Die Mär von der moralischen Überlegenheit des Westens

„Wir“ gehören den westlichen Staaten an. Deutschland ist NATO-Mitglied und -Partner. Die Mitgliedsstaaten des Bündnisses sind als „der Westen“ definiert. Ein Relikt des Kalten Krieges. Wie die NATO.

Es war für uns alle immer ein gutes Gefühl: Die NATO war auf der Seite der Guten. Unserer Seite. Gegen die Russen, die Bösen. Es kam der 9/11 und der hinterhältige Anschlag auf die Twin-Towers.

Und plötzlich waren „Gut“ und „Böse“ noch klarer definiert. Die Taliban waren die Bösen, die 3000 Amerikaner umgebracht hatten. Und *wir* waren die Guten, die Opfer in diesem politischen Spiel um Ressourcen und Macht.

Es brauchte einen Edward Snowden und genug Menschen mit den entsprechenden Eiern in der Hose, um uns zu zeigen, dass die Wahrheit eine ganz andere war.

Mit den Anschlägen auf die Twin-Towers hat die Bush-Regierung jeglichen moralischen Rückhalt verloren. Folter und Staatsterror wurden eingesetzt, um, ja, was eigentlich?

Was wollte die Bush-Regierung durchsetzen? Inzwischen glaube ich zu wissen, dass der Einmarsch in Afghanistan nur eine Nebelkerze war, um das eigentliche Ziel, den Einmarsch in die Ölfelder des Iraks, „natürlicher“ aussehen zu lassen. Geheimdienstliche Erkenntnisse, dass Saddam jemals mit Osama bin-Laden kooperiert hatte, gab es nicht, konnte es nicht geben. Die beiden hassten einander, bin Laden stand für die Vorherrschaft des Islam, Hussein für seine eigene Herrschaft. Taliban in seinem Staatsgebiet? Konnte er nicht brauchen.

Es kam der Einmarsch in den Irak. Und an dieser Stelle bitte: Unterscheidet SEHR FEIN zwischen einem Erklärungsansatz und einer Rechtfertigung. Denn an ISIS gibt es nichts zu rechtfertigen. Aber sehr viel zu erklären, wie wir jetzt wissen.

Abu Ghraib stand für ein sogenanntes Folter-Gefängnis. Menschen wurden dort gezielt gedemütigt, sexueller Gewalt ausgesetzt und schwer körperlich wie physisch gefoltert. Die US-Regierung bediente sich hier eines ebenso durchsichtigen wie abstoßenden Tricks: Die Menschen wurden als „feindliche Kämpfer“ und nicht als Soldaten gesehen, für die die Genfer Konvention galt.

Und wo wurden alle Bedenken über Bord geworfen und gefoltert, was die Nerven der Beobachter hergaben. Die Liste umfasst u.a. einen Bettelbrief einer Mutter, die in Abu Graib zusammen mit ihrem Sohn festgehalten wurde. Sie bat ihren Mann, sie bei nächster Gelegenheit zu töten – sie wurde gezwungen, der Vergewaltigung ihres Sohnes zuzusehen. Wenn ich das richtig in Erinnerung habe, war dieses Kind zu dem Zeitpunkt unter 10 Jahre alt.

Ein anderer Vorfall, nicht minder widerlich, aber ebenfalls nur die Spitze des Eisberges: Ein junger Mann, der nachweislich geistig behindert war (ich las etwas von Down-Syndrom) wurde gefoltert, damit die Familie „spurte“. Einer der Söhne war Zuträger der CIA und wollte raus aus dem Kontrakt. Die CIA hat daraufhin den behinderten Sohn entführt, gefoltert, ein Tonband davon aufgenommen, wie der arme Kerl gebettelt und um Gnade gefleht hat – damit der Sohn sich das noch mal anders überlegt.

Das sind zwei Fälle, die noch nicht einmal sonderlich schlimm sind, so grausam sich das anhört. Die CIA hat noch um einiges schlimmer gefoltert, ausdrücklich mit der Billigung der Kriegsverbrecher George Bush und Dick Cheney. Ja, Kriegsverbrecher, eine andere Bezeichnung gibt es für diese Männer nicht – nicht mehr nach den Interviews, die praktisch ein Geständnis des Verbrechers Dick Cheney waren.

Alle Menschen, die Abu Ghuraib überlebt haben, sind hochtraumatisierte Menschen, die fürchterliches erlebt haben. Und die unterschiedlich mit ihrem Leid fertigwerden.

Manche begehen Suizid, weil sie die Flashbacks nicht aushalten. Andere ziehen sich zurück, werden zu Eremiten, wollen mit Menschen nichts mehr zu tun haben. Und manch einer verroht so sehr, dass sie das, was ihnen angetan wurde, jetzt blindwütig anderen antun, in der Hoffnung, ihre Qualen zu lindern.

ISIS anyone?

Es gibt die Aussage eines ISIS-Kommandanten, der sinngemäß sagte, dass es ohne die CIA und dem Folterprogramm ISIS nicht geben würde.

Ich neige dazu, dem zuzustimmen.

Ich wurde oft gefragt, was man denn mit ISIS anfangen soll? Wie soll man mit diesen Verbrechern und verrohten Gesellen umgehen? Wegbomben? Die wären keinerlei Verhandlungen zugänglich.

Ach nein?

Ich sehe nicht, dass man die verrohten Gesellen Bush und Cheney weggebombt hat. Rumsfeld auch nicht, der dieses kriminelle Duo perfekt ergänzt.

Der Westen hat seine moralische Überlegenheit, so sie denn jemals existierte, völlig verloren. Für einen kurzen Augenblick wurde die Weltpolitik jeder Staffage entkleidet und gezeigt als das, was sie ist: ein kaltherziges Machtspiel, dass Menschen als Schachfiguren und Bauernopfer sieht, ohne sich darum zu kümmern, welches Leid sie verursachen.

Die einzige Umgangsweise mit ISIS ist:

1. Bush, Cheney und Rumsfeld vor ein Kriegsverbrechertribunal stellen und vollständige Amnestie für Chelsea Manning und Edward Snowden. Für letzteren inklusive freies Geleit in die Heimat und lasst den armen Kerl dort endlich in Ruhe.

2. Verhandlungen auf Augenhöhe MIT Entschädigungen und Unterstützungen für die ISIS-Kämpfer, die aufgeben wollen. Es muss für die Leute einen Ausweg geben, sonst geben sie nicht auf. ISIS muss wissen, dass der Westen anerkennt, Fehler gemacht zu haben. Und das muss glaubwürdig sein. Ja, da *müssen* wir den Hut in die Hand nehmen. Demut zeigen. Mit Härte wird man bei diesen Menschen nichts mehr erreichen. Sie haben bereits alles gesehen und erlebt. Was kann man ihnen noch nehmen, was sie nicht schon verloren haben? Das Leben? Für viele dürfte das ein Segen sein.

Nein, ich rechtfertige die Verbrechen von ISIS nicht. Aber kann mir bitte einer glaubwürdig erklären, wie ein Kriegsverbrecher auf andere Kriegsverbrecher zeigen kann und auf Strafe drängen, während er wie selbstverständlich unbehelligt bleibt? Keine der Parteien hat sich mit Ruhm bekleckert. Und es wird Zeit, dass „der Westen“ ein wenig seiner eigenen Medizin schluckt.

3. Wiedereinsetzung der UNO als Weltpolizei, Machtausbau für die UNO und vor allem: Weg mit dem Vetorecht. Es darf keine „privilegierten“ Staaten mehr geben. Das ganze muss demokratisiert werden. Das Vetorecht schwächt die UNO und eine schwache UNO können wir uns nicht leisten.

4. An die USA: Alle Altschulden an die UNO sind zu zahlen. Ihr könnt ja Ratenzahlung machen.

Die USA müssen jetzt behandelt werden wie Deutschland nach 1945. Die Geheimdienste müssen massiv entmachtet werden, die Verantwortlichen müssen vor Gericht gestellt werden.

Und wir? Und Deutschland?

Wir müssen genauso aufräumen. Unser Verfassungsschutz und unsere Bundespolizeibehörden waren nur zu eifrig dabei, bei den Amis mitzuspielen. Unsere Regierung wusste von den Rendition-Flügen, sie wusste von den Folterungen und im Falle Steinmeier gab es auch noch einen, der aktiv die weitere Folterung eines Menschen nicht verhindert hat, indem er eine Rückreisererlaubnis verweigerte.

Sie alle gehören vor Gericht gestellt, genauso wie die Mauerschützen in ihren Prozessen. Und sie gehören genauso abgeurteilt.

Die Nürnberger Prozesse haben gezeigt, dass „Befehlsnotstand“ nicht als Entschuldigungen für Kriegsverbrechen gilt. Die Mauerschützenprozesse haben diese Haltung noch einmal bestätigt.

Weder die Bundesregierung, noch die mitschuldigen Geheimdienste haben irgendeine Entschuldigung vorzubringen. Befehlsnotstand gilt nicht, die Bundesregierung ist selbständig (oder sollte es zumindest sein). Und wer Befehlen gehorcht, die dazu beitragen, Kriegsverbrechen zu befördern, der macht sich mitschuldig und kann sich nicht exkulpieren.

Das alles wäre notwendig.

Doch geschehen wird – wie immer – nichts. Möglicherweise wird man jetzt Bush, Cheney und Rumsfeld anklagen, da Cheney so freimütig bei Fox zur besten Sendezeit geplaudert hat. Aber da diese Verbrechen gerade wieder aus den Medien verschwinden und auch unsere Mainstream-Medien so seltsam still zu diesen Neuigkeiten sind, wird auch hier nichts geschehen.

Aber eins werden wir uns nie wieder ruhigen Gewissens sagen können:

Dass der Westen die moralische Überlegenheit über Truppen wie ISIS hat.

Die Enthüllungen des Spiegels sind im Grunde genommen nicht mehr und nicht weniger als der vollständige Zusammenbruch und die umfassende moralische Bankrotterklärung des westlichen Bündnisses.

Wir werden uns nie wieder einreden können, dass wir „die Guten“ sind. DER Zug ist für immer abgefahren.

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5 thoughts on “Die Mär von der moralischen Überlegenheit des Westens

  1. Selbst einem Soldaten der Bundeswehr ist es nicht erlaubt, Befehle auszuführen, welche gegen Recht und Gesetz verstoßen, eine Lehre aus der Vergangenheit. Soviel zum Thema Befehlsnotstand!

  2. Bei solchen Diskussionen über die „Verbrecher“ der Taliban/ISIS sage ich immer dasselbe, wenn meine Familie weggebombt wird, weil mein Nachbar angeblich nen Taliban/Drogenproduzent etc. ist und meine Familie halt notwendiger Kolleteralschaden ist, dann würde ich mir auch eine Sprengstoffweste umschnallen, oder zumindest in den Krieg ziehen.
    Ich bin mir sicher, dass viele der heutigen Taliban/“Gotteskrieger“/ISIS etc. früher normale Menschen waren, denen durch die Verbrechen des Westens soviel Schlimmes angetan wurde, dass bei ihnen irgendwann im Kopf ein Schalter umgelegt wurde und sie nur noch Rache wollen. Wenn mir alles weg genommen wird, was mir wichtig ist, habe ich keinen Grund mehr zu leben ausser Rache und so wird eine unendliche Gewaltspirale erzeugt.
    Tantes richtiger Vorschlag die Verbrecher vor Gericht zu bringen wird leider nie umgesetzt werden, ich fürchte eher, dass in 50-100 Jahren die Geschichte uns lehren wird, dass damals der Grundstein für den WW3 gelegt wurde.
    Und ja leider sehe ich es wirklich so schwarz.

    • Der Grundstein zum WW3? Ich glaube der ist schon lange gelegt. Den haben sie quasi schon im Kalten Krieg mit Russland gelegt. Durch den „Gewinn“ des kalten Krieges ist er zementiert worden, weil da der Westen und vor allem die Amis sich für unbesiegbar hielten und sich nehmen könnten, was sie wollen.
      Die Frage ist nicht, ob es einen dritten Weltkrieg geben wird, sondern wann und wie der Auslöser sein wird!

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