Das Tal der Stürme 18

Langsam aber sicher nähert sich das Ende. Sorry. 😉


Der Rest der Nacht war von viel Arbeit geprägt. Goshar und Al’lel untersuchten die Leiche des Karawanenführers und fanden den Schlüssel für die Ketten. Die Sklaven wurden befreit und die Frauen machten sich daran, die Wunden zu versorgen. Goshar, Al’lel und der Schankwirt holten mehr Feuerholz und Wasser und folgten in erster Linie den Befehlen der Frauen.

Ghorash kümmerte sich um die Kinder, die allmählich außer Rand und Band gerieten, teils aus Übermüdung und teils aus Aufregung. Sie rannten umher und in seiner Verzweiflung fing er sie irgendwann ein, setzte sich ans Feuer und erzählte ihnen die Geschichten, die er schon Goshar als Kind erzählt hatte. Al’lel und Goshar grinsten sich an, bevor die Frauen sie schon wieder umherscheuchten, Vorräte aus den Wagen zu suchen.

Jon’ran erhob sich von seinem Lager. In den wenigen Tagen seit Kam’menneis Tod war er sichtlich gealtert. Schweigend ging er von Ork zu Elf, besah sich die Wunden und gab kurze Anweisungen, wie sie zu behandeln seien. Selbst noch kaum genesen von den schweren Hieben, die der Älteste ihm beigebracht hatte, versuchte er, den anderen zu helfen.

Al’lel betrachtete den alten Heiler nachdenklich. Hatte er vielleicht endlich etwas begriffen? Jon’ran hatte offensichtlich immer noch starke Schmerzen, aber langsam verheilte sein Rücken. Er sprach kurz mit Sud’annai und wandte sich dann dem Feuer zu. Die Elfenmaid drehte sich ratlos um, offenbar etwas suchend.

Al’lel trat zu ihr. “Was brauchst du?” fragte er das Mädchen. Sie deutete auf den Heiler. “Jon’ran möchte Weidenrindentee aufgießen und einige andere Medizinen brauen. Er hat mich gebeten, Töpfe und Krüge zu besorgen. Und alles an Heilkräutern, was in dieser Karawane zu finden ist.

Al’lel nickte. Er wusste wie die Karawanen aufgebaut waren. Heilkräuter waren wertvoll, sie wurden bei Aufschlagen eines Nachtlagers in der Mitte oder nahebei gut bewacht. Er sah sich um und ein relativ kleiner Wagen fiel ihm ins Auge. Er ging hinüber und der Duft der ihm entgegenschlug sagte ihm, dass er Recht gehabt hatte.

Die junge Frau war ihm gefolgt. Sie strahlte ihn an und sagte: “Danke, alleine hätte ich das nie gefunden.” Al’lel lächelte ebenfalls und ging wieder zurück an seine Aufgaben.

Endlich war genug Feuerholz für einige Tage beisammen. Sud’annai hatte genügend Heilkräuter gefunden, um den alten Heiler zufriedenzustellen und dieser braute jetzt die verschiedenen Tränke und Sude zusammen, damit die Gefangenen ordentlich versorgt werden konnten.

Diese wußten nicht, wie ihnen geschah. Sie waren völlig passiv und trauten ihrem Glück nicht. Wer befreite denn schon Sklaven und verzichtete freiwillig auf ein großes Vermögen? Und doch wurden ihre Wunden gewaschen und verbunden und sie bekamen soviel zu essen, wie sie wollten. Der Karawanenmeister hatte sie zwar nicht hungern lassen, aber üppig bemessen waren die Rationen auch nicht.

Eine junge Orkfrau näherte sich Goshar, als ihre Schnitte und Striemen endlich verbunden waren. Ihre Haltung war stolz, der Kopf hoch erhoben. Der Ork bemerkte ihre Annäherung nicht bis sie ihre Hand vorsichtig auf seine Schulter legte.

Langsam drehte er sich um und erstarrte. Er hatte nie eine schönere Frau gesehen, trotz all ihrer Blessuren, ihrer blauen Flecke war sie eine Frau, von der ein Mann nur träumen konnte.

Die Frau schien sich kein bisschen unwohl unter seinem Blick zu fühlen. Endlich räusperte er sich. “Ja, bitte?” fragte er sie. “Ich möchte mich bei euch bedanken, edler Herr. Wir hatten an Rettung nicht mehr geglaubt.” Goshar nickte. “Es steht euch frei, uns zu verlassen und nach Hause zu gehen oder uns zu unserem Ziel zu folgen.

Die Orkin blickte ihn neugierig an. “Was ist euer Ziel?” fragte sie. “Wir ziehen in ein Tal in den südlichen Bergen. Meine Sippe konnte nicht mehr im Tal der Stürme bleiben und das gleiche gilt für die Elfen jenes Tales. Wir haben einen Platz gefunden, wo beide Sippen nebeneinander existieren können.”

Der Zwerg, der aufmerksam gelauscht hatte, denn Goshar hatte absichtlich so laut gesprochen, dass jeder ihn hören konnte, richtete sich auf und meinte: “Tal der Stürme? Elfen? Orks? Seid ihr beiden Goshar und Al’lel?” Sud’annai lachte ihr fröhliches Lachen. “Ja, dass sind die beiden.” Der Zwerg, dessen Gesicht die ganze Zeit sorgenvoll verzogen war, strahlte in sichtlicher Erleichterung. “Also dann werdet ihr uns nicht wieder zu Sklaven machen?” fragte er hoffnungsvoll.

Goshar schnaubte. “Warum sollten wir das tun? Es bringt keine Ehre, Menschen, Orks, Elfen oder Zwerge zu versklaven. Das tun nur die, deren Ehre von einem Geldbeutel abhängt.” Der Zwerg blickte Goshar erwartungsvoll an. “Braucht ihr noch einen Bierbrauer in diesem neuen Tal?” Al’lel lachte laut auf. “Aber ja, Herr Zwerg. Bier kann man immer gebrauchen.” erklärte er. “Vor allem, wenn es das vortreffliche Zwergenbier ist.”

Der Zwerg blickte ihn listig an. “Ihr meint, dass einzige Bier, von dem ein Elf betrunken werden kann?” Al’lel sagte nichts, sein Grinsen wurde nur noch breiter. Dann wurde er ernst und er wandte sich zu der Gruppe. “Bitte. Ihr werdet zu nichts gezwungen. Wenn ihr gehen wollt, rüstet euch mit Waffen und Vorräten aus und geht nach Hause. Wenn ihr euch uns anschließen wollt, seid ihr willkommen. Es ist eure Entscheidung. Und ihr müsst sie nicht jetzt treffen. Wir werden einige Tage hierbleiben, damit alle von ihren Wunden genesen können.”

Alle Gruppen seufzten erleichtert als Goshar fortfuhr: “Es ist tief in der Nacht. Wir sollten uns alle ein Beispiel an den Kindern nehmen und schlafen gehen.” Und tatsächlich. Ghorash hatte es mit seinen Geschichten tatsächlich geschafft, die Kinder alle einzuschläfern. Er grinste verschmitzt. “Die Geschichte vom Kaninchen wirkt also auch bei Elfenkindern.” Goshar lachte laut, bis die junge Orkin in mit dem Ellbogen anstieß. “Nicht so laut, sonst werden sie wieder wach.” Sorgsam wurden die Kinder, die kreuz und quer durcheinandergewürfelt lagen, mit Decken zugedeckt und dann kamen die Erwachsenen ebenfalls langsam zur Ruhe.

Die nachfolgenden Tage waren mit der Sichtung der Vorräte angefüllt, die die Karawane reichlich mit sich führte. An sich hatten die beiden Freunde vorgehabt, dass sie in der Stadt Rast machen, um die benötigten Vorräte von ihrem alten Freund zu erbitten, doch dank der unvermuteten Beute durch die Karawane hatten sie genug von allem im Überfluß, so dass sie ihr Leben in dem kleinen Tal aufbauen konnten.

Es stellte sich heraus, dass nur drei der Sklavengruppe wieder zu ihren Familien zurückwollten. Sie hatten Kinder und Ehegatten zurücklassen müssen, so dass sie sich in der Entscheidung nicht frei fühlten. Goshar und Al’lel versahen sie reichlich mit allem, was sie benötigten und mit Reittieren, so dass sie schneller vorwärtskamen.

Doch alle anderen wollten ihnen folgen.

Die Karawane, die am vierten Tag nach dem Überfall aufbrach, war sehr anders als die Karawane, die ihr Nachtlager aufgeschlagen hatte. Die Kinder waren sicher auf den Wagen untergebracht und konnten nach Lust von den Wagen herabspringen und umherlaufen oder aber, wenn sie müde wurden, wieder mit dem Wagen fahren.

Es stellte sich heraus, dass die ehemaligen Sklaven geschickte Wagenlenker waren, und so konnten sie von den vielen Wagen doch sieben vollgepackt mit allem, was benötigt wurde, mitnehmen. Goshar und Al’lel waren zufrieden, es sah so aus als wäre ihr Überleben im neuen Tal gesichert.

Der Elf machte sich jedoch Sorgen um Jon’ran. Der alte Heiler war nicht unfreundlich. Er versagte nie jemandem seine Hilfe. Doch ansonsten wirkte er müde, schmerzgeplagt trotz seiner verheilten Wunden und er blieb für sich. Der Kopf wirkte, als sei er zu schwer für die schmal gewordenen Schultern. Etwas bedrückte den alten Elfen und er hatte auch eine Ahnung, was das war.

Doch Al’lel wusste, dass er nichts beschleunigen konnte und er hatte sich auch um die inzwischen recht große Gruppe zu kümmern. Und er hatte beschlossen, im Tal um Sud’annais Hand anzuhalten. Er hatte die junge Frau auf dem Weg beobachtet, sie war großartig, gar nicht mehr die arrogante Elbenmaid aus dem Tal.

Sie kümmerte sich ausnahmslos um jeden, Ork und Elf, war immer fröhlich und hatte ein Scherzwort auf den Lippen. Selbst Jon’ran schien in ihrer Nähe etwas aufzublühen und die Kinder beteten sie an. Alle, egal ob Ork oder Elf.

Nur Kam’rei wich nicht von Ghorashs Seite. Und der alte Chieftain wars zufrieden. Er brachte dem Jungen alles bei, wie er vor so vielen Jahren Goshar alles beigebracht hatte. Und der große Ork fing an, den Elfenjungen als “kleiner Bruder” anzureden. Denn es war offensichtlich dass der alte Ork den kleinen Jungen adoptiert hatte.

Als die Karawane langsam auf der großen Straße im Morgenlicht entlangruckelte, hörten, wie die Leute miteinander scherzten und die Gruppe langsam zusammenwuchs, sahen sich die beiden Freunde an und lächelten.

Sie hatten es fast geschafft.

Fast.

Das Tal der Stürme – Prolog
Das Tal der Stürme – 1
Das Tal der Stürme – 2
Das Tal der Stürme – 3
Das Tal der Stürme – 4
Das Tal der Stürme – 5
Das Tal der Stürme – 6
Das Tal der Stürme – 7
Das Tal der Stürme – 8
Das Tal der Stürme – 9
Das Tal der Stürme – 10
Das Tal der Stürme – 11
Das Tal der Stürme – 13
Das Tal der Stürme – 14
Das Tal der Stürme – 15
Das Tal der Stürme – 16
Das Tal der Stürme – 17

Send to Kindle
Soziales

Flattr this!

One thought on “Das Tal der Stürme 18

Schreibe eine Antwort zu ednong Antwort abbrechen