Medienschelte

Ich stehe gerade angesichts der Berichterstattung zum Schumacher-Unfall einigermaßen fassungslos vor dem Medienauftrieb.

Ehrlich, Focus? Einen Schumacher-LIVETICKER?

Man kann zu Michael Schumacher stehen wie man will – das zählt jetzt alles nicht. Der Mann ist schwerstkrank, keiner weiß derzeit oder kann auch nur voraussagen, was passiert. Man weiß es nicht. Punkt. Übrigens wissen es noch nicht einmal die Ärzte.

Da saugt sich die „Welt“ einen verlogenen Artikel nach dem nächsten aus den Fingern. Faktenlage? Null. Es ist ja auch alles bekannt.

Da geben sich Reporter die Klinke in die Hand – oder versuchen es zumindest, ich hab irgendwo was von einem Versucht gelesen, als verkleideter Priester Zugang zur Intensivstation zu erlangen. Kamera inklusive.

Ähem, bitteschön? Warum ist der noch auf freiem Fuß?

Da wird die Notaufnahme des Krankenhauses zu einer Zeit belagert, wo das gesamte Krankenhaus Hochkonjunktur hat, weil eben Skisaison ist und auch andere als Michael Schumacher sich verletzen. Belagert im Sinne von: Es ist kein Durchkommen, es werden tatsächlich Rettungswagen behindert. BEHINDERT. Die können da keine Verletzten anfahren.

Unfassbar sowas. Wieso sind die alle noch auf freiem Fuß? Wenn ich da Polizei wäre würd ich die alle einsperren. Einen wie den anderen. Und die Kameras erstmal einkassieren. Und dem ersten Journalisten, der was von „Pressefreiheit“ ruft, den Presseausweis zerreißen.

Das da ist keine Pressefreiheit. Das ist Sensationsgier. Das ist das hässliche Gesicht des Sensationslüsternen, der geradezu orgiastisch jede Lautäußerung des Krankenhauses zelebriert und sich in schwülstigen Vermutungen ergeht, wie seine Familie das wohl alles aufnimmt.

Ich lehne mich mal selbst aus dem Vermutungsfenster. Aber nicht halb so weit, wie manche es wohl gerne hätten:

Ich vermute, dass Michael Schumacher diesen Presserummel sehr schnell mit Hilfe von Anwälten unterbunden hätte. Michael Schumacher war nicht Pressegeil. Er wollte siegen. Doch der ganze Presserummel wurde von ihm eher mit Argwohn betrachtet. Er hat auch viel unternommen, um seine Kinder aus der Regenbogenpresse herauszuhalten – der Umzug in die Schweiz war nicht der Tatsache geschuldet, dass er da Steuern spart, sondern eher dass er dort seine Kinder in Ruhe aufwachsen lassen konnte. Ohne ständig irgendwelche Kameras aushalten zu müssen. Etwas, was ihm in Deutschland nicht mehr möglich war. Der Steuersparaspekt dürfte hier eher sekundär gewesen sein.

Traurig genug.

Es ist eine Tragödie. Die möglicherweise bereits mehrfach wiederholt wurde, weil die Aufnahme des Krankenhauses belagert wurde. Aber Michael Schumacher ist nicht mehr die Person der Öffentlichkeit, die eine derartige Berichterstattung rechtfertigen würde. Das war er nie und wollte er auch nie sein.

Und wir müssen uns allmählich mal fragen, wie wir dieser zügellosen Pressemeute, diesen Hyänen der Berichterstattung, endlich einmal Paroli bieten, ohne die tatsächliche Pressefreiheit einzuschränken.

Denn die ist derzeit ein gefährdetes Gut.

Liebe Pressevertreter: Ich hätte mir DEN Verve bei der Berichterstattung bei dem NSA-Skandal gewünscht. Oder dem Freihandelsabkommen mit den USA, das hinter verschlossenen Türen verhandelt wird. Oder auch bei den Terroranschlägen in Russland, wo gerade offenbar eine Bombe nach der nächsten hochgeht.

Und den armen Mann dafür erstmal in Ruhe lassen.

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Soziales

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9 thoughts on “Medienschelte

  1. Wenn man bei NSA und Co keinen Artikel bringen darf/kann/will, ist Schumis Salto ein willkommener Elfmeter. Den verwandelt die Presse mit verbundenen Augen.
    Pofalla ist aber grade viel spannender.

  2. Ja – ich bin auch durch Schumi (wieder) Formel 1-Fan geworden, aber irgendwie interessiert es mich nur am Rande, ob er nu ne Herzfrequenz von 80 oder eine von 93 hat (wurde darüber eigentlich schon berichtet?).
    Lasst den Mann in Ruhe! Ebenso seine Familie, die jetzt damit zu tun hat, Vorkehrungen für die Genesung (oder den Tod) des Mannes zu treffen und ihm beizustehen, damit er wieder auf die Beine kommt.

    Aber soetwas lenkt natürlich schön von den anderen Dingen ab, die so passieren.

  3. “ der Umzug in die Schweiz war nicht der Tatsache geschuldet, dass er da Steuern spart, sondern eher dass er dort seine Kinder in Ruhe aufwachsen lassen konnte. Ohne ständig irgendwelche Kameras aushalten zu müssen. Etwas, was ihm in Deutschland nicht mehr möglich war. Der Steuersparaspekt dürfte hier eher sekundär gewesen sein.“
    Ehrlich gesagt hab ich das so noch gar nicht gesehen. Aber stimmt eigentlich. Der Rest des Artikels ist auch super. Ich hab dauernd genickt.

  4. „Aber Michael Schumacher ist nicht mehr die Person der Öffentlichkeit, die eine derartige Berichterstattung rechtfertigen würde. Das war er nie und wollte er auch nie sein.“ –
    Ich bin sogar der Ansicht, dass diese übertriebene Berichterstattung auch dann nicht gerechtfertigt wäre, wenn er noch amtieren würde. – Will die Presse das Volk verdummen oder ruft das Volk nach solch einer Verdummung? Frage nach Henne oder Ei, was war zuerst.

    • Weder – Noch. Es geht den Redaktionen um werbeträchtige Klicks. Je mehr, umso höher die Preise für Werbeanzeigen.

      Da gehts ums Geld. Leider.

  5. Pingback: Medienschelte | König von Haunstetten

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