Die Pegidarisierung Deutschlands?

Ich hab lange überlegt, ob ich was zu Pegida schreiben soll oder nicht. Das einzige, was mir bislang dazu einfiel war leider nur:

„Habt ihr noch alle Latten am Zaun???!?“

Jo, inzwischen geht es etwas spezifischer.

Pegida protestiert gegen die angeblich zunehmende Islamisierung des Landes. So beschämend es ist, das zuzugeben: Hier trägt tatsächlich George W. Bushs Kreuzzug gegen das „Böse“ schlechte Früchte.

Ich rede an der Stelle nicht von Salafisten. Das sind zum überwiegenden Teil Verbrecher und Volksverhetzer, die kann man prima mit den aktuellen Gesetzen in den Griff kriegen, so sie denn endlich mal angewendet würden. Ich rede von Otto-Normal-Muslim. DEIN Nachbar. DEIN Arbeitskollege.

Und von den Flüchtlingen, denn wie immer, wenn man als halbstarkes Großmaul die Schnauze aufreißt, dann darf ein „das Boot ist voll“ natürlich nicht fehlen. Wie das so ist als Halbstarker, der in der Gruppe ist: Der Schwächste wird gemobbt.

Fangen wir mal mit Muslimen an. Der Zentralrat der Muslime hat sich sehr explizit GEGEN den Islamismus der Salafisten gewandt. Was bitte sollen die denn noch tun? Soweit mir bekannt ist, laufen auf den Anti-Pegida-Demonstrationen auch jede Menge Muslime mit. Keiner von denen heißt die Salafisten gut. Ich kenne in meinem Umkreis jede Menge Muslime, um mal anekdotenhaft zu erzählen, die bei dem Begriff „Salafist“ ne Halskrause kriegen, dagegen sind meine Wutrants ein Frühlingsspaziergang.

Ich sehe auch nicht, dass eine der offiziellen Vereinigungen in irgendeiner Art die Provokationen und ständigen Verächtlichmachungen der Salafisten gerechtfertigt oder auch nur gutgeheißen.

Wenn wir jetzt noch Pierre Vogel und Sven Lau (den vor allem – der ist der gefährlichere von beiden, Vogel ist nur das Sprachrohr im Vordergrund) wegen Volksverhetzung drankriegen: Yay.

Und nun die Flüchtlinge.

Wir haben die unsägliche „Sichere Drittstaatenregelung“. Das heißt, wer hierherkommt und einen Antrag stellt, der hat schon zu Hause die Suppe wirklich am Kochen. Wenn derjenige, wie es gerade bei afrikanischen Flüchtlingen oft ist, über Lampedusa kommt, gibts eine Briefmarke auf den Rücken und das Flugticket nach Lampedusa.

Sichere Drittstaatenregelung. Lampedusa ist ein sicherer Drittstaat – sollen die Ithaker sich doch damit rumprügeln.

Ja, das Gesetz ist tatsächlich so verächtlich in alle Richtungen. Wieso? Na guckt doch mal kurz auf die Karte. Außer Österreich: Wo ist da kein „sicherer Drittstaat“? Es besteht eigentlich für Flüchtlinge keinerlei Möglichkeit mehr, auf dem Landweg hier Asyl zu bekommen. Das muss dann im „Einreiseland“ beantragt werden: Italien. Lampedusa.

Willkommen in der Festung Europa.

Diejenigen, die es bis hierher geschafft haben, können einen Asylantrag stellen. Damit hat man das Asyl noch lange nicht. Ich kenne nicht die aktuellen Quoten, aber ich glaube, 2012 waren es deutlich unter 10% der Asylanträge, die bewilligt wurden.

Mal aus dem Nähkästchen plaudern, was es bedeutet, wenn der Antrag anerkannt wird.

Ich habe vor 25 Jahren im Sozialamt gearbeitet. Mal hier mal da, ich war so ein bisschen Zuarbeiter für alles. Damals war es noch so, wenn ein Asylantrag anerkannt wurde, wechselte derjenige von „Asyl“ zu „Sozialhilfe“. Denn die Arbeitserlaubnis gabs ja erst mit der Asylbewilligung.

Einer der „Anerkannten“ war ein bulgarischer Schriftsteller. Er hatte sich (vor 25 Jahren war das noch ein Verbrechen) kritisch gegenüber der Regierung geäußert. Und als Dank hat man ihn dann ein wenig gefoltert.

Als ich ihn kannte, war er krumm, weil die gebrochenen Knochen nur unzureichend zusammengewachsen sind. Und er hatte keine Zähne mehr, die waren ihm herausgebrochen worden.

Der Mann hat sich wie ein kleines Kind gefreut, als er ein Gebiss hatte – nicht nur, dass damit auch die verbleibenden Zahnstümpfe weg waren und er wieder einigermaßen schmerzfrei leben konnte, er konnte auch endlich wieder „richtiges“ Essen essen. Nicht nur pürierte Kost, auf die er während seines Asylantrages angewiesen war. Denn das Gebiss gabs erst nach Anerkennung. Für Asylbewerber gab es nur die „notwendigen“ Krankenkosten. Gebissprothesen gehörten offenbar nicht zum Notwendigen. Der Mann starb vor gut 20 Jahren, er war mental hochgradig instabil, er neigte zu Aggressionen: Posttraumatische Belastungsstörung.

Und heute?

Heute reden wir von syrischen Bürgerkriegsflüchtlingen. Bürgerkriege, die WIR mit Waffen beliefern und an denen wir verdammt gut verdienen. Wir reden von afghanischen Flüchtlingen, Flüchtlingen aus einem Land, in dem WIR einmarschiert sind.

Und die Pegida-Demonstranten WAGEN es, diese Menschen als „Wirtschaftsflüchtlinge“ zu beschimpfen? Sie als „Schmarotzer“ zu titulieren? Während doch in Wahrheit WIR die Schmarotzer an IHNEN sind.

DAS hier sind die Menschen, die die Pegida-Demonstranten als Wirtschaftsflüchtlinge rauswerfen sollten.

Schämt euch. Schämt euch in Grund und Boden. Schämt euch! Schämt euch! Schämt euch so sehr, dass ihr euch nicht mehr aus der Wohnung traut. IHR seid die Schande. IHR seid die Schande und die Beschämung Deutschlands.

Jeder einzelne, der auf einer Pegida-Demo mitläuft, hätte auch die Geschwister Scholl ans Messer geliefert. Weil sie ja Unruhe stiften.

Schämt euch.

Und geht nach Hause. Wir brauchen euch hier nicht. Wir wollen euch nicht.

Ihr seid nicht das Volk. Ihr seid der peinliche kleine Bruder, den man lieber versteckt, weil er noch zu ungebildet ist, um zu wissen, was man „denn noch sagen können darf“.

 

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Soziales

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19 thoughts on “Die Pegidarisierung Deutschlands?

  1. Das Bild, was die Pegidas vermitteln (neulich waren mal einige O-Töne zu hören), ist in der Tat eine Katastrophe. Viele von denen haben offenbar keine Ahnung von dem, worüber sie schwadronieren. Manche können nicht einmal klar äußern, um was es ihnen eigentlich geht. Einer hat sogar geäußert, es ginge doch gar nicht um die Islamisierung. In Summe vermitteln sie den Eindruck eines wirren Haufens, der sich nur darin einig zu sein scheint, dass man irgendwie diffus gegen alles Fremde, vor allem gegen alles islamische ist. Letzten Montag wurden dann auch eindeutig dem rechtsradikalen Spektrum zuzuordnende Parolen skandiert, spätestens ab da muss sich jeder Demonstrant die Frage gefallen lassen, ob er rechtsradikale Positionen unterstützt.

    Was treibt die auf die Straße? Wenn ich mal zurückdenke, wie in den letzten Jahren und Jahrzehnten von der Politik mit den Themen Zuwanderung, Flüchtlinge und Asyl umgegangen wurde, nämlich angstschürend und ausgrenzend (wobei sich da vor allem die CSU hervorgetan hat, insbesondere Seehofer – müsste man den mal wegen Volksverhetzung anzeigen?), und Asyl und Zuwanderung als Problem darstellend, dann wundert es mich nicht, dass diese böse Saat jetzt Früchte trägt und viele Leute bei dem Thema extrem verunsichert sind. Dazu kommt, dass viele Menschen mit unserer Welt nicht mehr gut klarkommen und einfache Erklärungen suchen – die sie bei rechten, nationalistischen Bewegungen zu finden glauben. Die Erklärung lautet dann gerne mal „Die Ausländer sind schuld“. Schlagzeilen wie „Pleitegriechen“ helfen da auch nicht weiter.

    Natürlich ist jeder Mensch selber dafür verantwortlich, wofür er eintritt. Viele von den Pegidas scheinen aber gar nicht in der Lage zu sein, eine eigene Meinung zu entwickeln. Sie spüren aber, dass das, was als Meinung en vogue ist, nicht viel mit ihrem Leben zu tun hat. Und dann ist es einfacher, irgendwas nachzuplappern, als sich selber einen Kopf zu machen. Ich halte die meisten dort für Mitläufer. Das macht die ganze Geschichte natürlich nicht weniger häßlich.

  2. Sündenbockprinzip. Sind ja nicht nur die Pegidarianer, denen im Land so einiges schief zu laufen scheint. Für manche besteht die Lösung dann darin, sich eine identifzierbare Menschengruppe rauszupicken und auf die einzuprügeln. Eine Art geistiger Notausgang, weil die Wut raus muss und sich ein unpassendes Ventil sucht. Durch gegenseitige Bestätigung stabilisiert sich diese Ansicht dann.

  3. Ich erkenne Faschisten (vulgo: Nazis), wenn ich welche sehe; und das dort (nicht nur) in Dresden sind welche!

    • Alle die da mitlaufen sind Nazis? Na wenn das keine Pauschalisierung ala alle Ausländer die einreisen sind Wirtschaftsflüchtlinge (Schmarotzer) ist. Ihr verlangt Differenzierung macht es euch aber im Gegenzug sehr einfach. Damit spielt ihr den Leuten die wirklich rechts sind schön in die Karten.

      • Mitläufer sind letztendlich diejenigen, die den „Führern“ ihre Macht verleihen.
        Ich schrieb im Übrigen nur von denen, die Transparente entfalteten oder ihre Meinung verbal kundtaten, bei den anderen weiß ich nicht, welch Geistes Kind sie sind.

  4. Das habe ich ja oben versucht darzustellen. Ja, es laufen da Nazis mit, keine Frage. Davon hat´s ja hier in Sachsen leider reichlich. (und auch eine unselige Tradition). Etliche sind aber klassische Mitläufer. Wenn man sich die Bilder anschaut, sind da viele Leute dabei, die zumindest optisch ganz durchschnittlich aussehen. Leider machen die sich keinen eigenen Kopp, sondern lassen sich vor einen schmutzigen Karren spannen. Die 15.000 Teilnehmer pauschal als Nazis zu bezeichnen, trifft es meines Erachtens nicht wirklich, und trägt nur zur Eskalation bei. Bei der Gegendemo sind auch nicht nur Antifas und MLPD-Anhänger dabei.

    Das schlimme daran ist, dass diese dumpfe Ausländerfeindlichkeit mittlerweile aus der Mitte der Gesellschaft kommt – man muss heute kein Nazi mehr sein, um für so was auf die Straße zu gehen. Das ist das eigentliche Problem. Deswegen geht die pauschale Bewertung als Nazis auch daneben.

    • Dein Empfinden ist ein anderes als meines.
      Aber es ist mir ehrlich gesagt scheiß egal, woher diese Herrschaften kommen und warum sie so denken, wie sie denken, in meinen Augen sind sie mindestens verkappte Nazis – und ich urteile lediglich über jene, deren Äußerungen ich vernehmen durfte.
      Sorry – aber ich wiederhole es, wegen der „klassischen Mitläufer“ funktionieren Diktaturen (nicht nur in Deutschland) und ähnliches so perfekt.

  5. So, laut Polizei waren es 17.000 Pegidas und nur 4.500 Gegendemonstranten in Dresden – ist ja auch kein Wunder, wenn die Polizei den Schlossplatz so abriegelt, dass man von der Altstädter Seite nicht draufkommt, und nur über die Augustusbrücke hinkommt. Dann hat die Polizei wohl noch einen Trupp deutlich rechte Pegidas über den Schlossplatz zum Theaterplatz geschleust – was soll sowas?
    Zum Thema eindeutig rechts: Es waren wohl Menschen mit der Flagge der German Defence League zu sehen – wer´s nicht kennt, soll selber googlen. Das ist mal ziemlich eindeutig, auch wenn die gerne behaupten, es sei die Stauffenberg-Flagge (andere Farbreihenfolge). Dass die Braunen versuchen, Stauffenberg für sich zu vereinnahmen, macht es keinen Deut besser.

    Aber die Kulturleute waren gut drauf – die Beleuchtung an der Semperoper war aus, um der Pegida keine Kulisse zu bieten, und es wurde dieses Video draufprojeziert:
    https://www.youtube.com/watch?v=EV1isEdYlVs&feature=youtu.be
    Zudem waren die Fahnenmasten mit Fahnen bestückt, auf denen „Augen auf – Herzen auf – Türen auf – die Würde des Menschen ist unanstastbar“ zu lesen war.

    Ich hoffe, dass die Pegidas das nächste Mal auch wieder im Dunklen stehen. Es „fehlen“ noch die Banner mit dem Kästner-Zitat, die zum 13. Februar an einigen öffentlichen Gebäuden hängen.
    „An allem Unfug, der passiert, sind nicht etwa nur die schuld, die ihn tun, sondern auch die, die ihn nicht verhindern.“
    Zitate und Aphorismen – http://gutezitate.com
    Hier zum Beispiel:
    https://burkhardt.wordpress.com/2012/02/10/dresdner-kultur-gegen-rechtsradikalismus/
    Ursprünglich aus dem „Fliegenden Klassenzimmer“.

    • Das das Licht ausgeschaltet wurde, war der größte Blödsinn. Da bringen sie das nächste Mal Fackel mit. Das gibt ein gutes Bild in der Weltpresse…

  6. Super Artikel, ich hoffe du hast nichts dagegen, wenn ich davon ein etwas längeres Zitat verblogge. Bzgl. der Drittstaatenregelung kannste vielleicht noch diesen Link setzen, um das Leuten zu erklären, die nicht wissen, was die Drittsaatenregelung ist:

  7. Pingback: Tante Jay zur Pegidarisierung Deutschlands | -=daMax=-

  8. Pingback: Was bleibt. Das Blogger-Jahr 2014 | danares.mag

  9. Zum Thema das alle die mitlaufen böse und alle die nicht mitlaufen gut sind, empfehle ich den Text im unten genannten Link. Aber erst lesen und dann meckern.

    http://klwb.de/65364B
    Gesundes neues Jahr wünsche ich noch allen hier.

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