Derailing?

In einem absolut lesenswerten und gut fundierten Artikel hat der Autor aufgezeigt, wie Derailing funktioniert und warum das in einer Diskussion absolut scheiße ist.

Und bis auf eine winzigkleine Korrektur kann ich den Artikel auch so stehenlassen. Er zeigt sehr genau auf, gegen was man ankämpft, wenn man als Marginalisierter gegen einen Privilegierten diskutiert.

Worum es mir geht? Beschneidung natürlich. Das schlechteste Beispiel von allen.

Nein, es ist KEIN Derailing, wenn man die MGM und die FGM miteinander vergleicht. Und ich habe gute und fundierte Gründe dafür. Wäre nett, wenn man die mal lesen könnte.

Fangen wir bei der FGM, also der Female Genital Mutilation an. Die meisten Leute haben Waris Dirie im Kopf, die wirklich die schlimmste Form der FGM erdulden musste, die pharaonische Beschneidung. Im Grunde genommen geht die Schlachterin hierbei hin, nimmt eine Glasscherbe, eine alte Rasierklinge, meist rostig, irgendwas, was noch einigermaßen scharf ist und schneidet von den Genitalien der Mädchen alles ab, was sie für überflüssig hält. Große Schamlippen, kleine, Klitoris – alles wird abgeschnitten und dann vernäht. Manchmal mit Bindfaden, manchmal mit Kaktusdornen zugestochen. Das Mädchen wird die ganze Zeit von der Mutter bzw. der Tante festgehalten, dass es sich nicht wehren kann.

Diese Form der Beschneidung ist furchtbar. Sie ist vorwiegend im Yemen und in Somalia beheimatet und normalerweise sollte man die Beschneiderinnen da mit der Bratpfanne erschlagen. Sie haben viele Leben auf dem Gewissen, denn selbst wenn ein Mädchen diese Tortur überlebt, die lebenslangen Folgen sind lebensverkürzend. Menstruationsblut kann durch die enge Öffnung nicht mehr abfließen. Für die Hochzeitsnacht muss die Beschneiderin die zugenähte Vagina wieder aufschneiden, damit überhaupt Sex stattfinden kann. Und durch die verstümmelte Öffnung passt sehr häufig kein Kinderkopf mehr, was für einen furchtbaren Tod auf dem Kindsbett sorgt, wenn ein Kaiserschnitt nicht durchführbar ist.

Soweit, so furchtbar. Doch diese Art der Beschneidung ist weder die einzige noch die, die am weitesten verbreitet ist. Um genau zu sein: Muslime beschneiden ihre Mädchen genauso wie ihre Jungen. Ist kaum bekannt, doch die kleine Sunna ist weit verbreitet. Diese Art der Beschneidung ist die Entfernung der Klitorisvorhaut unter Erhalt der Klitoris (ja, auch Frauen haben eine Vorhaut – die Genitalien sind im Grunde genommen dasselbe Gewebe, sie haben nur unterschiedliche Funktionen ausgebildet) oder aber unter Entfernung der Klitoris – beides ist möglich und von den Eltern auch gewollt.

Hinzu kommt die Vielzahl unterschiedlicher Beschneidungsformen, wie ein Nadelstich (verboten, da es unter FGM fällt), um etwas Blut zu extrahieren. Ja, auch solche Beschneidungsformen gibt es. Um hier eine Unterscheidung reinzubekommen und auch festzulegen, wie schwer die betroffenen Frauen geschädigt sind, gibt es die Unterscheidung der FGM in die Stufen I – IV. Die Folgen sind dabei aufsteigend.

Ziel ist in allen Fällen die Reduktion des weiblichen Empfindungsvermögens – die Frauen *sollen* weniger Spaß haben am Sex, damit sie ihre Männer nicht betrügen und ihnen Kuckuckskinder unterschieben. An der Stelle sollten vielleicht alle mal kurz nachdenken, wes Geistes Kind sie sind, wenn sie einer unbeschnittenen Frau automatisch Promiskuität unterstellen, weil sie eben nicht beschnitten ist.

Widerlicher gehts kaum und es ist gut und richtig, dass diese Praxis zunehmend gesetzlich verboten wird. Und es wäre schön, wenn man genug Geld bereitstellen würde, um die Eltern zu schulen – damit die sich *gegen* die Beschneidung entscheiden.

Denn es gibt viele Entschuldigungen, die Eltern gebrauchen, um ihre Mädchen zu beschneiden: Es ist sauberer, es ist ordentlicher. Es sieht schöner aus. Die Tochter soll aussehen wie die Mutter, die das ja auch hinter sich hat. Und überhaupt: Der Mutter hats nicht geschadet, sie ist total zufrieden mit ihrer Beschneidung, warum sollte denn dann die Tochter nicht genauso behandelt werden? Und nein, ich übertreibe hier nicht. Es gibt viele Frauen, die beschnitten sind und überhaupt nicht verstehen, warum wir das für barbarisch halten. Für diese Frauen ist das völlig normal.

Das sind die Gründe, die man bekommt, wenn man die Eltern befragt.

Und jetzt gehen wir zur männlichen Beschneidung, der MGM oder verniedlichend „zirkumzision“ über.

Die männliche Vorhaut ist insbesondere bei Kindern bis in die Pubertät mit der Eichel verklebt. Das geschieht zu Schutzzwecken. Die Vorhaut stellt einen natürlichen Gleitmechanismus dar, sie hat gut 20.000 Nervenenden, die direkt mit dem Lustzentrum verbunden sind (die Eichel hat nicht halb soviel), die meisten davon sind im Gefurchten Band enthalten. Die Vorhaut macht Sex erst angenehm. Für BEIDE.

Wenn ein Säugling von dem „winzigen Stück Haut“ „befreit“ wird, dann wird zunächst die Eichel im Wortsinne gehäutet – die Präputialverklebung muss gelöst werden, dass geschieht mit einer Sonde, die zwischen Vorhaut und Eichel eingeführt wird und dann wird eine Klammer einmal im Kreis gedreht. Danach wird, weil die Vorhaut von gut 200 m Blutgefäßen durchzogen ist, der Teil abgequetscht, wo später der Schnitt erfolgen soll. Diese Quetschung muss etwa 3 min. lang bestehen bleiben, sonst sind die Blutgefäße nicht dicht. Danach wird die „überzählige“ Haut abgeschnitten.

Das alles erfolgt ohne Betäubung und sehr häufig unter hygienisch nicht adäquaten Bedingungen. Die ganze Zeit wird der Junge von einem Erwachsenen festgehalten, damit er sich nicht wehren kann. Die Neugeborenenbeschneider in den USA greifen auf einen Circumstraint zurück. Und nein, die EMLA-Creme ist keine Mittel zur Betäubung.

Auf Beschneidungsfesten sieht man schon mal Haustiere umherlaufen. Die Beschneider selbst sind nur selten richtig sauber im medizinischen Sinne und es gibt einige Rituale, die dafür bekannt sind, dass sie Herpes-Infektionen auf die Neugeborenen übertragen, namentlich die Metzitzah b’peh, die jährlich für etwa 6 tote und schwerstbehinderte Kinder in New York alleine sorgt.

Die Folgen sind gravierend. Bei Beschneidungen im Säuglingsalter sieht man die Kinder häufig in eine Erstarrung fallen: Das ist ein Schockzustand, der, nicht erkannt, die Kinder durchaus töten kann. Sie werden mit dieser Art Schmerz zu einem Zeitpunkt konfrontiert, wo sie noch nicht gelernt haben, dass Schmerzen auch wieder aufhören. Der Geist kann nicht damit umgehen – und schaltet ab.

Es ist inzwischen ziemlich gut ausgeforscht, dass die Kinder PTBS entwickeln. Das kann man im Säuglingsalter nicht behandeln, das wichtige Urvertrauen, dass die Kinder zu ihren Eltern haben, ist zerstört und es kommt auch nicht wieder. Es wird von direkten Folgen berichtet wie Gedeihstörungen. Es gab eine Studie zu den Beschneidungen in den Philippinen, wonach mehr als 25% der frisch beschnittenen Jungen PTBS nach der Beschneidung entwickelt haben. Zur Info: PTBS ist die schwerste Form der Traumatisierung.

Eine offene Wunde in der Windel ist auch nicht wirklich das, was man haben will. Wenn die Kinder urinieren, dann trifft der saure Urin auf die frische Wunde. Es dauert mindestens 2 Wochen, bis das abheilt – in der Zeit ist der Windelwechsel für die Kinder höllisch. Und wenn Kot an die Wunde gerät, dann steigt das Infektionsrisiko.

Spätfolgen sind vielfach berichtet. Es gibt die Meatusstenose, die als Komplikation bei Unbeschnittenen praktisch nicht vorkommt und die operativ korrigiert werden muss. Es gibt Infektionen bis hin zu lebensbedrohlichen Gangränen und sehr sehr oft sterben die Jungen, weil sie schlicht verbluten.

Es gibt die Penisarterie, die die Hauptblutversorgung darstellt. Diese Arterie wird gerade mit der Beschneidungstechnik der Gomco-Clamp recht häufig angeritzt. Die Mogen-Clamp ist dagegen für eine andere „Nebenwirkung“ bekannt: Die Eichel wird ganz oder teilweise versehentlich mit abgetrennt.

Wieviele Männer aufgrund ihrer Beschneidung verstümmelt und auch ohne Genitalien herumlaufen, werden wir wohl nie erfahren. Denn anders als Frauen haben die Männer hier keine Lobby, sie werden im Gegenteil sehr häufig verspottet und mit Häme übergossen.

Der historische Grund, warum die Beschneidung in den USA überhaupt eingeführt wurde, war übrigens die gezielte Reduktion der sexuellen Empfindungsfähigkeit. Dr. Kellogg hat die Beschneidung damals als angemessene Strafe für die Sünde der Masturbation angepriesen. Sie sollte ohne Betäubung durchgeführt werden, weil die Strafe sonst nicht richtig empfunden wird.

Im Laufe der Jahrzehnte wurde die Beschneidung der damals jungen Erwachsenen immer weiter nach vorne gelegt, um die Entscheidung von denen wegzunehmen, die sie eigentlich betrafen und der der Operation NIE zugestimmt hätte. Den Jungen selber. Heute entscheiden die Eltern, ob die Jungen mit vollständigem Genital aufwachsen oder mit einem verstümmelten. Und – nebenbei bemerkt: Die Ärzte tun alles, damit diese Art der Operation erhalten bleibt. Es handelt sich um ein Milliardengeschäft.

Es gibt viele Entschuldigungen, die Eltern gebrauchen, um ihre Jungen zu beschneiden: Es ist sauberer, es ist ordentlicher. Es sieht schöner aus. Der Sohn soll aussehen wie der Vater, der das ja auch hinter sich hat. Und überhaupt: Dem Vater hats nicht geschadet, er ist total zufrieden mit seiner Beschneidung und würde es jederzeit wieder machen, warum sollte denn dann der Sohn nicht genauso behandelt werden?

Nein, es ist kein Derailing, wenn man die Beschneidungsformen der Männer und Frauen miteinander vergleicht. Es ist ein und dasselbe in unterschiedlichem Gewand: Eine Genitalverstümmelung und ein massiver Eingriff in das Menschenrecht der körperlichen Unversehrtheit.

Und nur, weil man bei den Mädchen die Chance hat, das ganze noch eine Schaufel widerlicher zu gestalten, dann heißt das nicht, dass es deswegen richtig ist, Jungen zu beschneiden.

Wenn überhaupt, dann ist das Argument „man kann FGM nicht mit MGM vergleichen“ ein Derailing der Art, die der Autor kritisiert – ohne es zu merken. Und zwar NUR und ALLEINE, wenn man Beschneidung mit Beschneidung vergleicht. DAS ist Derailing.

Denn die beschnittenen Männer, die unter ihrer Beschneidung leiden (und das mit teils so massiven Auswirkungen, das kann man sich nicht vorstellen), werden marginalisiert. Und es sind die Frauen, die ihre Privilegien nutzen, um die männliche Beschneidung weiter zu marginalisieren und ihre Privilegien, nämlich in diesem Fall die körperliche Unversehrtheit, weiter zu verteidigen.

Schade, dass der Autor so dermaßen mit Anlauf da reingefallen ist.

Send to Kindle
Soziales

Flattr this!

bestellt folgenden Kaffee