50 shades of Unfug

Ach Gottchen, da hat jemand einen Twilight-Fanfic umgeschrieben auf BDSM und es 50 shades of grey genannt.

Dolle Liebesgeschichte soll das sein.

Achja?

Es hat ein bissi gedauert. Lack, Leder und Peitschen sind nicht sooo mein Ding. Demzufolge ist BDSM jetzt auch nichts, was ich aus eigener Erfahrung kenne und ich musste mich was einlesen.

Das nachfolgende also immer unter der Prämisse, dass ich falsche Quellen hatte 😉

Ein Grundsatz bei BDSM ist „sane, safe and consensual“. Also mit wachem Verstand, was jede Szene wo einer der Partner unter Drogen oder betrunken ist, schon mal auschließt. Und zwar völlig. „safe“ – keine Dinge, die einen der Partner gefährden können und consensual: NUR mit gegenseitigem Einverständnis.

Was heißt das jetzt im Zusammenhang mit 50 shades of Grey?

Man kann Buch und Film zu einer Szene zusammendampfen, bei der sich die Grundaussage des Films ändert. In einer „Szene“, wo Christian und Anna spielen, safewordet sie. Sie sagt „rot“ – was „fullstop“ bedeutet. Das Prinzip des Safewordings ist nicht unwichtig vor dem Hintergrund des „safe, sane and consensual“ – man kann nicht immer wissen als Partner, ob der andere jetzt als Teil des Spiels bettelt, aufzuhören oder ob er wirklich nicht mehr kann.

Nutzt er das Safeword, weiß ers. Es gibt im Regelfall zwei: eins für „mach mal langsamer“ und eins für „Bis hierhin und nicht einen Schritt weiter“. Dass zweite ist wirklich das Zeichen für Fullstop und wenn es genutzt wird, egal von wem, gibt es kein weiter, weil ab da jeder weitere Übergriff nicht mehr consensual ist sondern sexueller Missbrauch bis hin zur Vergewaltigung.

Anna nimmt das zweite Wort „rot“ – also: STOP. Und Christian ignoriert das safeword nicht nur, er macht weiter und beschimpft sie für ihre „Feigheit“.

Und ab der Stelle ist das ganze kein BDSM mehr – spätestens. Es gibt auch vorher noch einige Schlüsselszenen, wie z.b. die, wo Christian ihr den Vertrag aufzwingt, aber das war die Stelle wo für mich klar wurde, dass 50 shades of Grey NICHT der Liebesroman ist, für den er gehandelt wird, sondern eine Story über knallharte Abhängigkeitsverhältnisse, die auch noch hochgejubelt werden.

Ich hab viel über das Buch diskutiert. Natürlich kontrovers, wie denn auch sonst. *g*

Eins ist mir bei den Befürworterinnen des Buches aufgefallen: Im Verlauf der Diskussion kam oft raus, dass sie selbst Opfer von häuslicher Gewalt und sexuellem Missbrauch waren. Und dass sie in erster Linie Christian für ein armes Schwein hielten, dass nur deswegen so mies zu Anna ist, weil er so schlechte Erfahrungen gemacht hat. Und sie finden die Story so romantisch, weil Anna durch ihre Liebe Christian verwandelt.

Und an der Stelle safeworde ICH: STOP! Sofort!

Viele Opfer häuslicher Gewalt stecken in exakt dieser Gedankenfalle drin: „Wenn ich ihn nur genug liebe, dann ändert er sich.“

Nein, wird er nicht. Sorry, Süße.

„Wenn ich mich nur genug anstrenge, wird er sich ändern und mich respektieren“

Nein, wird er nicht. Sorry, Süße.

Wenn sich jemand entscheidet, zu misshandeln, sei es sexuell oder per Gewaltausbruch, dann ist das seine freie Entscheidung. NICHTS was der Partner sagt, tut oder unterlässt, kann die Übergriffe verhindern oder provoziert sie. Dein Partner handelt so, weil er dich nicht respektiert. Und er wird nicht plötzlich damit anfangen, weil du deine Liebe zu ihm beweist. Wenn überhaupt, wird er dich mehr verachten, weil er dich so mies behandeln kann und du ihn dennoch liebst.

Die Deutung, dass man einen Missbraucher nur genügend lieben muss, damit er sich ändert, ist ein Trugschluss, der alle Verantwortung für das Arschlochbenehmen auf das Opfer schiebt. Er wird sich nicht ändern. Wenn er DICH liebt, und darauf kommt es an, dann wird er sich nicht so benehmen. Wer missbraucht oder misshandelt, liebt nicht.

Manche Männer gehen ja sogar soweit, dass sie sagen: „Du hättest mich ändern können, wenn du mich nur genug geliebt hättest“ – nein, DU hast dich entschieden, aus freien Stücken, ein Arschloch zu sein. DU hast deine Aggressionen frei laufen lassen. Dein Partner hat damit überhaupt nichts zu tun.

Du hattest eine schlechte Kindheit? Probleme? Misstraust Frauen aufgrund schlechter Erfahrungen? Gut. Für sowas gibts Therapien zum Aufarbeiten. Dein Partner ist NICHT für dich verantwortlich. Er ist dein Partner. Nicht deine Mutter und nicht dein Vater.

Du willst keine Therapie machen? Gut, aber dann richte dich auf ein sehr einsames Leben ein, weil hoffentlich keiner blöd genug ist, auf dich reinzufallen.

Fazit: Man wird vielleicht mit BDSM-Neigung geboren, genauso wie schwul, lesbisch, hetero. Aber ein Arschloch, das ist man ganz von selber. Das ist tatsächlich eine Lebensentscheidung.

Und genau das ist Christian: Ein reiches, herrschsüchtiges Arschloch. Und kein romantischer Liebhaber.

P.S.: Eine Vergewaltigung ist eine Vergewaltigung. Es macht nix aus, ob der Vergewaltiger hübsch oder hässlich, reich oder arm ist.

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Soziales

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16 thoughts on “50 shades of Unfug

  1. Ich kann da nur sagen „word!“.
    Den Gedanken, dass damit eben propagiert wird „wenn du ihn nur genug liebst wird er sich ändern“. Das ist eine ganz gefährliche Einstellung und obendrauf, wenn man es noch von anderen gesagt kriegt.
    Hab nur den Film nicht gesehen und auch das Buch nicht gelesen, deshalb war diese Interpretation der Ereignisse nicht gesichert.

  2. Du mußtest‽ Beileid.

    Wogegen ich mich nur wehre ist ein fataler Trugschluß: Die Gewalt geht nur von Männern aus. Leider ist dem nicht immer so und es muß auch nicht immer körperliche Gewalt sein.

    Aber egal wie auch immer, unterschreibe ich die Gesamtzusammenfassung von dir: Nicht der Partner / die Menschen um dich herum sind für deine Änderung zuständig…

  3. Ok, bisher war ich davon unbelastet.
    Will sagen, ich kennen die Existenz von Twillight und die „Entstehungsgeschichte“ von Shades of Grey.
    Bisher hat mich an Shades of Grey nur die eigentlich alltägliche Willkür der Lokalisierung fasziniert, die für den Deutschen Markt die 50 entfernte…

    Wo war ich?

    Achso, also ich habe weder das Original noch die Fanfic gelesen und keine Twilight Filme gesehen, aber aufgrund von „Die Idee, *mich* zu fragen ist SO bekloppt, da kann ich nur ja sagen“ werde ich bald in den Film gehen.

    Die Frage (komm zum Kern, Kerl) ist also: Eine solche Szene ist im Film?
    Wenn ja, bereite ich mich schon mal drauf vor, wie ich das Thema in der Runde fallen lasse.
    So um mal herauszufinden, wie die Begleitungen darüber nachdenken, de facto einer (verherrlichung einer) Vergewaltigung beigewohnt zu haben.

    Disclosure: Mein Wissen über BDSM ist auch extrem beschränkt, aber das halte ich für die Regel Nummer Eins, deren Gewicht jedem klar sein muss: Aufhören heißt aufhören.
    (Ich sage mal nicht Stopp, weil in einem anderen Kontext schon mal erläutert wurde, was genau ein Stoppschild nach STVO ist…)

  4. Ich habe mich mit diesem „Werk“ nie näher auseinandergesetzt, aber wenn ich das hier lese, merke ich ja erst, was für Abgründe sich hier auftun. Die Story ist ja noch fürchterlicher als ich dachte. Nicht nur dass sie absolut dämlich ist, sie propagiert auch noch Gewalt. Danke Tantchen, dass du bei solchen Sachen so oft einem die Augen für solche Nuancen bei Themen öffnest. Ging mir schon bei vielen Sachen so.

  5. Das Buch hat mit BDSM mal einfach gar nichts zu tun, sondern ist ein mieser Abhängigkeits- und Übergriffigkeitshochjubelmüll.
    Es ist echt bitter, dass jetzt alle Welt zu glauben scheint, dass das BDSM ist. Ein Rückschlag für den lifestyle (meiner Meinung nach)

  6. Was das Safeword angeht:du meinst den Ampel-Code, der besteht aus den Farben Grün (=alles okay, mach weiter), Gelb (=mach mal langsam, wir müssen reden) und Rot (=sofortiger Abbruch). Wird ein safeword benutzt, gibt ea auch nur EIN Safeword und das führt IMMER bei einvernehmlich spielenden Paaren zum Abbruch.

    „Fazit: Man wird vielleicht mit BDSM-Neigung geboren,“

    Hier gibt es kein „Vielleicht“, diese Neigungen hat man oder nicht, das lässt sich ebenso wenig wie Homosexualität antrainieren.

    Über 50SoG wurde ja schon viel und ausführlich diskutiert und es gibt viele Leute aus der BDSM-Szene – u.a. sogar Kathrin Passig, Mitautorin des wirklich hervorragenden „Die Wahl der Qual“ -, die das Buch begrüssen, weil es zumindest die Diskussion befeuere. Kann man so sehen, ich sehe es aber in einem negativen Licht. was in diesem Stuss verbreitet wird, sind übelste Klischees, technisch völlig falsche Grundlagen und eine (von dir zurecht kritisierte) Grundhaltung, die Mißbrauch offen das Wort redet.

    • Heiko, korrekt. Allerdings kann das Safeword so ziemlich alles sein. Zumindest meinen Quellen nach.

      Was das „angeborene“ BDSM-Verhalten angeht: Es gibt auch Stimmen, die sagen, dass man das durchaus antrainieren kann.

      In den USA gibts grade im Bible-Belt eine Menge stiller Anhänger von BDSM. Speziell was das Spanking angeht, was wohl anscheinend erotisierend ist. Die Verkaufszahlen für Paddles und Peitschen sprechen da für sich.

      Da gerade in dieser Gegend Kinder regulär mit Gürteln und anderen Dingen verprügelt werden („Spanking“) und die Eltern das so machen, das sie warten, bis sie völlig cool sind, weil de Strafen nicht mit „heißem Herzen“ ausgeführt werden sollen, sondern mit Überlegung und dosiertem Kraftaufwand, verbinden viele die Schmerzen des Geschlagenwerdens mit Liebesbezeugungen.

      Denn wenn die Prügel empfangen wurde, dann wird das Kind umarmt, geliebkost und mit Lob überschüttet, dass es sich so „mutig“ gezeigt hat.

      Nicht wenige verknoten dann das Spanking mit Liebe. Und das führt zu BDSM.

  7. Ja stimmt, das Buch ist „Unfug“ der Film ist „Unfug“ – aber was ich nicht verstehe ist warum das so ein Aufreger ist. Weil es „Sexunfug“ ist? Beim „Totschiessunfug“ ist die Aufregung weitaus nicht so gross. Wieviele Filme erscheinen jedes Jahr, und Bücher noch viel mehr, bei denen „Erst schiessen dann fragen“ selbstverständlich ist. Wieviel „Haha-lustig-Unfug“ ist im Kino zu sehen der niemanden zu einem Blogeintrag veranlasst.
    Ja klar ist 50 shades of grey nicht politisch korrekt, ja und? Muss es das? Verspricht es das? Haben wir alle nicht genug Medienkompetenz um das als Fiktion zu erkennen?
    Denkt wirklich irgendwer das jemand seinen Alkohlmissbrauch mit irgendeinem „lustigen“ Film in dem halt viel gesoffen wird legitimiert? Wieso sollte sich dann ein übergriffiger Partner oder eine unterdrückte Frau irrtümlich von 50 shades of grey legitimiert fühlen?
    Meiner Meinung nach viel Lärm um Nichts. Der Film bekommt damit wesentlich mehr Aufmerksamkeit als ihm zusteht und das Buch auch.
    Allerdings bleibt immer noch die Frage, weshalb ist das Genre bei (weiblichen) Lesern so beliebt? Ist das bedenklich? Ich denke nein – es unterhält uns – eventuell spricht es einen ziemlich archaische Bereich in unserm Leben. So what ist doch ok. Gibt ja auch eine Menge Menschen die gerene Krimis lesen – die sind ja auch ned alle potentielle Täter.
    Wobei man zum Inhalt noch sagen kann, (im Buch, den Film habe ich nicht gesehen) immerhin verlässt Sie Ihn am Ende von Teil Eins. Scheint also doch ein Bewusstsein für „das tut mir nicht gut“ da zu sein. Ausserdem sind alle jene die sich darüber aufregen das ganz klischeehaft die Männer immer Täter und Frauen Opfer sind aufgerufen, genauer hinzusehen. Christian Grey ist ja durchaus Missbrauchsopfer und zwar von einer Frau.
    Und zuletzt sei noch angemerkt – wieso regen sich eingentlich alle nur darüber auf, dass uns armen Frauen bei der Story vorgegaukelt wird das Verhalten von Mr. Grey ist das richtige BDSM und sowieso das hier Missbrauch dargestellt wird, dass man uns Frauen aber auch eine falsche Wirklichkeit in Bezug auf den Prinzen (reicher Millionär) der dem armen Mädchen die Welt zu Füssen legt vorgaukelt, dass das ned der Realität entspricht, dass traut man uns dann schon wieder zu das zu erkennen. Merkwürdig alles – allerdings passt die ganze Diskussion damit ja auch wieder sehr gut zum Niveau des Films. All diese „wichtigen“ Kritiker tun damit ja genau das gleiche wie dahinterstehende Film- und Buchindustrie – Sie halten Frauen für dumm.

  8. Also, ich kenne weder Buch noch Film und nur das, was so in den Medien verbreitet wird.
    Allerdings habe ich mich schon ein wenig mit BDSM befasst – mehr oder weniger.

    Es geht hier ja nicht drum, daß irgendetwas legitimiert wird, sondern nur darum, daß tatsächlich viele glauben, daß die so dargestellte BDSM-Liebesgeschichte auch in der Realität passieren könnte und auch in Ordnung wäre, romantisch und so. Das ist sie aber nicht. Das ist Mißbrauch der übelsten Sorte und weder romantisch noch toll.

    Und ja, leider gibt es Frauen (und sicherlich auch Männer) die wirklich glauben, das BDSM genau so sein muss! Aufgrund des Buches. Auch wenn die intelligenteren unter uns das nicht wahrhaben wollen.

  9. Was mich an dem Machwerk ein wenig schockiert hat: dass nicht nur relativ viele eigentlich halbwegs normal verdrahtete Menschen nicht kapieren, dass die Geschichte nichts mit Lustgewinn oder sexueller Befriedigung zu tun hat, sondern bestenfalls mit dem battered person/spouse/wife syndrome (https://en.wikipedia.org/wiki/Battered_person_syndrome).
    Nein, ich kenne aus meiner Zeit in der Krankenpflegeschule so einige Krankenschwestern (bzw. Schülerinnen), die davon fasziniert waren. Und gerade das hat mich einigermaßen erschreckt.
    Denn wenn man seine Pflegeausbildung nicht gerade zu einer Zeit gemacht hat, als die Gummistiefel noch aus Holz und das Radio noch schwarz-weiß waren, dann hat man in der Ausbildung durchaus genügend Fachwissen vermittelt bekommen, dass man das verstehen sollte, dass solche „Beziehungen“ wie die geschilderte einfach nur shice sind.
    Erschreckend finde ich auch, dass in meinem persönlichen Umfeld nur Frauen auf diesen Shice angesprungen sind – irgendwie ist mir das ein echtes Rätsel.
    Andererseits fanden nach meinen persönlichen Beobachtungen eigentlich auch ausschließlich Frauen und Mädchen Twilight „sooo romantisch“ – wenn ich mir ansehe, wie da die weibliche Hauptfigur eigentlich als bloße Pappfigur dargestellt wird, die sich nur über ihren ach so tollen und starken Liebhaber definiert, kommt mir zumindest geistig das würfelhusten. Und ich frage mich bei sowas immer wieder, ob unsere Gesellschaft trotz aller Emanzipation und Gleichberechtigung tatsächlich immer noch so rückständig ist, dass solche Frauenbilder so gut rüberkommen. Irgendwie will ich das aber nicht so ganz glauben.

    Hmmm… nachdem ich mich bereits durch die ganze Twilight-Serie durchgequält habe, werd ich mir den 50SoG-Film vermutlich auch irgendwann ansehen – und sei es nur, um jenen, die sowas toll finden, Kontra geben zu können.
    Allerdings werd ich dafür die üblichen Mittel und Wege nutzen, kein Geld dafür rauszuschmeißen. (YAY to Teh Interwebs). Und zwar ohne schlechtes Gewissen.

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