Das Tal der Stürme 19

Ich glaub, ich werd sentimental. *sniffel*


Langsam zog die kleine Karawane über die Straße, in Richtung der Berge. Sie waren jetzt mehrere Wochen unterwegs und langsam setzte die Müdigkeit ein. Die Elfen und die Orks waren immer seßhaft gewesen und die lange Zeit auf der Straße setzte ihnen allmählich zu.

Die Kinder, die am Anfang noch fröhlich zwischen den Wagen hin- und hergelaufen waren, liefen erheblich weniger enthusiastisch mit. Doch Goshar und Al’lel waren unermüdlich. Sie trieben die Leute an, ein gleichmäßiges Reisetempo einzuhalten und nicht zurückzubleiben.

Unterstützt wurden sie dabei von Sud’annai und der jungen Orkfrau, die sich als Roshanneh vorgestellt hatte. Die beiden Frauen wurden schnell gute Freunde und gemeinsam kümmerten sie sich um die Alten und die Kranken.

Einzig der alte Heiler, Jon’ran, blieb für sich. Er widersetzte sich keinem Gespräch und war auch nie unfreundlich. Es war eher so, dass er für sich blieb, abgesondert, einsam. Und es war eine Einsamkeit, die er selbst wählte.

Al’lel sprach mit Goshar darüber, doch der Ork konnte seinem Freund nicht helfen. Sie vermuteten beide, dass der alte Mann von den Ereignissen niedergedrückt war, doch war dies jenseits dessen, wo er helfen konnte. Al’lel wußte, dass die Aufgabe an ihm lag. Und an keinem anderen.

Wann immer sie an einem Wasserloch oder einem Dorf vorbeikamen, hielten sie an und rasteten für einige Tage. Wild gab es unterwegs, doch Wasser war kostbar und nicht überall in den Mengen zu finden, wie sie es benötigten.

Endlich kamen die Berge, auf die sie zuhielten, näher. Die Gruppe fing an, Details auszumachen, Wälder, die sich an den Hängen hochzogen und kleine Einschnitte, die möglicherweise das angestrebte Tal verbargen. Ihre lange Reise näherte sich ihrem Ende.

Eines Abends hielten sie an einem Flußlauf. Die Männer füllten die Wasserfässer auf, Al’lel, der den Tag über in der Ebene verschwunden war, kam mit frisch erlegtem Wild zurück, was ihm am Kochfeuer dankbar abgenommen wurde.

Er trat auf seinen Freund zu, der am Rand des kleinen Lagers stand und auf die Berge blickte. Al’lel schlug ihm auf die Schultern. “Meinst du wir schaffen es morgen?” fragte er den großen Ork. Goshar lächelte ihm zu. “Aber natürlich. Mit unserer Sippe schaffen wir alles.” Al’lel nickte. Goshar hatte Recht. Auf der langen Reise waren die beiden Sippen und die Gefangenen tatsächlich zu einer Familie verschmolzen. Es hatten sich viele Freundschaften gebildet und die Kinder spielten gleichberechtigt miteinander.

Goshar blickte auf das kleine Feuer, an dem einsam der alte Heiler saß. “Du solltest etwas unternehmen, mein Freund.” meinte der Ork. “Denn lange wird er nicht mehr unter uns weilen.” Al’lel sah, was Goshar meinte. Der alte Elf sah inzwischen uralt aus, niedergedrückt und traurig. Al’lel nickte, schlug seinem Freund noch einmal auf die Schulter und machte sich auf den Weg, um mit Jon’ran zu sprechen.

Am Feuer angekommen setzte er sich dem alten Mann gegenüber. Lange Zeit starrte er ins Feuer, genauso wie Jon’ran. Keiner der beiden Männer wusste genau, wie er anfangen sollte. Endlich fingen sie an zu sprechen. Gleichzeitig. “Jon’ran”… “Es tut mir leid, Al’lel.” Der Elf sah den alten Mann erstaunt an. “Was tut dir leid?”

Jon’ran holte tief Luft. “Alles. Dass ich deinem Vater so bereitwillig die Lügengeschichten geglaubt habe. Dass ich nichts tat, um unseren Leuten zu helfen. Dass ich zugesehen habe, wie großes Unrecht begangen wurde.” Der alte Elf schüttelte traurig den Kopf.

“Ich glaube, das größte Unrecht war mein Schweigen. Mein Schweigen, als Kam’mennei die alte Frau, die dir geholfen hatte, der Ketzerei beschuldigte und sie in ihrem Haus eingesperrt und lebendig verbrannt wurde. Mein Schweigen als ich nicht sehen wollte, wie bösartig der Älteste wurde. Meine stillschweigende Zustimmung allem Unrecht gegenüber.” Der Elf hob seinen Blick und sah dem Jüngeren endlich in die Augen.

Al’lel war tief berührt von der Pein, die er dort las. Jon’ran brauchte keine Strafe mehr. Er strafte sich selbst jeden Tag mehr als jeder von ihnen es hätte tun können. “Als der Älteste Kam’mennei mich auspeitschte, empfand ich es als Gerechtigkeit. Endlich hatte er auch vor mir nicht Halt gemacht. Jeder im Dorf konnte zu jeder Zeit die Peitsche des Ältesten spüren. Und letztlich auch ich.”

Er senkte seinen Blick erneut. “Ich hatte gehofft, die Göttin nimmt mich zu sich. Doch sie entschied anders. Und ich weiß auch, warum.” Jon’ran hob die Hand und zeigte auf das Lager im Hintergrund. “Ich werde noch gebraucht. Meine Heilkunst, meine Erfahrung. Der Tod wäre ein zu einfacher Ausweg und der Ausweg des Feiglings.” Der alte Heiler schüttelte den Kopf. “Und feige war ich viel zu lange.”

“Es gibt keine Möglichkeit, meine Vergehen wieder gutzumachen. Meine Feigheit und mein Schweigen wieder gutzumachen. Die Leute sind tot und all mein guter Wille holt sie nicht aus ihren Gräbern, so sehr ich mir das auch wünsche. Doch ich kann versuchen, die kleine Zeit, die mir noch bleibt, mit Rat und Tat zu helfen. Und vielleicht einen Weg zu finden, meine Lehren weiterzugeben.”

Der alte Mann blickte Al’lel erneut an, mit Tränen in den Augen. “Sie suchen mich heim, des Nachts. Die Geister der Vergangenheit. Jeder meiner Fehler wird mir gezeigt, mit der gleichen Unbarmherzigkeit, die ich damals dir erwiesen hatte.” Der alte Mann pausierte kurz, und rang um Fassung.

“Al’lel, ein einfaches “Verzeih mir” ist nicht genug. Ich weiß nicht, was genug ist. Doch ich weiß inzwischen, was ich dir angetan habe. Die Geister waren…sehr deutlich diesbezüglich. “Oh Göttin, wie konnte ich so dumm sein? Wie konnte ich so verblendet sein? Wie konnte ich den Pfad der Göttin so weit verlassen?” Jon’ran weinte jetzt offen und auch Al’lel konnte die Tränen angesichts der Qual des Mannes nicht mehr zurückhalten.

Der junge Elf trug dem alten schon lange nichts mehr nach. Auch er war nur ein Opfer der Umstände, dass sich falsch verhalten hatte, ja. Aber nicht aus böser Absicht. Al’lel dachte still bei sich, dass das eigentliche Böse in der Welt nicht die Boshaftigkeit war, sondern die Gleichgültigkeit, mit der jedermann das Ungeheuerliche einfach so hinnahm ohne es zu hinterfragen.

Das wirklich Böse war einfach zu erkennen. Doch die Gleichgültigkeit war es, die aus eigentlich guten Männern Monster zu machen vermochte. Gleichgültigkeit und der Wunsch, jemandem zu gefallen, der dieses Privileg nicht verdient hatte.

Es gab viele Gründe, um schuldig zu werden und Jon’ran hatte mehrere davon gewählt.

Al’lel wog seine Antwort sorgfältig ab. Er wusste, dass die falschen Worte das fragile Gleichgewicht des alten Elfen zerstören konnte, dass er den Mann selbst unwiderruflich zerstören konnte. Und das wollte er nicht. Denn auch, wenn sie seine Erfahrung brauchten, sie brauchten Jon’ran auch um seiner selbst willen. Nicht als leere Hülle, sondern als der Mann, der er einst war. Und wieder werden konnte. Und dazu musste er vor allem sich selbst vergeben.

Al’lel holte tief Luft. “Jon’ran, ich habe dir vor langer Zeit vergeben. Es warst nicht du, der die Peitsche führte, es war mein Vater. Es warst nicht du, der mich des Dorfes verwies, es war mein Vater. Ich weiß das sehr wohl. Und auch wenn du die ausführende Hand warst, weiß ich doch sehr wohl wie überzeugend Vater sein konnte, wenn er das wollte.”

Al’lel dachte nach. “In gewisser Weise bin ich dir sogar dankbar. Wäre ich in dem Dorf geblieben, hätte ich nie das Tal gefunden. Und inzwischen wären wir wohl alle tot, umgekommen in einem der Winterstürme oder getötet von einem Ork, vermutlich bei dem Versuch, einen Ork zu töten.

Das Tal war für mich immer das Symbol des Hasses unserer Sippen. Sieh sie dir an. Wo ist der Hass geblieben? Ich sehe ihn nicht mehr, ich sehe nur noch eine Sippe, die gemeinsam der ganzen Welt die Stirn bieten kann.”

Al’lel machte eine kurze Pause. “Und du bist Teil dieser Sippe, ob du es nun wahrhaben willst oder nicht. Du bist Teil, weil du dazugehörst. Du, Jon’ran. Nicht der Heiler oder der Priester der Göttin.” Jon’ran blickte ihn aus weit aufgerissenen Augen an. “Du meinst…?”

Al’lel nickte und hob zu sprechen an, doch er wurde unterbrochen. “Der Junge hat Recht, Jon’ran” ertönte Ghorashs Stimme. “Ich hätte nie gedacht, dass ich meinen Zorn und meine Wut auf die Elfen, die mir meine Frau und einen Sohn nahmen, überwinden könnte. Und nun sieh mich an. Ich habe einen elfischen Adoptivsohn in einem Alter, wo ich eher Enkelkinder auf dem Schoß schaukeln sollte.” Der alte Ork lachte leise. Er klopfte Al’lel auf die Schulter. “Gut gemacht mein Junge. Aber ab hier ist das etwas für die Alten. Geh und mach das Leben deiner Gefährtin schwer.” Al’lel wollte protestieren doch Ghorash lachte leise. “Du bist nicht gerade subtil. Und sie ist es auch nicht. Geh. Wir alten Männer haben viel zu bereden.”

Al’lel grinste den alten Ork an und nickte. Er stand auf und wollte zum großen Feuer gehen, als ihm etwas einfiel. Er zog sich die Kette, die er seit seiner Geburt trug, vom Hals und legte sie dem alten Elfen in die Hand. “Du hast mir damals diese Kette gegeben. Als Zeichen, dass die Göttin mich erkennt. Dass ich ein Elf bin. Und Angehöriger dieser Sippe. Nimm die Kette zurück. Und wisse, dass es für dich dasselbe bedeutet.”

Al’lel ging zum Feuer und wurde von dem warmen Lächeln Sud’annais begrüßt. Sie aßen zu Abend und dann gingen die Mitglieder schlafen. Al’lel, der die erste Wache übernommen hatte, umkreiste das Lager mit stetigen Schritten, seine Familie bewachend.

Er erfuhr nie, was der alte Ork und der alte Elf miteinander geredet hatten in jener Nacht. Doch als der Morgen anbrach, konnte jeder die Veränderung in Jon’ran sehen.

Er lächelte befreit, er wirkte ausgeruht und verjüngt, der Schritt war elastischer. Al’lel blickte den alten Ork an, der nur geheimnisvoll lächelte und sich um seinen jüngsten Sohn kümmerte.

Am Abend fuhren sie endlich in die Schlucht ein, die ihr neues Zuhause beherbergte. Und mit den letzten Strahlen der untergehenden Sonne sahen sie das Paradies, dass ihnen ihre Anführer zugedacht hatten. Die große Familie stand wie erstarrt vor dem Anblick. Das Tal war groß, viel größer als das Tal der Stürme. Sanfte Hügel und kleine Wälder wurden von einem kleinen Fluß durchschnitten. Es gab Wild, Feuerholz und Wasser im Überfluß. Und über allem lag das Summen der Bienen und der liebliche Gesang der Nachtigallen.

Es war Jon’ran, der ihre Erstarrung durchbrach, indem er die Weise sang, mit der die Göttin schon seit Anbeginn der Zeiten gepriesen wurde. Erst langsam und zittrig, nach den Worten suchend, doch dann immer sicherer sang er die Weise, die er so lange nicht mehr gesungen hatte.

Und als mit einem letzten Aufblitzen der Sonne die Weise zuende war, war es der alte Elf, der seine Sippe in das Tal des Sommers führte.

Das Tal der Stürme – Prolog
Das Tal der Stürme – 1
Das Tal der Stürme – 2
Das Tal der Stürme – 3
Das Tal der Stürme – 4
Das Tal der Stürme – 5
Das Tal der Stürme – 6
Das Tal der Stürme – 7
Das Tal der Stürme – 8
Das Tal der Stürme – 9
Das Tal der Stürme – 10
Das Tal der Stürme – 11
Das Tal der Stürme – 13
Das Tal der Stürme – 14
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