Fingergate

Da hat Jauch ja ein wirkliches Meisterstück des investigativen Journalismus abgeliefert. Okay, das wird jetzt ne astreine Lästerrunde. 😉

Da hat er also Yannis Varoufakis dabei erwischt, wie er Deutschland den Stinkefinger gezeigt hat. Mit grimmiger Miene konfrontierte er einen völlig entsetzten Varoufakis: „Das ist eine Fälschung“.

„Politikamateure“ werden Tsipras und Varoufakis oft und gerne genannt. Ehrlich? Die mischen gerade den gesamten Euro-Raum auf und gestalten ihn langsam um – und keiner merkts. Oder gibt vor, nix zu merken. Das ist eigentlich nicht das Zeichen von Politikamateuren.

Schäuble hingegen wird bald merken, dass er mehr oder weniger ausgebootet ist und er sich seine Austerity an die Reifen schmieren kann. Wenn er noch was merkt – Schäuble ist 72, seit über 40 Jahren im Politikbetrieb und man merkt jedes einzelne Jahr davon. Er mag Macht haben – aber er ist inzwischen auch so unbeweglich wie der Mount Everest.

Und der wird wenigstens noch durch die Plattentektonik bewegt.

Genau hier rein trifft dann Jauchs Video mit dem Stinkefinger. Subversive Festival 2013, Varoufakis erzählt über Griechenland und die EU und natürlich Deutschland, denn eins geht nicht ohne das andere.

Und plötzlich sieht man einen Stinkefinger, den Varoufakis offensichtlich in Richtung Deutschland zeigt.

Empörung allerorten. Varoufakis dementiert heftig und auf eine Art, die zeigt: Hier wurde jemand wirklich getroffen. Ich hab ihm das geglaubt – aber das Video lügt doch nicht, oder? Ich war im Zwiespalt. Zu ehrlich wirkte Varoufakis in seinem Unglauben, gefolgt von ehrlichem Zorn. Aber er ist Politiker, die sind auf sowas getrimmt, richtig? Aber auch Varoufakis?

Die anwesenden Gäste versichern sogleich eilfertig, dass sie nicht glauben, dass Jauch manipuliertes Material nutzen würde. Die Bild-Zeitung besorgt sich eifrig Experten, die das Video für echt erklären.

Und aus dem Netz kommen leise einzelne Stimmen, die sagen, dass Varoufakis vielleicht Recht haben könnte, dass das Bild manipuliert ist.

Jauch dementiert, sagt: Nope, wir habens geprüft, ist echt. Aber wir prüfen weiter.

Und dann das.

Ich stand vor dem Video wie Kermit der Frosch: APPLAUS APPLAUS APPLAUS. WAS für eine grandiose Trollaktion. So einen Treffer muss man landen können. War das geil *g*

Am Ende steht allerdings mit einem Donnerhall die Frage:

Wie geht man als Journalist mit bewegten Bildern um? Wie genau kann man, MUSS man prüfen, ob ein Video echt ist, bevor man es zeigt?

Jauch hat gezeigt, dass man nicht sicher genug gehen kann, um die Echtheit zu verifizieren. Eine Verifikation, die Otto-Normal-Mensch übrigens nicht leisten kann. Nicht auf dem erforderlichen Level.

Nur für den Fall, dass nochmal jemand das Bedürfnis verspürt, gruselige Bilder aus den Kriegsgebieten zu zeigen.

Da wurde bei den letzten Attacken der IDF auf Palästinensergebiete lustig Videos über die „Grausamkeiten“ gezeigt, die uralt waren – ohne einmal nachzudenken. Die dortigen Soldaten trugen Saddams Uniformen. Okay, waren auch Grün – kann man schon mal verwechseln.

Bilder und Videos sind inzwischen ein wirksames Mittel, um eine Lage völlig drehen zu können. Der Mitleidsfaktor und der öffentliche Druck werden vollständig mit einkalkuliert.

Und Griechenland? Im Zuge der Fingergate-„Affäre“ (ehrlich Leute, wie definiert ihr „Affäre“ – ich verstehe JEDEN griechischen Stinkefinger in Richtung Deutschland, das ist doch echt nix Großes) ist das eigentliche Problem in Griechenland völlig aus dem Fokus geraten. Alles bemühte sich eifrig, Varoufakis weiter zu diskreditieren, die Bedrohung Varoufakis weiter zu entschärfen.

Und Varoufakis selbst? Wie hat er reagiert?

Wäre Varoufakis ein deutscher Politiker, er hätte das zdf_neo-Magazin wohl verklagt. Auf was weiß ich nicht wie hohen Schadenersatz inklusive Unterlassungserklärung. Möglicherweise hätte er seine Macht eingesetzt, um die Leute vom zdf_neo-Team so richtig fertig zu machen bzw. dafür zu sorgen, dass sie entlassen werden.

Nicht so Yannis Varoufakis. Der Mann macht (bis auf die doofe Homestory) eigentlich alles richtig. So auch hier.

Ich gestehe: Ich mag den Mann. Und er ist so erfrischend ehrlich.

So. Davon ab.

Was stimmt jetzt? Hat er oder hat er nicht? *g*

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11 thoughts on “Fingergate

  1. Ich hätte ja zu gerne geglaubt, dass das „Finger-Video“ gefälscht ist, aber ich halte das schlicht für ein großartiges Trolling á la Postillon/Pofalla 🙂 Ich mag den Böhmermann nicht sonderlich, aber die Aktion ist wirklich gelungen.

    Lesenswert dazu auch Stefan Niggemeier: http://www.stefan-niggemeier.de/blog/20767/was-ich-durch-varoufake-gelernt-habe/

    (btw: Gibt es eigentlich eine Vorschrift, dass jedes Skandälchen „…gate“ zu heißen hat? Das ist doch mittlerweile sowas von abgegriffen…)

  2. Soweit ich das auf Bildblog (http://www.bildblog.de/63553/der-griechen-teufel-mit-dem-einzack/) verfolgt habe, hatte Varoufakis tatsächlich den Stinkefinger gezeigt.
    Allerdings war das 2010, bevor Varoufakis überhaupt ein politisches Amt bekleidete. Es war auch, bevor überhaupt auch nur ein Euro nach Griechenland geflossen war. Varoufakis sagte dort, dass er keinen Kredit nehmen würde und schlicht und ergreifend, wie Argentinien, den Staatsbankrott erklären. Getreu dem Motto „Hier habt Ihr den Finger, seht zu wie Ihr das Problem alleine löst“.

      • Ich verstehe nicht wie jemand diese „Regierung“ , die ganz schnell den Rückenhalt ihrer Wählerschaft verloren hat, toll finden kann. Das sind Brandstifter die mit der europäischen Union spielen und alle Mitgliedsstaaten untereinander ausspielen.

        • Steffko: Du meinst die Bundesregierung, richtig? 😉

          Ob die griechische Regierung den Rückhalt im Volk verloren hat, weiß ich nicht. Spielt aber auch keine Rolle, diese Regierung ist demokratisch gewählt. Die Regierung ist mit dem Ziel angetreten, die Lebenssituation der Griechen zu verbessern, also was für ihr Volk zu tun. Das sollte ein Vorbild für die anderen europäischen Regierungen, das Europaparlament und die EU-Kommission sein, die allesamt allzuoft Klientelpolitik betreiben (TTIP, anyone?). Diese Situation ist durch extrem harte Konditionen bei den Schuldendiensten entstanden, die wiederum auf einer neoliberalen Ideologie basieren, die auf die Lebensumstände der Bevölkerung sch…. Die wahren Brandstifter sind die, die weiter an der neoliberalen Ideologie festhalten, obwohl auch namhafte Wirtschaftswissenschaftler und Politiker das für nicht sinnvoll halten; und die die, die europäische Union weiterhin ausschließlich als Wirtschafts- und Fiskalunion betrachten, und politische, kulturelle und soziale Aspekte ausblenden.

        • Ich möchte mal auf den Rabatt der Briten hinweisen:
          http://de.wikipedia.org/wiki/Britenrabatt

          _Das_ nenne ich Brandstifter spielen!

          Oh! Das die Griechen wohl eher Probleme haben würden, so defizitmäßig war schon vor ihrem Eintritt in die Eurozone klar:
          http://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/griechenland-und-die-waehrungsunion-mit-anlauf-in-die-katastrophe-1.1381277
          http://www.focus.de/finanzen/news/staatsverschuldung/schulden-krise-die-fatalen-folgen-der-euro-einfuehrung_aid_612834.html

          Ist also n klarer Fall von „selbst schuld“. (wobei die Griechen ja nicht alleine stehen, bzw. standen was die Schulden oder die Probleme damit angeht)

          Was das „Toll finden“ angeht, möchte ich mich dem anderen Stefan anschließen und darauf hinweisen, dass die Regierung Griechenlands demokratisch gewählt ist und jetzt versucht im Interesse ihrer Bevölkerung zu handeln.

          Ich persönlich finde weder die greichische, noch die deutsche Regierung toll, ich halte sie und nicht nur sie, für toll geworden 😉

  3. Es ist eben noch nicht klar, ob ZDF NEO das gefakt hat, oder ob es eben doch echt ist. Darum geht es aber auch schon gar nicht mehr: Es geht darum, wie die Medien mit Informationen umgehen und wie gegen Griechenland gehetzt wird, so sehr, dass der Wahrheitsgehalt von Informationen schon egal ist, Hauptsache es passt ins „Bild“. Denn selbst wenn Varoufakis irgendwann einmal irgendwo den Stinkefinger gezeigt hat, was sagt das heute aus? Meines Erachtens rein gar nichts. Da waren wieder die professionellen Elefantenmacher dabei, eine Mücke aufzublasen.

  4. Pingback: Lektion in Medienkompetenz | König von Haunstetten

  5. Ich schau nun schon seit geraumer Zeit das Neo Magazin … ich weiß weder genau warum, noch mag ich den Kerl eigentlich, aber andererseits ist er teilweise auch absolut Genial.

    Und seine beiden Ansagen am schluss sind mit abstand das schönste was ich zu dem Thema „Polittalk“ (Mit doppelt großen Anführungszeichen) der letzen Jahre irgendwo öffentlich gehört habe!

    http://www.kraftfuttermischwerk.de/blogg/wp-content/uploads2/2015/03/Bildschirmfoto-2015-03-19-um-08.58.37.png

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