Bloggen vs. Journalismus

Ich habe immer davor zurückgeschreckt, mich Journalistin zu nennen. Nicht, weil ich zu schüchtern war, sondern weil für mich Journalismus Dinge beinhaltet, die ich nicht liefern kann. Weil ich sie nicht gelernt habe.

Zur Hintergrundrecherche bin ich auf Google angewiesen. Das ist unzulänglich und das weiß ich auch. Zur Einordnung gewisser Dinge fehlt mir Wissen, was ich auch nicht auf die Schnelle erwerben kann.

Ich sehe mich als Bloggerin. Nicht als Journalistin. Ich betreibe ein Meinungsblog, damit habe ich die größtmögliche Freiheit und segle nicht unter falscher Fahne.

Andere haben weniger Skrupel.

Pegida ist abstoßend. Aber Niggi hat hier sehr gut erklärt, wie die zu dem Begriff Lügenpresse kommen. Dass sich die Pegida-Parolen aus dem Bild-Schlagzeilen-Fundus bedienen, darf an der Stelle gerne dazu führen, dass man sie auslacht.

Es wird „Gleichschaltung“ vorgeworfen, dass nur noch in eine gewünschte „Mainstream“-Richtung berichtet wird. Dass Mainstream-Journalismus gerade auch Angebot und Nachfrage bedeutet und so oft ein sich gegenseitig verstärkendes Element da ist: Wird ausgeblendet.

Und wie reagiert die besagte Presselandschaft, soweit es die Print-Presse betrifft?

Sie schaltet eine Karikatur mit einem Text, der Journalismus heroisiert, in fast allen etablierten Print-Magazinen.

An der Stelle fiel mir spontan das hier ein.

Der Journalismus, nicht nur in Deutschland, ist zu oft überfordert. Twitter ist rasend schnell, bei Großereignissen kann man nicht mehr Quellenverifizierung betreiben. Ich hab meine Lektion bei den Gezi-Aufständen gelernt, als es hieß, dass die Polizei Agent Orange einsetzen würde: Es war Tränengas – mit einer orangefarbenen Markierung.

Es gibt nach wie vor Journalisten, die unter hohen ethischen Standards arbeiten. Ich habe von beiden viel gelernt – und manchmal dreist abgeguckt 😉

Aber diese hohen Standards, diese persönliche Integrität, das Rückgrat, die eigene Position zu verteidigen: Das ist im Schwinden begriffen. Die Butter muss aufs Brot. Hinzu kommt zu oft eine große persönliche Nähe zwischen Beobachter und Beobachtetem, die echte Enthüllungen verbietet – es bestehen einfach Loyalitätskonflikte.

Nie wurde das deutlicher bei dem Artikel, der die #Aufschrei-Debatte eingeleitet hat. Was fast nirgends gesagt wurde: Die Journalistin wurde fortan nicht mehr zu Vier-Augen-Gesprächen gebeten. Wenn sie mit im Wagen saß, wurde sie ignoriert. Sie wurde geschnitten, ihre Arbeit unmöglich gemacht. Der Beobachtete strafte auf subtile Art den Beobachter ab. Charb wäre das in der Form nicht passiert, der hätte einen flammenden Artikel darüber geschrieben und das ganze mit Bildern garniert, die zum Pensionseintritt Brüderles geführt hätten.

Die Sternstunden des Journalismus waren immer dann gegeben, wenn sie echte Skandale aufdecken konnten, mit Beweisen unterfüttern und so der Republik eine neue Drehung geben. Die Spiegel-Affäre war so eine Sternstunde.

Aber genau diese Sternstunde zeigt auch, dass Journalismus, insbesondere echter investigativer Journalismus, immer mit Gefahren verbunden ist. Oft, zu oft, für das eigene Leben oder die Gesundheit. Reporter ohne Grenzen berichten davon – und keiner hört zu.

Charlie Hebdo hat seit vielen Jahren massive Morddrohungen erhalten, ein Brandanschlag hat die Redaktion zerstört. Und jetzt wurden sie blindwütig ermordet. Doch sie haben weitergemacht, in dem vollen Bewußtsein des Preises, den sie möglicherweise irgendwann zahlen müssten.

Charlie Hebdo war auch nicht irgendein zweitklassiges Karikaturistenblatt. Die Artikel waren hervorragend recherchiert, die Aussagen, die gemacht wurden, stimmten – und wurden mit passenden Karikaturen untermalt. Charb hat keine Gefangenen genommen: Er hat reihum und mit ausgesprochener gallischer Fröhlichkeit auf alles gehauen, was sich bewegte. Präzise, pointiert und genau dahin wo es weh tat.

DAS ist investigativer Journalismus, wie er geleistet werden muss, wenn er Wert haben soll. Doch dazu braucht es einen besonderen Menschenschlag, der nicht leicht zu finden ist. Es braucht Menschen, die Leidenschaft mitbringen, den Verstand, die Leidenschaft umzusezten und die Bildung, das so zu tun, dass es für jedermann verständlich ist. Es braucht Menschen, die unbestechlich sind – oder zumindest genug Skrupellosigkeit haben, die Bestechungsgelder anzunehmen und dann einfach weiterzumachen wie bisher.

Charb hatte es verstanden, eine volle Redaktionsmannschaft dieser leidenschaftlichen Menschen aufzubauen. Er hat tatsächlich so viele gefunden. Und ihnen die Luft zum Atmen gegeben, die sie für die Arbeit brauchten.

Denn Journalismus ist nicht „bau mal die Klickstrecke da“. Es ist ein Beruf, den man so machen kann und sich Journalist nennen.

Oder man macht es so wie Charb: Mit vollem Einsatz und gerne auch mal mit Volldampf auf den Eisberg zu – nur um dann zwar gerupft, aber doch einigermaßen heile dem Eisberg beim Sinken zuzusehen.

DAS haben wir verloren mit Charlie Hebdo: 12 leidenschaftliche, unbestechliche Journalisten, die sich selbst nicht zu ernst nahmen. Und die sich nicht mit Personen und Sachen gemein machten. Auch nicht mit Guten. Die berichteten und schimpften wie die Rohrspatzen.

Hatten die Redaktionsmitglieder Angst? Mit Sicherheit. Doch sie haben diese Angst kanalisiert um ihre Agenda fortzusetzen.

Es wurde viel davon geredet, dass sie *jetzt* zu Helden wurden. Oooooh nein, liebe Leute. Helden leben. Sie waren Helden als sie noch zeichnen konnten. Jetzt sind sie Märtyrer der Pressefreiheit. Und ich bin recht sicher, dass Charb auch dafür die passende, scharfe Replik gehabt hätte.

Es liegt an uns, das „je suis Charlie“ jetzt Wahrheit werden zu lassen.

An jedem einzelnen von uns. Egal ob Blogger, Journalist oder Zeichner, Karikaturist.

Wir alle sind Charlie Hebdo. Denn wenn wir jetzt unsere Angst regieren lassen, können wir auch gleich einpacken.

 

 

 

 

Send to Kindle
Soziales

Flattr this!

2 thoughts on “Bloggen vs. Journalismus

  1. Im Prinzip stimme ich Dir ja zu, aber „Es braucht Menschen, die unbestechlich sind – oder zumindest genug Skrupellosigkeit haben, die Bestechungsgelder anzunehmen und dann einfach weiterzumachen wie bisher.“ würde ich gern noch etwas hinzufügen: .. oder finanziell unabhängig sind (auch in Hinblick auf die Familie).

    Dieses „je suis Charlie“ hingegen ist für mich ein rotes Tuch, eine Schlagwort-Phrase auf die viele einfach anspringen, ohne über den Sinn nachzudenken. Es ist ja so „in“, mit einem solchen Zettel rumzulaufen (neulich habe ich’s sogar als Auto-Aufkleber gesehen) und erinnert mich irgendwie an meine Sturm-und-Drangzeit, in der viele „Ho-Ho-Ho-Chi-Minh“-brüllend rumliefen.

    Und der letzte Satz ist das eigentlich essentielle: Angst soll/muss man haben, aber man darf sie nicht an die Macht lassen.

    Grüsse
    Hajo

bestellt folgenden Kaffee