Aloisia

Ein comicfreak hat mir ein Buch geschickt. Aloisia – Eine Hebamme spielt Schicksal von Roswitha Gruber.

Kurzform: Aloisia ist Hebamme in einem Dorf kurz nach Kriegsende. Es gibt noch Erbbauernhöfe, und die Bauern brauchen die Stammhalter, damit sie die Erblinie fortführen, auf die sie ebenso stolz waren wie die Adeligen, denen einst das Land gehörte.

Die Stammbäume wurden gut gepflegt. Mein Vater hat noch eine alte Familienbibel, die über viele Generationen zurückgeht.

Und hier beginnt die Misere der Gumperbäuerin. Sie hat viele Kinder, doch alles Mädchen. Der ersehnte Stammhalter ist nicht dabei. Die Autorin beschreibt recht eindrücklich den gesellschaftlichen Druck, dem sich die Bäuerin ausgesetzt sah, weil sie „nur“ Mädchen gebar, keinen Jungen. Und es ist nicht so, als würde sie sich zur Wehr setzen. Jeder sah auf sie herab, die Mutter ohne Sohn. Alle Leistungen waren nichts gegen ihr Unvermögen, einen Sohn zu bekommen.

Als sie mit ihrem letzten Kind in die Wehen gerät, wird es dramatisch. Wie üblich in solchen Romanen. Schneetreiben, kein Auto, nur ein Karren, kein Telefon, nichts. Die Hebamme muss die werdende Mutter ins Krankenhaus bringen, wo sie sich mit einer zweiten Geburt konfrontiert sieht. Zwillinge, doch die überforderte junge Frau will keine Zwillinge. Ein Kind reicht ihr völlig.

Die Gumperbäuerin bekommt den ersehnten Sohn, doch es ist eine Totgeburt. Und dann trifft Antonia die Entscheidung. Sie tauscht zwei Kinder aus. Ein Lebendes gegen das Tote. Die Gumperbäuerin, selig über den Sohn, bemerkt nichts.

Und die Erleichterung der anderen Mutter, jetzt doch nur für ein Kind sorgen zu müssen, ist unübersehbar.

Roswitha Gruber erklärt die komplizierten Familienverhältnisse der 50er und 60er Jahre beinahe im Vorbeigehen. So leicht wird es erzählt, man überliest fast die massiven Differenzen zwischen den Vätern und den Söhnen, die alle beide nicht die vorgezeichneten Wege gehen, die ihre eigenen Wege gehen, den dickköpfigen Vätern, die völlig andere Pläne hatten, zum Trotz.

Wie sich alles auflöst, stimmt versöhnlich.

Das Buch ist ein schönes Sittengemälde einer Zeit, in der die BRD nahezu erstarrt war und die neue „Hippie-Bewegung“ die heile Welt der 50er aufbrach. Sie schildert quasi nebenbei die Konflikte innerhalb der Familien, aber vor allem zeichnet sie ein authentisches Frauenbild dieser Zeit, wo die Mutti noch dem erwachsenen Sohn die Wohnung putzte und wo der Mann tatsächlich noch der Herr im Hause war.

Es ist ein Rückblick in eine andere Zeit, wo Frauen noch anders waren. Dabei wird diese Zeit nicht wie so oft bei reaktionären Romanen vergöttert. Sondern sie wird nüchtern, sachlich geschildert, in einer Sprache, die eingängig ist und gut zu lesen.

Die Frauen von Frau Gruber sind keine Vorbilder. Das wollen sie nicht sein. Sie sind Frauen ihrer Zeit, die sich mit den Gegebenheiten arrangieren.

Wie wir alle das tun.

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2 thoughts on “Aloisia

  1. ..ich sagte ja, das Buch liest sich gut, obwohl Titel und Klappentext zuerst abschreckend nach Schmonzette riechen 😉

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