Das Tal der Stürme 16

Endlich. Uff. Schwere Geburt heute. 😉

Ghorash war fuchsteufelswild und fühlte sich betrogen. Die verdammten Elfen, die so viele seiner Sippe auf dem Gewissen hatten. Hier. Und sie fühlten sich offenbar völlig sicher. “Goshar, was hast du im Sinn? Was sollen die Elfen hier? Außer natürlich, dass sie endlich ihrem Gericht zugeführt werden.” Der alte Chieftain schäumte.

Goshar blickte ihn ernst an. Er hatte sich zwischen seinen Vater und die Elfen gestellt. “Sieh sie dir doch an. Und sieh dir unsere Gruppe an. Glaubst du wirklich, dass wir alleine überleben können? Dass unsere Sippe alleine überleben kann? Wir brauchen die Elfen. Und die Göttin weiß, dass sie uns brauchen.” Ghorash blieb unversöhnlich. Den Rücken versteift, die Hand am Axtgriff, stand er dort, ein Bild unversöhnlichen Hasses.

Die Elfen hinter ihm wurden unruhig, doch er vertraute auf Al’lel und dass der Elf das Richtige tun würde. Ghorash hob zu sprechen an, doch Goshar unterbrach ihn. “Vater, bitte. Sieh dir die Elfen an. SIEH HIN. Es sind Frauen, Kinder und alte Leute. Und der Schankwirt. Alle die, die unsere Sippe umgebracht haben, sind selbst tot. Willst du deine Rache an unmündigen Kindern befriedigen? Wo liegt darin Ehre?”

Doch er sah, dass alle Appelle vergebens waren. Sein Vater war unzugänglich. Es war seine Schwester, die aus der Gruppe der Orks hervortrat und ihre Hand auf seinen Arm legte. “Vater, bitte. Wir sind alle erschöpft, wir haben einen langen Tag und eine lange Wanderung hinter uns. Lass uns ruhen. Morgen sind alle Köpfe klarer.” Ghorash blickte auf die einzig ihm verbliebene Tochter und sein harter Blick wurde sanft. Er konnte ihr nichts abschlagen und sie wusste das.

Er nickte kurz und drehte sich um. Im Weggehen sagte er: “Aber ich werde weder das Feuer noch das Nachtlager mit den Elfen teilen. Wer für mich ist, der kommt mit mir.” Die Orks zögerten kurz und Goshars Herz sank, als sich die meisten dafür entschieden, seinen Vater zu begleiten.

Der große Ork wollte seiner Sippe folgen, doch Al’lel legte seine Hand auf seinen Arm und hielt ihn zurück. Der Elf schüttelte den Kopf und nickte in Richtung des Feuers. “Komm, mein Freund. Gib ihnen Zeit, sie müssen sich erst an die Vorstellung gewöhnen.” Goshar zögerte kurz, doch er folgte endlich seinem Elfenfreund.

Die beiden Freunde setzten sich ans Feuer. In der Glut befanden sich in Lehm eingebackene Hasen und anderes Kleinwild und Goshar musste an das erstemal denken, als sie hier gesessen hatten und darauf warteten, dass das Abendessen fertig wurde.

Sud’annai achtete darauf, dass das Essen nicht verbrannte, während die anderen Elfen geschäftig umhereilten und das Lager zur Nacht vorbereiteten. Als das Essen fertig war, zog Al’lel mit einem Ast die hartgebackenen Lehmkugeln aus dem Feuer und schlug sie mit einem Stein auf. Er reichte die geöffneten Lehmkugeln an Sud’annai weiter, die über die Verteilung wachte. Goshar beobachtete das Ganze amüsiert, er war sich sicher, dass sich die Junggesellentage seines Freundes dem Ende näherten, so wie die beiden miteinander umgingen.

Endlich waren alle mit Essen versorgt und die kleine Lichtung kam zur Ruhe. Die Orks waren ebenfalls still. Goshar fragte bedrückt: “Glaubst du, dass wir die beiden Gruppen morgen vereinigen können?” Al’lel wog seine Antwort sorgfältig ab, bevor er sagte: “Ja. Auf die eine oder andere Weise können wir das.” Goshar sagte nichts sondern zog sich nur seine Kapuze tiefer ins Gesicht. Er wusste, was sein Freund andeutete: Dass er die Position des Chieftains übernahm. In einem Duell mit seinem Vater.

Die Nacht verlief ruhig und ereignislos und als der Tag anbrach, standen die beiden Gruppen auf. Goshar war in der Nacht zu einem Entschluß gekommen. Er wollte seinen Vater nicht herausfordern. Er wusste, der alte Ork war ein guter Chieftain und kümmerte sich um seine Sippe, doch er konnte auch nicht zulassen, dass sich die beiden Gruppen aufteilten. Er würde ihn herausfordern, wenn sein Vater stur auf seiner Feindschaft beharrte.

Bald standen beide Gruppen einander gegenüber. Ghorash stellte sich vor seine Sippe und sah seinen Sohn an. “Bist du für mich oder gegen mich.” Goshar stellte seine Axt auf den Boden vor ihm und meinte: “Ich bin für die Vernunft. Und die Vernunft sagt mir, dass wir beide Gruppen zusammenlegen sollen. Wenn wir getrennt agieren, werden wir alle untergehen.”

Ghorash verengte die Augen. “Also stellst du dich wieder einmal gegen deine Sippe?” fragte er gehässig. Goshar versteifte sich. “Nein, das tue ich nicht. Das habe ich damals nicht getan und heute auch nicht. Vater, sieh dir die Gruppen an. Wie sollen wir überleben, wenn wir nicht zusammenarbeiten?” fragte er beinahe flehend, hoffend, der alte Chieftain würde endlich die Gefahren erkennen.

Doch Ghorash blieb stur. “Wir sind Orks. Wir sind loyal, doch nur zu unsereins. Die Elfen haben zuviel Blut unserer Sippe vergossen, als das wir das vergessen könnten.” Goshar schloß die Augen und holte tief Atem. “Du läßt mir keine Wahl, Vater.” sagte er. Ghorash versteifte sich. “Was willst du damit sagen?” fragte er misstrauisch.

Goshar hob die Axt und erwiderte: “Hiermit fordere ich dich zum Duell. Der Chieftain einer Orksippe muss stark sein und die Interessen seiner Sippe im Blick. Ich glaube, du läßt dich vom Hass leiten. Möge die Göttin entscheiden, wer von uns beiden im Recht ist.” Mit dem letzten Wort senkte er die Axt und stellte sich kampfbereit hin.

Ghorash blickte ihn an, Bitterkeit im Blick. “Es ist kein Kampf notwendig, Sohn. Ich erhebe meine Waffe nicht gegen mein eigenes Fleisch und Blut, mag es auch noch so irregeleitet sein. Nun gut, Chieftain unserer Sippe, dann führe uns. Und möge die Göttin dir gnädig sein, wenn du dich irrst.” Ghorash drehte sich um und verließ die Lichtung.

Goshar fühlte, wie sich die Last der Verantwortung auf seine Schultern legte, doch war er nicht der Mann, der davor zurückschreckte. Er bedeutete seiner Sippe, das Nachtlager abzubrechen. Er beschloß, vorerst zwei getrennte Marschgruppen zu bilden. Die Orks als Nachhut und die Elfen als Gruppe vorneweg. Eine kurze Besprechung mit Al’lel ergab, dass auch er das für das Beste hielt. Die Reise würde lang genug werden, es war nicht notwendig, etwas zu erzwingen.

Beide Gruppen bereiteten sich auf den Tagesmarsch vor. Ziel war die Stadt, die Goshar und Al’lel auf ihrer ersten Reise besucht hatten. Elfridge war nach wie vor ihr Freund und Riva gebar ihm eine fröhliche Kinderschar. Die Freunde erhofften sich Unterstützung von ihm, so dass sie leichter vorankamen.

Schweigend machten sich die Gruppen, angeführt von ihren jeweiligen Anführern, auf den Weg. Selbst die Kinder sprachen kein Wort, sondern stapften nur entschlossen voran und versuchten, mit den Erwachsenen Schritt zu halten. Unbemerkt von den anderen blieb ein kleiner Elfenjunge zurück, der Atem ging pfeifend und er wirkte erschöpft. Er war einer der jüngsten aus der Elfengruppe.

Ghorash, der an dem Jungen vorbeikam, sagte nichts, sondern nahm das Kind wortlos auf seine Arme. Der Junge war zuerst erschrocken, als der große Ork ihn hochhob, doch dann kuschelte er sich zurecht und schmiegte sich in die Halsbeuge des Orks.

Und wer ganz genau hinsah, konnte sehen, wie die harten Gesichtszüge des alten Orks etwas weicher wurden.

Das Tal der Stürme – Prolog
Das Tal der Stürme – 1
Das Tal der Stürme – 2
Das Tal der Stürme – 3
Das Tal der Stürme – 4
Das Tal der Stürme – 5
Das Tal der Stürme – 6
Das Tal der Stürme – 7
Das Tal der Stürme – 8
Das Tal der Stürme – 9
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5 thoughts on “Das Tal der Stürme 16

  1. Jetzt bin ich verwirrt – wo kommt Ghorash im vorletzen Absatz plötzlich wieder her? Ich hatte ihn nach Verlassen der Lichtung in eine ganz andere Richtung wandern sehen. Ansonsten – wäre doch schon morgen, dann könnte ich lesen, wie es weitergeht 🙂

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