Das Tal der Stürme 13

Yay. Habs geschafft. *g*

“DU! Du hättest tot sein sollen!” schrie der Älteste Kam’mennei seinen Sohn an. “Du hast kein Recht zu leben, während SIE tot ist.” Al’lel musterte seinen Vater und versuchte, den Mann, der ihn gelehrt hatte, mit Pfeil und Bogen umzugehen, in diesem hasserfüllten, vor seiner Zeit gealterten Mann wiederzuerkennen.

Es gelang ihm nicht. Vor ihm stand ein Fremder. Und mit einem Gefühl der Endgültigkeit schloß er die Tür zu seiner Vergangenheit zu. Sein Vater war tot. Dieses Ding in der Hülle seines Vaters hatte nichts mit dem liebenden Mann gemein, den er kannte.

Doch er musste es zumindest versuchen, ihn zu erreichen. “Mit welchem Recht läßt du deinen Schmerz an allen aus, die dir nahestehen? Es gibt niemanden in diesem Tal,der nicht einen, den er liebte, an die Winde oder die Orks verloren hat. Doch nur du weigerst dich, dich diesem Schmerz zu stellen.” Der Elf blickte seinen Vater traurig an.

“Seit fünfzehn Jahren hütest du die Trauer in dir. Wie eine halb verschorfte Wunde kratzt du sie immer wieder auf, nur damit sie erneut aufbricht und sie nicht verheilt. Doch Wunden, die nicht heilen, machen krank. Sie haben dich krank gemacht.” Al’lels Blick wurde streng. “Die Menschen hier haben dir vertraut. Dass du sie führst und um ihr Wohlergehen besorgt bist. Und was tust du? Verurteilst sie zum Tode. Denn nichts anderes ist dein sogenannter Feldzug, den du geplant hast.”

Kam’menneis Blick schweifte in die Ferne. “Vor fünfzehn Jahren ging meine liebe Frau vor ihrer Zeit und ließ mich alleine zurück. Mich hätte der Tod holen müssen. Nicht sie.” Sein Blick schweifte abwesend über die in seiner Hütte versammelten Elfen. “Oder sie hätten sterben müssen. Das wäre noch besser gewesen.” In der Hütte herrschte eine geisterhafte, angespannte Stille.

Kam’mennei blickte seinen Sohn an, Strenge im Blick. “Niemand hat das Recht zu leben wo sie tot ist. Niemand. Und schon gar nicht ihr Sohn, dieser Niemand.” Goshar wurde unruhig. Es war klar, dass Kam’mennei seinen Verstand völlig verloren hatte. Doch wozu dieser Mann fähig war, wusste er nicht. Der große Ork blieb sprungbereit und ließ den Ältesten nicht eine Sekunde aus den Augen.

Kam’mennei lächelte schlau. “Doch dem kleinen Niemand, der es gewagt hatte, sie sterben zu lassen, dem habe ich es gezeigt. Ich habe ihm gezeigt, was es heißt, wenn man meine Frau sterben läßt. Mit dieser Peitsche habe ich es ihm gezeigt und ihm die Lektion ins Fell gegerbt.”

Der alte Elf bemerkte nicht, wie die Dorfbewohner an seinen Lippen hingen, Entsetzen klar im Blick. Es schien, als würden sie zum ersten mal begreifen, wie sehr der Älteste Kam’mennei sich von dem Manne entfernt hatte, der er einst war.

Als Kam’mennei anfing, laut zu lachen, zuckten alle Anwesenden zusammen. Keiner konnte sich der Ausstrahlung entziehen, die der Älteste auf sie ausübte. “Und Jon’ran, der Heilerpriester. Dieser Narr. Wie bereitwillig er mir geglaubt hatte, dass ich den Niemand nur widerwillig geschlagen habe. Dass ich ihn nur schlug, um den Zorn der Göttin zu besänftigen.” Das Gesicht des Ältesten verzog sich zu einer hässlich grinsenden Fratze, als von einer Pritsche im hinteren Teil des Raumes ein leises Stöhnen ertönte.

“Oh Göttin, es war so eine Erleichterung, ihn die Peitsche fühlen zu lassen. Jeder einzelne Schlag war eine so unglaubliche Erleichterung meiner Qual. Mit jedem Schlag verringerte sich der Schmerz in meiner Seele ein wenig mehr.”

Der Blick des Ältesten wurde unstet. Flackernd schien er sich in die Ferne zu verlieren, in Gebiete, die nur er sehen konnte. “Doch der Niemand hatte überlebt.” fuhr der Älteste fort. “Und Nacht für Nacht foltern mich die Schreie meiner lieben Frau, dass ich gefehlt hätte.”
Al’lel stand wie erstarrt vor dem Mann, der einst sein Vater gewesen war.

“Ich hätte den Niemand töten sollen, dann wären auch die Stimmen verklungen.” seine Stimme wurde hektisch, leise und schneller, als würde er sich rechtfertigen. “Ja, ja, so ist es doch. Der Niemand hätte sterben müssen. Wie meine liebe Frau starb.” Kam’menneis Stimme verklang ins Nirgendwo.

Erneut straffte sich der Älteste, sein Blick wurde hart und entschlossen. “Doch es gibt Fehler, die man korrigieren kann. Und diesen Fehler werde ich korrigieren.” Er schloß die Augen und schüttelte den Kopf. “Und dann werden die Stimmen endlich verstummt sein. Und ich werde Frieden finden.” Er nickte hektisch. “Ja. Ja. Ja, genau. So werde ich Frieden finden.”

Unvermittelt sprang der Älteste Kam’mennei vor, die Hände zu Krallen ausgestreckt, in dem Versuch, den Elfen zu erwürgen. Doch Goshar, der etwas ähnliches erwartet hatte, packte den Ältesten und hielt ihn fest in seinem Griff. Kam’mennei kreischte laut auf. “NEIN. Mein Frieden. Meine Rache an dem Niemand. Keiner darf mir das nehmen. Keiner. KEINER.”

Verzweifelt versuchte der Älteste, Al’lel zu erreichen, doch gegen Goshars ungeheure Kraft kam er nicht an. Endlich gab er alle Gegenwehr auf und hing schlaff im Griff des Orks. Goshar blickte Al’lel an. Der Elf stand vor seinem Vater, kreidebleich und mit weit aufgerissenen Augen. Er war in seinen eigenen Erinnerungen gefangen, Erinnerungen, von denen er gehofft hatte, dass er sie vergessen hatte. Doch dem war nicht so.

Goshar sah, dass der Elf noch eine Weile brauchen würde, um sein Gleichgewicht wiederzuerlangen und besah sich die anderen Elfen. Die waren derzeit ebenso nutzlos, zu geschockt waren sie von dem, was sie gerade mit anhören mussten.

Während Goshar überlegte, was zu tun blieb, bäumte sich der Älteste Kam’mennei plötzlich auf und konnte den Griff des Orks brechen. Mit einem Satz war er an der Tür, riss den Riegel beiseite und öffnete die Tür. Mit einem Lachen, dass jedem, der es hören musste, für lange Zeit Alpträume bereiten würde, verschwand er in der windumtosten Nacht.

Goshar folgte ihm, doch er wusste, dass dies die Nacht der Göttin war und dass kein Sterblicher jetzt noch im Freien sicher wäre. Er schloß die Tür und legte den Riegel wieder vor. Danach schürte er das Feuer etwas höher.

Nach und nach lösten sich die Elfen aus ihrer Erstarrung und scharten sich instinktiv um das warm lodernde Herdfeuer. Banshees heulten mit dem Sturm draußen um die Wette, doch in der Hütte war es warm.

Doch keiner, weder Elf noch Ork, zweifelte daran, dass dies eine Nacht des Richtens war. Und jeder wusste, dass der Älteste Kam’mennei für seine Taten auf Heller und Taler würde bezahlen müssen. Und ebensowenig gab es daran Zweifel, dass die Schuld unbarmherzig eingetrieben würde.

Das Tal der Stürme – Prolog
Das Tal der Stürme – 1
Das Tal der Stürme – 2
Das Tal der Stürme – 3
Das Tal der Stürme – 4
Das Tal der Stürme – 5
Das Tal der Stürme – 6
Das Tal der Stürme – 7
Das Tal der Stürme – 8
Das Tal der Stürme – 9
Das Tal der Stürme – 10
Das Tal der Stürme – 11
Das Tal der Stürme – 12

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