Gut vs. Böse

Nur mal die Prioritäten hier klarkriegen.

Amerika = böse, Russland = gut?

Nichts könnte weiter von der Realität entfernt sein.

Wir müssen vor allem aufhören, Staaten nach „gut“ und „böse“ einzuteilen. Staaten haben keinen Charakter und keine Persönlichkeit, die „gut“ oder „böse“ sein könnte. Staaten sind übergeordnete Konglomerate, die ein gewisses Territorium für sich beanspruchen.

Mit Begriffen wie „gut“ und „böse“ kommt man nicht weiter. Sie sind verallgemeinernd und vereinfachen komplizierte Sachverhalte unzureichend.Russland ist an der Eskalation in der Ukraine nicht alleine schuldig. Daran hat unsere Regierung genauso Anteil (siehe diese strunzdumme Möchtegern-OSZE-Spionageaktion), aber auch die US-Administration hat via NATO kräftig Öl ins Feuer geschüttet. Die NATO dürfte recht wenig ohne das Okay aus Washington machen.Die EU agiert momentan eher hilflos bis naiv. Die Medien sekundieren eifrig alles, was verlautbart wird. Presseerklärungen werden plötzlich wieder mal zu Investigativjournalismus, der Narrativ der Regierung in Berlin ungefragt übernommen.Russland jetzt aber als unschuldig hinzustellen wird der Situation auch nicht gerecht. In Russland gibt es in puncto Menschenrechte erheblich Nachholbedarf. Die Situation von Schwulen und Lesben ist, freundlich gesagt, prekär, von transgender fangen wir an der Stelle bitte nicht an.Meinungsfreiheit ist in Russland praktisch nicht existent. Putin regiert in der Tat wie ein Zar aus alten Zeiten. Etwas anderes ist auch in Russland – derzeit – nur schwer möglich, die Russen *kennen* Demokratie nicht. Die wissen mit diesem Wort nichts anzufangen, sie haben es nie gelernt. Die Aktionen von Pussy Riot und Femen beweisen das ja. Protest wird verwechselt mit Provokation.Bevor man in Russland darauf hoffen darf, dass da eine vernünftige Demokratie etabliert wird, muss erstmal eine neue, demokratisch gebildete Generation heranwachsen. Unter Putin wird das nicht geschehen, soviel ist auch klar. Der wird, ähnlich wie alle anderen russischen Herrscher vor ihm, an der Macht bleiben, bis er auf dem Sterbebett liegt. Die Jobrochade mit Medwedjew inklusive.Allerdings muss man Putin eins zugutehalten. Der tanzt derzeit diplomatisch alle aus. Auf dem diplomatischen Parkett ist er der Tänzer vom Bolschoi-Ballett und die anderen Beteiligten hopsen rum wie Dreijährige, die zum erstenmal einen Tanzabend machen dürfen. Ja, auch Obama – der ist nur innenpolitisch gut. Außenpolitisch ist er ein völliger Versager. Hillary Clinton ist die außenpolitische Koryphäe, aber die holt grad Luft für ihre eigene Kandidatur.Auch die USA sind nicht „böse“. Im Grunde genommen versucht gerade jedes Land, die eigenen Interessen durchzusetzen, was legitim ist.Nicht legitim hingegen ist es, dazu einen Bürgerkrieg vom Zaun zu brechen und den fast 70 Jahre langen Frieden in Europa direkt zu bedrohen.Und DAS machen nun mal leider nicht die Russen. Sondern wir.

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Soziales

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12 thoughts on “Gut vs. Böse

  1. In diesem Artikel wird von „Wir“ geschrieben. Wer ist gemeint? Obama soll aussenpolitisch ein „Versager“ sein. Warum können Sie Kerstin Ludwig das beurteilen? Oder meinen sie das nur?

  2. es sind vier alle und noch viel mehr; sich an solchen wörtern hochzuziehen, zeugt von einer geringen Toleranzschwelle gegenüber anderen, seien es Personen oder Meinungen oder schreibstile.

  3. Ich denke du hast völlig recht damit, das wir die Kriese wesentlich differentierter betrachten sollten, und ich finde es schade das fast alle Medien sich entweder sehr konkret auf die eine oder andere Seite schlagen – Westen vs. Osten reloaded sozusagen.

    Und ich finde es auch schade, das fast alle Länder und in Deutschland alle Parteien auch in eine dieser Kerben schlagen.

    Vieles ist auch deshalb für mich nicht sonderlich nachprüfbar.
    Mich würde interessieren wie stark die Anti- und Prorussischen kräfte (z.B. in Prozentzahlen) wirklich in der Ukraine sind. Wie denkt dort der normale Bürger von diesem Konflikt. Dies ist ja z.T. die Basis für viele Argumantationen, aber so wie ich das sehe kaum beleuchtet oder mit belastbaren fakten untermauert.

    Wenn es sich tatsächlich so darstellt, das einen großen anteil der Ukrainischen Bevölkerung gibt die Pro-Westlich sind, aber auch einen erheblichen Anteil der extrem stark Pro-Russisch ist, wird das kompliziert. Insbesondere wenn beide Lager so stark gespalten sind, das der eine keine zuwendung zum Westen, und der andere keine Zuwendung zum Osten akzeptieren kann.
    Ein Ukrainischer mittelweg für die Ukrainische Aussenpolitik müsste her. Ein Kompromiss zwischen der EU(&USA) sowie den Russen in zusammenarbeit mit der Ukraine. Ein land in der „mitte“ von beiden, das sich vill. neutral verhällt, wie die Schweiz früher könnte ich mir vorstellen, das mit beiden seiten Verträge, Wirtschaftliche bindungen e.t.c. eingeht, sich aber weder EU noch den Russen anschließt. Natürlich hat so ein mittelweg auch nachteile, so würde es weder von der EU noch von Russland so starke wirtschaftliche Förderung geben.

    • Es ist NIE schwarz oder weiß. Es ist IMMER etwas dazwischen.

      Die Zahlen, die du gerne hättest, kann ich auch nicht liefern, ich kann dir nur, wie jeder andere auch, sagen, wer am lautesten brüllt. Und das sind in der Zentralukraine die Rechten und in der Ostukraine die Russen.

      Die Krim-Tataren fallen völlig hintenrüber, die dürfen derzeit die Klappe echt nicht aufmachen, sonst gibts derbe was drauf.

      Es gibt auch nicht mehr „die Ukraine“ – der Staat ist dabei, zu zerfallen. Die Zentralukraine wird bleiben, aber die Randgebiete werden wohl zu Russland gehen.

      Es wird keiner zulassen, dass die Ukraine eine neutrale Haltung annimmt – der Spaß ist vorbei. Die müssen sich entscheiden: Russland oder EU/NATO. Und wenn die Regierung da „falsch“ entscheidet, kommts drauf an, wer seine Provokateure schneller in Stellung bringen kann.

      So oder so ist die Situation da verdammt beschissen. Und es werden eine Menge Leute da ihr Leben verlieren. 🙁

  4. Eigentlich stimme ich Dir ja zu, insbesondere beim Spin.

    Aber was nicht stimmt ist, dass Russen nichts von Demokratie verstehen.

    Und in einem restriktiven System kann Provokation durchaus ein Mittel des Protestes sein. Pussy Riot und Femen ist Opfer und nicht Täter, ganz zu schweigen von der Bevölkerung der Ukraine, die Momentan auch Opfer eines wiederbelebten Kalten Krieges ist.

    So fragt sich dann, ob Obama und Putin oder die EU „Demokratie kennen“ und ob bei der gefärbten Berichtserstattung in Deutschland etwas wie Meinungsfreiheit (die Information voraussetzt) existiert.

    Wie Du sagst: Es ist NIE schwarz oder weiß. Es ist IMMER etwas dazwischen. Sign!

  5. Putin geht’s nur um die Randgebiete. Er will den industriell entwickelten Osten mit seinen Bodenschätzen und einen Zugang zum schwarzen Meer.
    Die weniger entwickelten Bauern im Westen dürfen von der EU mit Subventionen durchgefüttert werden. Und genau so wird’s laufen.
    In 5 Jahren lacht er sich eins über die Trottel aus der EU, die er mit den aufrührerischen Bauern abgespeist hat, während er bekommen hat was er wollte.
    Die NATO darf noch stolz das Kinn recken, und tut so als würde sie nicht merken, dass man sie von vorn bis hinten verarscht hat.

    Für die Menschen im Land interessiert sich keiner, weder Putin noch der Westen.

      • Deswegen nennt sich sowas ja auch Diskussion 🙂

        Was glaubst Du denn, was der Antrieb Putins ist? (Wissen wird er es vermutlich als einziger)

        • Ich denke, Putin fands nicht witzig, dass der Ukraine in dem Abkommen mit der EU auch militärische Hilfe zugesagt werden sollte, und dass einige Ölkonzerne Schiefergas in der Ostukraine fördern wollen. Nebenbei hat er das Chaos ausgenutzt und sich die Krim unter den Nagel gerissen. Putin möchte den Einflussbereich Russlands vergrößen bzw. auf jeden Fall verhindern, dass er kleiner wird. Da ist ein Konflikt mit der NATO/EU/USA unausweichlich, weil deren Interessen gegenteilig laufen. Oder was sollte Steinmeier sonst in Georgien, während die Ukraine noch brennt?

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