Depressionen

„Bin heute etwas depressiv“ hört man recht häufig, wenn die Leute etwas gedämpfterer Stimmung sind. Und man hört dann als Antwort nahezu genauso häufig etwas, was aus der Reihe „Reiß dich z’samm, geht allen mal beschissen“ fällt.

Oft ist es geschrieben worden, man kanns nicht oft genug wiederholen: Mit „reiß dich z’samm“ ist es nicht getan.

Ulf hat für die Depression den Begriff „die Schwarze Lady“ gewählt. Und ich wüsste nicht, wie man das besser machen kann. Der Depression ein Gesicht geben. Denn: Hat sie sich einmal in dein Leben geschlichen, bleibt die Schwarze Lady. Sie geht nie mehr ganz weg.

Der Kampf gegen sie ist ermüdend. Buchstäblich. Bei mir liegt offenbar eine mittelgradige Depression seit der Kindheit vor. Ich kenne es also nicht wirklich, wie es ist NICHT depressiv zu sein. Der Kampf gegen die Schwarze Lady ist Teil von mir, ich kann nicht anders.

Und doch gab es Zeiten, wo sie fast gewonnen hätte. Wo ich am Fenster stand und überlegte: Springste? Wärs vorbei.

Ich bin nicht gesprungen. Aber keiner wird je erfahren, wie verführerisch die Vorstellung ist, der Schwarzen Lady nachzugeben. Hinterhältig ist sie, verstohlen. Sie flüstert dir ein, dass du nichts wert bist und die Welt ohne dich besser dran ist. Und irgendwann glaubst du das.

Ich habe gelernt, mit der Schwarzen Lady zu leben. Sie ist kein gerngesehener Gast, aber ich weiß, dass sie immer wieder vorbeischaut. Und dass sie immer wieder versuchen wird, mich herunterzuziehen. Manchmal gelingt es ihr, so wie heute. Dann habe ich auch gelernt, kein Motorrad zu fahren. Zu gefährlich ist es. Zu groß die Gefahr von Übersprungshandlungen.

Denn ich habe auch gelernt: Wenn die Schwarze Lady genug hat, geht sie wieder. Was sie jedoch hinterläßt, ist Müdigkeit, Trauer um etwas, das ich nicht einmal benennen könnte. Und da sie auch Energie saugt wie ein Vampir, gibt es Tage, wo ich nicht weiß, wie ich aus dem Bett kommen soll. Geschweige denn an meinen Stories arbeiten.

Und es gibt Tage, so wie heute, wo eine Nachricht mich völlig aus dem Gleichgewicht bringt. Ich kannte Robin Williams nicht. Ich kannte nur seine Filme. Doch die Clownsmaske, hinter der er seine Schwarze Lady verborgen hat, die kenne ich selbst nur zu gut.

Das Lachen des Clowns ist oft nur deshalb so laut, damit man das Weinen nicht hört und die Tränen für Lachtränen hält. Lachen und Weinen ist bei sehr vielen dicht beieinander. Und manchmal lacht man, damit man nicht weinen muss. Man spielt den Clown, damit keiner sieht, das es einem schlecht geht.

Denn eins schwächt zumindest mich noch weiter: Ratschläge. Ich bin dann damit beschäftigt, die Ratschläge abzuweisen. Nett, aber eben: Nein. Denn ich lebe mit der Frau seit fast 45 Jahren – ich kenne sie. Ich weiß, wie sie arbeitet. Und ich habe meine Strategien. Wenn ich Hilfe brauche, rufe ich. Und das mit klar artikulierten Worten.

„Du musst…“ sind Sätze, die mir nicht helfen, die mich aber noch weiter herunterziehen. Meine Selbständigkeit habe ich mir hart erkämpft, und ich bin gerade dabei, mir auch den letzten Rest meiner Selbständigkeit zurückzuholen. Jeder Vorschlag, der mir sagt, was ich zu tun habe, torpediert das sehr massiv. Ich sehe, dass die Leute besorgt sind – aber das hilft nichts. Ich weiß, was ich brauche und wie ich es brauche. Und ich habe meine Zeit, dass anzugehen. Sollte das nicht reichen – dann ist das so. Ich kann es dann nicht ändern.

Es ist wie es ist. Das Leben, mein Leben, ist, wie es ist.

Und das unterscheidet mich vielleicht von Robin Williams (vom Komikertalent mal abgesehen): Ich hole mir mein Leben zurück. Stück für Stück. Es ist ein Kampf und er wird mit ungleichen Waffen ausgeführt. Aber ich hole es mir zurück.

Robin Williams hat gekämpft und er hat verloren. Ich klage ihn deswegen nicht an, denn ich weiß, wie hart dieser Kampf ist. Ulf hat gekämpft und beinahe verloren. Er kämpft weiter, mit Klauen und Zähnen, jeden verdammten Tag.

Und wer da draußen noch gegen die Lady kämpft: Gebt nicht auf. Es lohnt sich, auch wenn man es momentan nicht sehen mag.

Denn das Leben ist durch nichts zu ersetzen. Und es ist sowieso schon so verdammt kurz.

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Soziales

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11 thoughts on “Depressionen

  1. LOL? genau über dieses Thema hatten wir uns heute in der Maßnahme unterhalten…

    Depression, der schwarze, große Hund, der sich bedingt erziehen läßt. Und dann die Ausnahme-Situation, in der du drauf und dran bist, dem ganzen Scheiß hier ein Ende zu bereiten. Wo du gegen dich selbst und den Köter kämpfst.

    Und dann Tage, an denen du dich so frei und leicht fühlst, an denen diese plötzliche Trauer und Einsamkeit so surreal und nicht existent erscheinen. Spricht man über dieses Thema, kommen von allen Seiten: „Wenn du reden möchtest…“

    Reden hilft dann selten, nur einfach ein Ort, an dem man sich flüchten und Menschen in der Nähe sind, aber einem in Ruhe lassen mit dem gutgemeinten Helfen…

  2. Ja, die schwarze Lady hat mal bei mir zur Untermiete gewohnt und hat ständig meinen Kühlschrank leergefressen und die Toilette verstopft. Zum Glück konnte ich sie erstmal rausschmeißen, aber ab und zu schaut sie doch nochmal bei mir vorbei und will mir den Tag vermiesen.

    Zum Glück weiß ich jetzt, wie ich sie relativ schnell wieder loswerde, auch wenn es nicht immer einfach ist. So oft steht sie hinter der nächsten Ecke und lauert auf einen schwachen Moment von mir.

    Was muss Robin Williams gelitten haben, wenn er den Kampf doch verloren hat. Ich war auch nicht weit davon entfernt, die Lady gewinnen zu lassen, aber ich habe es gepackt. Er hat es leider nicht geschafft. Was müssen für Kämpfe in ihm gewütet haben. Suizid ist nie eine einfache Sache. Bevor es dazu kommt, wird ein schlimmer, zermürbender Kampf mit sich selbst ausgetragen. Und Robin Williams hat nun diesen Kampf verloren. Wie fürchterlich muss es ihm gegangen sein.

  3. Mmh,
    momentan nimmt man einen Freitod als Ursache an. Man weiß es aber nicht.

    Depressionen sind Mist, ganz eindeutig. Hast du auch gut beschrieben. Und ja, es läßt sich wahrscheinlich nicht nachempfinden, wenn man sie nicht einmal selbst empfunden hatte. Erklärbar sind sie nur schwer – und meist versteht es niemand so recht.

    Und es trifft – wenn ich das so sehe – vielfach hoch intelligente Leute. Keine Ahnung, ob es dazu irgendwelche Zahlen oder Statistiken gibt – aber irgendwie scheint dieser Personenkreis anfälliger dafür zu sein.

    • Nein, der Suizid ist soweit bestätigt. Die Auffindesituation plus der Ausschluß von Fremdverschulden lassen keine andere Möglichkeit zu

  4. Respekt an alle, die diesen Kampf jeden Tag kämpfen, und Respekt dafür, dass ihr euch traut, darüber zu berichten, trotz des dämlichen Tabus, mit dem psychische Krankheiten noch immer belegt sind. Zu lesen, zu hören und vielleicht ein wenig zu verstehen macht es uns Zurückgebliebenen, die niemanden mehr haben, an die sie ihre Fragen richten können, ein kleines Bisschen einfacher.

    Und: Jedes dieser unsäglichen „Nimm dich zusammen!“ oder „Du kannst das, wenn du nur genug willst!“ verdient eigentlich ein Highfive. Mit einem Stuhl. Ins Gesicht. Meine persönliche Highfive-Antwort für besonders renitente Deppen sieht an einem guten Tag ungefähr so aus: „Meine Mutter hat sich auch zusammengenommen. Sie ist sogar mit ihrer kleinen Tochter noch lachend ein Eis essen gegangen. So sehr hat sie sich zusammengenommen, dass sie ihrer Tochter sogar noch eine Erklärung geliefert hat, wieso sie jetzt ins Haus gehen und sie alleine lassen musste. Nur das mit dem Fenster im fünften Stock, das hat sie merkwürdigerweise nicht erwähnt.“ Danach ist es immer wieder überaus faszinierend festzustellen, wie viele Varianten von „So hab ich das doch gar nicht gemeint!“ existieren.

  5. „Nimm dich zusammen“ –
    als ob sich etwas „zusammen nehmen“ könnte, das selbst nicht zusammen ist …

    Einem anderen Nachrufenden wurde dies in einem Kommentar:

    „Du hast dich sehr mit dem Problem eines anderen Menschen beschäftigt, wie ein anderer Mensch.
    Du wirkst dabei ausgeglichen, sogar in deiner Kritik, die damit Substanz und (Be)Achtung erfährt.
    Deine Traurigkeit teilt sich so leise nicht nur mit, sondern auch auf.
    Zu leben ist mit dem, was man hat, egal wieviel davon.
    Was man nicht hat, ist auch nicht verwendbar, kann weder irritieren noch stören – und darin liegt jede Hoffnung, für jeden.
    Für Robin Williams lag sie, nun nicht mehr.“

  6. @Wolf-Dieter says: 13/08/2014 at 23:26

    „Depression erkennst du daran, dass du sie nicht erkennst, sondern unvermutet springst.“

    Hm, im ersten Teil des Satzes „erkennst“ du etwas, im zweiten Teil erkennst du genau dieses „etwas“ nicht, und im dritten Teil führst du eine Handlung auf den ersten Teil, der durch den zweiten aufgehoben wurde, zurück.

    Das ist mir zu viel pillepalle, muß so zu „Knochenbrüchen“ führen.
    Und was „Unvermutet“ mit Depris zu tun haben soll, weiß ich auch nicht, bisher ist mir nur das Gegenteil bekannt, das krasseste Gegenteil von „unvermutet“

    Springen – muß jeder irgendwann, keiner bleibt verschont, halt nur: wann

  7. Der Kiezneurotiker verlinkte nach hier, und ich bin dem Link neugierig gefolgt, weil es für mich immer interessant ist zu sehen, wie andere Menschen die Depression erleben. Schwarze Lady, ja. Für mich das Loch, der Abgrund, der sich auftut und dazu verleitet, unbedacht oder resigniert oder müde oder auch in voller Absicht den Schritt in die fatale Richtung zu tun.

    All dies „Du sollst…!“ und „Du musst doch nur…!“ und „Stell Dich nicht so an!“ (die Lieblingsvariante meines Vaters) ist es, die Menschen meiner Meinung nach erst so richtig in die Arme der Schwarzen Lady treibt. Es beginnt irgendwann ganz früh einmal mit einer nicht akzeptierten Traurigkeit, öfter noch einer Wut, und dann kommt das Sollen und Müssen und Nicht-in-Ordnung sein.

    Rezepte gegen die Schwarze Lady habe ich mir auch zur Genüge anhören müssen. Als ob jemand, der sie ab und an einmal in den Augen seines Gegenübers vorbeihuschen sieht und damit nur ihr flüchtiges Abbild zu Gesicht bekommt, sich ein Urteil darüber erlauben könnte, wie man mit ihr umzugehen habe.

    Überhaupt, Urteile.

  8. Pingback: Recht hat er… | Zurück in Berlin

  9. Es ist jetzt zwanzig vor eins in der Nacht,ich habe eine Kleine Tochter, die um halb sieben wieder wach ist und ich weiss genau, das ich den morgigen Tag kaum überstehen kann. Und trotzdem kann ich nicht schlafen und lese mir hier einige Texte im Blog durch.
    Warum?
    Weil ich nicht nachdenken will und kann. Weil ich morgen zu müde sein muss, um über den Tag zu kommen, denn wenn ich nachdenke, denke ich über Dinge nach, die nicht gut sind.
    Die schwarze Lady. Als Lady würde ich sie nicht bezeichnen und bei mir ist sie nicht schwarz sondern grau. Schwarz hat noch zuviel Ausdruck.
    Rezedivierende Depression, mittelschwer. Ich will nicht wissen, wie eine schwere Aussieht. Und doch sind meine Ärzte oft überrascht, wie es tatsächlich in mir aussieht. Eine Collage sollte ich machen. Nach der Besprechung der Collage wurde ich jeden Tag gefragt, ob es mir wirklich gut geht.
    Man sieht es mir nicht an. Mein Mann sagt, er vergisst es immer. Meine Schwiegermutter sagt: Dir geht es doch gut, Du hast doch alles: Familie, genug Geld, um nicht vor Sorgen umzukommen, eine tolle Tochter.
    Und sie hat Recht. Aber das hilft mir nicht. Es geht mir eher schlechter dadurch, weil es darf mir ja nicht schlecht gehen, warum tut es das trotzdem?

    Die Welt tut mir leid, da sie um einen Schauspieler und Menschen wie Robin Williams ärmer wurde, aber Robin Williams hat es geschafft.

    Und ja, ich hab nächste Woche nen Termin beim Arzt. 😉

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