Das Tal der Stürme 7

Schönen 2. Advent wünsch ich 🙂

Als sie am nächsten Morgen aufbrachen, blickte Al’lel den Ork mit hochgezogener Augenbraue an. “Willst du das Monstrum wirklich mitnehmen?” fragte er seinen Freund, der die gigantische Axt des Trolls auf der Schulter trug. Goshar nickte. “Gute Axt. Wäre schade drum.” Al’lel zuckte mit den Schultern. “Gut, das ich sie nicht tragen muss.” Goshar grinste. “Würde was drum geben, wenn du es versuchen würdest.” Al’lel schnaufte nur.

Während sie am Fluß entlangwanderten suchten sie eine Furt, um überzusetzen, doch nichts war zu sehen. Der Fluß selbst war immer noch viel zu reißend, als dass sie es wagen könnten, ihn zu überqueren.

Der Wald wurde allmählich lichter, die Bäume standen weniger dicht und nach kurzer Zeit standen sie an einem Weg, der mehr war als der Trampelpfad, dem sie bislang gefolgt waren. Sie bogen auf den Weg ein und gegen Mittag verließen sie den Wald, wo der Weg in eine breite Straße einmündete. Nach kurzer Überlegung entschieden sie sich, der Straße weiter flußabwärts zu folgen. Sie hatten kein wirkliches Ziel und die Neugierde, wohin der Weg sie brachte, überwog.

Als sie endlich müde wurden und schon ein Nachtlager suchten, sahen sie, wie sich am Horizont gegen die untergehende Sonne Bauwerke erhoben. Sie sahen sich nur kurz an, nickten sich zu und mit frischer Kraft gingen sie auf ihr Ziel zu, die Stadt, die sie in der Entfernung nur erahnen konnten.

Auf der Straße tummelten sich auch mehr und mehr Leute. Elfen, Orks, Menschen und Zwerge strebten auf die Stadt zu und mehr als einer warf ihnen sonderbare Blicke zu.

Al’lel wandte sich zu seinem Freund. “Du scheinst Aufmerksamkeit zu erregen.” Goshar schnaubte. “Wohl eher wir beide. Es scheint, dass nur selten Elfen und Orks gemeinsam unterwegs sind.” Al’lel betrachtete die sie umgebenden Leute und stellte fest, dass sein Freund wohl recht hatte. Die Menschen hielten einen respektvollen Abstand von ihnen.

Als sie endlich das Stadttor erreichten, waren die Wachen gerade dabei, die Tore zur Nacht zu verschließen, als einer der Wachen die Freunde erblickte. Er starrte mit offenem Mund auf die Freunde und stieß seinen Nebenmann an, der ihn uwirsch etwas fragte. Die Wache zeigte nur auf die beiden jungen Männer. Die zweite Wache folgte dem Fingerzeig und dann erstarrte auch sie. Als Goshar und Al’lel das Tor erreichten, machten die Wachen wortlos Platz, ohne auch nur eine Frage zu stellen. Als sie in den Torgang traten, schlug das Tor mit einem lauten Krachen zu.

Goshar blickte Al’lel unbehaglich an. “Meinst du, wir können in Schwierigkeiten geraten?” fragte er seinen Gefährten. Al’lel sah sich zweifelnd um. “Ich weiß es nicht. Die Leute hier sind seltsam.” Goshar antwortete nicht, er sah sich nur sehr aufmerksam um.

Als sie den Torgang verließen, betraten sie eine für sie völlig unbekannte Welt. Das erste, was ihre empfindlichen Sinne wahrnahmen, war der infernalische Gestank. Fauliges Wasser, verdorbenes Essen und Abwässer, die in einem offenen Rinnsal in der Mitte der Straße entlangliefen, die Pflastersteine bedeckt von Fliegenschwärmen. Al’lel würgte und selbst der stoische Ork konnte ein Husten nicht unterdrücken.

Zerlumpte Gestalten saßen zusammengesunken an den Hauswänden, den Blick oft in die Ferne gerichtet. Die Straßen selbst waren überfüllt von Menschen, die sichtlich vor Einbruch der Dunkelheit in ihren Heimen sein wollten. Die beiden Freunde bedauerten, dass sie diesen Ort betreten hatten, aber es war auch klar, dass sie für heute hier eingeschlossen waren.

“Möglicherweise ist am Hafen bessere Luft” vermutete Al’lel und strebte dem unteren Teil der Stadt zu. Goshar rückte seine Axt auf der Schulter zurecht und folgte dem schlanken Elfen.

Sie waren noch nicht weit gekommen, als laute Stimmen hinter ihnen ertönten. Die beiden Wanderer drehten sich um und sahen, wie eine Reiter-Kavalkade auf sie zustürmte und dabei rücksichtslos die Menschen umritt, die das Unglück hatten, im Weg zu stehen. Der vorderste Reiter ritt dicht zu ihnen auf und brüllte etwas in einer Sprache, die sie nicht verstanden.

Die Wanderer blickten verständnislos zu dem Reiter hoch, der wild gestikulierend auf die Axt zeigte, die Goshar auf der Schulter trug. Al’lel blickte seinen Gefährten fragend an, der nur den Kopf schüttelte. Sie verstanden nicht, was der Mann wollte.

Er schien endlich zu verstehen, dass er nicht verstanden wurde. Mit einem herrischen Fingerschnippen zitierte er einen Elfen heran, der, den Kopf tief gesenkt, sich beeilte dem Wink Folge zu leisten. Sowohl Goshar als auch Al’lel versteiften sich bei dieser Herrschaftsgeste. Aus dem Tal kannten sie solches Verhalten nicht und sie mochten es auch nicht.

Der Elf sprach Al’lel in einer singenden Sprache an, doch der junge Mann schüttelte den Kopf. Der Elf versuchte es in zwei weiteren Sprachen, doch wiederum konnte Al’lel nicht verstehen, was er sagte. Der schmale Reiter überlegte kurz, seine Augen wurden groß und er schien den ungläubig den Kopf zu schütteln. Er betrachtete die Gefährten genauer und schien zu einem Entschluß zu kommen.

In einer seltsamen Aussprache fragte er: “Kannst du mich verstehen?” Es klang seltsam, als hätte er ihre Sprache nie richtig gesprochen. Der junge Elf sah ihn an: “Ja. Wer bist du? Und wer ist das da?” fragte er, missbilligend zu dem großen Reiter deutend. “Mein Name ist Elfridge. Und das hier ist mein Herr Rabenau. Ihr seid…aus den Bergen? Wer seid ihr? Wie sind eure Namen?” Elfridge konnte kaum seine Aufregung verbergen.

Goshar schien sich entschlossen zu haben, zu schweigen und so übernahm Al’lel ihre Vorstellung. “Mein Name ist Al’lel” sagte er mit einer kleinen Verbeugung. “Und das ist mein Freund Goshar. Und ja, wir sind aus den Bergen, aus einem Tal….” Er unterbrach sich, als Goshar wenig subtil die Axt auf den Boden stellte und seinen Fuß nur knapp verfehlte. Al’lel blickte empört zu seinem Freund auf, der fast unmerklich den Kopf schüttelte und der junge Elf verstand. Er sollte ihren Heimatort nicht preisgeben.

Der Herr Rabenau hatte sichtlich genug davon, ignoriert zu werden und beschloß, sich wieder in Erinnerung zu bringen. Mit einem Schlag seiner gepanzerten Faust schickte er Elfridge fast zu Boden, doch der Elf, offenbar geübt darin, diese Schläge anzunehmen, konnte sich im Sattel halten und nickte hektisch zu seinem Herrn.

“Der Herr Rabenau hat bemerkt, dass ihr die Axt des Trolls mit euch führt. Wie konnte das geschehen?” fragte er die beiden Männer. Al’lel sah keine Veranlassung, hier Geheimnisse zu bewahren und erzählte die Geschichte, wie sie sich letzte Nacht zugetragen hatte, wobei er das eine oder andere Detail ausließ. Zum Glück für seine Füße sah Goshar ebenfalls keinen Grund, die Geschichte zu verheimlichen.

Elfridge fielen fast die Augen aus dem Kopf, als er die Geschichte für seinen Herrn übersetzte. Einige Male musste er nachfragen, weil er etwas nicht richtig verstanden hatte, und jedesmal, wenn sein Herr zu ungeduldig wurde, schlug er dem Elfen ins Gesicht oder andere bequem erreichbare Körperteile, was dieser mit dem Stoizismus desjenigen hinnahm, der lange daran gewöhnt war.

Für Al’lel wirkte der Elf seltsam, doch er konnte nicht genau benennen, was so seltsam an ihm war. Als er es endlich bemerkte, wurde ihm so übel, dass sein Gesicht sich beinahe grün färbte. Ein Netz feiner Narben bedeckte die Haut des Elfen. Jeder Zentimeter schien vernarbt zu sein, als wäre er wiederholt und systematisch auf jede erreichbare Stelle des Körper geschlagen worden.

Der Herr Rabenau bellte etwas in seiner Sprache und Elfridge beeilte sich, es zu übersetzen. “Ihr habt das große Glück, dass der Herr Rabenau sein Auge auf euch gerichtet hat. Dein orkischer Freund hat das Privileg, ihm seine Axt zu überreichen, und ihr beide dürft euch der Palastwache anschließen.”

Al’lel glaubte, nicht richtig gehört zu haben und wollte bereits ablehnen, als der Übersetzer fortfuhr: “Und wäre ich an eurer Stelle, würde ich nicht ablehnen. Es sind Bogenschützen auf den Hausdächern postiert und mehrere Abteilungen warten in den umgebenden Gassen.”

Al’lel blickte auf seinen Freund, dessen Gesicht jetzt zu einem Grinsen verzogen war. Der Elf murmelte ihm zu: “Hör auf damit, du machst selbst mir Angst.” Goshar lachte leise und meinte. “Dann wollen wir mal sehen, wie viel Angst ich denen machen kann.”

Mit einem lauten Brüllen hob er die gewaltige Axt hoch und ließ sie fliegen. Mit großer Präzision flog sie, sich schnell um die eigene Achse drehend, auf die Gruppe zu. Elfridge, der gewohnt war, Schlägen auszuweichen, sprang wieselflink von seinem Pferd herab, doch Herr Rabenau und seine Wachen hatten weniger Glück. Die Axt schnitt sich durch die Reiter wie ein warmes Messer durch einen Klumpen Butter, bevor sie in die Hand des Orks zurückkehrte.

Während die Umstehenden noch geschockt auf den plötzlichen Gewaltausbruch blickten, stieg von der zerteilten Leiche des Herrn Rabenau schwarzer Rauch auf und hüllte Pferd und Reiter ein. Als der Rauch sich verzog, saß Herr Rabenau wieder auf seinem Pferd und sah sie hasserfüllt an. Goshar packte den völlig erstarrten Elfen und zog ihn gerade noch rechtzeitig zwischen zwei der Pferde, die eben noch Wachen getragen hatten.

Ein Schwarm Pfeile prasselte auf sie ein. Al’lel fragte sich, wieso so viele Pfeile daneben gehen konnten und suchte die Bogenschützen. Als er sie auf den Dächern ausmachte, konnte er ein kleines Gelächter nicht unterdrücken: Die Pfeile gingen daneben, weil die Schützen vor Angst zitterten. Er blickte seinen Freund bewundernd an und tätschelte ihm die Schulter, was mit einem genervten Augenrollen quittiert wurde.

Die Axt flog auf eines der Dächer hoch und die Schreie zeigten an, dass sie ihre Ziel getroffen hatte.

Der Pfeilregen hörte nach dieser Attacke völlig auf und die Dächer zeigten nicht einen Bogenschützen mehr. Goshar drehte sich zu dem Herrn Rabenau um, sah ihm in die Augen und sagte nur ein Wort:

“Nein.”

Dann legte er sich ruhig die Axt auf die Schulter, drehte er sich um und setzte seinen Weg fort. Al’lel blickte Elfridge noch besorgt an, doch dieser schüttelte nur den Kopf und nickte zu dem großen Ork hin. Al’lel verstand und beeilte sich, seinem Freund zu folgen.

Das Tal der Stürme – Prolog
Das Tal der Stürme – 1
Das Tal der Stürme – 2
Das Tal der Stürme – 3
Das Tal der Stürme – 4
Das Tal der Stürme – 5
Das Tal der Stürme – 6

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