Ferguson-Blues

bisschen spät – aber trotzdem aktuell.

Ferguson, ein kleiner Ort im County St. Louis. Eigentlich sollte hier alles ruhig sein. Die Menschen gehen ihrem Tagewerk nach, die Kinder zur Schule und abends trifft sich die Familie am heimischen Esstisch.

Doch für einen Jungen wird es das nicht mehr geben. Michael Brown wurde von einem Polizisten erschossen.

Er war achtzehn Jahre alt. Und er war unbewaffnet.

Ferguson ist eine typische amerikanische Kleinstadt, die aber eine Besonderheit aufweist. Sie hat etwas über 20.000 Einwohner, davon fast 68% afro-amerikanisch. Knapp 30% sind weiß, der Rest ein kunterbunter Haufen aller möglichen Ethnien.

Die Verwaltung jedoch wird von Weißen dominiert. Das Ferguson Police Department besteht aus insgesamt 82 Mitarbeitern, 54 davon sind ausgebildete Police Officers. Drei davon sind afro-amerikanischer Herkunft. Drei von 54.

Dieses Missverhältnis hat offenbar schon längere Zeit für Spannungen innerhalb der Stadt gesorgt. Hinzu kam, dass einige der dort angestellten Police Officers bereits eine recht lebhafte Vergangenheit haben.

Die Erschießung des unbewaffneten Teenagers, ohne ersichtlichen Grund, hat dann das Fass zum überlaufen gebracht. Die Begründung, er hätte einen Ladendiebstahl begangen ist nicht haltbar. Denn weder wußte der Polizist von dieser Anschuldigung, noch hat der Ladeninhaber deswegen die Polizei gerufen. Das war ein Kunde in dem fraglichen Laden, der die Rangelei zwischen dem Kassierer und dem Jungen beobachtet hat.

Doch das, was jetzt schlaglichtartig an die Oberfläche kommt, hat viel tiefere Wurzeln und scheint unausrottbar. Der Rassismus, nie wirklich verschwunden, bricht wieder hervor und zeigt sich in der breiten Öffentlichkeit in seiner ganzen abstoßenden Hässlichkeit.

Um das zu verstehen, muss man weit in die Vergangenheit zurückgehen. In das Jahr 1857. Der amerikanische Supreme Court urteilte im Fall Dred Scott vs. Sandford, dass Schwarze:

“beings of an inferior order, and altogether unfit to associate with the white race, either in social or political relations, and so far inferior that they had no rights which the white man was bound to respect.”

Es war die Zeit der Sklaverei. Doch einige Staaten hatten die bereits abgeschafft. Scott Dred lebte mit seinem “Master” in einem Staat, das keine Sklaverei mehr kannte. Ein Sonderstatus, denn gekauft wurde er in einem Sklavenstaat. Dred Scott wollte, dass seine Kinder frei aufwuchsen und hoffte, sich freiklagen zu können. Er zog bis vor das Oberste Gericht und scheiterte.

“Had no rights which the white man was bound to respect”

Das ist der Kernsatz, der die amerikanische Gesellschaft bis heute zeichnet. Der das Verhältnis zwischen Afro-Amerikanern und Weißen festlegt. Der bis heute den Rassismus zementiert.

Die gesetzlich festgelegte Rassentrennung konnte von Martin Luther King jr. durchbrochen werden, der Preis den er dafür zahlte, war hoch: Er wurde ermordet.

Doch die Rassentrennung in den Köpfen war nie verschwunden, sie wurde lediglich von der Political Correctness notdürftig kaschiert.

Wie sieht die Situation heute aus?

Alle 28 Stunden wird ein afro-amerikanischer Mann von einem Polizisten erschossen. 313 waren es alleine in 2013. Das Problem ist schwerwiegend genug, um einen eigenen Eintrag in der Wikipedia zu erhalten. Nein, nicht alle Fälle sind auf Polizeikriminalität zurückzuführen, aber genügend, um erschreckend zu sein.

Die amerikanische Inhaftierungswelle von 2 Millionen Menschen, die zu einem überwiegenden Teil afro-amerikanische Männer betrifft, wird von ranghohen Bürgerrechtlern bereits als “Schürfen des Schwarzen Goldes” bezeichnet, ein treffender Begriff, sind viele doch in privaten Gefängnissen untergebracht, die davon leben, dass sie umso profitabler sind, je voller sie sind.

Der Bildungsstandard der afro-amerikanischen Bevölkerung ist erheblich unterhalb des Durchschnitts. Kaum eine Familie kann sich die aberwitzigen Schulgelder für eine vernünftige Ausbildung leisten. Damit direkt verknüpft ist das vielfach erhöhte Armutsrisiko der schwarzafrikanischen Bevölkerung. Ein Teufelskreis: Geringere Bildung – weniger Chancen im Job bzw. Jobs, die nicht ausreichend bezahlt werden – höheres Risiko, straffällig zu werden.

Dafür haben sie den höchsten Anteil an HIV-Infektionen in den USA, aber weniger Zugang zu den Medikamenten. Die Polizei macht offen Jagd auf schwarze Männer – weil sie es kann. Wenn ein Polizist einen Weißen erschießt, dann verliert er seinen Job. Erschießt er einen Schwarzen, kann er sich problemlos auf Selbstverteidigung berufen.

Man sieht genau das gerade sehr genau in Ferguson. Zwei Polizisten haben einen weiteren Mann erschossen. Geschehen wird ihnen nichts. Dass es auch ausgereicht hätte, dem Mann ins Bein zu schießen oder ihn zu tasern, weil kein Polizist es hinnehmen muss, dass sich ihm jemand mit einem Messer in der Hand nähert: Das wird nicht thematisiert.

Es ist völlig in Ordnung, den Mann gezielt zu töten, wenn er sich so den Polizisten nähert. Die Verhältnismäßigkeit wird nicht mehr hinterfragt. Es war ja doch eh nur ein schwarzer Dieb. Die beiden Polizisten wurden vorübergehend in den Innendienst versetzt, bis die Umstände geklärt sind. Davon bitte nicht täuschen lassen. Wäre man wirklich überzeugt, dass die Cops überzogen hätten, dann hätte man sie vorübergehend suspendiert und Internal Affairs die Sache übergeben.

Die Versetzung in den Innendienst ist die amerikanische Form des Merkelschen Aussitzens. Sobald die Situation sich beruhigt hat, gehen die beiden wieder auf die Straße.

Damit einher geht die Darstellung des Opfers, Michael Brown, in den Medien. Es wird nicht der Junge gezeigt, der gerad die High School abgeschlossen hatte und sich auf sein erstes Jahr im College vorbereitete. Gezeigt wird ein “Gangsta”. Sehr hervorgetan haben sich hier die Sendungen von Fox News, wo sich ein furchtbares Bild nach dem nächsten anreihte, gefolgt von den Vermutungen, dass Michael Brown einen Ladendiebstahl begangen hat. Immer wieder wurde seine „bedrohliche“ Erscheinung thematisiert und dass der „arme Polizist“ gegen den massiven Jungen nichts hätte ausrichten können außer ihn erschießen.

Rechtfertigt ein Ladendiebstahl die Erschießung eines Teenagers, selbst wenn er sie begangen hat? Diese Frage wurde ebenfalls nicht gestellt. Und was sagt das über einen Menschen aus, der sich von einem vor ihm mit erhobenen Händen knienden Menschen, der um sein Leben bettelt, so bedroht fühlt, dass er ihn erschießt?

Rassismus ist inzwischen in den USA wieder gesellschaftlich anerkannt. Der Weg führt in eine neue Segregation. Und möglicherweise einen neuen Bürgerkrieg, wenn nicht allmählich anerkannt wird, dass Schwarze systematisch diskriminiert, ausgeschlossen und unterdrückt werden. Nach wie vor. Fast 150 Jahre nach dem Ende des amerikanischen Bürgerkriegs.

Ferguson hat gezeigt, wieviel sozialer Sprengstoff sich angehäuft hat, der jederzeit detonieren kann. Wenn nicht die Menschen langsam anfangen zu begreifen, dass die Hautfarbe eines Menschen nichts über seinen Charakter, aber sehr viel über seine Chancen in der Gesellschaft aussagt, dann wird es weitere Unruhen geben.

Jemand sagte, dass die Ausschreitungen in Ferguson bürgerkriegsähnlichen Charakter haben. Dem stimme ich nicht zu.

Wenn nicht schnell etwas geschieht und zwar nachhaltig, war Ferguson erst der Anfang.

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Soziales

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5 thoughts on “Ferguson-Blues

  1. Revolution?
    Lass mich ma kurz lachen!
    Sind zu sehr damit beschäftigt, zu jammern und ein paar Geschäfte zu plündern.
    Selbst wenn es dazu kommen sollte, was glaubst du, wie schnell es dann nicht mehr nur 2 (313) von der Staatsgewalt getötete Schwarze gäbe, sondern hunderttausende?

    • Da wäre ich mir nicht so sicher. Da schwelt es schon eine Weile. Und auch die Schwarzen sind bewaffnet.

      Wenn es knallt werden die Hauptbetroffenen in der Tat die Schwarzen sein, aber sie werden nicht die Einzigen sein.

      Es wird anschliessend auf jeden Fall nicht mehr das Land sein das wir kennen. Egal wie es ausgeht.

      • Mal schauen!
        Wird sicherlich noch n bissi Ärger geben, aber das wird sich im Sande verlaufen, wie schon so oft.
        Notfalls ruft der (weiße) Gouverneur des Staates nie Nationalgarde zu Hilfe – oh schiet – hat er schon 😉

    • Einfach genug töten, das funktioniert ja auch im Palästina Konflikt und den Amerikanischen „Interventionsgebieten“ im arabischen Raum.

      Ich denke eher, wenn sie diese Taktik fahren, dann wird es erst richtig rund gehen.
      Was man bei der Taktik immer gerne vergisst, jeder davon hat einen Vater, Bruder, Sohn, Schwager, Cousin, Onkel und/oder desgleichen.
      Und wenn man mal eine gewisse Linie überschritten hat, hat man eigentlich nur noch eine Möglichkeit, alle von dieser „Gruppe“ zu töten.wäre die einzige Lösung die man hat, einfach mal jeden dieser Ethnie los zu werden.

      Ich denke, die Plünderungen dürften auch damit zu tun haben, das sie darin eine Chance sehen über die Runde zu kommen.
      Also eigentlich nichts mehr zu verlieren haben und Leute die nichts mehr zu verlieren haben, sind die gefährlichsten Gegner, die laufen auch einfach mal zu Hunderten auf eine Maschinengewehrstellung zu, selbst wenn links und rechts von ihnen Leute umfallen. Und die die durchkommen, haben kaum noch Hemmungen.

  2. Das ganze Thema ist immer noch brandheiß und beschränkt sich nicht nur auf Rassismus.
    Weitere Punkte sind die Militarisierung der Polizei gegenüber der Bevölkerung, die Accountability der Polizei und die Medienlandschaft.

    Wenn man so den englischen Berichten gefolgt ist (den deutschen Medien traue ich hier mal nichts richtiges zu ausser das wiederkäuen) tun sich Ungerechtigkeiten ohne Ende raus:
    – Nicht-Weiße werden unverhältnismässig oft von der Polizei kontrolliert und auch für Nichtigkeiten belangt, bei denen Weiße einfach durchgewunken werden (Equipment stops)
    – Ebenso können sich scheinbar wohlhabendere auch bei Verkehrsverstößen (moving violations und co) mit Geld rauskaufen und werden dafür nicht weiter belangt bzw. verfolgt
    – nicht so vermögende werden dafür dann mit weiteren Gerichtskosten belegt, Knast und Einträgen ins Polizeiregister (Führungszeugnis)

    Ferguson füllt wohl einen nicht geringen Teil seiner Kassen mit Strafen, Bussgeldern und Co. Da sieht es die Stadt und Polizei natürlich darauf ab mehr in die Kasse zu holen und dies lohnt sich richtig bei denen, die sich nicht angemessen wehren können (hohe Anwaltskosten), denen die schon „vorbestraft“ sind (Verbrecher tun verbrecherische Dinge) und denen die sio sowieso auf dem Kieker haben.

    FOX-News war ja auch gleich wieder an erster Stelle, um von Rassismus zu schreien, also ihrer Form davon, bei dem die Weißen von Verbrechern und Bürgerrechtler verfolgt und bedroht werden. So wird aus einem unbewaffnetem angehenden Studenten ein raubmörderischer Thug der nichts anderes verdient hat und man froh seien sollte das der aus dem Verkehr gezogen wurde.

    Die Accountability der Polizei ist vollkommen lachhaft in den USA. Wenn hier mit der Dienstaufsichtsbeschwerde gedroht wird, da wird in den USA sich nur ins Fäustchen gelacht. Die sogenannte „thin blue line“ steht für das bedenkenlose Zusammenhalten von Polizisten um einen der Ihren zu schützen/decken.
    Gerichte und Staatsanwälte vertrauen der Polizei absolut, auch wenn Kameras das Gegenteil beweisen wird den Polizisten mehr Vertrauen geschenkt, es war dann nur ein Versehen, die sind doch ausgebildet, vertraut denen doch.
    Gute Cops decken fraglos schlechte Cops. Internal Affairs und dergleichen hält sich scheinbar an die selbe Linie und wenn etwas aufgebauscht wird, wird das sorgfälltig unter den Teppich gekehrt, sorgsam monate- und jahreland untersucht und dann zu einem gefälligen Abschluss gebracht.

    Namensschilder? Aber da könnte ja jeder herkommen.
    Dashcams? Oh, die waren grad kaputt.
    Bodycams? Das verstößt gegen meine Privatssphäre als Polizist im Dienst.

    Dann kommt ja auch immer sowas raus das bei „Stop resisting me“ der Schädel des Opfers dem Polizeischlagstock einfach so entgegengesprungen ist, mehrfach. Oder wie auch vor kurzem in Ferguson die Strafanzeige das Bluten auf die Uniform mit aufführt als Sachbeschädigung und dergleichen.

    Weitere Accountabillity-Schwächen sind dann solche Sachen, das man als Zivilist sofort Aussagen soll, am besten und Druck/Zwang, aber ein Polizist erst mal mehrere Tage Zeit hat sich zu sammeln, mt der Gewerkschaft und den Anwälten zu reden bevor dieser sich zu etwas äussern muss.

    Auch das Michael Brown wohl dann erstmal einen längeren Zeitraum tot rumlag (einige meinen so ~4h) bevor dann mal wer mit einem Krankenwangen und zur Untersuchung kam. Schliesslich muss man sich als Polizist erstmal verständigen und sein Motiv klären und seine Story straight zu bekommen.
    Auch das dem Polizisten dann spontan schwerste Verletzungen hatte, die niemand im Krankenhaus belegen konnte und die ihm auch nicht anzusehen waren. Ein Textbuch-Fall eines schweren Jochbeinbruchs, im wahrsten Sinne des Wortes, denn die Röntgenbilder die als „Beweis“ vorgelegt wurden entsprangen einem Sachbuch zu Brüchen.

    Das in den USA immer mehr Polizeireviere besser ausgestattet sind als Einheiten im Kriegsgebiet ist ein weiterer Punkt. Hinterhalts- und minengeschützte Truppentransport werden an die Polizei fast verschenkt. Und Sturmgewehr, Granatwerfer und Vollkörperrüstung sind auch selbstverständlich.
    Wenn man diesen Kram rumliegen hat dann muss das natürlich auch alles mal benutzt werden und so eskaliert dann gerne mal jeder Pippifax in einen kleinen Krieg. Tränengas als ABC-Waffe fällt eigentlich unter das Chemiewaffen-Verbot, aber gegen die eigene Zivilbevölkerung ist das okay und wird wie Kamelle verteilt.
    Die Polizei wird martialischer und jeder Westentaschen-Rambo will einen auf Macker machen, siehe Waffen auf Menschen richten (selbst Soldaten frisch aus dem Einsatz sagen, dass das ein großes NO-GO ist was jeder an der Waffe ausgebildete wissen sollte) und jeden der „frech wird“ damit dann auch zu bedrohen.
    Dann noch der Overkill wo Unmengen an Munition rausgepulvert wird um „Verbrecher“ zu stoppen, halt mal 6 Schuß auf nen Unbewaffneten oder halt mal 100 Schuss in ein Auto das nicht stoppen will und Zahllos andere Gelegenheiten bei denen einfach drauflosgeballert wird. Auch immer mit dem Motto „Huch ein Schuss! Ich auch! Ich auch!“.
    Dazu kommt dann noch, das selbst wenn ein Polizist einen „Fehler“ macht, er von seinen Kollegen gedeckt wird und das Opfer doch bitte klagen soll wenn es sich im Recht fühlt.

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