Das Tal der Stürme 10

Und mir sollte allmählich ein neuer Titel einfallen *seufzt*

Übrigens: Nich haun. *g*


Elfridge blickte den jungen Elfen verlegen an. “Ich bin kein Held. Ich bin kein Kämpfer. Ich bin Gelehrter. Ich kann ein Messer zum Essen benutzen, aber nicht, um jemanden damit zu töten.”

Goshar sah ihn an. “Ich habe gesehen, wie er euch behandelt hat. Und ich sehe die Zeichen auf der Haut. Warum habt ihr euch nicht gewehrt oder seid zumindest geflohen.” Die Schultern des Gelehrten fielen herab. “Weil der Herr Rabenau mein Herr ist. Er hat für mich bezahlt und ich schulde ihm Gehorsam.” Er holte tief Luft und zog sein Halstuch etwas zur Seite. “Und das hier stellt sicher, dass keiner von uns je auf die Idee kommt, ihm etwas anzutun. Wenn der Herr Rabenau durch die Hand eines der unsrigen stirbt, dann werden alle sterben, die dieses Halsband tragen.”

Al’lel sah ihn an. “Wer ist “wir”?” fragte er vorsichtig. Elfridge machte mit der Hand eine kreisförmige Bewegung. “Wir alle, die wir hier in der Stadt wohnen. Wenn du durch das Tor kommst, bekommst du ein Halsband umgelegt und darfst nicht wieder gehen.” Goshar legte den Kopf schief. “Wir haben keine Halsbänder?” fragte er. “Und es hatte auch niemand versucht, uns diese Dinger anzulegen?” Elfridge kicherte. “Als ob die Wachen sich das getraut hätten, ihr seid die beiden, die den Troll erschlagen haben.”

Als er das Unverständnis in den Augen der beiden Freunde sah, wurde sein Lächeln noch etwas breiter. “Der Troll treibt schon eine geraume Weile sein Unwesen in dem Wald, wo ihr ihn getroffen habt. Und er hat seinen Blutzoll von den Stadtwachen eingefordert. Selbst der Herr Rabenau hat es nicht mehr geschafft, jemanden in den Wald zu schicken, die Angst vor dem Troll war größer als die Angst selbst vor diesem Mann.” Er hielt kurz inne. “Und dann kamt ihr. Ein Elf und ein Ork, Todfeinde und doch offensichtlich Freunde. Und der Ork hatte die Axt des Trolls auf der Schulter, als würde sie nichts wiegen.”

Elfridge sah die beiden Freunde kopfschüttelnd an. “Und ihr wundert euch, warum die Wachen euch einfach durchgelassen habt? Sie waren bereit, dem Herrn Rabenau zu trotzen, nur um nicht in den Wald zu müssen. Und ihr wart stärker als ihre größte Angst. Um nichts in der Welt hätten die Wachen euch angehalten oder euch Halsbänder umgelegt.”

Goshar nickte und meinte: “Das ist ja alles schön und gut, aber wie bringt man eine Rauchwolke um und wie kommen wir in den Palast? Und wichtiger: Warum sollten wir dir überhaupt vertrauen?” Elfridge wurde ernst. “Das eine ist recht einfach, das andere nicht. Ihr kommt über den Dienstbotentrakt recht problemlos in den Palast. Ihr seid tot, die Stadt ist fest in der Hand des Herrn Rabenau, die Wachen haben keinen Grund zur Wachsamkeit, ganz abgesehen davon, dass sie ihre Arbeit allenfalls sehr nachlässig verrichten. Die Dienstboten werden euch helfen, ihnen ist ebenso wie mir daran gelegen, dass der Herr Rabenau endlich vertrieben wird.”

Elfridge dachte nach. “Wie man eine Rauchwolke umbringt. Nun, gar nicht, würde ich sagen. Das ist aber auch nicht notwendig. Wenn ihr die Rauchwolke seht, dann wirkt der Herr Rabenau einen Zauber. Die Rauchwolke verbirgt seine wahre Gestalt und danach ist er wieder heil und ganz. Doch diese Art Zauber kann unterbrochen werden und das sogar recht einfach: Die Rauchwolke muss verwehen. Er kann die Zauber nur wirken wenn er in einem Raum ist oder wenn es windstill ist. Das heißt, ihr nehmt euch etwas großes mit, mit dem man viel Wind machen kann und dann sollte auch das Problem mit dem Herrn Rabenau erledigt sein.”

Der Elf überlegte kurz. “Zur Frage, warum ihr mir vertrauen sollt: Warum nicht? Ihr habt nicht viel zu verlieren. Aus der Stadt kommt ihr nicht heraus und es ist nur eine Frage der Zeit, wann der Herr Rabenau herausbekommt, dass ihr noch lebt. Von den Schiffen wird euch keines mitnehmen, die machen hier zu gute Geschäfte, als das sie riskieren würden. Und glaubt mir, die Nachricht von dem, was geschehen ist, ist bereits in der Stadt verbreitet. Es gibt hier nicht viele Geheimnisse.”

Al’lel blickte Elfridge mit hochgezogener Augenbraue an. “Vertrieben?” fragte er gedehnt. Elfridge wurde etwas rot und murmelte: “oder was auch immer.” Goshar sah den Elfen an. “Und wie genau stellst du dir das vor? Ich bin nicht gerade unauffällig.” Elfridge grinste ihn mit einem Grinsen an, dass dem Ork nicht sonderlich gefiel. “Keine Bange. Dafür ist gesorgt.”

***

Der altersschwache Karren, der mit einer großen Heumiete gefüllt war, quälte sich langsam den Berg hinauf zur Burg. Die Wache, die das Haupttor bewachte, sah, wie die beiden Elfen, die den Karren begleiteten, immer wieder innehielten und offenbar Luft holten. Als sie näherkamen, bemerkte er, dass beide immer wieder so laut niesten und husteten, dass der Heustapel, der über den Rand des Karrens ragte, hin- und hergeschüttelt wurde.

Die Wache beschloß, kein Risiko einzugehen und verzog sich in das Wachhäuschen. Lungenfieber war bösartig und er hatte nicht das geringste Bedürfnis, daran zu erkranken.
“Wohin des Wegs?” fragte er aus seinem Häuschen heraus. Einer der Elfen hustete erneut und meinte mit heiserer Stimme: “Heu für die Ställe. Bist du blind?” Die Wache gestikulierte zu den Elfen hin. “Und haltet euch von den Leuten fern.”

Der Karren mit den beiden lahmen Ackergäulen passierte das Tor und wandte sich den Ställen zu. Im warmen Stall angekommen, ertönte ein gewaltiges Niesen aus dem Heuhaufen und das aufgestapelte Heu flog in alle Richtungen weg. Goshar, sichtlich schlecht gelaunt, entstieg dem Karren, nieste noch einige Male und meinte übellaunig: “Was glaubst du, was ich bin, ein Ork oder ein Kaninchen?”

Elfridge zuckte mit den Schultern und meinte trocken: “Wir hätten dich in elfengroße Stücke schneiden können, wenn dir das lieber gewesen wäre.” Goshar sah den Gelehrten nur grimmig an.

Der ältere Mann öffnete eine Falltür im Boden und deutete auf das Loch. “Wollt ihr zuerst oder soll ich…?” Al’lel beschloß, dem Elfen freundlich den Vortritt zu lassen. “Bitte, nach dir.” Elfridge verbeuget sich auf eine komische Art und stieg hinab in die Katakomben, dicht gefolgt von den beiden Freunden.

Langsam arbeiteten sie sich durch die unteren Gänge der Burg. Sie kamen an Vorratskellern vorbei, ebenso wie an Waffenkammern. Elfridge öffnete eine alte, verrostete Metalltür und sie standen im Eingang eines infernalisch stinkenden Ganges, der links und rechts Gittertüren zeigte. Sie waren im Kerker des Schlosses angelangt.
Al’lel zog seinen Dolch und zischte dem Elfen zu: “Erklär das bitte?” Elfridge zuckte nicht einmal mit der Wimper. “Der Eingang zum Hauptgebäude geht durch die Katakomben und durch die Kerker. Es gibt keinen anderen Weg.” Al’lel, das Misstrauen hellwach, bedeutete dem Elfen, voranzugehen. “Und keine falsche Bewegung.”

Elfridge ging weiter mit sicheren Schritten zur Tür, die in den Wachraum führte. Die Wachen dort blickten kurz auf, als sie den Elfen und seine Gefährten sahen und gingen dann wieder ihrem Nichtstun nach.

Immer tiefer führte er sie in die Burg hinein, immer weiter. Goshar mochte seinen Augen nicht trauen: Keine Wache interessierte sich für sie, nachdem sie mit Elfridge kurz Zwiesprache gehalten haben.

Endlich standen sie vor einer prachtvoll geschmückten Tür. “Hinter diesem Tor ist der Thronsaal des Herrn Rabenau. Und auch die Axt – von “seinem” Troll. Viel Glück.” Mit diesen Worten verschwand der schlanke Elf.

Die beiden Freunde sahen sich kurz an, zuckten mit den Schultern und stürmten durch die Tür. Der Herr Rabenau war offensichtlich trotz seiner magischen Begabung nicht der hellste Stern am Firmament. Er saß auf seinem Thron und blickte sie mit offenem Mund an. Al’lel stürmte mit gezogenem Schwert auf den völlig überraschten Herrscher über die Stadt zu, während Goshar erstmal seine Axt suchte.

Neben dem Thron war ein gläserner, verschlossener Kasten, indem die große Waffe in der Sonne glitzerte, die durch die Butzenscheiben fiel. Goshar lächelte zufrieden und marschierte schnurstracks auf die Axt zu, während Al’lel und der Herr Rabenau die Klingen kreuzten.

Ein Klirren und die Axt lag in Goshars Händen, wo sie seiner Meinung nach auch hingehörte. Sich umdrehend sah er wie sich der Herr Rabenau wieder in seine Rauchwolke hüllte. Beide Gefährten zogen Laken aus ihren Manteltaschen hervor und fingen an, wie Besessene mit ihnen herumzuwedeln. Die Rauchwolke verzog sich und enthüllte einen untersetzten Zwerg in voller Rüstung.

Dieser schüttelte nur ungläubig den Kopf, als er die beiden Freunde mit den Laken herumfuhrwerken sah. “Ich glaube das nicht. Ich glaube das nicht” wiederholte er wie einen Zauberspruch immer und immer wieder.

Goshar hob die Axt und ließ sie mit Wucht auf den Helm des Zwerges krachen. Ein metallisches Klingen ertönte und die vormals makellose Klinge zeigte eine Scharte. Goshar besah die Axtklinge ungläubig. Und dann wurde der vormals so besonnene Ork wütend. Schlag um Schlag ließ er auf den Helm des Zwerges krachen und Schlag um Schlag wich der Zwerg zurück. Die für einen Zauber notwendige Konzentration konnte er nicht mehr aufbringen, zu mächtig waren die Schläge und zu sehr dröhnten ihm die Ohren.

Schritt um Schritt wich der Zwerg vor dem großen Ork zurück, Al’lel hatte er offenbar völlig vergessen. Als der ehemalige Herr Rabenau mit dem Rücken gegen den schlanken Elf stieß, war sein Schicksal besiegelt: Al’lel schnitt mit seinem Dolch den ledernen Kinnriemen durch und zog die Mütze ab. Der nächste Schlag traf den ungeschützten Zwergenkopf und beendete das Leben des Herrn Rabenau recht wirksam.

Rauch stieg über den Leichnam des Zwerges auf und die Freunde hielten die Laken verteidigungsbereit, doch diese Rauchwolke verzehrte den Körper des Zwerges und verschwand dann ins Nirgendwo.

Die Tür ging auf und Elfridge betrat den Thronsaal. Das Halsband war verschwunden, nicht jedoch die Narben. Der alte Elf ging langsam auf den Helm zu und schüttelte den Kopf. “Es ist vorbei.” Die Freunde taten so, als würden sie die Tränen des Elfen nicht sehen.

Der Thronsaal füllte sich allmählich mit Dienstboten und Wachen. Sie wandten sich an Al’lel. “Herr?” fragte eine ihn eine der mutigeren. “Was sollen wir nun tun?” Al’lel deutete auf Elfridge. “Fragt das nicht mich, sondern ihn. Wir werden diesen gastlichen Ort so rasch als möglich verlassen.”

Elfridge guckte die beiden entsetzt an. “ICH?” rief er. “Was soll ich denn machen?” Goshar grinste und schlug dem Elfen auf die Schulter, dass er fast durch den halben Thronsaal flog. “Ich würde sagen, du fängst damit an, die Stadt zu regieren, indem du uns etwas zu essen und ein Bett besorgst.” Goshar überlegte kurz. “Und bitte an entgegengesetzten Flügeln der Burg.”

Elfridge schien wie benommen. Doch endlich nahm er seine fünf Sinne zusammen und nickte.

“So soll es geschehen.”

Das Tal der Stürme – Prolog
Das Tal der Stürme – 1
Das Tal der Stürme – 2
Das Tal der Stürme – 3
Das Tal der Stürme – 4
Das Tal der Stürme – 5
Das Tal der Stürme – 6
Das Tal der Stürme – 7
Das Tal der Stürme – 8
Das Tal der Stürme – 9

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