Out of Africa

Liberia, Guinea und Sierra Leone gehören zu den ärmsten Ländern dieser Erde. Eine funktionierende Infrastruktur ist nicht oder nur rudimentär vorhanden. Schulbildung für die meisten unerschwinglich und unerreichbar und eine ärztliche Grundversorgung existiert nicht.

Bürgerkriege haben beide Länder vernichtet. Sie werden in der Liste „gescheiterter Staaten“ geführt. Freiwild. Auch für den Westen. Die Blutdiamanten Sierra Leones haben traurige Berühmtheit erlangt. Die Bodenschätze Sierra Leones sind frei für jeden, der sie verteidigen kann.

Und während Liberia zumindest unter Präsidentin Sirleaf erste Schritte unternahm, um eine Konsolidierung zu erreichen, ist in Sierra Leone die öffentliche Regierung völlig zusammengebrochen.

Und jetzt: Ebola. Eine hochansteckende Krankheit, die in den meisten Fällen (gut 80%) zum Tode führt. Ungeachtet aller Vorsichtsmaßnahmen.

Die ersten die in den Ländern starben, waren die Ärzte und das Pflegepersonal, die versuchten, sich gegen die Gewalt der Krankheit zu stellen – vergeblich.

Krankenhäuser mit modernen Isolierstationen in der Anzahl, die notwendig wäre, um die Menschen zu isolieren? Aussichtslos.

Es gibt Geschichten von Menschen, die erkrankte Familienmitglieder aus dem Krankenhaus abgeholt haben, um sie selbst wieder gesundzupflegen. Sie haben nicht überlebt. Andere haben die Krankenhäuser angefleht, die Familienangehörigen aufzunehmen. Sie wußten, der Kranke würde sterben, aber sie unternahmen den verzweifelten Versuch, den Rest der Familie vor Ansteckung zu schützen.

Das Leid für die Überlebenden ist unermesslich.

So erklärt es sich, warum sich die Ebola-Epidemie nahezu ungehindert in den beiden Ländern ausbreiten kann. Es fehlt an allem, was die Epidemie stoppen könnte. Effiziete Isolation, Medikamente, um das Leid der Kranken zu lindern und begleitende Therapien, um die Symptome zu bekämpfen, denn es gibt derzeit noch keine zugelassenen Medikamente gegen das Virus, nur Medikamente im Experimentalstadium.

Ellen Sirleaf ist bei der UNO vorstellig geworden, sie kann ihr Land, Liberia, nicht mehr retten, die Weltgemeinschaft muss helfen. Und tut es: Kuba fliegt zum Beispiel 165 Ärzte und medizinisches Pflegepersonal in die Krisenregion. Sie tun das in vollem Bewußtsein der Risiken. Ob sie gezwungen werden zu gehen, damit das kubanische Regime besser dasteht – möglich, aber nicht wahrscheinlich.

Extremsituationen bringen oft das Beste im Menschen hervor. Und das schlechteste.

Deutschland schickt 10 Millionen Euro und kauft sich – wie so oft – aus der Verantwortung heraus. Und dann gibt es noch einen Virologen, der sehr deutlich mit markigen Sprüchen und harscher Kritik auffällt, aber mit wenig konkreten Vorschlägen – und die würde ich von einem Virologen doch zumindest erwarten.

Als die WHO versuchte, mit experimentellen Medikamenten zumindest versuchsweise das Leid einzudämmen, kam von Dr. Schmidt-Chanasit harsche Kritik. Man solle doch besser die Leute isolieren anstatt zu menschlichen Versuchskaninchen zu greifen. Er brachte ethische Bedenken ins Spiel, weil man nicht genügend Medikamente für alle habe. „Wer soll sterben und wer nicht?“

Ich gestehe, ich habe den Doc verteidigt. Es sah ja auch so einleuchtend aus: Es ging um Versuchsreihen. Nicht darum, Leid zu mildern. Isolierung ist das Ziel. Die Kranken von den Gesunden isolieren. Und er klingt ja auch eloquent.

Seit gestern habe ich mich mal etwas mehr eingelesen. Nicht in den medizinischen Bereich, das können andere besser als ich. Mich hat interessiert, wie es dort aussieht. Und vor diesem Hintergrund wirkt Dr. Schmidt-Chanasit unerträglich zynisch und desinteressiert. Denn:

Es *geht* dort nicht mehr. Die Menschen in den betroffenen Gebieten sterben wie die Fliegen, buchstäblich. 4.000 offizielle Tote – aber die Dunkelzffer ist immens. Keiner weiß, wie es in den schwer erreichbaren Gebieten außerhalb der Städte aussieht, man hat den Spiegel-Bericht gesehen: Die Leute werden an den Krankenhäusern abgewiesen, weil sie schlicht voll sind. Und zu Hause kann man sie nicht isolieren, die Folge: Die Seuche verbreitet sich weiter.

Von Deutschland aus hört sich der Isolierungsvorschlag großartig an. Vor Ort hingegen eher nicht mehr. Denn es fehlt dort selbst an den grundlegenden Dingen.

Die 10 Millionen aus Deutschland – sie werden verpuffen. Aber sie sind ja auch nicht dazu gedacht, zu helfen. Sie sollen das schlechte Gewissen befriedigen.

Hier. Bei uns. Doch helfen wird es dort voraussichtlich keinem einzigen Menschen. 10 Millionen sind nicht viel – und das meiste wird leider in den korrupten Kanälen versickern.

Herr Dr. Schmidt-Chanasit: Wie soll man Tausende isolieren? Zehntausende, an die man nicht einmal herankommt?

Das weiß auch Dr. Schmidt-Chanasit offenbar nicht. Denn heute hat er sich wieder zu Wort gemeldet. Es ist bezeichnend, dass man ihn in ausschließlich im Boulevard findet, alle einigermaßen seriösen Medien haben ihn nicht zitiert (auch wenn das nur eine Frage der Zeit sein wird).

Diesmal mit der Einschätzung: „Die Seuche wird ausbrennen„. Der Ebola-Stamm, der gerade wütet, hat, wenn ich das richtig sehe, eine Quote von 80%. So hoch ist mindestens die Chance, dass man an dem Virus stirbt. „Ausbrennen“ bedeutet in dem Fall: Eindämmungsmaßnahmen haben versagt, man kann nur noch die Anrainerstaaten schützen, indem man die Grenzen dichtmacht und hinterher, wenn alles vorbei ist, aufräumt und guckt, wer noch da ist.

Guinea: 9,7 Millionen Einwohner
Sierra Leone: 5,61 Millionen Einwohner
Liberia: 3,4 Millionen Einwohner
Zusammen: 18,71 Millionen Menschen. Bei einer vorsichtigen Schätzung von 80%, die an der Krankheit sterben und der Annahme, dass sich jeder infizieren wird, reden wir hier von über 10 Millionen Toten. Nur die Ebola-Toten. Diejenigen, die sterben, weil sie an anderen Krankheiten leiden, aber nicht behandelt werden können, sind hier nicht eingerechnet.

Mit kurzen, dürren Worten hat ein Arzt aus Deutschland, der gerne Interviews gibt und der offensichtlich keinerlei Verlangen hat, sich aus seinem sicheren Büro herauszuwagen, 10 Millionen Menschen zum Tode verurteilt. Ich kann ihn nicht für seinen fehlenden Willen verurteilen, sich in das Krisengebiet zu wagen. Das ist eine Entscheidung, die jeder Mediziner nur selbst treffen kann. Und wenn er sich dagegen entscheidet, ist das völlig in Ordnung und keiner darf darüber richten. Aber: Man sollte dann auch nicht das Maul zu weit aufreißen.

Das ganze überschrieben mit „Ich verliere die Hoffnung“ – Herr Dr. Schmit-Chanasit: Um Hoffnung verlieren zu können, muss man erstmal welche gehabt haben. Alles in allem war bislang keine der Äußerungen, die ich von diesem Arzt gelesen habe, sonderlich konstruktiv sondern zum Teil unfassbar destruktiv.

Wisst ihr:

Ich halte mich lieber an Ärzte wie das kubanische Kontingent. Die quatschen nicht dummes Zeug.

Die handeln.

Es bleibt dabei: Extremsituationen bringen manchmal das Beste im Menschen hervor.

Und manchmal das schlechteste.

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Soziales

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5 thoughts on “Out of Africa

  1. Auch wenn es jetzt irgendwie verschwurbelt klingt, wir erleben da grade, was einen Teil unserer Besessenheit von Zombiecalypsen ausmacht: Eine tödliche, hochansteckende Seuche, die wir aus verschiedenen (größtenteils selbst verursachten Gründen) nicht in den Griff bekommen und die macht uns Angst.
    Ja, Afrika ist nicht um die Ecke, aber es ist noch immer auf demselben Planeten und so nach und nach fragt sich der eine oder andere: Würden wir damit fertig? Und dann ist da noch diese kleine quiekende Stimme, ganz weit hinten, die fragt: Lassen wir nicht irgendwie die Leute in Afrika doch hängen? Wäre nicht mehr an Hilfe machbar?

      • Wahrscheinlich, weil bei vielen diese Stimme von anderen übertönt wird, die fragen:
        „Was kostet das?“, oder wahlweise „Wieviel Profit lässt sich daraus schlagen?“

  2. gerade bei den ersten damal zur „Prüfung an Menschen“ vorgeschlagenen potentiellen Medikamenten war IIRC das Problem, dass die Herstellung weiterer Dosen, selbst wenn es erfolgreich ist, Monate dauern würde.

    Damit war die Abschätzung eine andere: jetzt *möglicherweise* einige Dutzend retten, aber auf jeden Fall einem erhöhten Risiko aussetzen (wobei das bei 80% Mortalität bei Ebola naturgemäß gering ist), um dann wenn es wirkt tatenlos zuzusehen, wie hunderttausende weiter infiziert werden während möglicherweise weitere Maßnahmen unterbleiben „wir haben ja was“ und „wenn das zu uns kommt sind wir gewappnet“. Oder die Menschen nicht als Versuchskaninchen zu nutzen und massiv auf Isolierung zu gehen.
    Eine massive Isolierungskampagne kostet enorm Geld, ebenso die Herstellung ungeprobter Medikamente. Mit zehn Millionen kommt man in beiden Fällen nicht weit…

    Zudem muss auch wenn ein Medikament irgendwann existiert trotzdem ein riesiges Gebiet untersucht werden, weitere Kranke (möglicherweise aus Angst versteckt) gefunden etc. Wer das machen soll ist mir schleierhaft. Aber immerhin haben wir dann was, wenn es „zu uns kommt“. Was ja der Grund ist, warum in den USA die Forschung an Ebola-Medikamenten überhaupt in größerem Umfang finanziert wird.

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