Schottlands Stolz

Die Schotten waren schon immer ein eigenes Völkchen. Widerstandsfähig und vor allem zur Hochzeit der Clane unabhängig und wild wie kaum ein anderer.

Der Jakobitenaufstand unter Bonnie Prince Charles, die Unfähigkeit der Clane zur Zusammenarbeit und fatale strategische Fehlentscheidungen führten zur Niederlage von Culloden, die aber den Untergang der alten Clanstrukturen nur noch unterstrich. Die nachfolgende Gewaltherrschaft und brutale Unterdrückung durch den Herzog von Cumberland zementierte die Veränderungen. Schottland hatte sein Gesicht verändert und wurde Teil des Britischen Reiches.

Ganz zufrieden waren die Schotten nie darüber. Es gab immer Bestrebungen und vage Wünsche, das Britische Reich verlassen zu können, doch ein weiterer Aufstand wie unter Bonnie Prince Charles stand außer Frage. Die Schotten haben zudem im irischen Bürgerkrieg gesehen, wie die Briten mit Unabhängigkeitsbestrebungen verfuhren. Notfalls wurde das auch im 20. Jahrhundert mit Waffengewalt niedergeschlagen.

Dennoch: Das unterschwellige Rumoren ließ nie nach. Und ich bin damit aufgewachsen, immer mal wieder sporadisch von einem Schotten zu hören, der doch lieber wieder unabhängig in einem eigenen Schottland wäre, anstatt Teil des Britischen Reiches zu sein.

Doch eins sind Schotten auch: Pragmatisch. Unter Thatcher brauchte man das nicht versuchen. Die eiserne Lady hätte womöglich höchstpersönlich jeden Schotten mit ihrem Bügeleisen geplättet, der es gewagt hätte, ein Referendum anzustoßen.

Es brauchte die richtige Zeit, den richtigen (weil schwachen) Prime Minister in London und die richtigen politischen Verhältnisse.

David Cameron ist unzweifelhaft einer der schwächsten Premierminister der letzten 40 Jahre. Was der Mann anpackt – es wird zu einer Katastrophe. Selbst in England nimmt ihn kaum noch einer ernst.

Hinzu dämmert den Leuten allmählich, dass sie komplett am Londoner Tropf hängen. In dem Moment, wo der Bankensektor in London zusammenbricht, wird Großbritannien mit einem Schlag noch unterhalb des griechischen Rankings stehen. Außerhalb des Londoner Großraums gibt es fast keine Industrien mehr, produziert wird in diesem Land außer Öl und Autos fast nur noch Nahrung. Großbritannien ist auf dem Weg vom Industrieland zum Agrarland mit Bankenanschluß.

Vor diesem Hintergrund muss man die schottische Unabhängigkeitsbestrebung sehen. Großbritannien wird sich noch ein paar Jahre durchwursteln können, aber die nächste Finanzblase wird das Land über die Themse wuppen. Auch die völlig andere Mentalität der Briten führt zu konstanten Spannungen. Ausländer, die in England wählen können? Unvorstellbar. In Schottland Realität. Die dort wohnenden Ausländer dürfen mitwählen.

Schottland ist zudem pro-EU. Die Engländer traditionell dagegen. „Hier ist meine Insel, was schert mich der Kontinent“ ist die Grundhaltung vieler Engländer.

So erklärt sich auch die knappe Mehrheit, die in Umfragen für den Austritt aus dem Staatenbund und die Unabhängigkeit, allen voran die Highlands. Die Schotten wollen einfach nicht mehr. Und sie wollens lieber selbst versuchen als weiter von einer Regierung, die sie nicht gewählt haben und die sie auch nicht gewählt hätten, bevormunded zu werden.

Die Ausgangslage ist knapp. Die „YES“-Votes sind erstmalig knapp vornedran.

Die Konsequenzen jedoch, die sich aus Schottlands Austritt ergeben, stehen auf einem völlig anderen Blatt. Englands Verbleib in der EU, der eh wackelig ist, wird damit noch fraglicher. Irland, seit Jahrzehnten auf Unabhängigkeit bedacht, wird seine Unabhängigkeitsbemühungen weiter verstärken. Auch die Länder des Commonwealth könnten sich überlegen, dass es ohne Queen vielleicht besser wäre. Was die Schotten können, können die Australier und Neuseeländer doch schon lange.

Wenn Schottland wirklich aus dem Staatenbund austritt und London das zuläßt (bzw. nach einem positiven Referendum zulassen muss), kann sich die politische Landschaft Europas, die festzementiert schien, innerhalb kürzester Zeit völlig verändern.

Tja, und dann?

Ich wünschte, ich wüsste es.

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3 thoughts on “Schottlands Stolz

  1. Dazu hatte fefe vor ein paar Tagen diesen Link, der sich wirklich lohnt:
    http://www.bbc.co.uk/news/special/2014/newsspec_8699/index.html

    Wenn Schottland tatsächlich unabhängig würde, könnte das erhebliche Folgen haben, nicht nur für das dann nicht mehr „Vereinigte“ Königreich. Das würde auch den Katalanen beflügeln und könnte auch in Belgien die Separationsbestrebungen stärken. Dann wäre es umso dringender, Europa als einen föderalen, supranationalen Staat zu begreifen und umzubauen. Das ist natürlich eine Perspektive von Jahrzehnten, aber Landesgrenzen sind teils willkürlich und zufällig entstanden und haben keine Ewigkeitsgarantie. Wenn die Bevölkerung sagt, nee, das wollen wir nicht mehr, dann ist das eben so.

  2. Soweit ich gehört habe, wollen sie durchaus die Queen als Staatsoberhaupt behalten, eben nur keine Regierung mehr aus London.

  3. Jo, ich denke die wollen zwar aus dem UK raus, aber Teil des Commonwealth bleiben. Aber das wird sich zeigen.

    Quasi wie Kanada und Australien noch Teil des Ganzen aber in allen Belangen Eigenständig von London.

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