Das Tal der Stürme 2

Autsch, das wird länger als ich dachte und sprengt den Rahmen für einen einzelnen Artikel.

Okay.

Machmer 2 draus. 😉
Kleiner disclaimer: Ich hab grad fies Kopfweh und geh deshalb gleich ins Bett. Ich schreib nur noch das Kapitel fertig – aber nach Typos hab ich nicht mehr geguckt. Sorry 🙁


Al’lel barg das kostbare Paket sicher unter seiner Felltunika und lief so schnell wie möglich nach Hause. Er hatte nur noch ein Ziel vor Augen: Seine Mutter brauchte das Fleisch so schnell wie möglich.

Normalerweise hätte Al’lel noch nicht alleine gejagt, die Elfen liebten und schützten ihre Kinder und Al’lel hatte das Erwachsenenalter noch nicht erreicht. Die Jagdausflüge mit seinem Vater gehörten zu seinen schönsten Erinnerungen. Wenn sie dann mit der Beute nach Hause kamen und die Mutter sie lächelnd erwartete und ihn für das Essen lobte, das waren Tage von denen Al’lel wusste, dass er sie nicht vergessen würde. Er liebte seine Eltern und vertraute ihnen rückhaltlos.

Doch er kannte auch die Härten, die das Leben im Tal der Stürme mit sich brachten. Und seit seine Mutter krank darniederlag wich sein Vater nicht mehr von ihrer Seite. Er saß still an ihrem Bett, hielt ihre Hand und versuchte, ihre versiegende Kraft mit seiner Liebe zu stärken. Doch selbst Al’lel wusste, dass das nicht reichen würde. Er hatte in seinen jungen Jahren schon zu viele vor ihrer Zeit sterben sehen.

Endlich erreichte er die kleine, gemütliche Hütte, die sein Vater gebaut hatte, als er seine Mutter heiratete. Der Junge öffnete die Holztür und trat in den großen Küchenraum ein, der der Aufenthaltsraum der Familie war. Die Feuerstelle war kalt, das Feuer war ausgegangen. Al’lel erschrak, er hatte vergessen, die Kohlen abzudecken und jetzt würde er sich beeilen müssen, bevor sein Vater etwas merkte, denn das Hüten des Feuers war traditionell die Aufgabe des ältesten, und in seinem Fall einzigen, Kindes.

Er nahm eine der Fackeln aus dem Regal und wieselte zur Nachbarhütte. Es war Jon’ran, Dorfheiler und -priester, der ihm die Tür öffnete. Seine Augen weiteten sich besorgt. “Ist etwas mit deiner Mutter?” Al’lel schüttelte den Kopf. “Das Feuer ist ausgegangen, könnt ihr helfen, das ich die Hütte gewärmt bekomme?” fragte er flehentlich und hielt ihm die Fackel hin. Der Priester zögerte. Feuer war das wichtigste Element im Tal der Stürme. Eine Hütte, in der im Winter die Feuerstelle nicht flackerte, wurde von den Banshees der Göttin heimgesucht, so hatte es ihm sein Lehrer gesagt und der hatte es von seinem Lehrer und Jon’ran war ein Mann, der auf die Worte der Göttin hörte, buchstabengetreu.

Normalerweise hätte er eine feierliche Zeremonie begangen, die Hütte rituell für mehrere Tage verschlossen und den Bewohnern gesagt, dass ihr Heil in den Händen der Göttin lag. Doch er wusste auch, dass die Mutter des Jungen schwerkrank war. Wenn er sie nun der Göttin übergab, würde die Frau sicher sterben. Und ihr Mann war der Dorfschulte. Jeder wusste, wie sehr er seine Frau liebte. Und Jon’ran war kein Mann, der sich gegen die Autoritäten stellte.

Er zögerte nur kurz, hin und hergerissen zwischen Pflichterfüllung als Priester, Untertan und Heiler und nickte dann. Al’lel war erleichtert. Auch er wusste um die Konsequenzen, die sein Vergehen mit sich brachte und er hatte schon insgeheim befürchtet, dass der Priester seine Familie für Tage draußen in der Wildnis kampieren ließ. Es war schon vorgekommen, dass die Familien, denen das geschah, überlebt haben. Aber nicht oft und nie alle.

Al’lel lief zu der großen, lustig lodernden Feuerstelle und hielt die Fackel ins Feuer. Schnell begann sie zu brennen und er rannte so schnell er konnte wieder zurück in die kalte Hütte. Er legte Feuerholz auf die erkalteten Kohlen und sah, dass die Glut nicht völlig erloschen war. Er war erleichtert, vielleicht würde ihnen die Strafe der Göttin erspart bleiben.

Er hielt die Fackel an das Holz und bald erhellte der wohlige Schein des Feuers den gemütlichen Raum. Al’lel füllte den Suppenkessel mit Schnee und hängte ihn am Haken über das Feuer. Das Reh wickelte er aus der Haut und er zerteilte es rasch und warf die Fleischstücke in das schmelzende Wasser. In der Speisekammer fand er noch einige vertrocknete Zwiebeln und Möhren und, oh Wunder, einen Apfel. Der Junge schnitt das Gemüse klein, warf es in das jetzt brodelnde Wasser und fand nach weiterem Suchen einige Bröckchen Salz, die er ebenfalls in die Suppe warf. Er hatte gehört, dass bei Fieber Salz gut für die Kranken war.

Endlich war die Suppe fertig und Al’lel nahm die hölzerne Lieblingsschüssel seiner Mutter und füllte sie bis zum Rand. Er wusste, dass sie nicht selbst würde essen können, also nahm er den Löffel und hoffte, dass er sie zumindest füttern konnte. Der Elfenjunge wartete ungeduldig bis die Suppe abgekühlt war, damit sich seine Mutter nicht verbrennen würde.

Rasch und behende lief er in die elterliche Schlafkammer. Sein Vater hatte sich seit dem Morgen nicht bewegt, wie eine Statue saß er dort, hielt die Hand seiner Frau und betrachtete sie. Seine Mutter lag ruhig im Bett, Al’lel war froh, die letzten Tage waren schwierig gewesen, wenn sie im Fieber anfing zu toben.

Der Junge stellte die Schüssel auf den Nachtschrank, schüttelte sanft die Schulter seiner Mutter und erstarrte. Kalt. Sie war viel zu kalt für jemanden der Fieber hatte. “Mutter?” fragte er zaghaft, doch das friedliche Gesicht, dass er so sehr liebte, zeigte keine Regung mehr. “Mutter?” fragte er lauter. “Sieh doch, ich habe hier Suppe für dich. Komm, nur einen Löffel, es wird dich wärmen” flehte er sie an, doch vergeblich. “Mutter, bitte. Du kannst nicht gehen. Nicht jetzt, nicht so. Wir brauchen dich doch noch so sehr.” Die Tränen, die er nicht zurückhalten konnte, liefen offen über sein schmales Gesicht. “Mutter, sieh, eine Suppe aus Rehfleisch. Komm, versuch es doch zumindest.” Schluchzer schüttelten die schmalen Schultern.

Von Al’lel unbemerkt erwachte sein Vater langsam aus seiner Erstarrung in die er verfallen war, als seine Frau ihren letzten Atemzug tat. Was war das für ein Geräusch, dass ihn in seiner Trauer störte? Kam’mennei, der Dorfschulte, blickte seinen Sohn verärgert an. Wie konnte er es wagen, Tränen zu vergießen, wo er es nicht konnte? War seine Trauer so gering? Warum erstickte er nicht an seiner Trauer wie er es tat? Was war sein Sohn nur für ein unverschämtes Balg.

Wut überkam ihn und bevor Al’lel sich versah, flog er schon gegen die Wand. Die Eltern von Elfenkindern erhoben niemals ihre Hand gegen ihre Kinder. Das war wider die Natur. Elfenkinder wurden mit Liebe und Fürsorge angeleitet, sie wurden ermahnt, manchmal auch streng. Doch geschlagen wurde nie je ein Kind.

Bis auf Al’lel. Er blickte mit schreckgeweiteten Augen auf seinen Vater, den er nicht mehr wiedererkannte. Die mörderische Wut, die gegen ihn gerichtet war, verstand er nicht. Sein Vater erhob sich und kam mit schnellen Schritten auf ihn zu. Kam’mennei bückte sich, packte seinen Sohn mit festem Griff im Nacken und schleifte ihn in den Stall, wo er ihn am Hauptpfahl anband. Al’lel war außer sich vor Schreck und Angst, er verstand nicht, was vorging. Seine Welt, in der er sich so sicher gefühlt hatte, zerbrach mit einem Mal voller Gewalt.

Er verstand auch nicht, wieso sein Vater ihm das Hemd vom Leibe riss, bis die große Bullenpeitsche die erste Strieme auf seinem Rücken hinterließ und der sengende Schmerz ihn aus seinem Schock beförderte.

Al’lel wusste nicht, warum er diese Strafe verdient hatte. Konnte überhaupt jemand so eine Strafe verdienen? Doch der nächste Hieb wischte alle Überlegungen hinweg. Schlag um Schlag prügelte sein Vater seine Wut und seine Trauer in seinen Sohn hinein, ein Opfer suchend, an dem er seine Hilflosigkeit vergessen konnte, die ihn überkam, als das Leben seiner Frau seinen sonst so starken und sicheren Händen entglitt.

Und Al’lel? Er war gefangen in den Scherben einer Welt, die einst seine Sicherheit war. Und jede einzelne Scherbe brannte sich in seine Seele ein. Das Vertrauen und die Liebe die er für seinen Vater verspürt hatte, schwanden mit jedem Schlag und wurden ersetzt durch etwas anderes, das er noch nicht benennen konnte.

Und mit dem furchtbaren Gefühl des Verrats, den der Mann an ihm begangen hatte, der ihn eigentlich schützen sollte, versank er in die willkommenen Tiefen der Bewußtlosigkeit.

Siehe auch:
Das Tal der Stürme – Prolog
Das Tal der Stürme – 1

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