Moderne Hysterie

Wenn jemand anders als gewöhnlich herumläuft, reagieren wir schon mal seltsam. Man lacht, man macht sich lustig.

Aber das man mit Angst reagiert? Im ernst?

Im idyllischen Städtchen Rottweil am Inn lief über mehrere Tage ein Mann im Mönchsgewand umher. Die Lokalblätter stürzten sich auf Fotos, Schüler behaupteten, sie hätten „Alpträume“ bekommen, der Rektor einer Schule hatte seine Schüler angewiesen, sofort die 110 zu rufen, wenn sie den Mann sehen würden.

Dabei ist der nur über eine Wiese gelaufen. In ungewöhnlicher Kleidung.

Er ist ein Cosplayer. In seinem Fall eine Verkleidung aus Assasins Creed.

Er ist doch nur über eine Wiese gelaufen. Hat niemanden angesprochen. Keinen bedroht.

Und doch fühlten sich die Leute bedroht. Weil er so ungewöhnlich war.

Dies ist einer der Fälle, wo das ungewöhnliche harmlos und das gewöhnliche bedrohlich ist. Was wäre geschehen, wenn sich der Mann vor einer Schule gezeigt hätte? Wenn er an einer Schule vorbeigelaufen wäre, ganz normal. Zu einer Zeit, wo die Eltern die Kinder zur Schule bringen?

Hätten sie ihn gehen lassen? Angesichts der aufgeheizten Stimmung?

Wohl kaum. Das geringste was passiert wäre, wäre wohl, dass man ihn „zur Rede gestellt“ hätte.

Dafür dass er in ungewöhnlicher Kleidung über eine Wiese gegangen ist.

Ob diejenigen, die so eine Panikmache betrieben haben, sich jetzt etwas zurücknehmen? Ob sie etwas gelernt haben?

Sehr wahrscheinlich nicht. Wahrscheinlicher ist doch, dass sie sich jetzt, wo die Polizei das Kostüm „beschlagnahmt“ hat (er hats freiwillig abgegeben), die Leute gegenseitig auf die Schulter klopfen, dass sie die potenzielle Bedrohung so schnell erkannt haben.

Die Decke der Zivilisation ist dünn.

Und kann bei der geringsten Belastung reißen.

 

Send to Kindle
Soziales

Flattr this!

19 thoughts on “Moderne Hysterie

  1. Du hast vollkommen recht, Tantchen. Die Decke der Zivilisation ist dünn. Nur ist das den Leuten nicht bewusst, sie halten sie für eine Selbstverständlichkeit. Sie sind sich nicht bewusst, dass es morgen schon wieder ganz anders aussehen kann.

    Kürzlich hat eine Bekannte auf die Frage, was denn normal sei, geantwortet: „Halt das, was die Mehrheit dafür hält“. O.o

    Ich habe darauf erwidert, dass 50% der Menschen männlichen Geschlechts sind und die anderen 50% weiblich. Was ist denn da normal?

    Normal ist ein gefährliches Wort, das oft unachtsam gebraucht wird. Denn die „normale“ Mehrheitsmeinung muss nicht immer die richtige sein. Es gibt genug Beispiele in der Geschichte, die dies zeigen. Nur wollen die Leute nichts draus lernen. Und nur weil die Schafe alle blöken „Four legs good, two legs bad“ muss das nicht bedeuten, dass sie alle recht haben.

  2. Als ich jung war, gab es noch echte Nonnen mit Tracht. Sehr selten sehe ich sogar noch jetzt welche. Die meisten Nonnen, die ich in meinem Leben kennengelernt habe, laufen in gewöhnlicher dezenter Kleidung herum. Einmal habe ich beim Einkaufen auch eine im Jogginganzug gesehen.

    Mönche in Kutte habe ich in meinem Leben viel seltener gesehen als Nonnen in Tracht. Dafür sehe ich in Hannover mittlerweile nicht nur Frauen (die durch Verschleierung auffallen), sondern auch Männer in orientalischen Gewändern. Vielleicht ist es einfach ein Glück in der Großstadt zu wohnen.

  3. Ich denke, ich werde Hannover demnächst mal in nem Wikingeroutfit unsicher machen, nicht alleine und mit passendem Gebahren und Geruch selbstverständlich.

    😀

    Ich freu mich!

  4. In einer anderen Quelle war zu lesen, dass jemand ein Messer bei ihm gesehen hätte, später wurde ein blutiges Messer daraus. Was wohl passiert wäre, wenn ihm ein paar übereifrige und ängstliche Jungpolizisten ein paar Warnschüsse ins Bein (Nasenbein, Stirnbein, Jochbein) verpasst hätten, nur um hinterher festzustellen, dass Zeugenaussagen gerne mal ausgeschmückt werden…

    • Nun stelle dir vor, er hätte ein echtes, allerdings stumpfes, riesengroßes Schwert bei sich getragen…
      (was im übrigen sogar in Deutschland erlaubt ist)

      • Jain (iirc) der Transport zu und von Sportveranstaltungen ist erlaubt. Auch wenn du im freien trainierst ist das ok. Ähnlich wie Baseballschläger.

        Willst du es ohne besonderen Grund tragen können brauchst du eine Sondergenehmigung. Die ist aber recht einfach zu bekommen da deine Gemeinde die Ausstellen muss wenn du ein berechtigtes Interesse z.b. Brauchtum oder Mitgliedschaft im Mittelalter und oder Kampfsportverein nachweisen kannst.

        Funktionsfähige Armbrüste müssen einen Beschussschein (oder wie der hieß) von deinem lokalen Schießeisenamt haben auch da hilft es wenn man berechtigtes Interesse nachweist.

        Feste und diverse Veranstalltungen sind ausgenommen wie z.B. Fussballspiele da muss man iirc mit dem Veranstallter reden.

        Kann aber auch sein das ich mich irre. Durch diverse umzüge kam ich lange nimmer dazu zu trainieren.

        • Nope – Armbrüste dürfen ohne Genehmigung geführt werden, ebenso Deko- oder Zierschwerter, sofern du sie z.B. zu einem Mittelalterfestival mitnimmst.
          Besitzen darfst du sowohl das eine, wie auch das andere ohne Genehmigung!
          Wenn man, nicht nur als Cosplayer, mit soetwas außerhalb von Veranstaltungen herumlaufen möchte, sollte man ggf. auf einfache Holz-, Plastik- oder Pappreplika zurückgreifen, insbesondere auf solche, mit denen niemand verletzt werden kann.
          Wobei letzteres schwammig ist, denn ich kann auch mit nem Holzbesenstiel jemandem den Schädel eindrücken 😉

  5. Erster Blick aufs Foto: Assinis Creed. Tippe mal eher auf Altair, als auf Ezio.
    Blick auf den Artikel: Mönch? Äh …? Mönchskutten sehen aber komplett anders aus, sahen schon immer anders aus und abgesehen davon: Wie bedrohlich soll so ein Zistersensier sein? Bewirft einen Wirtschaftsprognosen oder was? Und nochmal: Kein Mönch läuft so rum oder ist so je rumgelaufen.
    Zwei Tage später: Okay, Sommerloch kann tief sein, aber das ist nun echt lächerlich. Könnte man nicht was Seriöses ausgraben, wie das Ungeheuer von Loch Ness?

  6. Wo sind eigentlich die ganzen besorgten Bürger und Polizisten um Pfingsten rum in Leipzig gewesen?

    Da war ja „anders“ der Normalfall.
    Und da sind auch eher mal Leute mit verwechselbaren Gegenständen unterwegs.

    „Ihh da is was unbekanntes. Den sollten die Wachtmeister ins Zuchthaus werfen.“
    Rottweil, eine Bastion der Zivilisation

  7. 😀
    Ich muss sagen, ich kann da nichts anderes als drüber lachen. Sonst müsste ich weinen. Ich habe in meinem Bekanntenkreis ziemlich ausgiebig darüber diskutiert, insbesondere auch über den Begriff der gesellschaftlichen Normen und das Thema „Normal“ und „Durchschnitt“.

    Keiner.
    Wirklich keiner von denen kann sich ernsthaft und ohne irgendjemanden, in diesem Fall verwickelten (ausgenommen den Kostümierten), für dumm zu halten, erklären, wie diese Sache wirklich abgelaufen sein muss.
    Gerade Assassins Creed ist doch durchaus ziemlich bekannt inzwischen, insbesondere mit der Hauptfigur und ihrer Optik.
    Einzige Entschuldigung, die man gelten lassen kann: Gerüchteküche.

    Aber dass quasi ein so großer Topf aufgemacht wird, dass das Ganze nicht bloß in der Zeitung landet, sondern auch noch amtliche Diskussionen auslöst, ist schon… sagen wir: unüberlegt.
    Mag sein, dass es Städte gibt, in denen man so etwas gewohnt ist. Aber letzten Endes sind auch die Menschen dort aufgerufen, ihr Hirn zu benutzen.

    @susanna14:
    Das mit den Nonnen kann ich ebenfalls beobachten. Allerdings freuen sich die Damen und Herren sehr, wenn man sie nicht nur einfach anstarrt oder fotografiert (kommt ja oft genug vor), sondern stattdessen grüßt.
    Ich kann mir vorstellen, dass man den Habit irgendwann nicht mehr mit Stolz trägt, wenn man immer das Gefühl haben muss nicht mehr als eine Touristenattraktion zu sein.

    • Es gibt ja unterschiedliche Orden. Die Nonnen, die ich persönlich kennengelernt habe, gehörten alle Orden an, denen es darauf ankommt, in der Welt aktiv zu sein. Ich habe sie nicht extra gefragt, aber mein Eindruck war, dass sie das Gefühl hatten, mehr tun zu können, wenn sie nicht gleich durch die Kleidung auffallen. Allerdings trugen sie ein Kreuz an einer Kette (auch zum Jogginganzug.)

  8. Pingback: Die Angst vor dem Nonkonformen | König von Haunstetten

  9. Es gibt (oder zumindest gab) Polizisten, die sich mit LARP-Waffen hauen lassen, um deren Ungefährlichkeit zu prüfen.

    Ich war hier im Stadtpark mal in so einer Situation, daß andere Parkbesucher die Polizei riefen, weil sie befürchteten, daß wir uns oder anderen die Köpfe einschlagen würden. Also kam die Streife und bat uns, zu erklären, was wir da tun. Und ob unsere bedrohlich aussehenden „Waffen“ eine Gefahr seien.

    Erklärungen reichten nicht, es sollte demonstriert werden. Auch die Warnung, daß der Beamte voraussichtlich einen blauen Fleck davontragen würde, hielt ihn nicht auf. Also nahm der Größte der Gruppe einen der mit Schaumstoff ummantelten Plexiglasstäbe zur Hand und zimmerte mit aller Kraft auf den dargebotenen Polizeibeamtenoberschenkel.

    Der dazugehörige Beamte krümmte sich, machte „Uhhh!“ und sagte „Okay, Sie dürfen weitermachen.“

    Das war aber auch vor 9/11…

bestellt folgenden Kaffee