Weltfrauentag

Heute ist der Frauengedenktag. Ich gestehe: Ich mag ihn nicht. Ich will nicht nur wahrgenommen werden, wenns mal wieder angesichts eines Gedenktages reihenweise mahnende Finger erhoben werden.

„Denk doch mal einer an die Frauen“

„Denk doch mal einer an die Kinder“

Andererseits: Es läuft ja noch eine Menge schief.

Die alltägliche Diskriminierung zum Beispiel. Gerade neulich noch mitbekommen: Scheidung, Riesenkrach, Streit ums Sorgerecht.

Anwalt meinte in seiner Forderung bezüglich Sorgerecht: „Es ist nicht im Sinne des Kindeswohls, dass die Kinder zum Vater kommen, da er arbeiten muss und den Unterhalt aufbringen.“

Ach, und Madam muss das nicht?

Diie Äußerung ist doch in zweierlei Hinsicht sexistisch. Der Mann wird zum bloßen Zahlvater degradiert, die Mutter zum Almosenempfänger.

Aber kein Mensch hat da auch nur mit der Wimper gezuckt. Es wurde als „normal“ hingenommen. Urteil steht noch aus, aber ich wette, die Richterin wird den „Argumenten“ des Anwalts folgen.

Ich habe in einem Computerladen gefragt, ob die nen Nebenjob für mich hätten. Die suchten auch. Jo, als Reinigungskraft hätte ich anfangen können. Das wiederum wollte *ich* nicht. Die erstaunten Blicke, als ich dem Herrn Inhaber mitteilte, dass ich nicht putzen kann, aber sehr wohl Computer reparieren und bei DAU-Kunden Händchen halten, den werde ich wohl sehr lange nicht vergessen.

Wir haben den Girls Day an den Schulen, Mädchenförderprogramme, Mädchenschutzprogramme – und die Jungen fallen regelmäßig in allen Schulformen hintenrüber und werden alleine gelassen. Wenn ein Junge ein Problem hat, wird er zudem meist nicht ernst genommen.

Das wendet sich dann massiv in dem Moment, wo die Kinder junge Erwachsene sind und die Bildungsanstalten hinter sich lassen. In dem Moment sind die gehätschelten Mädchen am unteren Ende der Nahrungskette und die Jungs können auftrumpfen. Beides ist nicht gut – zu keiner Zeit.

Wir gucken einen Menschen an und geben ihm keine Chance. Anhand seines Geschlechts ist die Rolle festgelegt. Das klappt ja auch meistens recht gut. Aber es gibt immer wieder Ausreißer, die das anders sehen werden. Frauen, die dann Ingenieurinnen werden oder Männer, die Kindergärtner werden und dann ständig mit einem Bein im Knast stehen, weil diese elenden Pädophilen doch tatsächlich beim Windelwechseln auf die Vagina der Babies gucken.

Wir haben in so vieler Hinsicht Maß und Ziel verloren, die Balance ist so schief, dass man das Problem zum Teil nicht mal mehr erkennen kann.

Der Anwalt hat überhaupt nicht reflektiert, was er da schreibt – warum auch? Sein Job ist es, den Mandantenauftrag zu erfüllen. Und das wird er nach bestem Wissen, aber eben nicht immer GEwissen, tun. Und wenn das Argument „Mann Haus bauen, Mammut jagen. Aga uga.“ zieht, dann wird er es ziehen.

Der Computermensch wäre wahrscheinlich völlig empört, wenn ich ihm sage, dass ich seine Ablehnung für sexistisch halte. Weil er doch kein Sexist ist. Er befördert Frauen ja. Vor allem in sein Bett. *insert schenkelklopf*

Für mich ist eine „Gleichstellung“ illusorisch. Es kann keine allgemeine Gleichstellung geben, denn das wäre Zwang auf eine andere Art. Wenn ich jemanden, der lieber Hausmann ist, zwinge, arbeiten zu gehen, dann ist das keine Gleichstellung, sondern Bevormundung. Keine Freiheit, sondern Zwang.

Wir werden erst wirklich diese Hürden überwunden haben, wenn eben die Menschen nicht mehr gezwungen werden, etwas zu tun, was sie eigentlich nicht wollen. Weil irgendwer entschieden hat, dass es so ist.

Wäre es nicht viel schöner, wenn man statt eines Weltfrauentages einen Tag der Gleichberechtigung einführt? Und die Gleichberechtigung endlich nicht mehr nach dem Gießkannenprinzip austeilt, sondern punktuiert da durchsetzt, wo es notwendig ist?

Unabhängig vom Geschlecht?

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Soziales

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3 thoughts on “Weltfrauentag

  1. Ich weiß nicht, ob das Zitat stimmt, und die Formulierung ist sehr zugespitzt, aber es hat eine wahren Kern: http://de.webfail.com/475f3679a49
    Gleichberechtigung erreicht man eben nicht, indem man Privilegien durch andere Privilegien ersetzt, sondern indem man Diskriminierungen abschafft. Und das ist ein langer Prozeß. Die derzeitige gesellschaftliche Entwicklung hin zu einer Ökonomisierung aller Lebensbereiche – es wird allem und jedem ein monetärer Wert zugemessen – ist eher dazu geeignet, Ungleichheiten zu fördern oder zu zementieren. Unser Bildungssystem tut ein übriges, indem es mit PISA-Studien und den Bologna-Reformen Standards implementiert, die auf ökonomische Verwertbarkeit setzen. Individuelle Entwicklung und Förderung? Kostet zu viel, können wir uns nicht leisten. Und wer durchs Raster fällt und Geld kostet, statt welches einzubringen, darf sich noch als Schmarotzer diskriminieren lassen. Frauen? Kriegen Kinder, sind muskulär schwächer – also sind sie weniger Wert. Männer? Sind brutal, benutzen immer ihre Ellenbogen, sind potentielle Vergewaltiger und Kinderschänder – also müssen sie kontrolliert werden. Mann, wie mich das ankekst, dieses Schuladendenken.
    Ich habe mich gerade gestern mit meiner Frau darüber unterhalten, dass das Schulsystem in der derzeitigen Form nichts dazu beiträgt, den Kindern zu zeigen, welchen Weg sie später gehen können. Stattdessen wird in der Tradition des 19.Jhs. Wissen eingetrichtert, und sich höchstens noch um Formen, aber nicht um Inhalte gestritten – 12 oder 13 Jahre? Realschule, Hauptschule, Gesamtschule, Gymnasium? Diese Fragen sind Nebenkriegsschauplätze, wenn die Schulen verrotten, die Lehrer ausgebrannt und die Klassen überfüllt sind, die Lehrpläne aus dem vorigen Jahrhundert stammen und die Schule nicht aufs Leben vorbereiten, und es schon gar nicht schaffen, die individuellen Anlagen der jungen Leute zu fördern. Schule wäre auch der Ort, um Vorurteile und Diskriminierungen abzubauen, aber dafür reichts erst recht nicht.

  2. Solange Frauen öffentlich stets als schwaches Opfer gesehen und definiert werden, insbesondere von Frauen selbst, werden sie von niemandem als stark wahrgenommen werden.

    Das soll nicht bedeuten, dass sie nicht oft Opfer sind. Aber man kommt aus dieser Wahrnehmungsfalle nicht raus, in dem man sich immer tiefer darin eingräbt. Man kann mit dieser Strategie Macht gewinnen, aber keinen Respekt.

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