Das politische Kabarett

Es ist bissig. Es ist harsch. Es ist nie bequem und die Kabarettisten sind ebensowenig bequem. Es sind Menschen, die machen wollen. Die etwas verändern wollen. Die uns den Spiegel vorhalten, aber mehr noch der Politik.

Es sind die Kabarettisten, es ist das politische Kabarett, dass die Entwicklung auf die Spitze treibt, pointiert hervorhebt und manchmal auch einfach schimpft wie ein Rohrspatz.

Heutige Vertreter dieses Kabaretts sind der großartige Georg Schramm, Volker Pispers – aber auch Bruno Jonas, um nur einige zu nennen.

Und Dieter Hildebrandt.Sein Leben lang hat Dieter Hildebrandt die politische Entwicklung kommentiert. Nie gelangweilt, aber immer wütend, wo Wut notwendig war.

Sätze nicht zuende gebracht, um die Leute „ihren Teil denken“ zu lassen.

2003 der Rückzug aus dem Scheibenwischer, doch Ruhestand konnte man das nicht nennen. Er zog mit Köfferchen und Bahn durch die Republik, las aus seinen Büchern und ich hatte das Glück, ihn zweimal bei einer Lesung sehen zu dürfen.

Ein hellwacher Mensch stand auf der Bühne. Gealtert – aber nicht alt. Der auf seine unnachahmliche Art die Politik aufs Korn nahm und traf. Genau da wo es wehtat. Der auch den Mainstream pointiert kommentieren konnte. Ich glaube, ich werde seinen Auftritt in der Anstalt nicht vergessen, wo er mit Gehstock gerappt hat.

Dieser hellwache Mensch, Dieter Hildebrandt, ist nicht mehr da. Er starb heute im Alter von 86 Jahren. Der Krebs machte auch vor ihm nicht halt.

Zurück läßt er eine Republik die ihn noch gebraucht hätte. Wir alle müssen jetzt ohne ihn klarkommen. Das werden wir – aber ärmer sind wir alle doch geworden.

Und ich? Ich freue mich, dass es ihn gegeben hat. Über die vielen schönen Stunden, die ich ihm verdanke. Die vielen kleinen und großen Lacher. Und ich wünschte mir, dass wir mehr wie ihn hätten.

Lassen wir ihn noch einmal reden. Als Bogen eines öffentlichen Lebens. Einmal der Beginn bei der Münchner Lach- und Schießgesellschaft. Und seine letzte Scheibenwischersendung mit Bruno Jonas, Georg Schramm und Volker Pispers.

Ich werd ihn vermissen. Mit ihm ist einer der ganz Großen gegangen 🙁

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Soziales

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12 thoughts on “Das politische Kabarett

  1. Ja, am besten waren immer seine Versprecher und Hänger. Man wußte nie, was war absichtlich, was nicht.

    Und richtig geil war es, wenn man live dabei war. Zweimal habe ich es nach Berlin geschafft. Unvergesslich.

  2. Ich hab ihn leider nur einmal live gesehen. Allerdings noch als Teil der Lach- und Schießgesellschaft mit Renate Küster und Henning Venske. Ach, das ist ja schon gar nicht mehr wahr…

    Mach’s gut, Dieter. Du fehlst. Jetzt schon.

  3. Wo Comedy das Kabarett verdrängt hat, Gestalten wie Cindy aus Marzahn und Oliver Pocher den deutschen Humor repräsentieren und Dieter Nuhr zu irgendeiner Form dazwischen mutiert ist, hat Dieter Hildebrandt das klassische politische Kabarett verkörpert, wie es im 21. Jahrhundert nur noch von einigen Wenigen praktiziert wird.

    Für mich unvergessen sein Beitrag zur Wiedervereinigung mit Richard Rogler („Wahnsinn!“ – „Wahnsinn!“) und seine unnachahmliche Art, Sätze zu beginnen und den offensichtlichen Rest unausgesprochen zu lassen, wie Tantchen es oben schon erwähnt hat. Während der Kohl-Ära sensationelle „Gespräche“ zusammen mit Thomas Freitag, der die damaligen politischen Größen nahezu perfekt nachahmen konnte.

    Ich vermisse die „Notizen aus der Provinz“ und den „Scheibenwischer“. Nun ist auch „Neues aus der Anstalt“ abgesetzt worden. Die Unbequemen und Rebellischen, die trotzdem in den Medien präsent waren, werden immer weniger.

    Möge Dieter Hildebrandt nun in Frieden ruhen, es sei ihm nach dem ruhelosen Leben von Herzen gegönnt.

  4. Er wird sehr fehlen. Im Moment ist pointiertes politisches Kabarett so nötig wie eh und je oder mehr. Hildebrandt war sicher einer der besten auf diesem Feld, was mit über 50 Jahren Erfahrung auch nicht verwundert. Eine Instanz, die die Bundesrepublik mit geprägt hat.

      • Hm,
        ich finde alle oben genannten 3 (inkl. Bruno Jonas) recht gut, zumal sie ja auch mit Dieter Hildebrandt im Scheibenwischer auftraten.

        Allerdings: jeder hat seine eigene Art – und Dieter Hildebrandt ist meiner Meinung nach nicht zu toppen gewesen. Ist natürlich subjektiv und hängt wahrscheinlich auch immer mit der Generation zusammen.

        D. H.s Art, Sätze zu beginnen und zu vollenden ohne zu vollenden ist schon genial. Auch seine Sprachmelodie fand ich einfach klasse. Das hatte echt was. Ach ja, schon irgendwie schade um ihn.

  5. Mich erstaunt, dass das Stück von der Lach- und Schieß auch heute fast perfekt passt, sogar einige der Namen stimmen noch…

    • In dieser Länge kann man so etwas heute natürlich nicht mehr senden, jetzt da die Jugend die Aufmerksamkeitsspanne einer Eintagsfliege und das Alter die Blasenkapazität einer ebensolchen besitzt…

      😀

    • Halt die Presse und andere Programme hat mein Vater noch auf LP zuhause. (Wer nicht weiß, was LP ist: Ne CD aus Vinyl in Oversize!)

      Es gab mal ein Programm über die „große Kollaboration“ (große Koalition), schon das hat 2005 gepasst, und demnächst wird es auch wieder passen. Überhaupt ist das meiste zeitlos. Wenn damals über den Guttenberg geredet wurde, war es eben noch der Vater vom KT ohne Doktor, aber die Aussagen waren fast dieselben, die Partei sowieso!

      Aber was schlussfolgern wir eigentlich daraus? Dass 50 Jahre nichts an der Politik und den Politikern geändert haben? Dass die Zukunft nichts aus der Vergangenheit lernt?

      Oder die Springer-Presse, war damals schwarz, ist heute schwarz, war damals ein CDU-Propagandainstrument, ist heute ein CDU-Propagandainstrument.

      Es lässt sich aber daraus auch einiges für die Zukunft ableiten: Vor 50 Jahren hat die Bevölkerung schon über ihre Politiker gelacht, geändert hat sich nichts. Heute ist es dasselbe. Solange der Pöbel über die Politiker lachen darf, hat er keinen Elan, sie abzusägen.

      Vielleicht ändert sich ja tatsächlich was, wenn das Lachen verboten wird. Hildebrandt ruhe in Frieden, „Neues aus der Anstalt“ ist abgesetzt, Pispers findet man auch fast nur noch im Internet … wenn das Ventil des politischen Kabaretts fehlt, vielleicht kocht die Volksseele ja doch irgendwann einmal hoch.

      Nötig hätten wir es.

  6. Das zweite Video:
    „Scheibenwischer die letzt…“ Das mit diesem Video verbundene YouTube-Konto wurde aufgrund mehrerer Meldungen Dritter über Urheberrechtsverletzungen gekündigt.
    Gibt es da Alternativen?

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