Der Feind meines Freundes ist…mein Freund?

Was derzeit in Berlin abgeht, läßt einen nur noch mit dem Kopf schütteln. Und so allmählich kristallisiert sich – leider – auch heraus, wie sehr Berlin von Washington abhängt. Und allmählich kristallisiert sich – ebenso leider – heraus, welche Intentionen die Amerikaner tatsächlich haben.

Mehrere Ereignisse muss man dazu mal in Relation bringen.

Die USA sind der wichtigste Verbündete Europas, aber sie können zu uns nicht viel exportieren, sonder importieren in erster Linie. Zu versaut deren Rohstoffe, zu versaut deren Nahrungsmittel. Das, was man dort im Supermarkt oder an Imbissbuden bekommt, ist teilweise kaum besser als Hundefutter („Separatorenfleisch„). Das Fleisch von Rindern darf in Europa nach dem BSE-Skandal nicht mehr verwendet werden. Und Hühnchen-Sepratorenfleisch geht halt in die Chicken McNuggets.

Auch die Fleischherstellung in den USA auf den dortigen Großfarmen hat mit dem, was hierzulande passiert nichts zu tun. Schweine werden in Pferchen gehalten, die ihnen nicht gestatten, sich auch nur mal nach vorne und hinten zu bewegen. Stehen und Liegen sind die einzigen Alternativen, die sie haben. 2,5 Jahre müssen sie dort aushalten, bevor sie durch die Schlachtung erlöst werden. Hühner werden in Großställen gehalten und per Maschinen „geerntet“ wenn sie schlachtreif sind. Gebrochene Knochen inklusive. Dies ist hier seit vielen Jahren verboten und wer dabei erwischt wird, dass er Tiere zu quält, für den wirds verdammt teuer.

Das Fleisch dieser Tiere ist (gerade bei Geflügel) mit Salmonellen verseucht und dürfte nicht verkauft werden. Die Schlachterein werfen die Hühnchen deshalb in ein Chlorbad, um die Salmonellen abzutöten. Eier werden vor dem Verkauf gewaschen, darum müssen die eine ununterbrochene Kühlkette haben. Hier wird nix gewaschen, der natürliche Schutz um die Eier bleibt erhalten. Ich hab mich immer über die „Organic“-Besessenheit der Amis amüsiert. Inzwischen nicht mehr. „Organic“ ist eine halbwegs sichere Garantie dafür, dass das Essen keine Gifte enthält.

Das alles soll sich – natürlich – mit TTIP ändern. Kraft und andere Großkonzerne wollen billigst produzieren und dann die relativ hohen Preise abgreifen, die hier zu erzielen sind. Denen geht dann Geld flöten, wenn sie sich nach Verbraucherschutzgesetzen richten müssen. „Gewinn wird minimiert“ – und wenn TTIP durchkommt, dann dürfen die den „entgangenen“ Gewinn von den Staaten einklagen.

Um mal Zahlen zu nennen: Wir exportieren in die USA in einem Volumen von 242 Mrd. Euro jährlich. Nach Russland exportieren wir Waren mit einem Handelsvolumen von 85 Mrd. Euro. Demgegenüber stehen Importe aus den USA in Höhe von 169,5 Mrd. Euro jährlich und Importe aus Russland (vornehmlich Gas) in Höhe von 158,4 Mrd. Euro.

Während die Russen bei uns einen netten Gewinn machen und ihre Wirtschaft damit auch aufpolieren können, zahlen die Amerikaner in Europa drauf. Und zwar nicht zu knapp. Fast 100 Mrd. Euro jedes Jahr.

Dieses Defizit wollen die beseitigen. Daher kommen wohl auch die Versuche, ein Freihandelsabkommen um jeden Preis durchzusetzen. Und damit wird auch klar, dass TTIP nur einer Seite dient. Und zwar nicht der europäischen. Dennoch wird TTIP gerade mit massivem „diplomatischem Druck“ durchgesetzt (Lies: „Guckt mal, was unsere NSA alles so gefunden hat.“).

Gleichzeitig erweitern in Erwartung dieses Freihandelsabkommens die US-Konzerne ihre Präsenz in Europa. Pfizer und Alstom sind nur zwei Beispiele von Firmen, die in die USA verkauft werden. Dass die französische Regierung sich gerade mit Händen und Füssen gegen die Übernahme der wichtigen Infrastrukturfirma Alstom wehrt, spricht für sich.

/edit: Und hier ist noch ein Vertrag, den die Ukraine „freiwillig“ mit Chevron und Shell geschlossen hat – Fracking in der Ukraine. Um die Ukraine „unabhängiger“ vom russischen Gas zu machen. Jetzt verstehe ich auch, wieso die alle so schnell die „Übergangsregierung“ (in anderen Situationen sind die schon mal als Putschisten bezeichnet worden) anerkannt haben.

Und jetzt kommt die Ukraine und Georgien ins Spiel. Beide Länder grenzen an  Russland, das derzeit von der EU profitiert. Und hier werden dann auf einmal Handelsboykotte ausgesprochen. Natürlich nicht bei den Waren, die wir selbst dringend brauchen, wie das russische Erdgas. Und genau in diese Krise platzt die Nachricht herein, dass die Amerikaner angeboten haben, überschüssiges Fracking-Gas an Europa zu exportieren, um die EU „unabhängig“ von russischen Gaslieferungen zu machen.

In der Ukraine wird ein Bürgerkrieg vom Zaun gebrochen, Menschen verlieren ihre Häuser und sterben, weil irgendwelche Großkonzerne in den USA den Hals nicht voll genug bekommen?

Und so stehen wir gerade vor der sehr schizophrenen Situation, dass die Russen – mal wieder – als unsere Feinde dargestellt werden, obwohl sie nie vertragsbrüchig wurden und sich grundsätzlich an einmal getroffene Vereinbarungen halten.

Und die USA sind unsere Freunde – obwohl sie uns bis ins Schlafzimmer ausspioneren und die Erkenntnisse zur Durchsetzung der eigenen Interessen nutzen.

Wer sagte noch gleich: „Binde deine Feinde nahe an dich. Deine Freunde aber noch näher“? Kluger Mann.

 

Send to Kindle
Soziales

Flattr this!

6 thoughts on “Der Feind meines Freundes ist…mein Freund?

  1. Einverstanden soweit. Bis auf die 2,5 Jahre bei den Schweinen.

    Kein Schwein, das als Lebensmittel irgendwo landen soll, wird hierzulande und schon gar nicht in den USA 2,5 Jahre alt. Das wäre so teuer, dass man das Fleisch nicht loswerden würde.

    Auch Bioschweine bei uns, die für Fleisch oder Wurst herhalten sollen, werden bei allerseltenst älter als ein Jahr. Am längsten leben noch die Schweine, die zu ahler Wurscht werden sollen, in der Regel ca. 1 Jahr, da die Wurst einfach besser wird, wenn die Tiere Zeit haben langsam zu wachsen und etwas mehr Fett anzusetzen. Die üblichen Schnitzelschweine werden bei uns, und vermutlich auch in den USA nicht älter als 6 Monate, dann haben sie per Schnellmast ihr Schlachtgewicht erreicht und werden keinen Tag länger teuer gefüttert als nötig. Ein „guter“ Mäster erreicht 850g Gewichtszunahme am Tag, d.h. nach ca 150 Tagen ist das Schlachtgewicht erreicht.

    Älter werden allenfalls Zuchtsauen, die dann zweimal im Jahr ferkeln müssen.

  2. Es wird wohl allmählich Zeit für eine europäische „Boston Tea Party“… Das Problem ist nur, dass wir in vielen Dingen extrem von der amerikanischen Wirtschaft abhängig sind, insbesondere im EDV-Bereich, der ja heutzutage entscheidend ist.

    Wenn die deutsche Politik wirklich die besten Interessen Deutschlands (oder auch (West-)Europas) im Blick hätte, wäre ein gleichmäßiger Abstand zu sowohl Russland wie auch den USA wohl das günstigste. Wie schon ausgeführt, kann man sich bei den Russen im allgemeinen darauf verlassen, dass sie Verträge und Abkommen einhalten. Die USA, die NATO und die EU scheißen drauf, wenns ihnen passt. Mal ehrlich: wer würde denn privat Geschäfte mit jemandem machen, bei dem man weiß, dass er auf Verträge scheißt, wenns ihm in den Kram passt? Das macht man nur, wenn man keine andere Wahl hat – entweder wegen eines Monopols oder wegen Erpressung oder anderer unfeiner Machenschaften.

    • Ach nee, guck an. Ich arbeite das mal in den Artikel mit ein. Danke. Das ist komplett an mir vorbeigegangen.

  3. Tschuldigung, wenn ich erstmal nur folgendes hinzufüge:

    Es heißt glaub: Halte deine Freunde nahe bei dir, aber deine Feinde noch näher.
    Stammt aus Der Pate Teil 2.

bestellt folgenden Kaffee