Die linke und die rechte Hand des Teufels

Ich gestehe: ich bin Linkshänderin. Und wie meine Grundschullehrerin nicht müde wurde, zu betonen, sind Linkshänder des Teufels und wer mit links schreibt geht Gottes Gnade verlustig.

Wenn ich jetzt Blogleser verloren haben sollte, weil ich eins dieser teuflischen Wesen bin, die mit der linken Hand schreiben und deren „starke“ Hand die Linke ist – dann tut es mir leid, doch ich möchte das nicht länger verstecken.

Es fällt mir schwer, in der Öffentlichkeit so zu tun, als wäre ich nicht Linkshänderin. Ständig muss ich aufpassen, was ich mit welcher Hand mache. Schreiben wird so zum Spießrutenlauf. Immer wieder ernte ich kritische Blicke, weil ich einen Moment nicht aufgepasst habe.

Es hat lange gedauert, bis ich damals verstanden habe, warum meine Lehrerin sagen konnte, dass Linkshänder Teufelskinder seien.

Es steht recht klar in der Bibel: Der Teufel kam vom rechten Weg ab, Jesus sitzt zur Rechten Gottes. Mein Beharren darauf, die linke Hand zu benutzen, zeigte an der katholischen Grundschule Mitte der 70er Jahre sehr deutlich: Hier ist kein Christenkind. Und demzufolge versuchte meine Lehrerin aber auch alles, um mich umzuerziehen.

Erst eine Intervention durch meine Eltern hat sie stoppen können. Dazu brauchte es aber ein amtsärztliches Gutachten.

Klingt bescheuert? Ist es aber nicht. Über die Jahrhunderte sind Linkshänder als Hexen verbrannt worden, sind Linkshänder ausgegrenzt worden, aus genau den Gründen: Sie sind des Teufels. Meine Lehrerin ist echt und das Gutachten, dass mir bescheinigt, ein so stark ausgeprägter Linkshänder zu sein, dass eine Umerziehung massive Probleme bereiten würde, gibt es noch irgendwo in einem Aktenschrank.

Die heutigen Linkshänder sind Schwule, Lesben und Transgender, die man so leicht als „LGBT-Community“ bezeichnet, dabei ist das gar keine Community. Es gibt Menschenrechtsaktivisten die für die Gleichstellung kämpfen, aber eine Community, in dem Sinne, das wir hier von einer in sich homogenen Gruppe mit gleichen Interessen reden, ist das nicht.

Denn Menschen sind nun mal nicht so. Es gibt Menschen, die finden Heino toll und andere Metallica. Es gibt Gläubige und Atheisten, Science-Fiction-Fans und Leute, die lieber „Chick-lit“ lesen. Das sind Interessen, und wo man sich in Interessengruppen („Communities“) zusammenfindet, da kann man von ausgehen, dass zumindest ein Grundkonsens da ist.

Wie groß der Aberglaube immer noch ist, sieht man derzeit plakativ in Sotchi und in Nigeria. In beiden Ländern sind Schwule und Lesben offiziell zum Abschuß freigegeben worden. Es gibt in Russland Neo-Nazi-Gruppen, die gezielt Schwule in die Falle locken und dann foltern. Stirbt der Schwule bei den Übergriffen, dann ist das halt Pech und nicht weiter tragisch, war ja nur ein Schwuler. Die Täter können sich sicher sein, dass die Behörden nicht eingreifen.

In Nigeria sieht es ähnlich aus. Schwule Pärchen werden da schon mal von der aufgehetzten Dorfgemeinschaft vor die Tür getrieben und gezwungen, öffentlich Analsex zu haben, bevor man sie tötet.

Und um den Bogen zu schlagen zu den Linkshändern: Es war die Kirche, die jahrhundertelang Linkshänder ausgegrenzt und verfolgt hat. Was uns heute lächerlich erscheint, war zu Zeiten hochgefährlich. Es sind Linkshänderinnen als Hexen verbrannt worden. Als Linkshänder musste man aufpassen, wurde kritisch beäugt und oft genug umerzogen, um auf den rechten Weg zurückgeführt zu werden.

Es wird irgendwann die Zeit kommen, wo man genauso ungläubig auf die Ausschreitungen in Nigeria und in Russland guckt und sich fragt, wie um alles in der Welt denn kluge und aufgeklärte Leute allen ernstes glauben können, dass Schwule und Lesben und Transgender eine Bedrohung für die Gesellschaft sein können.

Doch bis dahin ist es ein weiter Weg, der gepflastert ist mit Rückschlägen.

Wie jetzt in Nigeria. Wie in Russland. Und wie eigentlich bei uns, Tag für Tag, solange wir nicht anerkennen, dass das Menschsein die Bürger- und Menschenrechte begründet.

Und nicht die Sexualität.

 

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Soziales

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19 thoughts on “Die linke und die rechte Hand des Teufels

  1. Sorry!
    Falsches Land!
    Bei uns gibt es auch Ausgrenzung wegen des Andersseins – egal, ob es die sexuelle Orientierung oder die religiöse anbetrifft oder weil einer nicht autofahren will oder weil einer nur ein Bein hat oder… oder… oder…
    (die beiden erstgenannten und nicht nur die gehen gar Hand in Hand…)

    In Deutschland kann man ausgegrenzt werden, wenn man sich um einen Job bei einer kirchlichen Einrichtung bewirbt, wenn man nicht (zahlendes) Mitglied einer kirchlichen Gemeinschaft ist, obwohl dies eigentlich vom GG her verboten ist.

    Allerdings werden bei uns nur in seltenen Fällen Leute wegen soetwas umgebracht, da haben wir schon ein paar Fortschritte gemacht, Betonung auf „ein paar“…

  2. Darum heißt linkshändig ja auch im engl. und lateinischen sinister und das ist ja dann auch das Böse. Beidhändigkeit ist ja dann auch ambidextrous (oder so) also gleich rechtshändig, auch mit der Hand des Teufels und so.

    Ich erwarte ja immer noch einen Eklat bei den Spielen oder vieleicht schon bei der Eröffnung. Aber die „Moralpolizei“ wird ja wohl in den Kasernen eingesperrt bleiben, zumindest für die 2 Wochen, bzw, 4 mit der Paralympiade(?). Das wird dann halt später nachgeholt

      • Das war jetzt nicht so die genaue Antwort 😉
        Ich bin zwar auch umgelernter Linkshänder und interessiere mich von daher für das Thema. Auch ich lese hin und wieder von den Hexengeschichten ect., die ich auch im Prinziep erstmal gar nicht unbedingt anzweifeln will. Leider habe an den betreffenden Stellen aber auch noch keine wirklichen Quellen gefunden. Von daher wären solche schon mal interessant.

        Das linksspielende Musiker bis heute allerdings in den meisten professionellen Orchestern nicht genommen werden, weiß ich allerdings. Das wäre z.B. ein solches Ausschlusskriterium.

        • Ich hab auch weniger auf Ausschlußkriterien abgestellt als auf den Vergleich.

          Früher sind Linkshänder scheel angeguckt worden, weil sie Linkshänder waren. Heute werden Schwule und Lesben scheel angeguckt, weil sie eben schwul und lesbisch sind.

          Wir gucken heute als Gesellschaft mit einigem Unglauben auf die, die Linkshänder als „teuflisch“ sehen. Und wir werden künftig als Gesellschaft mit einigem Unglauben auf die sehen, die Schwule und Lesben scheel angucken.

          Hoffentlich.

          • Hm, ich bin ja nun nicht mher der jängste, und es war von Kindheit an allgemein bekannt, dass ich Linkshänder. Scheel angeguckt hat MICH niemand deswegen. Und das war zeimlich auf dem land, wo ich sowas noch am ehesten vermuten würde.

            Ich hätte auch links schreiben lernen können, nur das mit der sich dabei entwickelnden Spiegelschrift war so nicht praktikabel und so habe ich eben rechts schreiben gelernt. So richtig kann ich den Vergleich auch nicht nachvollziehen. Diskriminierung und scheel angucken muss vor meiner Zeit, also auf jeden Fall vor Ende der 50er gewesen sein.

            Natürlich hat das Leben in der Rechthänderwelt den ein oder anderen Nachteil mit sich gebracht. Hat mich aber auch nach unorthodoxen Lösungen suchen und finden lassen. Ob sich die Legasthenie auch ohne Umlernen entwickelt hätte, kann man im nachhinein sicher nicht mehr sagen. Auch originäre Rechtshänder werden Legastheniker.
            Ich habe die Linkshändigkeit nie als wirkliche Einschränkung geschweige denn als Stigma, dafür aber gelegentlich als Bereicherung empfunden, auch schon in meiner Kindheit. Meine Umwelt, inklusive sämtlicher Verwandten, Lehrer, Pfarrer, Kirchenvorstände und wer sonst noch infrage kommen könnte, hat mich da auch nie irgendeine Andersartigkeit spüren lassen.

            Mir wurde von „zurückgelernten“ Linkshändern immer mal wieder nahegelegt, doch selbst auch wieder zurück zu meiner „eigentlichen“ Händigkeit bezgl. des Schreibens zu kehren, um sozusagen meine „eigentliche Bestimmung“ besser ausleben zu können, jetzt, da man Linkshänder nicht mehr diskriminiere. Ich halte das gelinde gesagt für psychologistischen bis esoterischen Quatsch und sehe für mich da keine Notwendigkeit.

            • Karl, ich hab mir das nicht aus den Fingern gesaugt, meine Lehrerin war echt und sie war in der ziemlich christlichen Gegend beileibe nicht die einzige.

              So ziemlich jeder, der mich hat schreiben sehen, hat versucht, mich auf Rechtshändigkeit umzuerziehen.
              Ich habe übrigens nicht die typische „Linkshänderschrift“ mit geneigten Buchstaben. Meine Tante, die Anfang der 50er „umgelernt“ wurde, schreibt heute noch in Kinderschrift und äußerst ungern.

              Die Auswirkungen für dich waren eher klein, aber es gibt Menschen, die damit massive Probleme haben. Ich kann nicht mit rechts schreiben, da hab ich die „Linkshänderschrift“ mit geneigten Buchstaben. Ich kann aber problemlos einen Dosenöffner für Rechtshänder benutzen oder eine Maus für Rechtshänder – mit der linken Hand.

              Meine Tastatur ist keine Linkshändertastatur – damit käme ich nicht klar. Aber die Tastenbelegung in einigen Programmen muss ich anpassen, sonst funktioniert das nicht.

              Das „zurücklernen“ gibt es tatsächlich.
              http://www.linkshaenderseite.de/ruecksch.html

              Und es gibt Leute, die das gut finden und für andere kommt das nicht in Frage.

              Im übrigen nochmal die Klarstellung: Mir gings nicht darum, jetzt hier Linkshänder zu bemitleiden. Die meisten kommen prima klar.

              Ich habe nur zwei Aberglauben zueinander in Bezug gesetzt. Einen sehr alten und einen sehr neuen. Und diese beiden dann in ihrer Entwicklung verglichen – und die Hoffnung geäußert, dass Homophobie doch irgendwann genauso im Müllhaufen der Geschichte verschwindet, wie es die „Linkshänder sind des Teufels“ Idioten getan haben.

      • Nein, Rechtshänder. Aber mein Bruder, meine Nichte; außerdem einige teilweise interessante Persönlichkeiten. (Mir fällt Linkshändigkeit sofort auf; aber Diskriminierung habe ich nirgends erlebt, abgesehen von Rechtshandtraining zu Schulzeiten meines Bruders, aber das ist harmlos.)

        • Mir fallen Linkshänder auch häufig auf, ich gucke dann auch meistens erstmal ein bisschen schief, weil ich den Anblick nicht gewohnt bin. Aber – und das muss man deutlich sagen – ich mag Linkshänder! Darum ernten die, die mich erwischen, dann auch ein offenes und freundliches Lächeln als Gruß.

          Diskriminierung gibt es nicht allzu offen, aber wie mit „Andersartigen“ im Allgemeinen werden sie schnell schief und verwundert-unfreundlich angeschaut. Ich habe durchaus den Eindruck, dass unsere Gesellschaft (min. in Deutschland, für woanders kann ich nicht sprechen) einen unglaublichen Fokus auf Details hat, die nicht der Norm entsprechen. Egal wie praktisch, hübsch, individuell sie sind.

          Ich persönlich bin Beidhänder, allerdings selbst „anerzogen“ bzw. -gelernt, weil es mich gereizt hat, die ohnehin vorhandene Neigung mit links zu arbeiten zu erweitern. Daher kenne ich den Blick, der das Unnormale gerade erkannt hat, auch beim Schreiben und Zeichnen.

      • Aber interessant, dass du das fragst:

        Wolf-Dieter, du bist kein Linkshänder oder?

        Ich hab mal ein Semester lang linkshändig gezeichnet (trotz Rechtshändigkeit). War mir ein Sport.

  3. Du schreibst es ja:

    … wie um alles in der Welt denn kluge und aufgeklärte Leute allen ernstes glauben können, …

    Wahrscheinlich darf man die 2 Eigenschaften heut in dieser Welt nicht voraussetzen. Schon gar nicht zusammen auftretend. Das scheint aeusserst selten zu sein.

  4. Boah,
    was ’s das denn? Beim Verwerfen von Tags gleich den ganzen Kommentar verwerfen? Tsts.
    Mein eigentlicher Kommentar:

    Du schreibst es ja, Tantchen:

    … wie um alles in der Welt denn kluge und aufgeklärte Leute allen ernstes glauben können, …

    Die beiden Attribute sind wohl heute eher selten. Und zusammen auftretend scheint die Wahrscheinlichkeit noch geringer zu sein.

  5. Meine Mutter (geb. 1951, eingeschult 1957) ist Linkshänderin, schreibt aber mit rechts, das wurde ihr anerzogen, indem man ihr die linke Hand mit dem Schürzenband auf den Rücken gebunden hat beim Schreiben. Das war in einer öffentlichen Volksschule in Österreich in einer nicht ganz kleinen Ortschaft.

    • sorry, da fehlte noch etwas *gähn*
      heute würde man das als Kindesmisshandlung bezeichen! Ich denke sie hat sich damals auch minderwertig und „falsch“ gefühlt.

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