Das Tal der Stürme 1

Ein gewisser anderer Blogger hat mir beigebracht, dass römische Ziffern bei längeren Geschichten unpraktisch sind, ich nummeriere daher mit arabischen Zahlen 😉

Der junge Elf kauerte auf der Spitze eines großen, schneebedeckten Felsens, nahezu unsichtbar durch sein schneeweißes Haar und seine weiße Fellkleidung. Die bittere Kälte, die langsam durch die Felle sickerte, spürte er kaum, er war zu sehr auf sein Ziel konzentriert. Unter ihm im tiefen Schnee war ein junger Ork, der gerade ein mageres Reh erlegt hatte. Und dieses Reh war es, worauf der Elf seine Absichten gerichtet hatte.

Es war Winter im Tal der Stürme und das Wild war rar. Zwei Dörfer konnte das kleine Tal auf Dauer nicht ernähren und jeden Winter zahlten die Dorfbewohner den Preis mit Hunger, Krankheit und Tod.

Doch beide Dörfer beharrten stur darauf, die ersten im Tal gewesen zu sein und forderten die jeweils andere Seite auf, das zu verlassen, was als angestammtes Land betrachtet wurde. Doch weder die Orks noch die Elfen mochten sich geschlagen geben und das Tal verlassen. Und so wuchs mit jedem toten Elfen der Hass des Elfendorfes gegen die Orks – und umgekehrt ebenso.

Doch das alles kümmerte den jungen Elfen auf dem Stein nicht. Er sah nur das Reh, dass seiner kranken Mutter Kraft geben würde, die Krankheit zu überstehen, die sie befallen hatte. Und er wollte das Reh haben, der Gedanke, dass sie sterben würde war ihm so unerträglich, dass er sein eigenes Leben dafür riskieren würde und es gerade auch tat, berücksichtigte man die Größe des Orks unter ihm, der leicht das Doppelte an Gewicht aufbrachte.

Der Junge zog sein Messer und machte sich zum Sprung bereit. Der Ork hatte das Reh inzwischen gehäutet und begann, es in handlichere Teile zu teilen, um es dann in das Fell gewickelt besser transportieren zu können. So konzentriert war das grünhäutige Monster, dass er den angriffslustigen Elfen nicht bemerkte.

Das zumindest dachte der junge Elf.

Als er absprang, sah er verzweifelt seinen Fehler. Seine Jugend entschuldigte den Fehler vielleicht und seine Unerfahrenheit – das Leben in dem harschen Tal jedoch nicht. Er hatte den Wind nicht geprüft und mit dem Wind angegriffen. Und Orks hatten einen feinen Geruchssinn.

Als der Junge auf den Ork hinabstürzte, reichte das feine Sausen des Windes auf der Kleidung aus, ihn verteidigungsbereit herumwirbeln zu lassen. Eine grobe Faust schlug ihm die Waffe aus der Hand während die andere Faust ihn mit einem Boxhieb zu Boden schickte. Der Elf blinzelte kurz, um die Sicht wieder klarzubekommen, als der Ork auch schon auf ihm kniete, das Messer zum finalen Schlag hoch erhoben als Ork und Elf einen kurzen Augenkontakt hatten.

Der Ork zögerte als er die rohen Emotionen in den Augen des Elfen wahrnahm. Emotionen die er selbst nur zu gut kannte: Trauer und Verzweiflung. Der Elf hatte nicht angegriffen, um ihn zu töten sondern weil er keine andere Wahl hatte.

Der Blick des Elfen schweifte kurz zum Reh und heftete sich dann wieder auf den Ork. Der verstand. Das Elfendorf musste inzwischen selbst kurz vor dem Verhungern sein und sehr wahrscheinlich litten Familienmitglieder Hunger.

Doch der Ork brauchte das Fleisch für seine eigene Familie. Seine Schwester war krank. Krank vor Kälte, Hunger und Not. Ohne das Fleisch würde sie sterben und das wollte der Ork nicht zulassen.

Doch töten würde er den mageren Elfen nicht. Es gab bereits zu viel Tod in diesem Tal, er hatte kein Verlangen nach einem weiteren.

Der grüne Riese ließ das Messer sinken und gab den Elfen frei. Der versuchte, an das Tier zu kommen, doch er war kein Gegner für jemanden, der so groß war wie er. Der Elf hatte Vorteile, wenn er schnell aus dem Hinterhalt zuschlagen konnte, doch nicht in einer direkten Konfrontation. Der Ork fing den junge Elfen ab und warf ihn zurück in den Schnee.

Er schüttelte den Kopf, zeigte auf das Reh und die Richtung seiner Höhle. “Schwester….krank…” sagte er in der Elfensprache. Die Augen des Elfen weiteten sich. Er hatte verstanden und wusste, dass der Ork ihm auf keinen Fall auch nur einen Teil des Rehs überlassen konnte. Aber versuchen musste er es. Der junge Elf zeigte auf das Elfendorf. “Mutter….krank” erwiderte er, nackte Verzweiflung im Blick.

Der Ork hätte später nie sagen können, warum er tat, was er dann tat, doch es sollte ihrer beider Leben auf immer verändern.

Verstehend, dass der junge Elf in derselben Situation war wie er selbst und dass er das Fleisch nicht für sich wollte, nahm er sein Messer und drehte sich zu dem knochigen Kadaver um. Entschlossen teilte er die Haut in zwei Hälften, er teilte das Reh auf und wickelte aus den beiden rohen Tierhäuten zwei Pakete, exakt gleich groß.

Er nahm ein Paket für sich selbst und nickte dem Elfen zu, das zweite zu nehmen. Dieser blickte ihn erst ungläubig an, doch beeilte sich dann, zu dem Paket zu kommen. Der Ork nickte, von einem seltsamen Gefühl der Zufriedenheit erfüllt und wandte sich ab in Richtung seiner Höhle, als er eine kalte schmale Hand auf seiner Schulter spürte.

Verrat witternd, wirbelte er herum, bereit, seine Gabe wieder an sich zu nehmen, doch der Elf hatte nichts Böses im Sinn. Er zeigte auf sich selbst. “Al’lel”. Der Ork entspannte sich. Er grinste dem Elfen zu, schlug sich auf die Brust und sagte: “Goshar”.

Sie wechselten noch einen Blick neugewonnenen Verständnisses und beeilten sich dann, zu ihren Dörfern zu kommen, bevor die Nacht hereinbrach.

Siehe auch:
Das Tal der Stürme – Prolog

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Soziales

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13 thoughts on “Das Tal der Stürme 1

  1. „Ein gewisser anderer Blogger hat mir beigebracht, dass römische Ziffern bei längeren Geschichten unpraktisch sind, ich nummeriere daher mit arabischen Zahlen“

    Gib doch zu, dass du gar keine römischen Zahlen schreiben kannst 😉

      • Beweise!
        😉

        OT:
        Cool!

        Ich hatte damit gerechnet, dass mein letzter Kommentar nicht auftaucht, aber hier kann man tatsächlich auch ohne Angabe von namen etc. kommentieren. 😀
        (hatte das vergessen, also das mit Namen und so, also einzutragen jetzt, nech)

    • Och, die arabischen und römischen Zahl sind eigentlich gleich. Eine „3“ in Riad ist auch in Rom eine III.

      Nur die Ziffern mit denen man die Zahlen schreibt, sind verschieden. 🙂

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