Die kostenneutrale Menschlichkeit

Johann Westhauser ist aus der Höhle herausgezogen worden. Tagelang haben sich Rettungskräfte bis zum Rand der Erschöpfung abgemüht, um den armen Kerl aus 1000 m Tiefe wieder ans Tageslicht zu holen.

Ein kleiner Rant für alle Klugscheißer.

„Was das wieder kostet“ – als ob das ein Grund sein könnte, ihn da unten liegenzulassen.

„Was steigt der überhaupt da runter“? – duh: Wissenschaftler tun so etwas. Weil sie aus diesen Höhlen viel lernen können. Zum Beispiel über die Entwicklung der Erdgeschichte.

Vieles, was wir wissen, verdanken wir Menschen, die durchaus Risiken eingegangen sind.

„Man könnte mit dem Geld so vielen Menschen helfen, die es wirklich brauchen würden.“ Ach, und Johann Westhauser hat das nicht gebraucht? Nein? Der hätte da unten in der Höhle ruhig liegenbleiben und verrecken können?

„Sorry, Kumpel. Das war dein eigenes Risiko. Eine Rettung ist zu teuer, leider müssen wir dich jetzt hier unten lassen. Aber du kannst dir schon mal die Stelle aussuchen, wo du zu liegen kommst.

Direkt darauf angesprochen, was die Konsequenzen für diese strunzdoofen Sprüche aus dem Leben eines vollversicherten Sicherheitsfanatikers wären, will man „natürlich“ nicht, dass der Höhlenforscher unten bleibt.

Aber…aber…die KOSTEN.

Und da sind doch so viele, die Hilfe brauchen.

Newsflash:

Dann muss man denen eben auch helfen. Soweit möglich. Johann Westhauser hatte einfach Pech. Er hat als Wissenschaftler gearbeitet und wurde bei einem Arbeitsunfall verletzt. Darum dürfte für die Kosten auch die Berufsgenossenschaft einstehen. Dafür gibts die nämlich unter anderem

Wir brauchen Wissenschaftler wie Johann Westhauser, die auch mal kalkulierte (!) Risiken eingehen, um Dinge herauszufinden. Es ist ein Märchen, dass man Erkenntnisse dadurch gewinnt, indem man den Bäumen beim Wachsen zuguckt und über die Welt sinniert.

Wissenschaftliche Erkenntnisse sind Puzzlespiele. Es gibt viele, die die Teile zusammentragen und andere, die sie zusammensetzen. Manchmal sind das auch dieselben – das ist so im Leben.

Aber rumzustänkern, was „der denn da in der Höhle zu suchen hätte“ und über irgendwelche Kosten zu jammern, die einen überhaupt nix angehen:

PFUI TEUFEL.

Ihr seid die neoliberalen Buchhalter, die menschliches Leben nach dem pekuniären Wet bemessen.

Und ihr seid abstoßend.

 

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Soziales

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7 thoughts on “Die kostenneutrale Menschlichkeit

  1. Kosten dürfen kein grund sein, jemandem nicht zu helfen.

    Der einzige Grund, der imho zählen würde, wäre, wenn die Leute die man runterschickt, um ihn zu holen, Gefahr laufen würden selbst nicht wieder hochzukommen. Dann wäre es die Sache dieser Leute zu entscheiden, ob sie runtergehen oder nicht.

  2. Nach dieser Argumentation dürfte man auch nicht in’s Weltall starten, Chemieexperimente durchführen u.ä.

    Die Neocon-Proleten sind doch die, die auf ne Skipiste gehen und sich auf die Fresse packen – ja, sorry, kostet Geld, bleibste halt unabgeholt.
    Wie? Du hast Dich mit Deinem Porsche auf’s Maul gelegt? Sorry, Du, Dich da aus’m Graben holen, Du, das ist viel zu teuer.

    PS: Der Porsche darf durch ein beliebiges anderes Fahrzeug erseztzt werden, aber mit „Trabbi“ wirkts nich so schön 😀

  3. Erinnert mich ein bisschen an die, die bei der Ice Bucket Challenge auf den Plan traten, über die heillose Wasserverschwendung jammerten und Bilder von kleinen, afrikanischen Kindern posteten, die nichts zu trinken haben. Mag man von der Ice Bucket Challenge halten, was man will, aber über einen Eimer Wasser auf diese moralisierende Art herumzumeckern, hat so etwas von Erbsenzählertum, das mich auf die Palme bringt.

    Es gibt immer Menschen, die es besser wissen, und dazu gehören meiner Meinung nach auch die, die sich über das „rausgeworfene“ Geld für die Rettung eines Menschen ereifern. Das tun sie von ihren Sofas aus, aus ihrer wohlhabenden Bequemlichkeit, die es ihnen erlaubt, sich moralisch zu erheben. Wenn’s drauf ankäme, würden sie auch gern gerettet werden, ganz unabhängig davon, ob sie selbst schuld sind, wenn sie mit Flip-Flops an den Füßen im Gebirge wandern waren.

  4. Schlimmer noch als solche Stammtischparolen finde ich die Urheber dieser Geisteshaltung, die sich gedanklich wieder zur Leibeigenschaft und zum Wergeld zurückentwickeln. Wer sich über die Rettung von Johann Westhauser so wie beschrieben aufregt, ist eher auf Stammtischniveau – aber diese Parolen werden durch eine entsprechende Geisteshaltung, die zunehmend überall sichtbar wird, ja erst nach oben befördert. Wie war das bei dem Politiker (von der AfD?), der Hartz-IV-Empfängern das Wahlrecht absprechen wollte? Oder von den ungezählten widerwärtigen Vergleichen von Menschen mit Ungeziefer (Schmarotzer und Parasiten hat man ja nicht nur einmal gehört)? Die Einteilung der Menschen in nützlich und unnütz ist bei vielen schon längst vollzogen, und da ist es dann auf eine abartige Weise konsequent, bei so einem Unfall wie dem von Westhauser zu dem Schluss zu kommen, dass er halt jetzt zu teuer wird. Bei Schumacher habe ich solche Stimmen nach seinem Skiunfall nur selten gehört… Für die Menschheit sind die Westhausers letztlich wertvoller als die Schumachers, weil schnell im Kreis fahren die Menschheit nicht weiterbringt, Erkenntnisse zur Erdgeschichte und zur Geologie schon (jedenfalls prinzipiell). Nichtsdestotrotz darf man hier im Falle eines Menschen, der in Not geraten ist (eine Schuldfrage zu stellen, ist nicht angemessen), nicht anfangen, als kleinlicher Buchhalter aufzutreten, und seinen möglichen künftigen Wert gegen die Kosten der Rettung aufzurechnen. Jedes Menschenleben ist ein Wert an sich, der nicht mit Geld zu beziffern ist. Wer diese hart errungene Einsicht aufgibt, gibt einen enorm wichtigen moralischen Wertekompaß aus der Hand. „Die Würde des Menschen ist unantastbar“ heißt es da in einem unbedeutenden Gesetz – nicht ohne Grund. Ein Menschenleben mit Geld aufzurechnen, entwürdigt den Menschen.

  5. Es ist ein Märchen, dass man Erkenntnisse dadurch gewinnt, indem man den Bäumen beim Wachsen zuguckt und über die Welt sinniert.

    Nicht? Dann muß ich ja mein Leben doch noch ändern …

    Übrigens: 6000 EUR sind wir immerhin dem BND pro Monat wert gewesen. Also so insgesamt, mein ich … (Schamlose Werbung)

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