Der Tod des Whistleblowers

Jahrzehntelang waren investigative Journalisten dafür bekannt, Missstände aufzudecken. Spiegel, Wallraff, sie alle standen in der Tradition der Aufklärung und Aufdeckung von Skandalen.

Investigative Journalisten sind aber auf Quellen angewiesen. Und darauf, dass sie ihre Quellen effektiv schützen können. Denn die Quellen riskieren nicht selten Kopf und Kragen, wenn sie exponiert werden, ich möchte an dieser Stelle ausdrücklich auf Chelsea Manning hinweisen, der zwischenzeitlich sogar die Todesstrafe gedroht hat.

Journalistischer Quellenschutz ist aber inzwischen nicht mehr möglich. Wenn ein Whistleblower heutzutage nicht enttarnt wird, liegt das nicht daran, dass die Journalisten ihre Quelle geschützt haben. Sondern daran, dass die Geheimdienste ein Interesse daran hatten, den Whistleblower NICHT auffliegen zu lassen.

Glaubt ihr nicht? Schauen wir doch mal genauer hin.

Festnetz-Telefon?

Wird überwacht, ist nicht mehr sicher. Selbst Verschlüsselungen sind nutzlos, weil man damit zumindest preisgibt, dass man etwas zu verschlüsseln hat. Die NSA und GCHQ überwachen die Anschlüsse und Verbindungen weltweit. Das Telefon ist kein geeignetes Medium mehr, um Geheimnisse weiterzugeben.

E-Mail?

Metadaten werden flächendeckend überwacht. Staatstrojaner werden offiziell eingesetzt, die auf den infizierten Systemen Lese- und SCHREIBzugriffe ermöglichen. Man muss einen Text nicht kennen. Wenn Mitarbeiter von exponierter Firma A eine verschlüsselte Mail von seinem privaten Mailkonto an Journalist X schickt, dann sind die Metadaten (also Empfänger, Absender und Betreff sowie Uhrzeit und Datum sowie Provider und IP-Adressen) bekannt. Man muss nur noch sich die Informationen in einem Artikel genauer angucken, den Kreis einengen, in dem großen Datenpool gezielt auf Fischsuche gehen und hat seinen Whistleblower.

Mobiltelefon?

Wird noch intensiver überwacht als das Festnetztelefon. Wer mit einem Mobiltelefon Kontakt zu einem Whistleblower aufnimmt, exponiert ihn. Über Funkzellenabfrage kann auch der Journalist jederzeit rückverfolgt werden, man kann jederzeit sehen wo er sich aufhält. Das gilt übrigens auch für Tablets mit SIM-Slot.

Boten?

Dem Boten muss man vertrauen können. Und je nach Art der Information muss man auch erstmal jemanden finden, der seine Freiheit riskiert. An der Stelle möchte ich auf den Lebensgefährten von Glenn Greenwald hinweisen.

Schneckenpost?

Zumindest in den USA wird *jeder*  Brief fotografiert und gespeichert. Absender, Uhrzeit, Empfänger und Art des Briefes wird gespeichert – im Grunde genommen die Metadaten. Ich habe in dem ganzen Durcheinander ehrlich gesagt die Übersicht verloren, ob das in Deutschland auch gemacht wird, ich halte es nicht für abwegig. Technisch machbar ist es.

Persönlicher Kontakt?

Einige Edelfedern, die das Geld haben, können sich sicher in den Flieger setzen und sich mit dem Kontaktmann verabreden. Aber dazu benötigt man eine vorherige Kontaktaufnahme mit dem Risiko, sich zu exponieren – und wenn es wichtig genug ist, kann man mit Sicherheit sagen, dass der Journalist jemanden an sich kleben hat, der genau mithört, was gesprochen wird.

Telegramme?

Sind offen für jeden in der Kommunikationskette einsehbar und spielen im täglichen Kommunikationsverkehr keine Rolle mehr.

SMS?

Siehe Telegramme/Handy.

Fax?

Sind ebenso offen einsehbar und rückverfolgbar. Das hat Snowden leider bewiesen.

Private Nachrichten über diverse Dienste?

Werden mitgeloggt, was Metadaten und Inhalte angeht. Und man weiß inzwischen, dass die meisten Diensteanbieter auch die Daten problemlos herausgeben, sofern sie nicht schon eine Abzweigung direkt eingebaut haben.

Skype?

Nach der Übernahme durch Microsoft wurde die dezentrale Architektur von Skype grundlegend geändert. Skype läuft auf zentralen MS-Servern. Mit NSA-Schnittstelle. Skype ist NICHT sicher.

Was bedeutet das genau?

 

Ganz einfach: Jeder Kommunikationsweg ist derzeit kompromittiert. Jeder. Es gibt keine Möglichkeit für irgendwen, auf die Entfernung sicher zu kommunizieren. Und vor allem so sicher zu kommunizieren, dass ein Informant unentdeckt bleibt. Jeder, wirklich *jeder* der derzeit überlegt, einen Journalisten aufzusuchen, um auf Missstände aufmerksam zu machen, sollte sich wirklich genau überlegen, was er tut.

Wenn Snowden eins gezeigt hat, dann, dass wir zumindest einen Stillstand beim investigativen Journalismus verzeichnen. Sichere Kontaktaufnahmen sind hier das A und das O – ohne geht es nicht. Denn neben der Kontaktaufnahme muss der Journalist auch recherchieren und Quellen verifizieren können, ohne das ihn jemand belauscht.

Das geht nicht mehr. Denn an irgendeinem Punkt hängt IMMER ein Ohr drin. Immer.

Aber nicht jeder Whistleblower wird enttarnt?

Bemühen wir mal die Verschwörungstheorien. Derartige Überwachungssysteme in eigentlich recht freiheitlichen Staaten funktionieren nicht, wenn die Überwachung zu offen ist. Die Leute müssen langsam daran gewöhnt werden, dass sie überwacht werden.

Das geschieht seit einiger Zeit ja. Kinderporno hier, Vorratsdatenspeicherung dort. Steter Tropfen höhlt den Stein der Freiheit.

Für mich ist es nicht allzu fernliegend, dass man, je nach Skandal, durchaus entscheidet, das Whistleblowing „durchgehen“ zu lassen bzw. vielleicht sogar selbst lanciert. Um den Anschein der Freiheit aufrechtzuerhalten.

Und dann stellt sich für jeden von uns die Frage:

Wie frei sind wir wirklich?

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5 thoughts on “Der Tod des Whistleblowers

  1. Das ist sicherlich ein sehr großes Problem. Was vielleicht noch funktionieren könnte ist Mumble, eine Open Source Konferenzsoftware (ähnlich wie Teamspeak). Bei Mumble ist der Datenverkehr vollkommen verschlüsselt und es jeder kann es auf seinem eigenen Server installieren. Ist damit wohl eines der sicheren Systeme.
    Was in diesem Zusammenhang auch interessant ist, ist das »Off-the-Record Messaging« (https://de.wikipedia.org/wiki/Off-the-Record_Messaging). Damit können Gesprächspartner während des verschlüsselten Gespräches sicher sein, dass sie miteinander kommunizieren. Im Nachhinein kann man aber nicht beweisen, dass eine Aussage von jemandem getätigt wurde. Somit vermutlich das beste um Whistleblower zu schützen.
    Gruß, Micha

    • Mumble funktioniert nur solange wie dein System nicht mit NSA-trojaner verseucht ist. An sich kannst du aber nicht drauf vertrauen das dein Rechner frei davon ist.

      Leider hat auch Snowden gezeigt das da viel Läuft und implementiert wird.

  2. Ich habe mir auch schon Gedanken gemacht, wie man eine Kommunikation verschleiern kann.
    Ich bin allerdings nur zu Workarounds gekommen, welche aufwendig und nur bedingt zuverlässig sind.

  3. Briefe werden in D fotografiert von der deutschen Post AG. Allerdings nur „zur Erkennung des Zielortes“. Öffentlich kommt man an die Fotos selbst zur Nachforschung bei verlorenen Sendungen nicht heran. Es gibt aber sicher Institutionen, die Zugang zu den Systemen haben, auf denen die Fotos (wenn auch nur temporär) lagern. Ganz sicher.

    Bei dem, was ich hier an Schwund habe, glaub ich schon lang nicht mehr an die „Briefträger hat keine Lust“-Story.

  4. Einer der Gründe, warum ich die Steganographie an der Stelle toll finde.
    Nachteil: Man braucht einmal einen vertrauenswürdigen Kontakt um die Art und Methode des Versteckens austauschen zu können.
    Aber danach kann man praktisch beliebig E-Mails tauschen.

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