Das Tal der Stürme 14

Langsam tun mir die Pfoten weh *g*

Die ganze Nacht heulte der Wind um die Hütte und versuchte Einlass zu gewinnen, doch die Türen und die Fenster waren zu dicht verschlossen. Von Zeit zu Zeit ertönten andere Schreie, Schreie voller Qual und Entsetzen und Al’lel erschauerte jedesmal. Er wusste, wer dort schrie und um Erlösung bettelte.

Sein Freund sorgte dafür, dass die Elfenkinder etwas zu essen bekamen und eine Bettstatt vor dem Feuer ausgelegt wurde. Die Kinder wurden schlafen gelegt, doch sie schliefen unruhig, zu aufgewühlt von dem, was geschehen war. Die wenigen Erwachsenen wachten über den Schlaf der Kinder. Niemand sprach ein Wort, nur das leise Stöhnen Jon’rans vom Rand des Feuers durchbrach die tiefe Stille in der Hütte.

Endlich, zur späten Nachtwache, erstarb der Blizzard und hinterließ eine tiefe Stille draußen, die der innerhalb der Hütte glich. Al’lel sprang auf und wollte die Tür öffnen, doch Goshar konnte ihn in letzter Sekunde zurückhalten. “Nein, mein Freund.” sagte er bestimmt, als der Elf versuchte, sich freizukämpfen. “Es ist noch nicht vorbei. Wenn du jetzt dort hinausgehst, wirst du das Schicksal deines Vaters teilen. Dies ist eine Banshee-Nacht und es ist nicht sicher. Das weißt du so gut wie ich.” Al’lel schien nicht zu hören, er versuchte nur immer und immer wieder, an den Riegel zu gelangen und die Hütte zu verlassen.

Goshar hörte, wie der schlanke Mann immer wieder “ich muss ihn retten” skandierte und er wusste, dass Al’lel die Grenze dessen erreicht hatte, was er ertragen konnte. Er blickte ihn mitleidig an, bevor seine gewaltige Faust ihn sicher ins Reich der Träume schickte.

Goshar trug den bewußtlosen Elfen ans Feuer und legte ihn vorsichtig neben die Kinder auf die Bettstatt. Eine der Frauen nahm den Mantel des Elfen und blickte den Ork fragend an. Goshar nickte und die Frau deckte den Elfen sorgsam zu und steckte die Enden des Mantels unter dem Bettzeug fest, so dass kein Lufthauch ihn auskühlen konnte. Goshar wunderte sich über die Fürsorge der Frau und blickte sie mit hochgezogener Augenbraue an.

Sie lächelte schwach und meinte scheu: “Das hätten wir schon viel früher tun sollen.” Goshar ließ es dabei bewenden. Dies war nicht die Nacht, um zu richten.

Kaum setzte sich die Frau wieder an ihren alten Platz, da stürmten die Winde von den Höhen wieder herab und das Heulen erfüllte wieder das Tal. Die Banshees waren zurück und diesmal griffen sie die Hütte ernstlich an.

Goshar konnte fühlen, wie die Wände der Holzhütte durchgerüttelt wurden, wie die Fensterund Türen geprüft wurden. Immer und immer wieder heulte der eisig tosende Wind durch die Ritzen im Mauerwerk und ließ das Feuer aufflackern. Goshar gab sorgsam auf das Feuer acht und ließ es nicht ausgehen, ihre einzige, wenn auch geringe Hoffnung, diese Nacht zu überleben.

Gegen Morgen verstärkte sich der Sturm noch. Die Kinder waren längst wieder wach, erschreckt durch die Gewalt des Sturms, der drohte, die kleine Hütte umzuwehen. Sie klammerten sich schutzsuchend an ihre Betreuerinnen, die selbst nur wenig Trost zu spenden vermochten. Leises Weinen ertönte in der Hütte, und Goshar, dem das Herz wehtat, wusste nicht, wie er die Kinder trösten konnte.

Da fing die Frau, die Al’lel so sorgsam zugedeckt hatte, an zu singen. Sie sang die Lieder aus Al’lels Kindheit, Lieder von anderen Orten, von Sommer, Sonne und Freude. Das Lied des Flusses, der aus den Bergen entsprang und durch die Mitte des Tals floß. Alle lauschten ihrer schönen Altstimme, wie sie von besseren Zeiten sang, glücklicheren Zeiten.

Lange Stunden sang sie unermüdlich, hielt die Geister der Vergangenheit in Schach alleine durch ihre Stimme. Selbst Jon’ran, der in einem unruhigen Fieberschlaf lag, beruhigte sich zusehends.

Endlich, endlich erstarb der Sturm und die Morgensonne schien durch die Risse im Mauerwerk. Goshar, der die Gefahr erkannte, hob den immer noch bewußtlosen Elfen auf seine Schulter, öffnete die Tür und trat in die strahlende Morgensonne.

Der nächtliche Sturm hatte viel Neuschnee gebracht, die Elfenhäuser sahen aus wie kleine Schneehügel in einer ungeheuren weißen Fläche. Goshar fühlte, wie der Elf auf seiner Schulter anfing zu zappeln. Der Ork zuckte einmal mit den Schultern und Al’lel fiel recht unzeremoniell in den Schnee.

Er richtete sich stöhnend auf und rieb sich das Kinn. “Hat mich ein Schneeyak überrannt?” fragte er, die empfindliche Stelle am Kiefer betastend. Goshar grinste ihn an. “Fast. Meine Faust. Du hast darauf bestanden, in den Sturm hinauszurennen.” Al’lels Blick schweifte kurz in die Ferne und der Elf schauderte in der Erinnerung. Mit sichtlicher Anstrengung raffte er sich zusammen und stand auf.

Goshar nahm die Axt und wandte sich ab. Al’lel hielt ihn auf. “Willst du zu deinen Leuten?” Goshar nickte. “Wenn ich sie überzeugen will, mit uns das Tal zu verlassen, dann sollte ich mich auf den Weg machen, meinst du nicht?” Der Elf nickte und schlug ihm auf die Schulter. “Wir warten auf dich in dem kleinen Wäldchen am Talausgang.” Goshar nickte und machte sich auf den Weg.

Al’lel hörte hinter sich ein Krachen und Bersten und als er sich umdrehte, war die Hütte, in der er seine Kindheit verbracht hatte, zusammengebrochen. Die beiden Frauen, die mit Jon’ran die Hütte verlassen hatten, sahen sich erschreckt um. Das letzte Band mit seiner Vergangenheit war durchschnitten und er fühlte sich seltsam frei.

Die Elfen scharten sich um ihn herum. Alles in allem waren es noch zwanzig, die den mörderischen Wahnsinn des Tals überlebt hatten. “Wir werden das Tal noch heute verlassen. Sucht aus den Hütten alles zusammen, was ihr brauchen und tragen könnt. Decken und Nahrung ist das wichtigste. Schneeschuhe brauchen wir. Feuerholz werden wir unterwegs finden. Gibt es noch Schlitten im Dorf?” Eine der Frauen nickte. “Ja, aber keine Zugtiere mehr.” Al’lel blickte sie an. “Doch, die gibt es. Uns. Wir werden uns beim Ziehen abwechseln.” Die Frau nickte und die Erwachsenen machten sich eilig auf den Weg. Al’lel rief ihnen noch nach: “Und zieht die Röcke aus, sie sind euch nur hinderlich.” Die Frauen zögerten nur kurz und beeilten sich dann. Sie wussten, sie hatten nicht viel Zeit, wenn sie das Tal noch vor Sonnenuntergang verlassen wollten.

Rasch waren die wenigen Habseligkeiten, Jon’ran und die kleinsten Kinder auf einen Schlitten gepackt. Al’lel nahm eine der Zugleinen und eine der Frauen die andere, als eine atemlose Stimme ertönte. “Halt. Wartet auf uns.” Es waren der Schenkenwirt und Sud’annai, die durch den tiefen Schnee so schnell wie möglich auf sie zugelaufen kamen, beide schwer beladen.

Als die Neuankömmlinge die kleine Gruppe endlich erreicht hatten, mussten sie kurz Halt machen und zu Atem kommen. Als sich Sud’annais Atem endlich beruhigt hatte, grinste sie den Elfen frech an. “Wagt es nur nicht, ohne uns aufzubrechen.” Al’lel grinste zurück und warf die beiden Säcke auf den Schlitten und nahm die Zugleine wieder auf. Sud’annai ergriff ohne zu zögern die zweite Leine und gemeinsam zogen sie den schweren Schlitten. Langsam setzte sich die Gruppe in Bewegung.

Immer wieder musste der Schlitten auch geschoben werden, wenn er in dem tiefen Schnee zu sehr versank. Doch langsam aber beharrlich arbeitete sich die Gruppe zum Talausgang vor. Als sie sich dem Talausgang näherten, wurde der Schnee allmählich weniger und der Schlitten sank nicht mehr so tief in den weichen Pulverschnee ein.

Regelmäßig lösten die Erwachsenen sich beim Schlittenziehen ab, bis endlich der Schnee völlig getaut war. Sie hatten das Hochtal verlassen und die Elfengruppe sah zum erstenmal wie groß die Welt war.

Genau wie Goshar und Al’lel fünfzehn Jahre zuvor standen die Elfen aus dem Tal der Stürme auf der Anhöhe und blickten auf die reiche Welt, die sich vor ihnen ausbreitete. Und sie verstanden ihre Vorfahren nicht, warum sie sich das lebensfeindliche Tal ausgesucht hatten, um dort zu leben.

Der Schlitten war auf dem nun steinigen Untergrund völlig unbrauchbar, doch Jon’ran musste getragen werden, er war nicht in der Lage, mehr als einige Schritte zu laufen. Und so zerlegten einige Elfen rasch den Schlitten um ihn zu einer behelfsmäßigen Trage umzubauen, während andere die Decken dazu nutzten, die Nahrung in tragbare Pakete aufzuteilen. Jeder Elf, der etwas tragen konnte, nahm ein Paket, Al’lel und der Schankwirt, der sich ihm als Pip vorgestellt hatte, trugen die Trage mit dem Priester.

Der Tag war schon weiter vorangeschritten als Al’lel gehofft hatte, doch da es jetzt bergab ging, kamen sie leichter voran.

Endlich, es war bereits lange nach Sonnenuntergang, erreichten sie das Wäldchen. Die völlig erschöpften Kinder wurden zusätzlich mit den Paketen von den müden Erwachsenen reihum getragen.

Al’lel munterte die müden Elfen unermüdlich auf, feuerte sie an, trug eins der Kinder wenn es weinend zusammenbrach. Seine langjährigen Wanderungen mit Goshar hatten ihn an lange Wegstrecken gewöhnt. Kurz hinter dem Waldsaum erreichten sie einen geschützten Platz. Die Bäume hatten Platz für eine kleine Lichtung gemacht, Wasser floß nicht weit von ihnen entfernt und sie konnten sich hier einrichten.

Die Elfen fielen um, wo sie zum Stehen kamen, zu erschöpft. Al’lel seufzte kurz und machte sich daran, ein Feuer zu entfachen.

Eine Weile konnten sie sich hier ausruhen.

Das Tal der Stürme – Prolog
Das Tal der Stürme – 1
Das Tal der Stürme – 2
Das Tal der Stürme – 3
Das Tal der Stürme – 4
Das Tal der Stürme – 5
Das Tal der Stürme – 6
Das Tal der Stürme – 7
Das Tal der Stürme – 8
Das Tal der Stürme – 9
Das Tal der Stürme – 10
Das Tal der Stürme – 11
Das Tal der Stürme – 13

Send to Kindle
Soziales

Flattr this!

bestellt folgenden Kaffee