Das Tal der Stürme – Epilog

Frohe Weihnachten euch alle. Ich wünsche jedem einzelnen von euch einen tollen Tag. Vielleicht nicht mit vielen Geschenken – aber doch mit euren Lieben, stressfrei und entspannt.

Die Stimme des Barden klang aus, die Stille nur durchbrochen vom Heulen des Mittwintersturms außerhalb der großen Halle. Keiner sagte ein Wort, nicht Mensch, nicht Elf, nicht Ork oder Zwerg. Niemand wagte, die Stimmung zu durchbrechen, die sich über die Leute gelegt hatte.

Bis die aufgeregte Stimme eines Kindes die Stille durchdrang: “Das war toll. Mehr. Können wir mehr hören?” Die Erwachsenen lachten und die Magie des Augenblicks war durchbrochen, wie es auch sein sollte. Der Barde lächelte das Kind an. “Was möchtest du denn hören?”

“Mehr von Goshar und Al’lel. Die Geschichten sind toll.” Das Kind verzog das Gesicht, als wäre ihm gerade ein Gedanke gekommen. Fragend blickte es den Barden an. “Wieso heißen die beiden eigentlich wie Großvater und Onkel Al’lel?” fragte es misstrauisch.

Der Barde lachte. “Weil es die Geschichte deines Großvaters und deines Onkels ist, meine Kleine. Es ist die Geschichte, wie sie uns hierhergeführt haben.” Das kleine Orkmädchen sah ihn böse an. “Großvater und Onkel Al’lel sind alte Männer. Wie können sie denn unsere Sippe hierhergeführt haben?” fragte es keck.

Hinter ihm ertönte eine seltsam resignierte Stimme. “Weißt du, mein Freund, irgendwie gefiel mir deine Enkelin noch besser, als sie noch nicht reden konnte. Jetzt fühle ich mich dem Grabe nahe.” Der Barde hörte eine tiefe Stimme antworten. “Rushan, das ist genug. Man respektiert den Barden.” Das kleine Mädchen senkte beschämt den Kopf. Leise hörte er den großen Ork flüstern. “Auch wenn er ein unverschämter Schmeichler ist. Helden. Das ist nicht dein Ernst, Bruder.” Goshar schüttelte den Kopf und der Barde lachte laut auf.

Kam’rei drehte sich um und sah die beiden Männer an, die so viele Legenden begründet hatten in ihrem Leben und die beide seine Brüder geworden waren. “Mein Lehrmeister hat mir die Grundlagen des Geschichtenerzählens beigebracht. Es tut mir leid, wenn ich etwas übertreibe.” er senkte den Kopf, doch sein breites Grinsen sagte ihnen, dass er nichts bedauerte.

Al’lel lächelte, doch dann wurde sein Blick abwesend. “Hört doch nur.” sagte er. Und wirklich: Eine tiefe Stille senkte sich über die Halle. Der Sturm hatte sich gelegt.

Al’lel ging zur Tür, warf sich den Mantel über, der an einem Haken hing und trat nach draußen, dicht gefolgt von Goshar und den anderen. Die Erwachsenen standen in Ehrfurcht vor dem Anblick, der sich ihnen bot.

Der Schnee, der das Tal bedeckte, reflektierte das Sternenlicht und glitzerte in der Nacht. Die Luft war so kalt und klar, dass sie Meilen über Meilen sehen konnten. Über dem ganzen Tal lag ein fahler Lichtdom wie sie ihn nur aus dem Tal der Stürme kannten und nur dann, wenn es sehr kalt war und der Himmel wolkenlos.

Doch diese Temperaturen hatte das Tal des Sommers nie erreicht und auch jetzt war es zwar kalt aber erheblich wärmer als es die ältesten Sippenmitglieder kannten.

Als Goshars Blick auf den großen Steinhügel am Rande des Dorfes fiel, stieß er seinen Freund an und deutete mit dem Kinn auf das einfache Monument. Al’lel folgte seinem Blick und er erstarrte.

Das Monument war das gemeinsame Grab Jon’rans und Ghorashs, beide vor so vielen Jahren verstorben und doch noch allgegenwärtig im Tal. Goshar und Al’lel wussten, dass sie zwar die Siedlung begründet hatten, doch die geistigen Führer, diejenigen, die das Zusammenleben zwischen den Bewohnern festgelegt hatten, das waren die beiden alten Männer gewesen. Und sie wurden nach wie vor dafür tief verehrt.

Jon’ran hatte mit der tatkräftigen Unterstützung eine Schule eingerichtet, indem er die junge Generation in verschiedenen Fächern unterrichtete. Einige wurden Heiler. Andere wurden Priester. Und einige wenige, mit dem hohen Talent, Geschichten zu erzählen und Kunden zu verbreiten, wurden die Barden.

Kam’rei, Ghorashs Adoptivsohn, wurde der erste und älteste der Barden, ausgebildet von dem begnadeten Geschichtenerzähler Ghorash und dem Heilerpriester Jon’ran. Lange Zeit war er auf Wanderschaft gewesen und hatte das Tal des Sommers und seine Familie viele Jahre nicht gesehen. Er war es, der die wundersame Kunde des Tals verbreitet hatte, wo Orks, Elfen, Menschen und Zwerge in Frieden lebten.

Das Tal und die Schule hatten davon profitiert. Viele wissbegierige junge Menschen verließen ihre eigene Heimat, um hier zu lernen. Und auch, wenn viele das Tal wieder verließen, um zu ihren Angehörigen zurückzukehren, blieben die Besten doch hier und unterrichteten selbst.

Über die Jahre wurde die Schule der Barden und Heiler im Tal des Sommers selbst zu einer Legende. Und das Wissen, das hier vermittelt wurde, verbreitete sich langsam doch unaufhaltsam in der Welt und veränderte sie. Und als kurz hintereinander Jon’ran und Ghorash starben, hinterließen sie ein Vermächtnis, dessen Auswirkungen sie erst allmählich begriffen. Der alte Heiler hatte jede Verfehlung, die er vielleicht begangen hatte, wahrlich mehr als gut gemacht.

Erst vor wenigen Tagen war Kam’rei zurückgekommen, rechtzeitig zum Mittwinterfest und freudig begrüßt von seiner Familie. Er war es, der die Geschichte des Tals der Stürme seinem gebannt lauschenden Publikum vorgetragen hatte. Er hatte es noch niemandem erzählt, doch seine Tage der Wanderschaft war vorbei. Er war heimgekommen um zu bleiben, zu unterrichten und zu lernen.

Die vergangenen Tage waren angefüllt mit eifriger Arbeit, um das Monument für die beiden Männer fertigzustellen, die nach wie vor so sehr geliebt und bewundert wurden. Ein einfacher Steinhügel. Ein Platz des Gedenkens, denn mehr brauchte es nicht, da sie sie beide in ihren Herzen trugen. Heute morgen wurden die letzten Steine angehäufelt, eine fröhliche Arbeit, da die Trauer vergangen war und der Dankbarkeit Platz gemacht hatte. So war das Leben: Eine Generation ging um Platz zu machen für die Energie und die Ideen der nächsten Generation.

Als sich die Kinder eine wilde Schneeballschlacht lieferten, hatte sich selbst Al’lel daran beteiligt. Sud’annai hatte ihn heftig gescholten, als er schneebedeckt vor ihr stand, breit grinsend, bevor sie zurückgrinste und ihrem Ehemann einen Schneeball mitten ins Gesicht warf. Und damit die erbitterte Schlacht erneut anfeuerte.

Der Tag war angefüllt mit Arbeit, doch auch mit Glück, Fröhlichkeit und Frieden, wie es alle Tage waren, seit sie hier eingezogen waren. Al’lel lächelte leicht, als er an die Schneeballschlacht zurückdachte. Vielleicht nicht immer Frieden.

Sein Blick fiel auf Rushan, die bereits Anzeichen eines stürmischen und fordernden Charakters zeigte. Goshar sah wie sein Freund seine Enkelin nachdenklich betrachtete und meinte: “Sie wird es lernen, mein Freund.” Al’lel sah ihn an. “Das wird sie. Die Frage wird nur sein, zu welchem Preis.” Goshar, der immer pragmatische Ork, sagte: “Es ist an ihr, das festzulegen. Wir können nur den Weg weisen.” Al’lel nickte. Er wußte, das sein Freund recht hatte.

Kam’rei gesellte sich zu seinen beiden Brüdern, die von dem sich bietenden Anblick wie verzaubert waren und als der Barde zu dem großen Steinhügel blickte, verstand er auch, warum.

Der Dom aus Sternenlicht leuchtete nirgends so intensiv wie an diesem Steinhügel und es wurde noch intensiver. Ein großer Lichtbogen zog sich von hoch oben zu diesem Hügel und kleine Lichtfunken tanzten über den kahlen Steinhügel.

Überall wo die Funken die nackten Steine berührten, spross Grün hervor. Blumen blühten und moosiges Gras wuchs aus den Spalten hervor. Die Funken ließen kein noch so kleines Steinchen unberührt. Von unten nach oben tanzten sich die Funken zielstrebig bis zur Spitze empor. Als sie oben angekommen waren, liefen alle Funken zusammen und vereinigten sich zu eine m großen Licht.

Alle schlossen geblendet die Augen. Als sie wieder etwas erkennen konnten, war das Tal wieder zu seiner tiefen Ruhe zurückgekehrt. Der Lichtdom aus Sternenlicht war verschwunden, nur das Sternenlicht erhellte noch das Tal des Sommers.

Doch als sie den Steinhügel betrachteten, den sie in liebevollem Gedenken aufgeschichtet hatten, erfüllte sie tiefes Staunen und Ehrfurcht.

Der Hügel war mit Gras und Sommerblumen überwachsen, ein Hauch der guten Jahreszeit mitten im Winter. Gekrönt wurde der jetzt grüne Hügel von goldenen Blüten, wie sie sie noch nie gesehen hatten. Die Gruppe, die vor dem Langhaus stand, hatte Tränen in den Augen vor Dankbarkeit. Unter dieser üppigen Decke würden die beiden Männer so viel ruhiger und bequemer schlafen.

Leise und still gingen sie wieder in die große Halle, wo sie die lange Mittwinternacht gemeinsam verbrachten. Keiner wagte es, etwas zu sagen, auch nicht die vorwitzige Rushan.
Die Sippe setzte sich an das große Herdfeuer. Mensch, Ork, Elf und Zwerg, viele Rassen und doch eine Familie.

Endlich durchbrach Kam’reis geübte Stimme die tiefe Stille in dem Langhaus. Leise fing er an, das Lied der Göttin zu singen, mit denen Jon’ran sie einst in dieses Tal geführt hatte.

Und als alle anderen einfielen, zögernd erst, doch immer sicherer werdend, war nichts als Dankbarkeit in ihnen über die Geschenke, die sie erhalten hatten. Goshar und Al’lel blickten sich über das Feuer an, lächelnd.

Sie hatten es gut gemacht.

Und niemals, in all den Jahren, die auf diesen Winter folgten, wagte es auch nur eine vorwitzige Schneeflocke, sich auf diesem Hügel niederzulassen.

Das Tal der Stürme – Prolog
Das Tal der Stürme – 1
Das Tal der Stürme – 2
Das Tal der Stürme – 3
Das Tal der Stürme – 4
Das Tal der Stürme – 5
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9 thoughts on “Das Tal der Stürme – Epilog

  1. Und nächstes Jahr kann man dann in einem Buch die Geschichte von der Verbannung bis zur Rückkehr in das Tal der Stürme lesen? Oder ist das etwa nicht geplant ;)?
    Vielen Dank für die tolle Geschichte und ein frohes und gesegnetes Weihnachtsfest.

    • Derzeit weiß ja keiner, warum die überhaupt da hochgezogen sind. 😉

      Selbst Jon’ran wußte es nicht. Das Geheimnis starb mit den ersten Siedlern im Tal.

      Lies: „Ich hab keine Ahnung, wir werden sehen“ 😉

      Und hey, ein 140 Seiten-Roman in geschmeidigen 20 Tagen rauszuhauen, ist doch auch nicht so die schlechte Leistung, oder? *g*

      • Wieviel seiten!? Tantchen, du bist bekloppt, genial, aber effektiv bekloppt. Bin froh, im besten kreise zu verkehren 😉

        PS: Geniale geschichte, bin gespannt, auf das, was weiter kommt…

  2. Liebes Tantchen,
    danke, danke danke für diese schöne Geschichte. Ich hoffe, dir fallen noch viele weitere solcher Geschichten ein, macht Spaß, sie zu lesen.

    Nun auch dir ein angenehmes Weihnachtsfest.

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