Der letzte Coup des alten Fuchses

Mikhail Chodorkowski und Pussy Riot sind frei. Was mich dort am meisten erstaunt hat: Es war wohl Hans-Dietrich Genscher, der seine alten Verbindungen noch mal genutzt hat.

Das ganze war meiner Meinung nach aber vor allem eine diplomatische Glanzleistung, die ihresgleichen sucht.

„Durch geheime Vermittlungen“ sei die Freilassung zustande gekommen, so will es die Legende. Und so wird es wohl auch dereinst in den Büchern stehen. Und doch habe ich meine Zweifel, ob es wirklich so abgelaufen ist.

Zunächst einmal meine Gratulation an Herrn Chodorkowski und die dringende Empfehlung, Nahrung nur noch mit Geigerzähler zu sich zu nehmen.

Die Rolle Deutschlands wurde aber meines Erachtens zu sehr betont. Immer wieder wurde hervorgehoben, dass der „alte Fuchs Genscher“ es erreicht hat, was Diplomaten seit zehn Jahren nicht erreicht haben: Den „Dissidenten“ Chodorkowski befreit. Und natürlich Pussy Riot.

Aber, ich sags mal mit Loriot: Das Bild hängt schief.

Geheime Kanäle sind doch auch nur so lange nützlich wie sie auch geheim sind. Was jetzt mit der Freilassung und der (gewollten) medialen Berichterstattung passiert ist, ist die Kompromittierung eben jener Kanäle. Sie liegen offen, für die Medien zur Untersuchung dar.

Und sind damit nutzlos geworden – man kann sich ihrer nicht mehr bedienen.

Und dann: Was für ein Bild gibt das denn gerade ab? Putin läßt sich von Genscher überreden, Pussy Riot und Chodorkowski freizulassen?

Im Namen der Menschlichkeit? Menschlichkeit? Putin? Das ist wirklich die letzte seiner Überlegungen. Um Menschlichkeit gehts dem Mann nicht – sondern ausschließlich um Machterhalt.

Und dazu gehört eine gute PR im allgemeinen und die olympischen Spiele in Sotschi im Besonderen. Die Spiele waren dazu gedacht, das Image Russlands etwas aufzupolieren: Dass die Russen eben keine rückständigen Bauern sind, sondern moderne Bürger eines freien Staates.

Dieses Bild hat gerade bei den neuesten Gesetzen einige Kratzer abbekommen. Um nicht zu sagen: Es ist ziemlich zerstört worden.

Homophobe Gesetze, Schwule werden gezielt von russischen Neonazis gejagt und wenn dann mal einer versehentlich stirbt kann sich besagter Neonazi darauf verlassen, dass ihm nichts passiert. Schwule sind Freiwild in Russland.

Einschub: An dieser Stelle frage ich mich immer wie sehr man sich das Hirn wohl weggesoffen haben kann. Hallo? Hat noch einer das Russenbild der Nazis vor Augen? Wie kann man als RUSSE Neonazi sein? Wie doof kann man…ach, okay. Einschub Ende.

Das alles hat sich im Westen herumgesprochen. Die Amerikaner, sowieso sehr angefressen, dass Putin Edward Snowden Asyl gibt, haben zum diplomatischen Rundumschlag ausgeholt.

Statt Michelle Obama führt diesmal Janet Napolitano die Delegation an. Das ist eine Art diplomatischer Neutronenbombe:

Mrs. Napolitano ist in der Hackordnung genau so weit unter Mrs. Obama, dass es kein offener diplomatischer Affront ist, auf den die Russen reagieren *müssen*.

Aber ne Ohrfeige ist das schon. Elegant verstärkt durch zwei lesbische Delegationsteilnehmer und dann noch eins draufgesetzt durch Brian Boitano, der extra zu diesem Ereignis seine Homosexualität erstmals öffentlich zugegeben hat.

Das war alles eine schlechte PR-Nachricht nach der nächsten für Putin. Sotschi drohte zu einem PR-Desaster zu werden.

Ich nehme auch an, Hans-Dietrich Genscher wollte wirklich Chodorkowski helfen. Pussy Riot ist hier menschenrechtlicher Beifang, die nimmt eigentlich keiner so richtig ernst.

Als er durch seinen Stab die russische Regierung kontaktierte, wird der Medien-Fuchs Putin durchaus das Potenzial erkannt haben.

Ein paar Verhandlungen, kurzer Blick auf den Kalender, wann denn die beste Zeit ist, um die Leute rauszulassen und schon waren die Leute frei. Sogar mit einem speziell geschneiderten Amnestiegesetz.

Und jetzt? Win-Win auf allen Seiten.

Der amerikanische Vorstoß ist geplatzt. Kein Mensch interessiert noch die Zusammensetzung der Delegation. Das Interesse kommt auch nicht wieder, der Zug ist abgefahren.

Deutschland hat sich etwas von den USA abgrenzen können und hat jetzt etwas mehr Handlungsfreiheit in dem ganzen NSA-Desaster. Man hat zumindest an der Oberfläche die Karte: „Kuck, direkter Draht zu Putin.“ und kann vielleicht ein bisschen eindämmen.
Und Putin hat mit einem Schlag die PR-Sorgen wegen Sotschi vom Hals. Derzeit interessiert die Menschenrechtslage in Russland niemanden. Alles schart sich mit offenem Mund um den Dissidenten Chodorkowski.

Schwulenjagden? Erpressungsversuche in die Ukraine? Hmjooooo, so in einem Nebensatz liest mans mal.

Im übrigen hat Mikhail Chodorkowski völlig zu Recht im Knast gesessen. Ich halte jede der gegen ihn erhobenen Anschuldigungen für wahr. Oligarch in Russland wird man nicht, weil man so ein netter Mensch ist.

Er war halt nur der einzige, der die Klappe aufreißen musste und dann hat Putin mal seine Krallen gezeigt.

Ein Dissident ist der Mann nicht. Vielleicht wird er noch einer, aber momentan ist er eigentlich nur ein entlassener Strafgefangener.

Das ganze war ein bühnenreifes Drama, aufgeführt von exzellenten Schauspielern – und einer ziemlichen Menge Potemkinscher Dörfer. Doch echt war daran nichts.

Wäre Sotschi nicht gewesen und die verheerende Presse der letzten Monate sowie der Versuch der Amerikaner, die Russen medial vor sich herzutreiben:

Chodorkowski wäre noch im Straflager und würde sich wahrscheinlich auf den nächsten Prozess vorbereiten. Und Pussy Riot wäre keinen Tag früher entlassen worden als im Urteil niedergeschrieben war.

Aber ehrlich: Bewundern muss man das schon irgendwie. Das macht keinen der Beteiligten sympathischer, aber solche eleganten Manöver machen Spaß.

Aus der sicheren Entfernung.

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Soziales

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7 thoughts on “Der letzte Coup des alten Fuchses

  1. Elegante Manöver?
    Die Leut sollten ihre Energien mal vernünftiger einsetzen. Und überhaupt erst mal vernünftig werden.

    Aber wahrscheinlich überlebt in dieser Welt nur der, der hart genug ist oder sich dumm genug anstellt. Mich widert so ein Shit einfach nur an.

    Wie gut, dass ich keinen TV habe. So muß ich mir Olympia nicht angucken. Würde ich auch nicht, wenn ich einen hätte. Bezahlen muß ich es allerdings doch – da komm ich nicht drum rum. Leider. Fast 20 EUR für so einen Schwachsinn.

    Man, man, diese Welt geht echt dem Ende entgegen.

    • Diplomatie und Politik ist dreckig. Das war immer so und wird immer so sein.

      Staaten haben zuallererst ihre eigenen Interessen im Blick und die versucht man, durchzusetzen. Darum haben wir die NSA am Hals und darum haben wir verschiedene andere Dinge am Hals.

      Und wenn man das ganze nicht in einem offenen Krieg eskalieren will, dann muss man zwingend auf die Diplomatie zurückgreifen. Erst wenn die versagt, sprechen die Waffen.

      Das kann man schlecht finden oder abstoßend – aber anders geht es leider nicht, so wie wir Menschen gestrickt sind. Altruismus in der Politik geht leider nicht. Vor allem nicht auf internationalem Parkett.

  2. Ich habe beim Lesen der Nachricht als erstes gedacht, ob vielleicht die CDU großes Interesse daran hat, ab und zu einen bekannten FDP Politiker sehr positiv darzustellen, damit der Wunschkoalitionspartner für die nächste Wahl nicht aus den Nachrichten verschwindet.
    Wenn man ausreichtend oft diejenigen in den Mittelpunkt schiebt, die ihre Arbeit ja durchaus gut gemacht haben, dann könnte bei der nächsten Wahl ja vielleicht mehr als 4,9 % für die FDP herauskommen und man muss nicht mit den Grünen zusammenarbeiten – Nur so eine Überlegung. Die nächste auf meiner „Wird bald gelobt werden“ Liste ist Frau Leutheusser-Schnarrenberger 🙂

    • Die FDP wird bei der nächsten Wahl wieder im Bund vertreten sein. Die AfD hat sich grad selbst zerlegt, Alternative Auffangbecken für Liberale gibts nicht – nö, die sind wieder da. Und vielleicht in den 4 Jahren ja auch ein bisschen weniger der Sauhaufen, den sie jetzt gerade darstellen.

      Die AfD wird nicht noch einmal die Chance haben, hier der FDP was wegzufischen.

      Das weiß die CDU auch. Und was die nicht brauchen, ist eine FDP, die mit über 10% wieder zurückkommen.

      Mal sehen 😉

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