Das Tal der Stürme 5

Der Titel fängt an, mir gewaltig auf den Sack zu gehen. Vorschläge werden gerne entgegengenommen 😉

Al’lel wachte auf und fühlte nichts mehr. Die Schmerzen waren vergangen, er fühlte sich seltsam leicht und wohl. Der Elfenjunge lächelte. Das Herzweh, dass ihn seit dem Tod seiner Mutter und dem Verrat seines Vaters erfüllte, war vergangen, die Last von ihm genommen. Er seufzte erleichtert.

Neben seinem Bett saß seine Mutter und lächelte ihn sanft an. “Mutter?” fragte er mit großen Augen. Sie sagte nichts, streichelte nur sein Gesicht. Er sah, wie sich ihr Gesicht verdunkelte, als ihr Blick auf seinen Rücken fiel. Zorn erfüllte sie, doch als sie ihn wieder ansah, sah er nichts als die liebevolle Zuneigung, die sie ihm stets entgegengebracht hatte und er verstand: Sie war nicht zornig auf ihn, sondern auf den, der ihm das angetan hatte. Er kuschelte sich glücklich in die Hand seiner Mutter, die ihm unablässig über das Haar strich und ihn beruhigte.

Er dämmerte vor sich hin, als er Stimmen hörte, die sich offenbar stritten. Eine glockenklare Frauenstimme fragte ungläubig: “Was willst DU denn hier?” Eine andere Stimme, Al’lel konnte nicht sagen, ob es ein Mann oder eine Frau war, antwortete: “Was denn wohl? Ich komme, um ihn abzuholen.” Al’lel konnte nicht sagen, warum, doch er wusste, dass die Stimmen über ihn sprachen. Er wollte nicht mit der Stimme mitgehen. Er wollte hierbleiben, bei seiner Mutter.

Sie strich ihm sanft über das Haar und flüsterte ihm beruhigend zu: “Keine Angst. Du bleibst hier.” Die andere Stimme fragte scharf: “Was soll das bedeuten. Verweigerst du mir meine Beute?” Die Frauenstimme antwortete entschlossen: “Ja. Zumindest für jetzt kannst du ihn nicht haben. Ich brauche ihn. Die Leute hier brauchen ihn. Und sehr viele andere werden ihn brauchen.” Eine lange Pause entstand. Dann, ein leises belustigtes Gelächter. “Ah. Ich verstehe.” Die Frauenstimme antwortete nicht. Die andere Stimme lachte weiter. “Ich werde dich nicht aufhalten. Um ehrlich zu sein, es wird amüsant sein zu sehen, was diese zwei veranstalten werden. Vielleicht bringen sie ein wenig Abwechslung in die Langeweile.” Die Frauenstimme antwortete belustigt. “Gib Acht, alter Feind. Es könnte viel Arbeit für dich bedeuten.” Die andere Stimme meinte: “Das ist nichts Neues, alte Feindin.” Trotz der Bezeichnung “Feind” für den jeweils anderen fühlte Al’lel dass sich die beiden sehr nahe standen.

Al’lel fühlte einen kalten Wind über seinen Rücken streichen und er erschauerte.

Wie ein Blizzard traf ihn die Rückkehr des Schmerzes im Rücken und sein Herzweh. Al’lel fing an zu zittern und schluchzte unkontrolliert. “Shhhh…ruhig. Es ist gleich vorbei.” Die klare, süße Stimme beruhigte ihn und die Hände, die über seinen Rücken strichen, linderten den Schmerz. Al’lel fühlte, wie bleierne Müdigkeit ihn erfüllte. “Mutter?” murmelte er noch, bevor der Schlaf ihn endgültig umfing.

Viel später erwachte Goshar langsam aus seinem tiefen Schlaf. Eine Stimme wisperte ihm an der Grenze zwischen Schlaf und Wachen zu: “Ich habe getan, was notwendig war. Nun liegt es an euch. Nutzt diese Höhle als Refugium für eine Weile. Ihr werdet wissen, wann es an der Zeit ist, zu gehen.”

Als die Stimme verklang, schlug Goshar die Augen auf. Auf dem Feuer brodelte nach wie vor die dicke Suppe und er erinnerte sich daran, dass er nichts davon essen konnte, weil er sich um Al’lels Wunden kümmern musste.

Al’lel. Die Erinnerung an die furchtbaren Wunden auf seinem Rücken durchzuckte ihn wie ein Winterblitz. Er drehte sich um und sah den Elfen friedlich auf dem behelfsmäßigen Bett schlafen, auf den er ihn…mit seiner Schwester? gelegt hatte. Er blickte sich um, doch von seiner Schwester war keine Spur mehr zu entdecken.

Je mehr er sich an die Ereignisse der vergangenen Nacht erinnerte, umso mehr war er davon überzeugt, dass die Frau in der Höhle nicht seine Schwester war. Er schickte ein leises Dankgebet an die Göttin und zog behutsam die dicken Decken beiseite, die die schmalen Schultern des Elfen einhüllten. Seine Augen wurden groß als er keine Spur mehr der Verletzungen entdecken konnte. Alle Wunden waren geschlossen und der Rücken frei von Narben. Mit einer Ausnahme.

Auf dem Schulterblatt war ein silberner Wolf zu sehen, der den Mond anheulte. Das Zeichen der Göttin, dessen war Goshar sicher. Als hätte der Wolf ihn gehört, zwinkerte er ihm zu, bevor er sich wieder dem Mond zuwandte. Der große Ork schüttelte den Kopf. Er traute seinen Augen nicht. Doch dann entschied er, dass es seltsameres geben würde, als eine zwinkernde Tätowierung auf dem Rücken eines gestern noch todgeweihten und er widmete sich dem Suppenkessel, da sein Magen sich jetzt lautstark bemerkbar machte.

Als Antwort auf sein Magenknurren hörte er vom Bett ein leises, klingendes Kichern. “Also stimmt es, dass Orks Mägen auf zwei Beinen sind?” fragte Al’lel leise. Goshar ließ sich nicht stören, er hatte wichtigeres zu tun und zuckte nur mit den Schultern. Er nahm eine der irdenen Schüsseln, die am Rand des Feuers standen, füllte sie bis zum Rand und reichte sie Al’lel. Der junge Elf versuchte, sich zu erheben, doch die Arme trugen den Körper noch nicht.

Mühsam wälzte er sich auf den Rücken. “Ich fühle mich, als wäre eine Herde Hirsche über mich gerannt.” seufzte der Elf. Goshar grunzte und kratzte sich am Hintern, hielt ihm jedoch weiter die Suppe hin.

Al’lel blickte den jungen Ork ungläubig an. “Du ziehst jetzt nicht gerade die Nummer des primitiven Orks ab, oder?” fragte er ihn, die Augenbrauen hochziehend. Goshar grinste breit und meinte: “Ich dachte mir, ein Versuch könnte nicht schaden. Übrigens, wenn du die Suppe nicht magst, nehme ich sie gerne.” Al’lel verlor keine Zeit mehr und streckte die Arme nach der Schüssel aus. Goshar schüttelte den Kopf. “Du bist noch schwach wie ein frischgeschlüpftes Schneehuhn. Komm her.” Er nahm den Elfen und mit einem Ruck setzte er ihn auf. Al’lel schwankte kurz, als ihm schwindelig wurde, aber Goshar stütze ihn.

Als klar wurde, dass Al’lel selbst zu schwach zum essen war, schüttelte Goshar nur den Kopf und fütterte ihn. Nach einigen Löffeln schien die Kraft zu Al’lel zurückzuströmen und er war in der Lage selbst zu essen. Nachdem sich Goshar eine Schüssel gefüllt hatte und den ersten Löffel nahm, wurde ihm auch klar, warum. Wohlige Wärme erfüllte ihn und er fühlte wie neue Kraft ihn erfüllte.

Als sie gegessen hatten, nahmen sie ihre Habseligkeiten in Augenschein. Viel war es nicht, doch dank der Göttin hatten sie genug warme Decken. Goshar war sich sicher, dass sie auch für Nahrung sorgen würde, wie sie es ihm versprochen hatte. Die Höhle war sicher, es war ihnen warm genug, blieb also nur noch, sich die Zeit zu vertreiben.

Der Ork blickte den Elfen über das Feuer hinweg an. “Was ist passiert?” fragte er ihn. Al’lel blickte lange ins Feuer, doch Goshar wartete geduldig. Zeit war ebenfalls etwas, was sie im Überfluß hatten.

Endlich begann Al’lel zu erzählen. Vom Tod der Mutter und seinem tiefen Kummer, als er bemerkte, dass er zu spät kam. Vom Verrat durch seinen Vater, der nie die Hand gegen ihn erhoben hatte bis zu diesem Tag. Vom Dorfheiler, der ihn bereitwillig verurteilt hatte und ihm, dem Opfer, die Schuld für die Verbrechen seines Vaters gegeben hatte. Der Ork lauschte mit wachsendem Zorn.

Ehre und Loyalität waren die Dinge, die ein Ork am meisten schätzte. Er hatte in den Augen seiner Höhlenfamilie gegen diese ungeschriebenen Gesetze verstoßen, indem er seinem Feind half. Ein Loyalitätsbruch, der zudem seine kranke Schwester in Gefahr brachte. Dies alles endete in seiner unausgesprochenen Verbannung. Doch Al’lel hatte es härter getroffen. Elfische Eltern, die ihre Kinder schlecht behandelten und falsch anleiteten, wurde von der Gemeinschaft nicht mehr gestattet, ihre Kinder aufzuziehen. Jedes Elternpaar hatte nur eine Chance und dann wurde unnachgiebig zum Schutz der Kinder verfahren, sie bekamen niemals mehr eine zweite Chance.

Elfeneltern wussten das und darum erzogen sie ihre Kinder in Liebe und oftmals dachte Goshar, dass sie sie maßlos verwöhnten. Doch an Al’lel, so jung er auch war, war nichts mehr jugendlich. Durch die Ereignisse war er vor seiner Zeit gereift, genauso wie Goshar.

Al’lel schien denselben Gedankengang zu haben. “Wie alt bist du eigentlich?” fragte er den großen Ork. Goshar lächelte schwach. “13 Sommer wurde ich dieses Jahr. In zwei Sommern sollte mein Ritual stattfinden.” Der Ork sah bekümmert aus, dass er um das wichtigste Ritual betrogen wurde, dass ein Ork in seinem Leben erfahren und dass aus dem Knaben einen Mann machen würde. Al’lel sah ihn über das Feuer erstaunt an. “Auch ich bin 13 Sommer alt. Aber ich wusste nicht, dass Orks so jung zu Erwachsenen erklärt werden?” Goshar zuckte mit den Schultern. “Das Tal ist feindlich gesinnt, das Leben ist hier nicht leicht. Es wird jeder Jäger benötigt um die Höhle mit Nahrung zu versorgen.” Al’lel nickte, der Ork hatte ja recht. Die Elfen erlaubten ihren Kindern eigentlich einen Luxus, den sie sich nicht leisten konnten.
Die beiden Jungen unterhielten sich noch, bis ihnen die Augen schwer wurden und sie am Feuer einschliefen.

Doch des Nachts hatten sie beide seltsame Träume. Wilde Träume von Lehrern, die ihnen beibrachten, wie man mit Waffen umging, wie man diese Waffen baute und wie die Welt beschaffen war. Sie erhielten selbst Unterricht in der Heilkunst. Wenn sie aufwachten und die wilden Träume verblassten, neigten sie dazu, es für irreale Träume zu nehmen, trotzdem erweiterte sich ihr Wissen ständig.

Für Al’lel waren die Tage am schlimmsten. Er quälte sich mit dem Schuldgefühl, dass er seine Mutter im Stich gelassen hatte. Er gab sich die Schuld an der Wandlung seines Vaters und wenn er doch nur etwas schneller gewesen wäre, dann wäre seine Mutter vielleicht noch am Leben.

Goshar nahm die Tage stoisch hin. Er spürte die Qual seines Freundes, aber er konnte ihn nicht erleichtern. Daher verfiel er auf die Idee, sie beide so zu erschöpfen, dass sie abends nur noch von der Suppe kosten konnten und dann auf ihre Schlafstätten fielen. Sie übten das, was jedes Kind im Tal lernte: Fallen stellen, jagen, dem Wetter nachspüren. Kochen lernen, Felle gerben.

Al’lel taten diese Ablenkungen von seinen Gedanken gut. Die Schuldgefühle wichen nicht, doch sie verloren an Schärfe. Und beiden Jungen bekam die viele Bewegung im Freien sehr gut. Sie wurden stark und wuchsen noch ein gutes Stück. Sie wirkten auch körperlich nicht mehr wie die Jungen, die sie eigentlich waren, sondern wie junge Männer, brennend vor Tatendurst.

Der Winter neigte sich langsam seinem Ende zu, als Al’lel eines nachts aufwachte, von einem drängenden Gefühl getrieben, dass er sich nicht erklären konnte. Er zog seine Fellstiefel an und legte den Umhang an, denn die letzten Nächte waren eisig gewesen.

Er verließ die Höhle und es stockte ihm der Atem. Unter ihm lag das tief verschneite Tal, eingerahmt von den schroffen Höhen der umgebenden Berge. Doch es war der Himmel, der unweigerlich sein Auge anzog. Wolkenfrei und mondlos zeigte er die volle Pracht des Sternenmeers am Himmel. Er konnte sich nicht sattsehen. Silbern und wunderschön funkelten die Himmelsedelsteine und bildeten Figuren, die er noch nicht verstand.

“Al’lel” erklang eine sanfte Stimme neben ihm und als er sich umdrehte liefen ihm die Tränen über das Gesicht. Seine Mutter, von dem sanften, silbernen Leuchten der Sterne umgeben, stand vor ihm. Er vermisste sie so.

“Ja, ich vermisse dich auch, mein Sohn.” sagte sie mit einem bekümmerten Lächeln. “Aber so ist der Lauf der Welt. Manche sterben, manche leben. Und meine Zeit war gekommen.” Al’lel streckte die Arme nach ihr aus, doch er berührte nur Sternenlicht. “Ich bin gekommen, um mich zu verabschieden.” Al’lel schüttelte den Kopf. Er wollte nicht, dass sie wieder ging. “Shhhht, mein Sohn.” sie legte eine lichtgesäumte Hand an seine Wange. “Du wirst es gut machen. Du hast einen guten und starken Freund dort. Und du hast den Kopf und das Herz, um alles zu erreichen, was du möchtest. Lass nicht überflüssige Schuldgefühle deinen Mut zerstören. Du hast keine Schuld an dem, was geschehen war. Meine Zeit war gekommen. Und eines Tages wird die deine kommen.” Al’lel fühlte sich, als wäre ein großes Gewicht von seinen Schultern genommen. “Ich habe keine Schuld?” flüsterte er und blickte sie aus großen Augen fragend an. “Nein, Al’lel. Ich hätte auch mit deiner Suppe gehen müssen. Aber dann vielleicht mit einem etwas gefüllteren Bauch.” Sie lächelte ihn spitzbübisch an.

“Die Wege der Göttin kann keiner ergründen. Schon gar nicht der Dorfheiler oder dein Vater.” bei der Erwähnung ihres Mannes verfinsterte sich ihr Gesicht. “Du hast auch keine Schuld an dem, was aus ihm geworden ist. Dein Vater hat sich gehen lassen. Ich kann seinen Kummer verstehen, in mir ist immer noch ein Teil, der den Ehemann vermisst, mit dem ich so lange glücklich war. Doch dieser Mann ist er jetzt nicht mehr. Er hat sich verwandelt, weil er nicht stark genug war, den Kummer zu ertragen, so wie du es tust. Und er hat seinen Kummer in Zorn verwandelt, den er an dir ausgelassen hat. Das ist unentschuldbar und die Göttin wird ihn beizeiten dafür richten.” Zorn blitzte aus ihren Augen als sie an ihren Ehemann dachte.

“Doch dich hat das nicht zu bekümmern. Du hast einen anderen Weg einzuschlagen. Vorerst zumindest. Geh in die Welt, sieh sie dir an. Und bleib dir treu. Dann werde ich immer stolz sein, deine Mutter zu sein.” Der junge Mann blickte sie liebevoll an, das Gesicht immer noch tränennnass. “Ich werde einen Weg finden, dem Tal zu helfen.” schwor er. “Und ich werde einen Weg finden, Gerechtigkeit walten zu lassen.” Seine Mutter betrachtete ihn voll stolz. “Ja, das wirst du. Aber ich muss jetzt gehen, meine Zeit ist endgültig um. Ich gehöre nicht mehr hierher.” Al’lel blickte die langsam verblassende Gestalt lächelnd an. “Ich liebe dich, Mutter.” rief er ihr leise hinterher. Und mit dem Wehen des Windes hörte er die glockenhelle Antwort: “Und ich liebe dich, mein Sohn.”

Und Zeit seines Lebens konnte er nicht sagen, ob es seine Mutter war oder die Göttin, die dort sprach.

Das Tal der Stürme – Prolog
Das Tal der Stürme – 1
Das Tal der Stürme – 2
Das Tal der Stürme – 3
Das Tal der Stürme – 4

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