Anleitung zum Empören

Empört euch“ – so war die Aufforderung vor gar nicht langer Zeit. Der Essay kritisierte viele Aspekte, die in unserem Leben gerade furchtbar schieflaufen und was scheinbar keinen zu interessieren scheint.

Doch ist es nicht vielmehr so, dass es die Leute SEHR WOHL interessiert, ob Genmais angebaut wird oder nicht? Ob ihr Essen dauerhaft verseucht wird? Ob die Nationalstaaten langsam aber sicher zugunsten der Großkonzerne durch korrupte und erpressbare Politiker abgeschafft werden?

Und dass nur deshalb nichts geschieht, weil sich niemand stark genug fühlt, gegen die vermeintliche Übermacht der Konzerne, Medien und Politik anzutreten?
Wenn das stimmt – was tun wir dann? Ist die Schlacht nicht längst verloren und besteht nur noch aus Rückzugsgefechten?
Nein. Ganz im Gegenteil.
Aber leicht wirds nicht.
Fangen wir mit einer Bestandsaufnahme an.

Freie Kommunikation war eigentlich immer eine Illusion, sie ist es noch. Auf die eine oder andere Art wird *jede* Kommunikation auf diesem Planeten überwacht. Es gibt de facto keinerlei freie Kommunikation mehr, auch das Postgeheimnis ist nur noch Makulatur. Das Internet ist weg – und wir bekommen es auch nicht wieder. Zu tief stecken die Geheimdienste (ALLE. Nicht nur die NSA) selbst in der kritischen Hardware, als das wir noch eine Chance hätten (außer einem völligen Reset), die wieder zurechtzustutzen.

Haken wir das bitte ab und wenden uns den wichtigen Dingen zu: Den Konsequenzen, die sich daraus ergeben.

Um einschätzen zu können, wie es um Demokratie und Freiheitsrechte wirklich bestellt ist, benötigen wir Whistleblower. Freiwillig wird keiner der Beteiligten etwas zu TTIP oder G10 oder andere bürgerrechtliche Zumutungen der Öffentlichkeit preisgeben. Dazu steht für zuviele Leute zuviel auf dem Spiel.

Also brauchen wir Whistleblower. Wie die Grünen-Politiker rund um Ska Keller, die die TTIP-Files entgegen jeder Schweigepflicht einfach veröffentlicht haben. Ohne sich um die persönlichen Konsequenzen zu scheren, die möglicherweise jetzt auf sie zukommen.

Whistleblower haben es aber genau deshalb schwer. Wenn ein Angestellter über Dinge plaudert, die in seiner Firma schieflaufen, verstößt er gegen Loyalitätspflichten, die zur fristlosen Kündigung führen können. Wenn ein Whistleblower des öffentlichen Dienstes Dinge preisgibt, die einerseits durchaus in öffentlichem Interesse sind, aber andererseits durchaus das Zeug haben, die Mächtigen zu beschämen und Reputationen zu zerstören, dann droht auch eine strafrechtliche Verfolgung oder aber eine auf einen ruinösen Schadenersatz. Es gibt viele Wege, einen Whistleblower fertigzumachen. Und sie werden begangen. Konsequent, auch, um mögliche Nachahmer abzuschrecken.

Genau deshalb brauchen wir ein funktionierendes Whistleblower-Schutzgesetz, dass gesetzesübergreifend funktioniert. Dass Kündigungsschutzrechte gewährt, dass Schutz vor strafrechtlicher und zivilrechtlicher Verfolgung gewährt. Whistleblower veröffentlichen zumindest sittenwidrige, wenn nicht strafbare Handlungen von Firmen und Behörden – die Loyalitätspflicht des Angestellten muss hier enden. Wer derartige Handlungen öffentlich macht, darf nicht mit ruinösen Klageforderungen überzogen werden.

Und zwar egal, ob es um die Elbphilharmonie geht, um BER oder die Siemenskorruption.

Whistleblower benötigen auch eine gesellschaftliche Anerkennung. Derzeit sieht es zwar so aus, dass wir die Snowden-Infos gerne annehmen, aber der Mann selber wird von vielen entweder auf ein Piedestal gehoben oder aber als Verräter mit gerümpfter Nase betrachtet. Von Glenn Greenwald reden wir hier noch nicht mal.

Wer Informationen veröffentlicht, die geeignet sind, ein Projekt in einem völlig anderen Licht dastehen zu lassen, der sollte Wertschätzung erfahren und nicht als Verräter angespuckt. Wir sind hier nicht auf dem Schulhof, wo man Petzen nicht mag. Whistleblowing ist keine Petzerei, Whistleblowing ist einer Schutzanker der Bevölkerung vor Korruption, Vetternwirtschaft und Diktatur.

Und was können wir tun? Außer uns aufregen? Wir sind doch hilflos?

Sind wir das?

Wir können Blogs betreiben. Jede Stimme findet irgendwo Gehör. Mein Blog hat inzwischen eine gewisse Reichweite, aber von den Reichweiten eines Wortvogels oder eines Schockwellenreiters bin ich weit entfernt.

Ich höre oft: „Ich kann nicht bloggen“. Konnte ich am Anfang auch nicht. Ich habs trotzdem gemacht. Wer mein Blog von Anfang an verfolgt hat, weiß, dass sich in den Jahren viel geändert hat. Bloggen kann man lernen.

Wer nicht bloggen mag, kann sich sein eigenes Video-Blog aufbauen. Youtube ist ein perfekter Kanal dafür. Das Internet mag überwacht sein. Aber das heißt nicht, dass man seine Meinung nicht mehr äußern darf.

Mädels, traut euch. Bloggt, was das Zeug hält. Es gibt viel zuwenig Bloggerinnen, die mal richtig auf den Putz hauen. Ihr seid politisch. Und mit der Zeit hört man euch zu. Es dauert etwas, aber irgendwann kommt der Punkt wo die Leute auf euch aufmerksam werden.

Jungs, auch euch: Traut euch. Bloggt, was das Zeug hält.

An alle: Recherchiert, lernt. Fragt. Habt einen wachen Geist. Kritik ist nicht immer negativ, man kann auch daraus lernen.

Baut über die Blogs den politischen Druck auf. Wenn genug gebloggt wird, nehmen das irgendwann die Alphablogger auf und von da aus gehts in die *hust* „Mainstream-Medien“. Die Verbreitungswege sind bekannt, sie müssen aber auch genutzt werden.

Ein einzelner Blogger mag eine Stimme in der Kakophonie sein. Aber wenn genug Durchhaltevermögen da ist, kann dieser eine Blogger es schaffen, einen Chor zu formen, der nicht mehr zu überhören ist.

Also veröffentlicht. Habt keine Angst, etwas falsch zu machen. Habt keine Angst vor Kritik. Die wird es immer geben.

Und versucht, das Teilchen im Getriebe der Weltmaschine zu werden, dass die Welt verändert.

Die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass das nicht gelingen wird. Aber wenn viele das versuchen, werden wir gemeinsam Erfolg haben.

Und das werden unsere Kinder uns eines Tages Danken.

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Soziales

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5 thoughts on “Anleitung zum Empören

  1. Pingback: Zwangsprostitution, Männeraufklärung & musikalische Lebensstationen « Reality Rags

  2. Pingback: Tante Jays Aufforderung zum Bloggen | Plasisent

  3. Hmm, wenig Diskussion hier. Dabei sprichst Du mir doch aus der Seele. Und zudem hast Du ein Gespühr für die wichtigen Dinge – ich glaube, die Diskussion auf SXSW kam nach Dir 😉

    Auf der anderen Seite: sieh die Kommentare etwa auf Heise zu:

    http://www.heise.de/newsticker/meldung/NSA-Skandal-Edward-Snowden-ruft-zur-Gegenwehr-2139608.html

    Alles richtig da und doch ziemlich leer. Man kann sich Empören bis zum Unfallen und nichts ändert sich. Ich fürchte, man muss die Dinge schon leben um zu verändern. Erst dann kann man sie bloggen.

    Es ist ein wenig so wie mit Deinen Geschichten. Nur gesagt, nur erfunden, nur Meinung wären sie ziemlich leer. Sind die aber nicht. Warum?

  4. Pingback: Gemüseguerilla und die “Zehn Milliarden” | juna im netz

  5. Ja ja, das Empören. Und irgendwann ist man des Empörens müde. Leider. Ist halt schwierig, wenn man keine Erfolge sehen kann und als immerwährender Nörgler abgetan wird.

    Du hast natürlich dennoch Recht – man muß sich empören, damit überhaupt wahrgenommen wird, dass es auch (eine) andere Meinung gibt. Die da oben wissen schon, wie sie sich von denen da unten perfekt abschirmen …

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