Vermackte Macken aber auch

Oh Mann, bitte. Was ist nur aus der Lesekompetenz der Leute geworden? *seufz*

Die Unterhaltung kann man hier auf Twitter mal genauer nachlesen.

Es ging der Humanistin offensichtlich darum, dass man sich politisch korrekt über Tugce äußert. Dazu gehört, dass sie keine Macke haben darf, weil das ja herabwürdigend ist.

Und dann bin ich noch nicht mal genderneutral. Böses ich aber auch. Okay, betreiben wir mal aktive Aufklärung, was Macken so sein können.

„Du hast ne Macke“ – wenn jemand was dummes gemacht hat. Und in diesem Kontext hat die Humanistin das auch sehr offensichtlich gelesen. Und damit war klar: Ich bin der Meinung, dass jeder, der Zivilcourage zeigt, ne Macke hat – und man sich besser heraushalten soll.

Lesekompetenz sieht deutlich anders aus.

Es ist dieser Satz, der die Humanistin aufregt:

Tugce war ein Mensch mit Fehlern und mit Macken – die haben sie wahrscheinlich auch überhaupt erst für andere eintreten lassen

Mit ein bisschen Textverständnis und ein bisschen weniger Aufgeregtheit hätte man schnell drauf kommen können: Das war nicht im Sinne der Eingangsmacke gemeint.

Tugce war kein kleines Kind mehr, sondern eine starke Persönlichkeit. Sie muss das gewesen sein, sonst hätte sie nicht die Füsse in den Boden gestellt und die Mädels versucht, zu beschützen. Man wird das nicht, indem man wie die Prinzessin auf der Erbse durchs Leben gegangen ist. Menschen, die Zivilcourage zeigen, haben eine Geschichte. Und die ist es, die mich interessiert. Der Mensch – nicht das Symbol.

Tugce ist keine Heilige. Sie ist in jedem Aspekt ein Mensch. Sie zu einem Symbol umzuwidmen, wird der jungen Frau einfach nicht gerecht.

Was die Humanistin da tut, ist jedoch genau das, was ich versucht habe, aufzuzeigen. Sie hat mich insofern sogar noch voll bestätigt.

Der Mensch Tugce verschwindet doch völlig hinter dem Symbol Tugce. Die junge Frau ist doch kein Symbol. Sie ist ein Mensch, der für seinen Mut einen viel zu hohen Preis bezahlen musste. Und es ist dem Symbol Tugce geschuldet, dass man z.b. jetzt eine Brücke nach ihr benennen will. Dass man auf einmal die Deutungshoheit über ihr Handeln übernehmen will.

Das Symbol Tugce ist mir egal, denn es hat mit der Realität nichts zu tun. Die Person Tugce ist es allerdings nicht – denn diese junge Frau, die etwas als falsch erkannt hat und versuchte, das zu verhindern, die ist sehr wohl nicht nur interessant, wir haben auch viel zu wenige davon.

Werte Humanistin: Deine Aufgeregtheit zeigt DEINE Macken. Macken haben wir alle. Man wird nicht erwachsen oder zu einer Persönlichkeit, wenn man glattgeschliffen ist, wie ein Kiesel. Jede Macke, jede Delle im Charakter, ist ein Aspekt, eine Facette in dem Edelstein „Mensch“ – der Edelstein, der er sein kann, wenn man ihn läßt und den das Leben zurechtschleift.

Doch Menschen, die anderen sagen, wie sie zu sein haben, damit sie in ihr Weltbild passen, gibt es bereits zu viele. Und viel mehr, als wir Menschen haben, die Aufstehen gegen Gemeinheit und Ungerechtigkeit.

Vielleicht solltest du damit aufhören? Humanismus bedeutet auch, den Menschen Mensch sein zu lassen und von Götzendiensten abzulassen. Und das ist wirklich schwieriger als man glauben mag.

Und die „Macke“ ist in diesem Kontekt nichts ehrenrühriges. Im Gegenteil.

Sie ist eine Ehrenbezeichnung.

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Soziales

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2 thoughts on “Vermackte Macken aber auch

  1. Humanismus, und den Begriff nimmt die Dame ja durch ihre Namenswahl offensichtlich für sich in Anspruch, ist mir in letzter Zeit zum bloßen Buzzwort verkommen. Mir scheint, der größte Teil derjenigen, die den Humanismus für sich gepachtet haben, hat sich nie ernsthaft mit dem Humanismus und schon gar nicht mit seiner Geschichte beschäftigt.

  2. Macken hat jeder Mensch, ich meide Leute, die zu wenige haben. Ich hab selbst welche, ein paar davon finde ich richtig gut, auch wenn andere diese zum Anlass nehmen, mich zu kritisieren. Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass Tugce davon geträumt hat, dass man eine Brücke nach ihr benennt.
    Ansonsten: Solche Leute wie diese Humanistin kann ich einfach nicht ernstnehmen, sorry.

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