Das Dorf der Bekloppten und Neurotiker

Mal so zwei Highlights aus der letzten Zeit:

Einkaufen. Aldi. Sonne scheint, ich renne einäugig durch die Gegend. Weil Sonne blendet und mein rechtes Auge lichtempfindlicher ist als das linke. Kenn ich schon länger. Also: Augen zu und durch solange noch keiner eine Gammakorrektur für die Monitorbeleuchtung da über mir angefertigt hat.

Einkaufswagen geschnappt, Stimme gehört: „Entschuldigung?“ umgedreht mit beide Augen offen. „Gucken sie mich doch mal  an.“ Vor mir steht ein recht netter, besorgt wirkender älterer Herr. Ich guck ihn an. „Wieso? Ist was los?“ Er steht vor mir: „Machense mal so.“ und flattert mit den Armen herum wie ein aufgeregtes Huhn. Ich guck ihn an. „Häh? Warum sollte ich das tun?“

„Ja, ist wichtig, ob sie das können.“ Ich guck mich um ob irgendwo was Kameraähnliche ist – aber nö. Zeigen sie mal ihre Augen. Nimmt ein Feuerzeug und will mir damit in die Augen leuchten. Ich, keine Lust, als Johanna die menschliche Fackel die beste Performance seit gut 800 Jahren zu liefern, weiche einen Schritt zurück, der Kopf zuckt nach hinten. „Äh, sind sie heute morgen zufällig mit dem Vorschlaghammer geweckt worden?“

„Sie haben doch eben so komisch geguckt. Sie haben bestimmt einen Schlaganfall. Das muss jetzt schnell gehen. Sie müssen ins Krankenhaus.“ Ah okay. Da hat jemand gesehen, wie ich… Ich seufze. „Ne, Chef. Auge is nur Monitorlicht gewöhnt, Sonne ist zuviel, darum Auge zu, keine Probleme. Außerdem brauch ich ne neue Brille…“

„Aber Lichtempfindlichkeit ist doch auch…“ Ich lächel ihn an und meine: „Ne, kein Schlaganfall. Dazu brauchts Hirn und ich gehöre zu der seltenen Spezies der Menschen, die ohne reden können.“ Er nickt verständnissinnig. „Achso.“ Ich nutze die Gunst der Stunde, türme schnellstens und höre so in der Ruhrgebietsdisziplin „durche offene Tür laufen“ noch: „Äh, moment mal…“ als ich dann schon mein Heil an der Schokoladentheke suche.

DAS hatte ich mir verdient.

***

Aber ist ja nicht so, das nur bei Aldi die Leute meiner Meinung nach inzwischen ein klassisches Kennmerkmal bräuchten. Eine rosa Baseballmütze zum Beispiel.

Ich sitze so im Nachtzeug leicht verdrömmelt an meinem PC und lausche Jake Applebaum. Den Vortrag muss man sich mehrfach anhören. Echt. Auf einmal höre ich so Gekruschel und Getöse vor meinem Fenster, denke mir aber nix dabei.

Ich lausche Jake und schlürfe meinen Kaffee. Als es an meinem Fenster klopft. Häh? Mein Fenster befindet sich trotz Erdgeschoß auf etwa 2,5 m Höhe. So mal eben „klopfen“ is da nich.

Ich dreh mich um und kriege große Augen. Meine Nachbarin ist am Fenster, offenbar auf einer Leiter und macht seltsame Bewegungen. Ich putze kurz meine Brille, weil ich nicht glauben kann, was ich sehe. Doch. Da isse. Strenger Gesichtsausdruck und diese tadelnde Gestik mit dem Zeigefinger. Ich mache kurz ein altes satirisches Zeichen, was auf die schöne Sendung „Scheibenwischer“ hinweist und drehe mich wieder um. Doch ein etwas heftigeres Klopfen erinnert mich daran, dass die Frau echt hartleibig sein kann.

Ich stehe also auf und verlasse die heiligen Hallen meines Computers und beschließe, wieder ins Bett zu gehen. Der Tag kann echt nicht mehr besser werden.

Und richtig. Es klingelt. Und klopft. Und klingelt. Augenrollend stehe ich auf, dackel zu Tür, leicht angepisst. Klar, ich hatte recht. Da stand dann meine Nachbarin.

„Ihre Bude verkommt total. Räumen sie da gefälligst mal auf und machen sauber. Wegen ihnen kommt noch das ganze Haus in Verruf.“

Ich gebe zu, mir fehlten an der Stelle die Worte. Ich überlegte kurz, was ich sagen sollte. Und mir fielen auch einige ziemlich miese Sachen ein. Ich habs dann bei einem „also echt, ICH bin in Rente und SIE laufen frei herum. Das Leben ist echt nicht gerecht.“ belassen und die Tür unter dem Hinweis geschlossen, das ich bei weiteren Belästigungen die Polizei einschalten werde.

Und nun erklärt mir doch bitte mal jemand in einfachen Worten, wieso die immer alle bei mir aufschlagen? Oo

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Soziales

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13 thoughts on “Das Dorf der Bekloppten und Neurotiker

  1. Weil die sich das bei mir nicht mehr trauen.

    Wenn meine Nachbarn das bei mir probieren sollten, gäb’s wohl ’n Foto, Fenster auf, bis drei gezählt und dann einmal schubsen.

    (Ich habe Fieber, ich darf das schreiben… 😉 )

  2. Ich hätte die Nachbarin auch umgeschubst.
    Und vielleicht eventuell oder auch nicht einen Rettungswagen gerufen.

  3. Traut sich bei mir keiner mehr, weil aus irgendeinem Grund ein gezielt geistreich gestreutes Gerücht mich zum Psychopathen macht, der vor nichts zurück schreckt.
    Vielleicht hätte ich der geschwätzigen Nachbarin nicht sagen sollen, dass mein letzter Nachbar wegen mir in die geschlossene Psychiatrie eingewiesen wurde. Und das er schwerer Alkoholiker mit suizidalen Depression war muss ich wohl irgendwie vergessen haben zu erwähnen.
    Man wird jetzt zwar komisch angeschaut, aber man lässt mich in Ruhe.

    • Muss daran liegen, dass ich ne Frau bin. Ich werd komisch angeguckt und NICHT in Ruhe gelassen. Beneidenswert.

    • Achja, Beileid zu deiner Nachbarschaft. Sorg‘ doch dafür, dass die ein paar daujones Geschichten aufgepeppt zu lesen bekommen. Das sollte dir den notwendigen Respekt verschaffen.

  4. „Wir sind hier ein ordentliches Haus!“
    „Ach isses so? Und das ihr Alter mit der Trockenpflaume im dritten Stock so laut Unzucht treibt, das sich die Leute von gegenüber beschwerten, das hamma alle nur geträumt?“
    „Also – also -also HÖREN SIE MAL!“
    „Habe ich und was krieg ich zu Ohren? Sie selbst sind doch in allen Läden in der Umgebung als „Die Rumtöpfin“ bekannt – alte, schrumeplige Früchte in üppig Alkohol eingelegt.“
    „…!“
    „Junge Junge, der haste aber einen eingeschenkt.“
    „He, es hat nicht NUR Nachteile wenn deine Liebste die größte Klatschbase im Viertel ist.“

    Informationen. Sie können so viel Spaß machen. 🙂

  5. Ist das die Hausordnungsnachbarin? 😀
    Brauchst Du überall blickdichte Jalousien? Vor allem, wie kommt die auf die Idee mit der Leiter, war sie mal wieder über deine Hausordnungskünste unzufrieden?

    Der Aldi-Herr hat es wenigstens gut gemeint, auch wenn das schon… schräg war… 😀

    Ach ja, die Idioten, die dich nicht finden, Habe ich schon erschlagen, weil ich zieh die auch an wie das Licht die Motten…

  6. Oh mann, das erinnert mich an die kleinkarierten Spießer in der Wohnungsgenossenschaft, bei der ich mal gewohnt habe. Als da eine neue Hausordnung erlassen wurde, haben die sich in den Garten gesetzt, und sich die laut vorgelesen. Die waren sich auch nicht zu schade, mich bei der Genossenschaft anzuschwärzen, dass meine Freundin ja bei mir wohnen würde und somit auch Wasser verbrauchen würde – die Wasserkosten gingen alle über einen Hauszähler…

  7. Ein pyromanisch veranlagter, verwirrter Mann und eine fensterlnde Nachbarin, das klingt nach der Stadt, die, mit einigen Ausnahmen, Verrückte macht oder hervorbringt…

    Aber solche Exemplare sind mir auch kürzlich begegnet, ich habe mir in der Stadt ein Paar Schuhe gekauft, und vor dem Laden gleich angezogen. Aufgrund etwas dickerer Socken war das Anziehen etwas schwieriger, und da meinte ein Passant, ich bräuchte größere Schuhe. Hallo, Größe 42 reicht… Ich sollte mir mal ein T-Shirt mit dem Aufdruck „Wenn mich Ihre Meinung interessiert, frage ich Sie! Ansonsten gehen Sie bitte schweigend an mir vorbei!“

    Oder auch mein Nachbar, ich sollte ihm mal eine Uhr besorgen. Denn heute kurz nach Mitternacht, ich wollte gerade meine Augenlider von innen betrachten, klopfte er ganz leise an meiner Tür und fragte mich, ob ich ihm ein USB-Kabel zum Aufladen seines XBOX-Controllers leihen könnte. Hat schonmal jemand nachgeprüft, ob ein USB-Kabel zum Erwürgen ausreicht?

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