Überlastung. Und wenn Depression dabei ist, kann ich mich, außer bei sehr großen emotionalen Stimmuli, nicht wirklich bewegen, weil mir dann selbst dazu die Kraft und „Lust“ fehlt.

    Depression? Das Leben wird grau, freudlos. Nicht einmal mehr tiefe Traurigkeit oder Freude empfindet man mehr, weil die Farbe weg ist. Das Essen – ich schaufel es dann nur noch in den Magen. Ich fresse dann nur noch aus einer gewissen Langenweile heraus. Schlage nur noch Zeit tot, wenn ich denn überhaupt aus dem Bett komm. Und jeder Mensch, der von Außen kommt und diesen Kreislauf unterbricht ist dann lästig und dennoch ein Segen, wenn er mich dann einfach nimmt, wie ich bin. Und nicht noch draufhaut mit „Wie, du bist ja immer noch im Schlafanzug“…

    • Ich hab hier noch 120 Valdoxan und Citalopram wir können ne Party machen, seit dem ich seit Dezember Arbeitlos bin bin ich genau auch in dem Loch. Die Arge interessiert es auch nicht die machen nur weiter Stress und Druck, die Kürzung diesen Monat bricht mir echt das Genick was mich richtig zerwürfelt hat.
      Essen wen alle paar Tage und dann nur einmal am Tag das billigste, volle Blockade beim Bewerbungen schreiben, mit meinem Freund und dem Rest der Truppe hab ich auch seit einer Woche nicht mehr gesprochen, ich hab einfach nurnoch Angst und ständig Minderwertigkeitsgefühle.

      Ich geb mir bei vielem selbst die Schuld und auch das zieht mich weiter runter werde voll Soziophob und ja ich bin bei Selbstverletzungsgedanken angekommen. Es hilft auch nicht das ich hier am Ort alleine bin, keine Freunde und nicht die Kohle um irgendwohin zu fahren nur ich und 70qm die viel zu teuer sind.

      Was viele nicht verstehen ist das das ich nach Aussen hin ganz anders wirke, das ich nur versuche einen geordneten Anschein zu erwecken um niemanden zu verärgern oder zur last zu fallen.

  2. *drück Dich* Es wird besser. Ich merks heute schon. 🙂
    Und wie ich schon gerade in dem vorigen Posting geschrieben habe, mich kotzt das auch an. Und es stumpft mich auch weiter ab.
    Die Depression – oder auch schwarzer Hund (http://www.stern.de/gesundheit/zeichentrickfilm-ueber-depressionen-das-leben-mit-dem-schwarzen-hund-2130924.html) – ist eine Volkskrankheit und nicht jeder geht damit zum Arzt. Viele sagen sich auch jeden Tag: stell Dich nicht so an, es geht schon irgendwie. Bis es eben nicht mehr geht. Und das heisst nicht gleich Suizid. Oder auch erweiterter Suizid.
    Meine Depression wird von den Medien eher noch verschlimmert. Ich muss vieles Ausblenden oder es überwältigt mich. Und das Ausblenden geht meist einher mit Scheuklappen. Ich bekomme weniger mit, auch kaum noch was aus meiner Umgebung. Ich bin emotional fast tot. Es berührt mich kaum noch was. Und ja, Suizid wäre eine Lösung für mich, aber was ist mit meiner Familie? Ich habe eine Verantwortung übernommen, als ich ein Kind bekommen habe und diese Verantwortung werde ich wahrnehmen. Und das bedeutet auch: Leben und gegen die Depression kämpfen. Vielleicht wirds dann irgendwann mal besser.
    Die meisten depressiv Erkrankten haben irgendetwas in ihrem Leben, an das sie sich klammern. Und warum hat der Co-Pilot dann selbstmord begangen? Und 150 Leute mitgerissen? Es MUSS einen Grund gehabt haben. Einen Auslöser. Was immer es war: Wenn darüber berichtet wird, dann bitte nur mit Beweisen und keine Spekulationen! Alles andere ist einfach nur widerlich und eröffnet zum Teil auch Hexenjagden.

    • Andererseits wird jede traurige Verstimmung heute als „depressiv“ eingestuft bei den „Normalos“. Auch hier stimmt einfach das Bild nicht…

      Und ja, Nachrichten… Ich schaue mir bewußt nur noch die Satiresendungen wie Heute Show an, weil ich da die wichtigsten Nachrichten halbwegs verdaulich bekomme. Und wenn es wirklich wichtig ist, wirst auch du alles Notwendige bekommen. Aber mal ehrlich: Die Flut in Südamerika und der Bombenanschlag in Islamabat interessieren mich langsam nur noch einen Sch… Und ob Griechenland nun „gerettet“ oder „das Abendland wegen des Islams untergeht“ – Ich kann dieses Gejole aus der Presse nicht mehr hören… Alles wird zu einem Skandal und raubt damit Kraft, weil es nicht mehr richtig einsortiert werden kann.

      In diesem Sinne: Blasen wir den Blues und zeigen dem schwarzen Köter, wo er hingehört: An die Leine… Und die Schwarze Lady an den Katzentisch…

  3. Pingback: Zum Flugzeugabsturz in Frankreich | Plasisent

bestellt folgenden Kaffee