Medizinische Ethik

Eins der – eigentlich – guten Grundsätze in der Wissenschaft ist das Verbot von Denkverboten. Eine wissenschaftliche Forschung soll nicht behindert werden, weil religiöse, moralische oder andere nicht „fassbare“ Gründe dagegenstehen. Das kann (und darf) aber für die medizinische Forschung nur in Grenzen gelten.

Über Jahrhunderte wurde gerade aus religiösen Gründen ein eigentlich wünschenswerter Fortschritt zum Beispiel in der Medizin verhindert, weil Forschungen am menschlichen Körper verboten war. Der Körper war heilig und durfte nicht erforscht werden.

Verbrannt, gevierteilt oder bei lebendigem Leibe gekocht, gesotten und gebraten allerdings schon.

Man sieht alleine daran, wie beliebig Forschungsverbote sein können. An Leichnamen durfte nicht geforscht werden um zu erfahren wie man Kranke wieder gesund macht. Aber lebendige und gesunde Menschen durften aus teils äußerst niederträchtigen Gründen möglichst grausem zu Tode gebracht werden.

Im Dritten Reich kam gerade die medizinische Forschung stark in Verruf und das völlig zu Recht. Sadisten wie Josef Mengele, die die medizinische Forschung als Deckmäntelchen nahmen um unschuldigen Menschen so viel Leid wie nur in irgendeiner Form möglich war, zuzufügen, hatten freie Bahn und unterlagen keinerlei moralischen Werten mehr.

Seither hat man versucht, in der medizinischen Forschung bei Studien den moralischen Blickwinkel mit einzubeziehen. Nicht alles, was ein Mediziner für erforschbar hielt war auch durchsetzbar. Und das sehr oft zu Recht.

Doch nicht immer klappte und klappt das. Im Gegenteil, die Zahl der moralisch fragwürdigen Studien nimmt in einigen Bereichen rasant zu.

Eins ist diesen Studien aber gemein: Die Versachlichung des „Studienobjekts“. Durch die sachliche Sprache wird dem Studienobjekt das Menschsein genommen. Das schützt die studierenden Wissenschaftler gleichzeitig davor, Mitleid mit ihren Probanden zu empfinden. Es sind ja nur Laborratten – keine Menschen. Und viel spricht dafür, dass gerade moralisch sehr fragwürdige Studien eine bestimmte Art Wissenschaftler anzieht.

Das sind in erster Linie Mediziner, die von ihren Forschungsbereich so fasziniert sind, dass sie die menschlichen Probanden überhaupt nicht als Individuen wahrnehmen. Wie anders ist sonst zu erklären, dass in der Tuskegee Syphilis-Studie Menschen die rettende Medizin sogar noch bewußt vorenthalten wurde um zu sehen, wie ein Körper, der nicht behandelt wird, auf die Syphilis reagiert? Und das nicht nur in Einzelfällen – 40 Jahre lang wurde dieses Experiment durchgeführt. Eine Langzeitstudie, die viel Elend und Leid gebracht hat.

Eine andere Studie, die im selben Kontext spielt, ist diese hier. Es geht um Operationen am kindlichen Genital. Die Studienleiter wollten wissen, ob es bei einer Clitorektomie, also der Beschneidung der weiblichen Genitalien, hinterher Empfindungseinbußen gibt.

Hintergrund ist, dass zu der Zeit, als die Studie durchgeführt wurde, es wohl ein Routineeingriff war, die weiblichen Labien zu beschneiden, wenn man sie als zu groß empfunden hat. Ein rein kosmetischer Eingriff, der, laut damaliger Aussage der Ärzte, über keinerlei weitere Nebenwirkungen verfügt. Weder würde die sexuelle Empfindungsfähigkeit herabgesetzt, noch würde die Kltoris an Sensitivität verlieren. Im Grunde genommen also dieselbe Diskussion die wir gerade bei der Beschneidung von Jungen haben.

Um diese Theorie zu überprüfen, sind die beteiligten Mediziner (unter anderem ein pädiatrischer Urologe) hingegangen und haben die Kinder im Alter zwischen sechs und elf bei vollem Bewußtsein mit einem Vibrator stimuliert und dann die Empfindungen nach einem Katalog abgefragt.

Das muss man sich mal vorstellen: Da liegt ein sechsjähriges, beschnittenes Kind splitterfasternackt mit gespreizten Beinen auf einem Gyn-Stuhl, vor dem Stuhl stehen eine Anzahl X Ärzte und eine davon hält einen Vibrator an die Klitoris. Und das Kind soll dann erzählen, was es gerade fühlt.

Eins vorweg: Ich halte diese Ärzte nicht für pädophil, es ist viel viel viel schlimmer. Die waren NULL erregt bei dieser Aussicht, die wollten nur wissen, ob es im Laufe der Jahre zu Empfindungsminderungen kommt und die haben dann die Laborratte genommen und entsprechend stimuliert.

Ein anderes Experiment, das genau in diese Kerbe schlägt, ist das Schmerzexperiment an Jungen in der Good Samaritan Clinic in Ohio. Hier wird bei Beschneidungen in einer Studie festgehalten, wo die Babies stärker mit Schmerzaussagen reagieren: Bei Beschneidung mit der Mogen-Clamp oder der Gomco-Clamp. „Gemessen“ wird das ganze am subjektiven Eindruck des beschneidenden Personals.

Das heißt: Die WISSEN, dass sie einem völlig wehr- und hilflosen Säugling barbarische Schmerzen zufügen. Sie wollen nur wissen, wo der Säugling lauter schreit und wo er möglicherweise schneller in den Schmerzschock fällt.

Kaum ein Mensch ist so abgebrüht, dass er das leichten Herzens tut. Das geht nur, indem man die Laborratte Säugling entmenschlicht. In ihr nur eine etwas lautere Laborratte sieht. Viele Ärzte blenden auch die herzzerreißenden Schreie und das Röcheln und strampeln und die verzweifelten Versuche, der Klammer zu entkommen, auch einfach aus.

Niedergeschrieben wird dann die Reaktion, die in einem Menschen, der bereit ist, mitzufühlen, etwas, was sich äußerst klinisch anhört: „Schreie hörten X Minuten nach der Beschneidung auf, Blutwerte…. “ – das ist die Beschreibung eines Schmerzschocks, doch so neutral und von menschlichem Mitleid frei gehalten, dass es auch die Beschreibung eines Autokaufs sein könnte.

Auch die Studien zur HIV-Prävention in Afrika sind voll auf dieser Linie. Es wurden in erster Linie arme Schwarze in eine HIV-Hochrisiko-Gebiet für die Studie herangezogen. Die Leute waren ungebildet, von einem bewußten Einverständnis in Kenntnis der Konsequenzen kann bei einer derartigen Konstellation keine Rede sein.

Hinzu kommt, dass man bewußt riskiert hat, dass sich Menschen mit HIV anstecken um die Studie durchzuführen. Denn Kondome waren verboten. Wer daran teilnahm und in der „mit Vorhaut und ohne Kondome“-Gruppe war, um festzustellen, wie schnell sich jemand mit HIV ansteckt, war geliefert. Die Kontrollgruppe auch, aber hier musste ja noch die Beschneidungswunde verheilen.

Es sind diese Art Ärzte, die wir nicht brauchen. Es sind diese Art Mediziner, die unverzüglich aus ihren Posten entfernt werden müssen.

Moralische Werte müssen zwingend wieder Einzug in die medizinische Forschung erhalten. Es darf nicht sein, dass man Afrika und Asien als gigantisches Experimentallabor sieht, um zu gucken, wie Krankheiten, die bei uns ja ganz gut behandelbar wären, sich wohl dort verbreiten.

Es MUSS eine Ethikkommission, die ihren Namen wert ist, zwingend über die Studien drüberschauen. Und sie notfalls verbieten.

Denn weder die HIV-Studie, noch die Schmerzstudie an beschnittenen Jungen noch die Empfindungsstudie an beschnittenen Mädchen haben *irgendwelche* objektiven Erkenntnisse gebracht.

Wenn ich Nervenzellen wegschneide, sinkt das Restempfinden – das sagt mir der gesunde Menschenverstand. Alle Studien, die das Gegenteil beweisen soll, sind von unlauteren Motiven geprägt.

Wenn ich Menschen gezielt mit einer unheilbaren und tödlichen Krankheit infiziere, um zu sehen wie schnell die sich ausbreiten kann, dann bin ich ein Verbrecher und gehöre ins Gefängnis. Und für jeden Toten bin ich auch ein Mörder. Denn der Mordgrund „niedere Beweggründe“ ist hier durchaus vorhanden.

Diese Studien müssen aufhören. Menschen sind keine Laborratten. Es mag Studien geben, denn auch medizinische Forschung ist wichtig und notwendig. Aber nicht und niemals, ohne das eine neutrale (!) Gruppe über den Studienzweck schaut und ihn vernünftig hinterfragt.

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13 thoughts on “Medizinische Ethik

  1. Ich würde sogar noch einen Schritt weiter gehen wollen und nicht nur die Forschung genauer unter Lupe nehmen, sondern auch die Medizin in der täglichen Praxis; und nicht nur die Medizin würde ich unter die Lupe nehmen wollen, auch die Pflege, egal ob zu Hause, im Altenheim oder Krankenhaus gehört wieder „bemenschlicht“.
    So ist es aber nunmal, wenn man Bürokraten machen lässt; es soll alles möglichst genau erfasst und abgerechnet werden und somit besser vergleichbar.
    Ich halte im Übrigen auch Versuche an Tieren für verzichtbar.

    • Da hast du Recht. Wenn ich höre und lese was stellenweise in den Heimen abgeht…halleluja.

      Aber es gibt auch medizinische Spezialisierungen, die ich für sehr fragwürdig halte. „Pädiatrischer Urologe“

      Das sind diejenigen, die vorrangig die Genitalverstümmelung von Jungen vorantreiben. Was kann ein Kleinkind schon haben, dass es einen speziell ausgebildeten pädiatrischen Urologen braucht? Vor allem in der Menge, die wir in DE offenbar haben?

      Was könnte da sein, was ein regulärer Urologe im Spezialfall nicht auch könnte. Diese Art medizinischer Spezialisierung lebt von kindlichen Krankheiten im Urogenitaltrakt – und die sind nicht so häufig, dass sich dafür die Praxen rechnen würden.

      Es sei denn, man zückt bei jeder sich bietenden Gelegenheit das Messer.

      DIE Spezialisierung abschaffen. Und zwar schnellstens.

      • Du willst das Kind mit dem Bade ausschütten… Es gbt viele ernsthafte Krankheiten im urogenitalbereich, die bei Kindern beginnen. Wie bei anderen Krankheiten auch enden manche von diesen tödlich, wenn sie nicht angemessen behandelt werden. Das kann kein Kinderarzt und es ist wichtig, dass auch kein normaler Urologe dafür zuständig ist, das funktioniert nicht. Manche Krankheiten sind einfach nur unangenehm, andere „erst“ bei Komplikationen schlimm.

        Du willst Beispiele? Hier mal eins für Jungen, eins für Mädchen, eins für beide:

        Jungen und Mädchen: Enuresis, Miktionsstörungen (bei Kindern fast immer andere Ursachen als bei Erwachsenen, nicht nur psychogen, obwohl auch das häufig ist)
        Jungen: Wanderhoden
        Mädchen: Vaginalstenose (auch bei Mädchen und jungen Frauen unangenehm bis gefährlich, weil ggf. Menstruationsflüssigkeit nicht ungehindert abfließen kann)

        Man braucht keine „Beschneider“, da stimme ich dir zu. Das ist eine Sauerei.

        Ich bin übrigens auch „Menschenforscher“ und spreche von „Proband“ bzw. „subject“. Aber bei uns bekommt jeder was zu trinken, wird umfangreich aufgeklärt, kann jederzeit eine Untersuchung abbrechen (und bekommt auch die Bedingungen, dass ihm dsa wirklich möglich ist, kein Druck, Pausen zwischendurch, Zeit zum überdenken wenn erforderlich, Daten können im Nachhinein auf Wunsch vernichtet werden etc., alles ohne Angabe von Gründen). Das erscheint dir vielleicht befremdlich, weil du kein Naturwissenschaftler bist? Aber man muss fast sogar so objektiv werden, damit man jeden gleich behandelt. Alles andere ist nicht wissenschaftlich. Aber man behandelt im Regelfall jeden gleich gut. 😉 Was du nennst sind Extrembeispiele, die es nicht geben dürfte. Ich verurteile das genauso. Aber wie gesagt, schütte das Kind nicht mit dem Bade aus… Hier sogar wörtlich. Es braucht Spezialisten für Kinder auch in diesem Bereich. Umgekehrt ist nicht jeder in dem Sektor „clean“, aber das hast du auch bei Unfallchirurgen, Allgemeinmedizinern, HNO-Ärzten und allen anderen.

        • Ich habe mich nicht gegen die Forschung allgemein ausgesprochen. Ich weiß, dass man auch am Menschen forschen muss und in vielen Dingen auch am lebenden. Die Bedingungen die du genannt hast, sind auch genau die Anforderungen, die ich stellen würde. Eine Teilnahme am Feldversuch MUSS für jeden Probanden die Möglichkeit zum Rücktritt bieten.

          Aber die von mir verlinkten Studien tun das alle nicht. Keine einzige davon. Im Gegenteil. Die Tuskegee Syphilis Studie ist ein einziger Alptraum krimineller Ärzte. Und die Studie, wo Mädchen im Alter zwischen SECHS und ZEHN 2007 (!!) nach einer Operation zur Verkleinerung einer „übergroßen“ Klitoris (übergroß offenbar nur im Auge des pädiatrischen Urologen) mit einem Vibrator traktiert werden, um festzustellen, ob sie Gefühlseinbußen haben, ist einfach unfassbar.

          Und über die Schmerzstudie an Neugeborenen Jungen, die beschnitten werden, möchte ich an der Stelle nicht anfangen, sonst rege ich mich richtig auf. Es sind diese Art Studien, die aufhören müssen, die zwingend unter eine funktionierende Kontrolle gestellt werden müssen und die auch mal abgelehnt werden müssen – weil eben hier die „Studienobjekte“ keine Probanden sind, sondern Opfer einer unmenschlichen und grausamen Behandlung.

          Deine Argumentation pro pädiatrischer Urologe ist nachvollziehbar – der gesamte kindliche Urogenitalbereich IST schlichtweg sehr sehr klein und es kann gut sein, dass hier die normalen Urologen einfach überfordert sind. Doch wieviel Kinder sind das im Jahr, die dann auch den Kinder-Urologen brauchen und eben keinen Therapeuten?

          Aber brauchen wir die Anzahl dieser Ärzte? Nach wie vor ist es so, dass viele Ärzte überhaupt nicht wissen, wozu die Vorhaut gut ist. „Just a snip“ oder „nur ein Stückchen Haut, dass locker abkann, wird er überhaupt nicht vermissen“ sind Sätze, die fast jeder kennt. Und auf jeden guten Kinder-Urologen kommen andere, die ihren einzigen Praxiszweck in der Genitalverstümmelung sehen.

          Insofern hab ich das vielleicht nicht medizinisch-wissenschaftlich korrekt ausgedrückt (das könnte ich auch gar nicht und würde das auch nicht vorgeben), aber meine Kritikpunkte bleiben zumindest zum Teil bestehen. 😉

          • Auf DIE Studien war meine „Verteidigung“ jetzt gar nicht bezogen. Sry, meine Schichtmüdigkeit.

            Dazu kann ich aber auch noch was sagen, was dich vielleicht noch interessiert: die Ethik bestimmt, wer das Geld hat. So weit nichts neues. 😉 Wenn jemand frei forscht, ohne einen Geldgeber, dann muss er sich zwar an geltende Gesetze halten, aber er hat keine Ethikkommission im Nacken, die die (zeitgenössische, oder eben auch nicht) Moral vertritt. An Hochschulen müssen deren Ethikrichtlinien eingehalten werden, wenn man im Namen dieser Hochschule forscht. Normalerweise läuft es: Studie entwerfen, Geldgeber suchen und von der Ethikkommission/den Ethikkommissionen das OK holen, Finanzplan bestätigen lassen, anfangen.

            Für mich tragen auch die Journals, die so etwas veröffentlichen, mit Verantwortung. Es gibt einige Zeitschriften, die sich in gefährliche Richtungen bewegen und in denen inzwischen mancher Forscher auf keinen Fall erwähnt werden will, um nicht mit den schwarzen Schafen in einem Topf zu landen.

            Weder Ethikkommisssionen noch Gesetze noch Journal-Richtlinien ersetzen jedoch, das eigene Hirn anzuschalten, und befreien nicht von der eigenen ethischen Verpflichtung. Volle Zustimmung. Abgesehen davon sehe ich z.B. bei der Studie mit der vaginalen Stimulation durchaus den Strafbestand der Vergewaltigung erfüllt.

            Zur Zahl der päd. Uros kann ich nichts genaues sagen. Aber die urogenitalen Erkrankungen sind erstaunlich häufig. Ich war selbst erstaunt darüber, weil man über diesen Bereich kaum etwas hört, hier gibt es immer noch viele Tabus, die wie so oft auch hier dazu führen, dass notwendige Behandlungen (bei den o.g. Erkrankungen, ich meine also keine Beschneidungen etc.) ausbleiben oder entsprechende Untersuchungen erst gar nicht stattfinden. Aus Scham oder weil es niemandem auffällt.

            Deshalb kann ich nicht beurteilen, ob die Realtion von päd. Uros und urogenitalen Erkrankungen bei Kindern verhältnismäßig ist. Schwer, das realistisch einzuschätzen (auf Kassenberechnungen kann man sich leider überhaupt nicht verlassen).

            Ich meinte übrigens ausdrücklich die somatischen Erkrankungen; Enuresis ist z.B. recht oft psychogen, deshalb habe ich das erwähnt, muss aber eben nicht psychisch bedingt sein sondern kann auf verschiedene andere, somatische Ursachen zurückgehen. Bei vorübergehenden Infektionen stellt das kein Problem dar, das kann auch ein normaler Kinderarzt behandeln. Das ist aber nur ein Teil von Fällen, bei denen eine akute Infektion die Ursache ist.

            Interessant in dem Zusammenhang ist auch das Verhältnis von Enuresis und Miktionsstörung, denn beiden kann zusammen auftreten, muss aber nicht. Es kann auch sein, dass eine somatische Miktionsstörung zu einer psychogenen Enuresis führt. Psychogen ist in dem Zusammenhang recht weit gefasst und meint oft auch nur gelerntes Verhalten. Ein Kind kann also nicht nur eine Enuresis haben, weil es unter hohem Stress steht, sondern auch weil es nie gelernt hat, die Muskulatur des Urogenitaltraktes richtig zu steuern. (Vor dem fünften Lebensjahr spricht man nicht von psychogener Enuresis, weil es bis zu dem Alter noch normal ist, dass auch öfter mal was in die Hose geht. Wunschdenken der Eltern ist das nicht, aber es ist tatsächlich noch im Normalbereich.) Komplizierteres Beispiel, das man aber auch häufig in der Praxis antrifft: das Kind lernt die Kontrolle über die entsprechenden Muskeln nicht schnell genug, wird von den Eltern enorm unter Druck gesetzt und die Enuresis verfestigt sich, ist also an zweiter Stelle psychisch, obwohl die eigentliche Ursache somatisch war. Wenn man das behandeln will, muss man gucken, ob es wirklich reicht, das richtige Toilletenverhalten zu trainieren, oder ob eine (möglicherweise ursächliche) somatische Ursache ebenfalls behandelt werden muss. Man muss sich vor Augen führen, dass Eltern, die solchen Druck dem Kind erst machen, auch schnell sagen, dass Kind gebe sich einfach nicht genug Mühe. Unter Umständen kommt dann über lange Zeit niemand auf die Idee, das Kind hat vielleicht auch was somatisches, weil das Kind sich ja angeblich einfach nur nicht genug Mühe gibt…

            Ich habe jetzt mal nur diesen Bereich rausgegriffen, weil ich mich da etwas besser auskenne, als bei anderen Uro-Sachen. Es ist oft komplizierter als man auf den ersten Blick erkennen kann. Das erschwert zusätzlich eine realistische Einschätzung des tatsächlichen Bedarfs an päd. Urologen.

            Hoffe der Text ist nicht zu lang geworden. 😉

            • Du bist hier bei der Queen of Textwalls – das ist schon völlig in Ordnung *g*

              Wie gesagt, ich bezog mich auf diese Verbrecherstudien. Es gibt ja auch eine relativ aktuelle Metastudie des berüchtigten Dr. Morris, die besagt, dass eine Beschneidung ü-ber-haupt keine Auswirkungen auf die Empfindsamkeit hat.

              Dass der nur Studien positiv bewertet hat, die ihm in den Kram passten – geschenkt. Dass aber die Ärztezeitung den Schmonzes noch positiv kommentiert hat: Ein Skandal.

              Auf meinen Leserbrief habe ich übrigens nie eine Antwort erhalten, dabei war ich sogar höflich 🙂

              In erster Linie ist die erste Studie (die mit dem Vibrator) auch auseinandergenommen worden, weil die Autorinnen zeigen wollten, wie sehr die heutige medizinische Studiensprache den Probanden versachlicht – und es damit aber auch den Studienleitern einfach macht, diese Probanden zu entmenschlichen („dehumanizing“).

              Mit Laborratten aber hat man kein Mitgefühl. Die quieken halt, wenns wehtut und man weiß, dass man eine Reaktion hat.

              Es ist diese Art von Studienleitung, die echt eingeknastet gehört. Und die entsprechenden Journals müssen irgendwie stillgelegt werden.

              Es ist in einer Art die Denkweise eines Mengel: Erforscht wird, worauf man Lust hat, das Studienobjekt ist ein Objekt, nicht mehr menschlich und einem vollkommen ausgeliefert. Es sind diese Allmachtsphantasien. Und die Sprache schützt davor, die volle Tragweite der Konsequenzen sehen zu müssen.

              P.S.: Ich hab dein Medizindeutsch sogar auf Anhieb verstanden. Krich ich nu nen Keks? 🙂

      • Noch ein Nachtrag: Sonst könnte man auch sagen, wir brauchen keine Kinderonkologen, Krebs ist halt Krebs.

  2. Eine Anmerkung, weil es mich echt ärgert: Laborratten sind auch keine LABOR-Ratten, sondern Lebewesen, denen man ebenfalls nicht einfach beliebige Grausamkeiten antun kann. Eine Forschung, die keinerlei Hemmungen gegenüber nichtmenschlichen Tieren hat, hat auch keine festen ethischen Bedenken gegen Menschenversuche. Die Argumentation, dass man an Menschen nicht tun dürfe, was bei Tieren hinnehmbar wäre, geht völlig an der Kritik der fehlenden Ethik in der Froschung vorbei. Die Hemmungslosigkeit, mit der Tiere für die Forschung gequält werden ist ein grundlegender Bestandteil der Unmenschlichkeit des Umgangs mit menschlichen UND nichtmenschlichen Probanden.

    • Hier brauchste doch für alles nen Disclaimer. *g*

      Nur weil ich Laborratten entsprechend bezeichnet habe, heißt das doch nicht, dass ich das gutheiße oder hinnehmbar, was man mit ihnen macht. Im Grunde genommen hast du meine Argumentation übernommen und mich dafür angemault.

      Eins vorweg: Ooooooh doch, es gibt nach wie vor eine verdammt hohe Schranke wenn es zu Menschenversuchen kommt. Tierversuche sind für viele Forscher kein Problem, doch dieselben Forscher würden auf keinen Fall dasselbe mit Menschen machen.

      Und die Forscher, die Versuche mit Menschen machen, die menschenverachtend sind (und dazu gehören vor allem die von mir verlinkten Studien) ziehen sich auf eine äußerst versachlichte Sprache zurück und entziehen bereits in den Formulierungen den „Probanden“ (aka „Laborratten“) die Menschlichkeit, damit sie das Leid, das sie verursachen, nicht wahrnehmen müssen. Das ist übrigens ein ziemlich gut erforschter Schutzmechanismus (aber frag mich an der Stelle bitte nicht, wie der heißt).

      Ja, Ratten sind auch Lebewesen. Ziemlich knuffige und clevere sogar. Trotzdem sind sie keine Menschen und sind nicht mit menschlichen Attributen zu versehen.

      Es ist erheblich leichter, eine Ratte im Namen der Wissenschaft zu quälen als einen Menschen. Und jemand, der eine Ratte (oder ein anderes Tier) aus wissenschaftlicher Neugier quält wird das gleiche nicht automatisch bei Menschen machen.

  3. Menschen sind keine Laborratten. Aber Ratten auch nicht.
    Eine Ratte empfindet Angst und Schmerz, und eine ausgewachsene Ratte ist sicher klüger als ein neugeborenes Menschlein. Es ist egal, dass sie ein Nager ist und kein nackter Affe. Sie lebt und sie kann leiden. Und damit hat sie das Recht, nicht gequält zu werden.
    Du hast es in deinem Artikel nicht explizit erwähnt, aber ich lese aus den ständigen Vergleichen, dass du Tierversuche unterstützt. Sehr schade.

    • Tue ich das? Oder liest du das nur heraus und unterstellst mir hier etwas, was ich nicht geschrieben habe – und auch nich würde?

        • Danke :-*

          Das wäre mir auch definitiv zuviel Arbeit und würde mir viel zu sehr in die Sprache der Political Correctness abgleiten, wenn ich in jedem Artikel und jeder Äußerung explizit nochmal drauf hinweisen müsste: „Ich bin aber gegen das und das auch wenns hier nicht steht“.

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