Mediale Zwickmühle

/Updates. Sandra Schink über die Praxis des Witwenschüttelns und ihrer furchtbaren Auswirkung.

Es ist aber auch ein Kreuz mit der Berichterstattung. Was darf man, was kann man, und was sollte man nicht?

Warnung: Was launig beginnt, endet traurig.

Es gibt natürlich ein öffentliches Interesse daran, *dass* der Germanwings-Flieger abgestürzt ist. Es gibt auch ein öffentliches Interesse daran, *warum* er das getan hat.

Und hier kommen wir schnell in den Grenzbereich dessen, was noch angemessen ist und wo die Übergriffe beginnen.

Wir reden hier von 150 Toten. 150 Familien, die direkt betroffen sind. Erheblich mehr sind indirekt betroffen, weil sie z.B. die Eltern kennen und schätzen.

Und zu denen gehöre ich.

Klarstellung: Das ist kein Mitleidheischen meinerseits. Sondern eine Offenlegung dessen, was ich angesichts der Berichterstattung empfinde. Als Teilzeit-/Hobbyjournalistin und Autorin. 

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Ich hatte gestern Geburtstag. Wie jedes Jahr einmal. Ich war etwas frustriert, weil wieder mal nix zusammenlief. Bude nicht, Leben nicht, gar nix. Geld ist immer noch knapp, eine Autoreparatur steht an. Blärf.

Die Anrufe trudelten ein, der erste nuschelte ein „Gratulation“ bevor er anfing zu weinen und mir seine gescheiterte Beziehungsstory erzählte. Ich guckte etwas ungläubig in den Telefonhörer, merkte, er meints ernst und wurde dann zugegebenermaßen etwas unflätig. Sorry, Bub.

Einige Anrufe später wußte ich von einer toten Großmutter und einem schwerkranken Onkel. Sowie einer unerklärlichen Todesserie in einer Kleinstadt.

Gratulation im übrigen.

Der nächste Anrufer und der war echt nett. Wir plauderten und dann rutschte ihm wohl raus, dass der Sohn von Arbeitskollegen, die ich seit 20 Jahren kenne, unter den Passagieren des Absturzflugzeugs war.

Ich saß da, schnappte nach Luft und sagte erstmal nichts mehr. Ich konnte nicht. Mir war körperlich übel. Mein (Ex)-Arbeitgeber ist klein, man kennt sich. Man baut die Häuser miteinander, man schüttelt den Kopf über seltsame Figuren (mich) und alles in allem ist man wie die zerstrittene Familie. Man verbringt 8 Stunden am Tag miteinander, 5 Tage in der Woche – mehr als man mit der Familie verbringt.

Der Anrufer war einer der wenigen, die ich als „Freund“ bezeichnen würde. Und ich war sicher, er hatte nichts böses im Sinn, es war auch keine pure Gedankenlosigkeit. Er kennt die Eltern auch. Und es beschäftigte ihn. Es wäre nicht normal gewesen, wenn er es nicht erwähnt hätte.

Aber für mich änderte sich von dem Augenblick die mediale Wahrnehmung. Hab ich das geradezu hysterische Rumgehampel des Medienzirkus mit einem Augenrollen beobachtet, war jetzt mein erster Gedanke: „Sch…hoffentlich sehen die das nicht“. Gegen jede Wahrscheinlichkeit.

Es gibt kein Entkommen. Nirgends.

Twitter, Facebook, die Timelines quellen über vor immer neuen Meldungen, vor allem gestern. Alles ist berichtenswert: Der Pilot, der Co-Pilot, mögliche Krankenakten – die Bild hat eine Hetzjagd auf die „geheimen Krankenakten“ des Co-Piloten ausgerufen.

Journalisten wollen ermitteln, aufgrund mehr als dünner Faktenlage, warum der Flieger abgestürzt ist. Jedes Bild ist toll, wenn es noch nicht gezeigt wurde. Am besten trauernde Eltern, die sich in Südfrankreich versammeln. Oder ein Schnappschuß der Eltern des Co-Piloten. Der große Schuß wäre es, wenn ein Moderator sagen könnte, dass die von ihm einberufene Faselrunde das Ergebnis der Untersuchungen vorweggenommen hätte. Schulterklopfen, wir wussten es.

Es gibt Idioten, die eine Hetzseite auf Facebook eingerichtet haben, um einen Lynchmob für die Eltern zusammenzubekommen.

Es gibt kein Entkommen. Nirgends. 

Es tut unendlich weh. Als würde ein Nato-Draht über die Seele schleifen und dann die wunden Stellen ausbrennen. Wenn ich schon so fühle, wie mag es den direkt Betroffenen gehen? Ich mochte es mir nicht vorstellen.

Ich hab meine Wohnung verlassen, ich hab es nicht mehr ausgehalten hier. Weinend saß ich im Auto, hätte die Kollegen gerne in Watte gepackt und wusste doch, das ich die letzte gewesen wäre, von der sie das zugelassen hätten. Doch Böses habe ich ihnen nie gewünscht, warum denn auch? Es waren lediglich unterschiedliche Lebensauffassungen.

Radionachrichten. Twitter piepste im Sekundentakt. Facebook auch.

Es gab kein Entkommen. Nirgends. 

Für Betroffene ist dieser Medienzirkus nicht aushaltbar. Menschen, die noch nicht mal begriffen haben, was ihnen geschehen ist, werden gefragt, wie sie sich wohl fühlen. Mit allen Tricks („Witwenschütteln“) wird versucht, an Bilder der Toten zu kommen. Die Überforderung und die Traumatisierung wird gezielt ausgenutzt, um skrupellos zu bekommen, was man verkaufen kann. Am besten ist es für diese Journaille, wenn ein Kind öffnet. Dann wird noch die Unerfahrenheit ausgenutzt. Man nutzt was man bekommt. Ohne Gedanken an die Konsequenzen.

Die Toten von Südfrankreich werden für die Pressemeute zur Handelsware, die Gefühle der Hinterbliebenen zur Gelddruckmaschine.

Das ist alles so verlogen, so aufgesetzt hysterisch, so bar jeder Emotion, die doch so bereitwillig verkauft werden.

Und GEKAUFT. Denn das ist die andere Seite der Medaille. Wir alle *kaufen* diese Hysterie. Indem wir die Brennpunkte einschalten und drüber reden. Indem wir die Bildzeitung kaufen und uns aufregen (oder heimlich die Trauer genießen).

Es ist eine Sensation. Und Sensationen sind so toll, wenn sie einen nicht selbst betreffen. Sie sind so toll zu bestaunen. Wie in einer Freakshow.

Die Hysterie und die fast kriminelle Skrupellosigkeit der Medien ist die eine Seite. Doch unser aller Sensationsgier die andere.

Wäre es nicht an der Zeit, das wir aufhören, *diesen* Hund zu füttern?

Ein Flugzeug ist heruntergekommen. Es gibt viele Tote und noch mehr trauernde Hinterbliebene. Die französischen Behörden sind dafür bekannt, dass sie Airbus unter allen Umständen schützen wollen, das heißt, hier MUSS sogar berichtet werden. Und die Motive des Staatsanwaltes, den Co-Piloten so schnell ans Messer zu liefern, MÜSSEN hinterfragt werden.

Aber Witwenschütteln, die schönsten Trauerfotos der Eltern als Klickstrecke und womöglich noch Snuffbilder von den Toten: Das gehört da nicht zu.

Die Versachlichung der Berichterstattung ist dringend vonnöten.

Auch im Interesse der Angehörigen, deren Gefühle nur soweit interessieren, wie sie verkauft werden können.

Für sie MUSS es ein Entkommen geben. Egal wo.

Disclaimer No. 2, weils offenbar notwendig ist:
Ich bin *nicht* persönlich betroffen. Aber die Eltern eines der Opfer waren langjährige Arbeitskollegen. Wir standen uns nicht nahe, waren keine Freunde aber wir kennen uns, nehmen uns gegenseitig nicht ernst, und wir haben auch durchaus zusammengearbeitet. Ich habe beide immer respektiert und alleine durch die Natur der doch kleinen Verwaltung bekommt man die meisten Familiensachen dann doch spätestens per Flurfunk mit. Irgendwer tratscht immer.

Unter dem Gesichtspunkt kann ich die Berichterstattung nicht mehr neutral verfolgen, es geht einfach nicht. Ich kann nicht mehr neutral herauspicken, wo die Leute falsch liegen. Ich kann nicht mehr neutral werten, was richtig oder falsch ist – zumindest in meinen Augen.

Alles, was ich sehe, sind die Erinnerungen an 25 Jahre Zusammenarbeit mit zwei Menschen. Und die Berichterstattung ist verknüpft damit. Ich habe und werde den beiden nie etwas böses wünschen. Sie tun mir nicht leid – aber sie haben mein Mitgefühl und ja, das ist durchaus ein Unterschied. 

Hinzu kommt jetzt der Fokus auf etwas sehr persönliches: Die Verdammung der Depression als mögliche „Tatwaffe“.

Ich habe zwei Artikel geschrieben – mehr werde ich dazu nicht schreiben. Zum einen, weil ich drei Menschen, die bereits ZU tief verletzt sind, nicht noch weiter verletzen will. Und weil ich es nicht packe. 

Zum erstenmal musste ich feststellen, dass ich an meine Grenzen gestoßen bin, was das Bloggen angeht. 

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Soziales

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4 thoughts on “Mediale Zwickmühle

  1. Diese Aasgeierberichterstattung mit einem Haufen heißer Luft begegnete ich das erste mal mit 9/11. Ständig wurde über nichts berichtet mit den selben Bildsequenzen. Bis zum Erbrechen. Bis die Türme fielen und die Trauer der Menschen im Fernsehen und den Zeitungen in Bild und Ton ausgeschlachtet wurde. Respekt? *Hust*

  2. Schlimm finde ich auch den Trauertourismus. Wenn wildfremde Leute hinfahren und sich zu „Trauertrupps“ zusammenschliessen, Fotokollagen ablegen und sich in den Armen liegen. Das sind Gaffer die die Trauer vorschieben um hautnah dran zu sein.

  3. Dann mal von mir nachträglich Glückwünsche zum Geburtstag.

    Die Berichterstattung ist inzwischen überall zur Jagd auf Quoten geworden. Und das ist einfach ätzend. Es kommt substanziell einfach nicht mehr rüber als früher, wo es diese vielen Medien nicht gab. Der Unterschied zu damals ist vielleicht, dass die erste Meldung schneller und breiter ankommt. Aber Substanz? Nö.

    Und ja, als Leser oder Zuschauer müßte man sich über so etwas mal GEdanken machen und entsprechend handeln. Ich habe Gott-sei-Dank den Vorteil des nicht Vorhandenseins eines TVs. Damit fällt schon ein großer Zeiträuber weg. Und Nachrichten schaue ich 2-3 Mal am Tag im Internet auf bestimmten Seiten nach. Kein FB, kein Twitter. Das beruhigt ungemein.

    Ich verstehe die Angehörigen, wenn sie Klarheit wünschen. Und natürlich die Eltern des Co-Piloten, die erst Recht Klarheit wollen. Aber man sollte Pietät und Respekt walten lassen auf Seiten der Reporter. Wobei man das von der Springer-Presse, ganz besonders Bild, ja noch nie erwarten durfte. Rügen haben da auch noch nie was genutzt. Leider. Und es gibt halten jeden Tag Millionen, die die Bild nicht lesen. Aber irgendwer – ebenfalls so einige Millionen – müssen sie ja doch kaufen.

  4. Mich K*** die Berichterstattung auch ziemlich an. Und ich handel das so wie Tantchen, bevor es persönlicher – näher – wurde; Augenrollen. Und Sender wechseln.
    Erstmal, es tut mir leid, daß ich das nicht mitbekommen habe, wie es Dir in den letzten Tagen ging. Ich war wohl auch das ein oder andere mal etwas gedankenlos. Sorry, war nicht so gewollt. 🙁
    Ich finde die Berichterstattung pietätlos und unglaublich vulgär. Es wird auf niemanden Rücksicht genommen. Da waren mir die Arenakämpfe im Alten Rom schon lieber. Da konnte wenigstens jeder selbst entscheiden, ob er sich das Elend anschauen wollte. Niemand hat einen Hehl daraus gemacht,. das dort Menschen zur Belustigung anderer Leiden sollen.
    Heute ist das anders. Es wird Mitgefühl vorgeschoben. Es muss das „öffentliche Intresse“ befriedigt werden. Und zwar bis zur letzten Träne, bis zum letzten seufzer. Das ist einfach widerlich.
    Und das jetzt Stimmen laut werden, es solledie ärtzliche Schweigepflicht aufgehoben werden ist noch widerlicher. Da kommen wir immer mehr in Richtung totalitärer Staat. Die Freiheit und das Persönlichkeitsrecht wird immer weiter eingeschränkt. Da wird so ein Vorfall als Vorwand genommen, um die persönliche Freiheit weiter einzuschränken. Wo soll das denn enden? Darf dann Dein Arbeitgeber oder ein Journalist künftig Deine Krankenakte kaufen. Netter zuverdienst für Ärzte? Grauenvolle Vorstellung. Aber ist ja alles nötig, um so einen Absturz oder ähnliche Tragödien verhindern zu können.
    Und was wird gemcht, um Armut zu verhindern? Um Kriege zu verhindern? Das Frage ich mich!

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